Sonntag, 24. März 2019

Ein Nachruf

Als ich ihre Todesanzeige entdecke, haut es mich aus den Schuhen. 

In meinem ganzen Leben habe ich von keinen sinnloseren Todesfall hören müssen - nein, anders ausgedrückt: keiner war je so ungerecht, bitter und grausam für die Angehörigen.

Der Tagesspiegel berichtete schon mal 2007 über sie:  

"...Als die Frau mit der hellen, freundlichen Ausstrahlung vor 28 Jahren schwerstbehinderte Zwillinge bekam und klar war, dass die beiden Töchter sich nie allein würden anziehen oder ohne Hilfe essen können, war sie entschlossen, ihnen ein möglichst normales Leben zu schaffen. Sie schickte sie auf Regelschulen und ist sehr stolz darauf, dass beide es geschafft haben, Ärztinnen zu werden...." 

Da war sie beim Bundespräsidenten eingeladen, was sie im Nachhinein erwähnte, wie eine Nebensächlichkeit und ihre Bescheidenheit war nicht gespielt. Sie war unprätentiös, ohne jeden Dünkel und auf skandinavische Art bildschön. 

Ihre Töchter diskutierten oft mit, wenn sie dran war, den Lesekreis bei sich zuhause zu empfangen. Sie hatten schon immer alle Bücher vor uns gelesen. Manchmal scheuchte sie ihren Mann und die Mädchen aus dem Haus, ins Kino, wenn wir kamen. 

Ihr Mann, ein Naturwissenschaftler durch und durch, ging nicht stiften, als klar wurde, wie krank die Töchter sind. Vier Menschen, die das Beste aus allem machten. Die um die halbe Welt reisten, ein offenes Haus führten, in dem man köstlich bekocht wurde, in dem Jubel, Trubel und Heiterkeit herrschte und manchmal die Fetzen flogen. Größtmögliche Normalität, Herzenswärme und immer das beste Essen von allen.

Ich habe sie nie klagen hören; im Gegenteil, sie war immer gutgelaunt und das fand ich geradezu überirdisch. Habe mich immer gefragt, wo sie das alles lässt, aber es schien immer, als habe sie gar nichts irgendwo zu lassen; so, als ob es genau so wie es ist, gut ist. 

Als ob das nicht alles schon gereicht hätte, erkrankte ihr Mann. Er kämpft seit Jahren um sein Leben.

Und dann bekommt sie vor 14 Tagen wie aus dem Nichts schreckliche Schmerzen. Schleppt sich ins Krankenhaus. Drei Tage später ist sie tot. Einfach so. Ohne Ankündigung. Ohne Abschied. Viel zu früh, viel zu jung.

Die Kirche platzt bei der Trauerfeier aus allen Nähten; ich habe michts anderes erwartet. Treffe meinen alten Lesekreis, zu dem ich zurückkehren werde, wenn nicht im neuen Lesekreis beim nächsten Treffen ein Wunder geschieht dergestalt, dass nicht nur ich das diesmal grauenhaft schlechte Buch (Becks letzter Sommer) gelesen haben werde. 

Ich weine eine Stunde lang ununterbrochen, ebenso wie mindestens die Hälfte der Anwesenden. 

Eine der Töchter hält eine Rede, erzählt, dass die Mutter immer sagte "Ihr müsst jeden Tag etwas Schönes machen, hört ihr?" und ich denke, das alles hätte sich nicht mal Rosamunde Pilcher auszudenken gewagt, so sehr drüber ist dieses Leben und dessen Ende, aber es ist doch genau so gelebt worden und lebt sich nun weiter, ohne sie - welch ein Verlust für die drei Übriggebliebenen, denen vom Leben schon im Übermaß in die Suppe gespuckt wurde.

Hier ist nichts Tröstliches, was man sich herbeireden kann. Es ist kein Sinn zu erkennen und es gibt keine Hoffnung am Horizont. 

