Freitag, 26. Februar 2021

Leben in der Dystopie

PROLOG

Kürzlich las ich in der Zeitung von einem Jugendlichen in Großbritannien, der wegen eines Unfalls im Koma lag, über ein Jahr lang, der jetzt wieder aufgewacht sei und die Ärzte nicht wissen, wie sie ihm sagen sollen, dass inzwischen eine weltweite Pandemie herrsche und der deshalb keinen Besuch von seinen Eltern und Freunden bekommen kann. Dass sie sich nicht trauen, ihm das zu sagen, weil die Gefahr zu groß ist, dass er einen Schock bekommt, von dem er sich nie wieder erholen werde. 

So gesehen war das Setting auch vorher schon geeignet für einen Splattermovie:

  • Ein Planet auf dem alles Leben zum Tode verurteilt ist. Man weiß nicht wann, man weiß nicht wie, nur dass. (Es gab mal eine Star Trek Folge, da landete Kirk auf einem Planeten, auf dem alle sehr happy und friedlich waren, aber es durften alle nur 24 Jahre alt werden)
  • Den Planeten, der das lokale Sonnensystem am laufen hält, darf man nie direkt ansehen, sonst wird man blind.
  • Fällt noch jemandem was skurriles Drittes ein?
  • Miri: Eine einzige Insektenart, die 80 % aller Nutzpflanzen bestäubt, sichert so das Überleben der Menschheit und wird von dieser mit Insektiziden und Monokulturen immer weiter dezimiert.
  • Anonym: Noch was: Ein Planet, auf dem wissenschaftlich bestens erforscht ist, was die Bewohner brauchen, um glücklich und gesund zu leben: Eine kreative, sinnvolle Beschäftigung, regelmäßige Bewegung, gesundes Essen. Zugleich zwingt man die Bewohner, den größten Teil des Tages auf einem Stuhl sitzen zu bleiben, auf einen Monitor zu starren und gleichförmige, sinnfreie Arbeiten zu erledigen. Dadurch haben sie keine Zeit und keine Energie mehr für Bewegung und die Zubereitung gesunder Ernährung. So werden sie mit der Zeit dick, krank und traurig. Und dann sagt man ihnen noch, sie seien ja selbst schuld, sie hätten doch gewusst, was man tun muss, um gesund zu bleiben.

***

Schwups - haben wir gleich wieder März und sommerliche Tage sind unterdessen bereits im Februar möglich. Im Prinzip laufe ich wie Clint Eastwood nur noch mit halb zusammengekniffenen Augen durch die Gegend und behalte alles im Blick. Die Aerosole, das Wetter, den sich verlangsamenden Golfstrom. 

Die Nachrichten scanne ich nach News, die ich auf keinen Fall wissen möchte, nicht mal mehr mein Horoskop lese ich. Überall dreut Ungemach, leider nicht temporär sondern hinauslaufend auf die alles verschlingende Katastrophe. Was so eine Exponentialkurve im wahren Leben bedeutet, zeigt uns Mutter Natur in aller Deutlichkeit, gleich zweimal, weltweit. Klima & Pandemie. 

Ich werde immer bescheidener. Lebe ruhig vor mich hin, halte mich unterm Radar, zehre von endlosen Spaziergängen mit mir nahen Menschen, vermisse den Leihhund, den ich immer seltener ausleihen darf, weil die Besitzerin ihn selber dringend braucht, arbeite zu den unmöglichsten Zeiten im Home Office, alles verwischt. 

Nach Corona brauche ich eine neue Wohnung, weil diese hier ist so ähnlich besetzt wie von einer furchtbar unglücklichen Liebesgeschichte: "get outta my head" - Untertitel: Wie sich in meiner Wohnung alle meine Geschäftsführer virtuell breit machten". Die ganze Firma kennt meine Bücherwand, das will doch kein Mensch. 

Ach, die Firma. Auch so ein Thema. In wieviel online-bullshit-bingo-Meetings ich sitzen muss, kann sich kein Mensch vorstellen. Ca. 5 Stunden pro Tag glotze ich in den Rechner, ohne arbeiten zu können, verdammt zum zuhören. Sagte ich jemals meine Meinung zu all dem sinnlosen Geschwurbel, müsste ich mein Ränzlein schnüren. So bleibt mir nur zu hoffen, dass ich niemals einschlafe vor der Kamera, denn dies zu verhindern bindet ehrlich gesagt den Haupteil meiner Energie. Ich sitze in "weeklys" und höre Geschäftsführern zu, die jeden Mittwoch das genau gleiche wie den Mittwoch zuvor referieren und dank einer gewissen Transparenz im Haus weiß ich, was er so ungefähr verdient für den Schmarrn, den er verzapft und ich denke einfach nur "Hauptsache gesund bleiben" - das Mantra eines jeden Hypochonders.

