Samstag, 2. Juli 2022

Up up in the sky

Ich bin ja nicht untätig gewesen, unterdessen. Hab' mir was von Freunden und Verwandten zum Geburtstag gewünscht und erhalten: ein Flugangst Seminar inkl. zweier Flüge. 

Also, ich bin ja hornalt und noch nie geflogen. Und je älter ich werde und das erwähne, ernte ich Blicke, als müsse ich schleunigst unter Vormundschaft gestellt werden.

Ich melde mich also an. Zwei Tage. 


Tag 1: Alles über die Angst an und für sich und die einzig wahre Entspannungsübung gelernt (Luft ganz langsam und gegen einen leichten Widerstand der Lippen ausatmen). 

Wusstet ihr, weshalb wir bei großer Angst immer aufs Klo müssen? Weil sich der Neandertaler auf der Flucht vor dem Säbelzahntiger zunächst völlig entleert hat, damit er schneller wegrennen kann. 

Und weshalb lässt sich ein Mensch in Panik so schlecht ablenken und wird oft ganz still und versinkt in sich selbst? Na, weil der Säbelzahntiger direkt vor ihm steht und da kann er keine Kreuzworträtsel machen. 

Nachmittags kam ein schicker Pilot und schleppte uns (sechs Flugängstliche und zwei Trainerinnen) durch die Katakomben des BERs zu einem Flugzeug, das wir besichtigen durften. Ich also das erste Mal in meinem Leben ein Flugzeug von innen gesehen. 


Die Sitzplätze sind immer von A-F gekennzeichnet, B & E sind die Mittelplätze, unter Fachleuten "elend" und "beschissen" genannt. 

Mich packten die Trainerinnen probeweise auf  "elend" und quetschten sich ganz eng neben mich, "damit du gleich mal weißt, was dich morgen erwartet". 

Tja, dachte ich, und ihr wisst nicht, dass ich morgen gar nicht mitfliegen werde. Denn es war wirklich menschenunwürdig eng und dabei das Flugzeug noch ganz leer. Wie soll man das aushalten, wenn es auch noch brechend voll ist? Ich war komplett raus aus der Nummer; behielt es aber vorerst für mich. 


Dann durfte ich ins Cockpit, aber dieser ganze Technik-Kram hat mich nicht interessiert. Ich vertraue der Technik, der Pilot wird schon wissen, was er zu tun hat. Mir ist nur zu heiss und zu eng und dass ich nicht rauskann, wenn die Tür erst mal zu ist, das ist doch das Problem. 

Für die fünf anderen war übrigens die Technik das einzige Problem. Und geflogen waren sie auch schon alle, bis auf einen, aber der ist noch sehr jung und erntet noch keine komischen Blicke. 

Ich hatte also eine anders gelagerte Vollmeise und große Zweifel, ob die mich überhaupt werden hindern können, in 10.000 Metern Höhe die Flugzeugtür zu öffnen.

Tag 2: Hin- und Rückflug Berlin-Frankfurt

Aus Pflichtgefühl denen gegenüber, dir mir dieses Seminar geschenkt hatten, fand ich mich doch am BER ein und als erstes wurden wir alle gefragt, wie es uns geht. Ich brach in Tränen aus und schluchzte, dass ich nicht mitfliegen werde, das sei unter keinen Umständen möglich, die Nacht habe ich nur zwei Stunden schlafen können und ich sei so erschöpft und nein und nein und nein, es geht nicht. Es war mir so peinlich, ich weine für gewöhnlich gar nicht und wenn, dann nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 

Aber die Trainerinnen sind Hysterikerinnen gewohnt und meinten, doch, unbedingt werde ich mitfliegen, "Du wirst schon sehen, das wird ganz klasse!" Die anderen Teilnehmer waren auch so süß und lieb, es tat mir unglaublich leid, dass ich sie natürlich trotz allem würde enttäuschen müssen, denn mich würden keine zehn Pferde in den Flieger bringen, soviel war mal klar.

Und dann bauten die beiden Psychologinnen, die zufällig auch Stewardessen waren, Stühle auf, wie im Flugzeug und wir sollten uns den Platz aussuchen, auf dem wir sitzen wollen. 

A           B        C                D        E       F
Fenster  Mitte  Gang         Gang  Mitte Fenster

Ich entschied mich für D. 

Dann schlurfte ich gottergeben, verweint und groggy mit den anderen durch den BER zu unserem Gate. Wir hatten noch 30 Minuten Zeit und ich saß so erschöpft im Sessel, dass es meinem Körper schlicht unmöglich war, eine Panikattacke zu produzieren. Dann schlurfte ich immer noch gottergeben, verweint und groggy ins Flugzeug und setzte mich auf D. 