Ich hätte gerne den Verantwortlichen gesprochen, damit ich ihm in die Fresse hauen kann.

 

Dienstag, 12. März 2019

Häppchen im Bundestag

Was ich in den letzten Wochen alles erlebt habe... 100 Jahre Frauenwahlrecht machen es möglich, dass ich mich von einer Veranstaltung zur anderen hangele, meistens eingeladen von der SPD, auf Bundesebene, Landesebene und lange wird es nicht mehr dauern, da kann ich Führungen durch den Bundestag anbieten. 

Neulich hat sogar ein Minister mit mir geflirtet, ich war ganz irritiert, habe ihn natürlich ignoriert und gedacht Träum weiter, ich unterhielt mich lieber mit einer Staatssekretärin a.D., die ich gerade kennengelernt hatte, denn netzwerken können die Sozen, das kann ich bezeugen und sie sind herzlich dabei. 

Auf all diesen Veranstaltungen zu Ehren der Frauen kreuzen immer auch ein paar Männer aus der ersten Reihe auf, wie beispielsweise oben genannter Herr, wohl weil die kein Zuhause haben oder einem hier die gebratenen Häppchen direkt in den Mund fliegen oder weil eventuell mal eine sehr junge hübsche Frau (direkt von der Uni) zu beeindrucken ist. 

Einer begegnet mir immer wieder und stets neigt er sich vertraulich einer dieser Praktikantinnen oder Referentinnen zu und säuselt in ihr Ohr und ich denke, so dumm wird sie doch nicht sein, er könnte ihr Opa sein und so mächtig ist er auch wieder nicht, dass sich das lohnen würde - nicht jeder ist ein Müntefering. 

Heute nun in der FES, 30 Jahre Friedliche Revolution, und das hätte mir eine Warnung sein sollen, denn ich nenne das eigentlich immer nur "Wende" oder "Mauerfall" - was aber politisch nicht korrekt ist, wie ich erfahren muss. Ich war mit drei "West"-Frauen vor Ort, was noch wichtig wird, denn letztlich handelte es sich um eine Hommage an die "Ostfrau" - wogegen ich nichts habe, nur hätte das im Vorfeld etwas deutlicher werden können.

Mir war ja bis heute Abend nicht bewusst, wie toll die Ostfrauen gewesen sind und wie bescheuert hingegen die Westfrauen. Ostfrauen hatten ganz tolle Mütter und Großmütter, die ein selbstbestimmtes Leben hatten und abtreiben konnten, wann immer sie wollten. Ich wollte schon laut rufen "Wir im Westen konnten auch abtreiben, wann immer wir es wollten, hallo? Und eure tolle Ober-Ostfrau schafft es nicht mal, den 219a zu kippen!" Huch, dachte ich, wie rede denke ich denn?

Eine Iranerin aus dem Publikum stand auf und sagte zu der jungen Frau auf dem Podium, die nach dem Mauerfall geboren wurde, sich dennoch als "Ostfrau" fühlt, dann sei sie wohl nicht integriert, denn wenn sie eine Tochter hätte, die sie vor 30 Jahren in Deutschland geboren hätte und die würde sagen,.sie fühle sich wie eine Iranerin, dann wäre diese offenbar nicht integriert.

Meine Sitznachbarin spöttelte "Ich sag doch auch nicht, ich bin eine Südfrau, weil ich aus München komme." Eine weitere Frau aus dem Publikum ergriff das Mikrofon und sagte, dass es sich doch um eine Feierlichkeit anlässlich des Internationalen Frauentags handele und dass ihr diese einseitige Fokussierung auf Ostfrauen doch allzu provinziell erscheine und dass Frauen heutzutage allerhand wichtigere Probleme zu lösen haben, als vermeintliche Alleinstellungsmerkmale zu feiern, bzw. anzuprangern.