Wer weiß, vielleicht lese ich das in drei Jahren, wenn vielleicht doch wieder alles gut geworden ist, die Sommer regenreich, die Wälder gesund, die Temperaturen angemessen, der Virus längst vergessen ist und bezichtige mich der Paranoia; aber für heute halte ich mich  für eine pessimistische Realistin, die sehr gut verdrängen kann und trotz sporadischen Niederschreibens meiner Selbstbeobachtungen die meiste Zeit Gelassenheit mit Resten von Heiterkeit empfindet. Wie ich das hinkriege ist mir das Größte aller Rätsel.

PS: Hier noch einer der schönsten Nachrufe auf einen Buchhändler:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/nachruf-auf-leo-baumann-kundenglueck-kundenschreck/26907940.html

Samstag, 20. Februar 2021

Er ist wieder da

 


Womit niemand mehr gerechnet hat. Schöner als je zuvor. Wie neu. 

Donnerstag, 4. Februar 2021

Kotzende Hunde und persische Teppichhändler



Also irgendwann muss ich hier ja mal wieder was schreiben, auch wenn es mir schwer fällt, nach Feierabend im Homeoffice freiwillig sitzen zu bleiben und mir etwas aus dem Hirn zu saugen, was euch interessieren könnte, jetzt, wo mein Leben doch vor allem aus meinem Innenleben besteht. 

Es gibbet ja nüscht zu berichten und wenn ich mit den schrecklichen Online Meetings durch bin, habe ich kaum noch den Drive, ins operative Arbeiten zu kommen, geschweige denn zu bloggen. Obwohl ich den Fahrtweg spare, also Zeit gewinne, zerrinnt sie mir unter den Händen und deshalb fühle ich mich zunehmend überfordert und erschöpft. Ich weiß nur nicht, wovon. 

Wie soll das werden, wenn alles wieder normal wird (man wird ja wohl noch träumen dürfen). Wenn ich nach der Arbeit auch noch meine Freizeit bewältigen muss, inklusive Fahrtwege ins Büro, zu den Verabredungen, spätabends zurück nach Hause - wer soll denn sowas schaffen? Derzeit wechsle ich aufs Sofa und schau Netflix und das Schlimmste ist, mir ist ganz heimelig und muschibubu dabei. Mir fehlt bald gar nix mehr. 

Außer täglichen 2-3 stündigen Spaziergängen durch alle Parks und neuerdings über alle Friedhöfe, weil da keine Völkerwanderungen stattfinden (klarer Favorit: Waldfriedhof Zehlendorf)

 

- also außer diesen 2-3 Stunden Märschen oder Schlendereien - je nach Tagesform - in wechselnder Besetzung, wochentags unter drei, am Wochenende auch schon mal zu viert, passiert rein gar nichts in meinem Leben.

Doch, neulich da ist mal was passiert: da hatte ich den Leihund für eine Woche und er kotzte mir zweimal großräumig die Wohnung voll; vor allem auf meinen Teppich, den er wohl für eine Wiese hielt und da ich alles, was oben rauskommt nicht aus hochflorigen Teppichen entfernen kann (nicht mal von Parkett krieg ich das entfernt, weil ich schon Herpes kriege, wenn ich nur dran denke), rollte ich das Ding zusammen und schleppte es auf den Balkon.

 

Dann suchte ich eine Teppichreinigungsfirma. Um die Ecke war gleich eine, eigentlich ein Teppichgeschäft, lauter persische und chinesische Riesenteppiche und das dazugehörige, jedem schlechten Klischee entsprechende Personal. Mit einiger Verachtung wurde mein kleiner, geliebter Teppich entgegen genommen und nach einigen Versuchen, mir einen anderen Teppich zu verkaufen, bekam ich endlich so einen Zettel in die Hand und die Abholung wurde terminiert.

Abholung klappte pünktlich wie die Feuerwehr, eine Rückkehr des Teppichs wurde mir binnen einer Woche in Aussicht gestellt. Das ist nun 14 Tage her, also ging ich heute mal vorbei. Vielleicht hatten die meine Telefonnummer verbusselt. Der servile Verkäufer wusste erkennbar nicht mehr, wer ich war und um welchen Teppich es sich handelt. Auf dem Abholzettel war die Teppich-Nummer nicht vermerkt, wie er vorwurfsvoll anmerkte, ungeachtet dessen, dass er den Zettel ausgefüllt hatte. 

Nun ja, ich blieb 20 Minuten im Regen vor dem Teppichgeschäft stehen, während drinnen eifrig gesucht wurde. Übrigens ergebnislos, was nach meiner Vorrede wohl niemanden mehr wundert. Ich wurde wieder hineingewunken. Der Teppich sei "nicht da", man würde weiterhin nach ihm suchen und sich dann bei mir melden. Nicht mal um einen bedauernden Tonfall wurde sich bemüht, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen. Ich sagte, dass ich jetzt aber doch etwas beunruhigt sei. Der Teppichhändler nun ungehalten "Keine Sorge, ich brauche Ihren Teppich nicht!"

Jedwede Servilität auf Nimmerwiedersehen verschwunden und sollte ich in ca. 14 Tagen dort erneut hindackeln und auf Herausgabe meines Teppichs bestehen, werde ich wahrscheinlich gemeuchelt. Am besten ist, ich nehme dann den Leihhund mit und dann kann er dort alles vollkotzen.