Dieses Flugzeug hatte viel mehr Platz und so lernte ich gleich mal den Unterschied zwischen Eurowings (Tag 1) und Lufthansa (Tag 2) kennen. Erst nach uns durften die normalen Passagiere rein. Es wurde voll und voller, ich war die Gleichgültigkeit in Person. Beziehungsweise hatte ich schon wieder die Energie, den anderen aufmunternde Blicke zuzuwerfen. Das die Flugzeugtür unwiederbringlich geschlossen wurde, bekam ich nicht mal mit.

Zum Start hatten wir gelernt, eine "Zitrone" zu machen - alle Muskeln anspannen, inkl. Gesichtsmuskeln - bis das Flugzeug abgehoben ist. Nun ja, das hätt's für mich nicht gebraucht, ich wollte ja erleben, wie es ist, voll in den Sitz gedrückt zu werden. 

Ich war aber brav, zerquetschte die Hand meine Trainerin, die auf E saß und dann wurde mir derart schwindelig, dass ich dachte "Wenn das bleibt, haben wir ein Problem" aber nach fünf Sekunden war es vorbei und ich war nur noch baff, dass es überhaupt nicht schlimm ist, zu fliegen. Ich fand es sogar wunderbar und dachte mir, wenn wir jetzt nicht gleich nach Mogadischu entführt werden, ist das ab sofort mein liebstes Fortbewegungsmittel.

Wir begannen, Selfies von uns zu machen. Die normalen Passagiere gratulierten uns. Die Stewardessen brachten uns Extra Schokolade. Ich war im Himmel.




In Frankfurt gelandet schwebten wir auf Rollstraßen zu unserem Rückflug und ich bat, dass ich nun auf F sitzen darf. 

Eine Stunde lang habe ich aus dem Fenster gestarrt und mir die Welt von oben angesehen. Eine der glücklichsten Stunden meines Lebens. Unbezahlbar. Ich kann jetzt fliegen. 

Mein Rat an alle, die auch fliegen lernen wollen: schafft euch eine psychische Ausnahmesituation in der Nacht vorher. Streitet euch wie die Kesselflicker, trennt euch, bekommt eine Gallenkolik - egal was, alles was euch zum heulen bringt, ihr müsst bis an den Rand eurer Kräfte erschöpft sein. 

Dann werdet ihr fliegen, als ob ihr euer ganzes Leben nichts anderes gemacht habt. 

Verspreche ich euch.

PS: Unverzichtbar waren die fünf anderen Teilnehmer:innen, durch die Bank zauberhaft und die tippe toppe Trainerinnen.

12 Kommentare:

  1. Ich leide auch unter Flugangst und überlebe Flüge nur, wenn mich keiner anspricht. Deine Beschreibung hier ist echt der Hit und hat mich wirklich mitleidig und lachen lassen. Danke dafür!

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  2. Die Neanderthaler… Unbezahlbar! 🤣🤣

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    1. Wir sind alle Neandertaler. Das limbische System, die Amygdala, etc. bla bla. Aber wirkt zuverlässig bis heute.

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  3. ich bin so eine neandertalerin, fühle aber keinen mangel. die schilderung gefällt mir. zur flugangst hat auch doris dörrie in ihrem neuen buch geschrieben(Die Heldin reist). viel freude bei der neuen erfahrung, flug in den urlaub? gruß roswitha

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    1. Ich habe mir auch immer gesagt, es gibt keinen Mangel für mich. Hiddensee reicht, etc. Aber ich muss sagen, dass ich sehr berührt bin, dass mir nun die Welt offen steht.

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  4. Toller Bericht und schön, dich mal wieder zu lesen. Eine gute Idee Deiner Freunde. Ich bin auch noch nie geflogen und inzwischen erzähle ich das nicht mehr - man wird angesehen, als ob man ein Außerirdischer wäre. Wobei der ja nun auch wieder hätte herfliegen müssen...

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    1. Versuch es mal - wenn ich es schaffe, schafft es jeder ;-)

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  5. Gratuliere zu so viel Mut! Wünsche Dir viel Spaß und tolle Erfahrungen beim Entdecken der Welt
    Christina

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  6. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Der war so blöd, den konnte ich nicht stehen lassen. Find ich natürlich gut, was du gemacht hast, alles, was man gegen Angst unternimmt, trägt Früchte. Nur das mit dem alten Säbelzahntiger will mir nicht recht einleuchten. Dass der Neandertaler sich erst noch rasch entleerte, bevor er aus Angst vor dem Tiger stiften ging. Wer zum Teufel geht denn noch aufs Klo, wenn ihm den Atem des Raubtiers schon im Genick brennt? Außer man hat ultraschnellen Spritzkot. Klar. Dann schon.

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  7. Der Neandertaler trug noch keine Unterbuxen und schiss einfach drauf los. Im Panik-Modus geht das ruckzuck. Man möcht' sich das nicht vorstellen, nicht wahr, aber es waren anderen Zeiten :-)

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