Die Ostfrauen auf dem Podium waren echt sauer, eine Keilerei wurde letztlich verhindert bzw. geschmeidig abmoderiert von der anwesenden Ministerpräsidentin, die bestimmt mal eine Ausbildung zur Mediatorin gemacht hat oder aber ein beeindruckendes Naturtalent besitzt, hochgekochte Volksseelen zu beschwichtigen und eine 1 a Feel Good Stimmung zu erschaffen. Chapeau Manuela!

Ich muss ehrlich sagen, die Sozen haben klasse Frauen aufzubieten, und zwar aus allen Himmelsrichtungen.

Montag, 4. März 2019

Nervöse Fische

Seitdem ich neulich auf der Berlinale war, bin ich doch Mitglied eines Lesekreises und am letzten Wochenende war es soweit: das erste Treffen, an dem ich teilnahm.

Eilig las ich den ganzen Samstag von morgens bis abends noch das letzte Drittel des Buches (Steinfest; Nervöse Fische), bevor ich mich auf den Weg machte in ein koreanisches Restaurant in Schöneberg. Die Frau von der Berlinale, die mich so herzlich eingeladen hatte in diesen Kreis, hatte ein paar Tage zuvor geschrieben, dass sie nicht erscheinen werde, wegen familiärer Verpflichtungen. So kannte ich wirklich keine Menschenseele und wusste daher nicht im geringsten, was mich erwarten würde.

Sowas finde ich meist gut. Ich überlege dann immer, dass ich mich ja völlig neu erfinden könnte. Mir rasch eine völlig neue Identität oder wenigstens einen Spitznamen zulegen könnte, aber dann bin ich doch immer bodenständig durch und durch, so dass ich mich ganz authentisch gebe und kreuzbrav den Namen nenne, auf den ich getauft wurde... also..., dass ich im Grunde meines Herzens eine femme fatale bin, weiß wirklich nur ich.

Ich wurde freundlich aufgenommen in der Runde, die aus einem Mann und vier Frauen bestand. Der Mann hätte Buchhändler sein können, denn Männer, die lesen, sind immer eher blutleere Geschöpfe, das weiß ich aus Erfahrung. Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise der Belletristik-Leiter meiner früheren Wirkungsstätte. Der war unfassbar schön und beißend spöttisch, praktisch eine Legende, aber ein Verlust für alle Frauen, denn natürlich liebt diese Lichtgestalt nur seinesgleichen. 

Männer, die lesen, sind eine ganz eigene Kategorie und dieser hier passte recht gut in meine Vorurteile-Schublade. Freundlich und sanft und ein ganz klein bisschen quengelig. Also nur den Eindruck von quengelig vermittelte er, in Wahrheit quengelte er kein bisschen. Die Frauen hingegen alle unauffällig herzlich und auf den ersten Blick kompatibel mit Gott und der Welt (also so ähnlich wie ich).

Jedenfalls lasen wir angestrengt die koreanische Speisekarte. Ich wusste mit all den unaussprechlichen Namen nichts anzufangen und die anderen Gottseidank ebenfalls nicht - man will ja nicht gleich als Trottel dastehen, weil man keinen Schimmer hat, was BimDimSan (o.s.ä.) ist. Die Fotos gaben auch keinen Aufschluss, außer dass alles schmerzhaft gesund aussah. Ich entschied mich für Süßkartoffel-Glasnudeln mit mariniertem Rindfleisch, die sich später als der Glücksgriff überhaupt erwiesen, aber das soll hier kein Thema sein.

Nachdem nun endlich alle bestellt hatten, wurde gebeichtet. Es hatte nämlich niemand der Anwesenden das Buch gelesen, bis auf eine andere, aber die hatte den Schluss nicht mehr geschafft. Die anderen hatten es gekauft, mitgebracht aber nicht angerührt.

Ich war einerseits amüsiert und auch erleichtert, weil auf den eigentlichen Sinn des Treffens offenbar sehr nachlässig bestanden wird - mir also in Zukunft niemand übel nehmen wird, wenn ich es auch mal nicht schaffe. Andererseits war das doch ein sehr hektisches Lesen den gesamten Samstag gewesen; im Grunde hatte es mir den Tag versaut, denn der fulminante Anfang des Buches, hinüber zu einem vielversprechendem Mittelteil hielt sein Versprechen nicht: ein maues, nicht enden wollendes Ende ödete vor sich hin. Ich blätterte eilig Seite um Seite um und dachte "Oh nee, nicht noch eine blöde Finte, irgendwann muss doch mal Schluss sein" und lieber hätte ich stattdessen andere Dinge gemacht.

Dann wurde ich aufgefordert, über das Buch zu sprechen, wenn ich es schon mal gelesen habe. Haha, sehr witzig. Ich rede ja gerne und zuweilen höre ich mich sogar gerne reden, aber der Koreaner hatte eine schlechte Akustisk und war brechend voll, obwohl alle auf Bänken ohne Lehne sitzen müssen. Kurz: ich musste gegen einige Dezibel anbrüllen und da geht ja der feinste Satzbau unter. Und es machte auch sonst keinen Sinn und Spaß schon gar nicht, vor lauter letztlich wildfremden Menschen über ein Buch zu referieren, das niemand gelesen hat.

Aber ich bin zuversichtlich, denn sie waren wirklich alle ausgesprochen nett und in meiner Welt ist nett nicht die kleine Schwester von Scheiße, sondern einfach nett. Bin gespannt, ob beim nächsten Termin wenigstens ein paar andere das neue Buch gelesen haben werden. 




P.S. "Nervöse Fische" möchte ich unbedingt empfehlen. Sätze für die Ewigkeit drin, en masse. Und wenn jmd. gut schreibt, ist mir die Handlung fast egal.


Dienstag, 26. Februar 2019

Gefährliche Wanderungen

Gestern bin ich mit fürchterlichen Schmerzen in den Schultern aufgewacht und ich war drauf und dran zu glauben, dass ich jetzt schweren Schulterkrebs habe und ich brauchte doch tatsächlich einige Stunden angestrengten Überlegens, zu erinnern, womit ich mir diese Schmerzen zugezogen habe.

Als es mir endlich einfiel, so um die Mittagszeit, dachte ich, kein Wunder! Ich war nämlich am Wochenende an meinem Lieblingsort auf dem Lande, mit dem geliehenem Hund und zusammen mit anderen Freunden, die am Sonntag eine 10 Kilometer Wanderung durch die Märkische Schweiz geplant hatten.

Nun bin ich ja unterdessen in einer körperlichen Verfassung, in der mir 10 Kilometer wie ein Klacks vorkommen, wenn auch eine gewisse Herausforderung darin liegt, diesen Marsch nicht auf ebenen und gefegten Parkwegen sondern über hügelige Waldwege zu absolvieren. Die Märkische Schweiz heißt nicht umsonst Märkische Schweiz. 

Aber ich traute mir das über-Stock-und-Stein-geklettere durchaus zu, der Leihhund an meiner Seite machte mich geradezu übermütig, denn mit einem Trick, den niemand bemerken würde, könnte ich meine evtl. versiegenden Kräfte schonen: einfach das Tier an die Leine nehmen und das Kraftpaket auf Ritalin-Entzug zöge mich bergauf und bergab.

Wir liefen also los und schon nach ca. 300 Metern bogen wir vom rechten Wege ab und begaben uns direkt in eine Schlucht. Die Silberkehle.




Und schon dachte ich, was geht denn hier ab? Da in diesem Wald haufenweise Bäume umgefallen sind und die aus Prinzip niemand wegräumt, musste ich direkt unter ein paar Bäumen durchkriechen, auf allen Vieren und da war ich schon gleich bedient. Nichts, was ich mir unter einer Wanderung vorstelle. Und dann ging es weiter: unten dümpelte ein düsterer Wasserlauf, an dessen steilen Ufern sich die Bäume in die Höhe reckten und unsereiner musste sich langhangeln, immer kurz vorm Absturz in die dunkle Brühe weiter unten.

Schon Fontane schrob: "
Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch den Wald zieht. Es ist, als hätten diese Wasser einen besonderen Zug in die Tiefe."




Meine Mitstreiter und der Leihhund waren im Glück ob der Herausforderungen an Mensch und Material, ich jedoch kehrte nach fünf weiteren Minuten um, bzw. wollte ich natürlich nicht wieder unter diesen Bäumen herumkriechen, sondern wählte den Weg die Schlucht ganz hinauf und das war ein sehr großer Fehler, denn dem war ich nun überhaupt gar nicht gewachsen. Das sah nämlich von unten harmlos aus, aber das war es natürlich nicht, jedenfalls nicht für eine Frau wie mich, die erst seit acht Wochen nicht mehr raucht und erst seit kurzer Zeit ihr Idealgewicht hat. Da habe ich mich getäuscht, was meine Kondition, Motorik und Kampfeslust betrifft.

Mir bollerte das Herz vor Anstrengung und der Leihhund, der leichtfüßig um mich herum sprang, war mir auch keine Hilfe, denn wenn ich ihn jetzt angeleint hätte, wäre das völlig nutzlos gewesen. Ich hätte ihn mit ins Verderben gerissen, wenn ich ausgerutscht wäre, denn noch wiege ich mehr als der Hund. So ähnlich muss sich Reinhold Messner in der Todeszone gefühlt haben: kein Handyempfang, auf sich allein gestellt; jetzt bloß nicht mit dem Knöchel umknicken.

Ich hielt mich an jedem Zweiglein fest, um irgendwie diesen blöden Hang hochzukommen, dorthin, wo es gewiss einen Weg geben würde, auf dem ich mich wieder würde bewegen können, wie eine Frau mit Würde, aber bis dahin ruinierte ich - fürchte ich - jede Menge frische Triebe in Flora und Fauna. Außerdem sind mir so viele Zweige direkt in die Gusche gezwirbelt, dass ich bestimmt die eine oder andere Zecke mitgenommen habe und in absehbarer Zeit an Borreliose erkranken werde. Am Ende war ich froh, dass mich kein Förster erschossen hat bei meinen Versuchen, dieser bescheuerten Silberkehle zu entkommen. 

Endlich wieder in der Zivilisation war ich heilfroh, dass ich ohne Achillessehnenriss oder Beinbruch davongekommen war und spazierte munter um den Großen Tornowsee bis zur Pritzhagener Mühle, was sich jetzt ziemlich toll anhört, aber mehr als 2 oder 3 Kilometer sind das nicht. Für den Hund natürlich das doppelte, denn der rennt ja in einer Tour vor und zurück.



Nachmittags dann mit allen wiedervereint auf dem Bootssteg Kaffee und Kuchen eingenommen und selig in den Sonnenuntergang zurück nach Berlin gefahren, mit einem schnarchenden Hund im Auto - was will man mehr von einem Wochenende?

Nur diese höllischen Schulterschmerzen, oder sind es eher Armschmerzen? Ich kann die Arme kaum heben, ich denke, es handelt sich um die sogenannte Panik-Zerrung, eine von mir eigens erfundene Erkrankung, die ich nicht weiter erläutern muss, denke ich. Man stelle sich vor, wie ich durch die Hügel kraxel und mich in Todesangst in junge Triebe kralle, um nicht die Schlucht herunterzukullern. 

Die letzte Panik-Zerrung hatte ich seinerzeit bei meiner letzten, aus dem Ruder gelaufenen Reitsstunde, als das Pferd einen kleinen Satz machte und ich drei Tage lang nicht gehen konnte, weil ich mit der ganzen Kraft meiner Oberschenkel einen Sturz vom Pferd verhindern wollte. Was mir auch gelungen ist, aber meine Beine waren demoliert, kann ich euch sagen. 

Okay, ein Weichei bin ich also immer noch. Mal sehen, ob ich das in den Griff bekomme. 

Edit: hier der weltschönste Kommentar

Nun, ich war auf dieser Wanderung auch dabei. Was uns Annika hier verschweigt, wir hatten vorher in die Runde kommuniziert, dass wir mit voller Ausrüstung losziehen werden. 

Volle Ausrüstung war dummerweise unpräzise kommuniziert. Jedenfalls hatte sich Annika barfuß mit Pömps und einem freilaufenden Hund bewaffnet. Als wir uns nach ca. 5 Minunten an der ersten überhängenden Felswand abgeseilt hatten, stand Annika nebst Hund oben und realisierte, dass sie ohne Karabiner, Geschirr zum Abseilen und ein Portiönchen Courage uns nicht folgen können würde. 

Auf dem Weg aus der Schlucht hinaus wurden ihr die Pömps zum Verhängnis. Zwar bohrten sie sich tief in den Boden und boten so guten Halt, nur gab die gute märkische Erde den 15cm langen Absatz nicht mehr frei. Es erforderte eine ausgeklügelte Technik, die Anhöhe zu besiegen. Sehr kleine Schritte, die Hände bei Herausziehen des Schuhs in feuchtes Moos und stachliges Gesträuch gekrallt, immer in der Hoffnung, ihn nicht dem Abhang und letzendlich der überhängenden Felswand zu überlassen. 

Was hätten wir in einem solchen Fall tun sollen? Immerhin hätten wir erst einmal Glück gebraucht, um von diesem gefährlichen Konsumgut nicht erschlagen zu werden. Zum Zurückwerfen war die Wand zu hoch und der Schuh sowieso zu leicht. 

Jeder von uns unterdrückte ein pietätlosen Schmunzeln, wie wohl die Fortbewegungstechnik mit nur einem Schuh aussehen würde. Hoch konnten wir auch nicht mehr klettern. Die Zeiten, in denen wir im Sportunterricht das Seil hinauf geklettert sind, waren längst vorbei. Zudem hätten wir neben der ganzen Ausrüstung auch noch unsere seit der Schulzeit angesammelten körperlichen Reserven hinauf ziehen müssen. 

Es blieb uns nichts weiter übrig, als Annika ihrem Schicksal zu überlassen. In vollem Umfang wurde uns nun der innere Kampf bewusst, den Reinhold Messner damals mit sich ausgefochten haben muss, als er seinen Bruder am Berg zurück lassen musste. 

Als der Weg einfacher wurde, entstand unseren neue Geschäftsidee, Sherpas in der Märkischen Schweiz! Wir würden sie natürlich anders nennen, waren wir doch nicht im Himalaja. Kurz vor dem Kaffetisch, an dem wir auch Annika wohlbehalten wieder trafen, waren wir uns einig: Pömpser!

Donnerstag, 21. Februar 2019

Alltag ist die Abwesenheit von Weihnachten, großer Liebe und Krieg (Max Goldt)

Herr Ackerbau ist mir noch ein Pony schuldig gewesen und daran hat er sich erinnert und deshalb bekam ich - gerade als ich im Bus saß auf dem Weg zum Brandenburger Tor, wo ich das erste Mal bei "One Billion Rising" dabei sein wollte - eine Mail von ihm. Er habe zwei Karten für Max Goldt,  wegen Krankheit abzugeben, noch am selben Abend, in Neukölln trete der auf, ob ich die haben will?

Das war ja noch besser als ein Pony! Gleichwohl hatte ich jetzt eine logistische Meisterleistung zu vollbringen. 


  • 15:45 Uhr Mail an Freunde, wer kommt mit? 
  • 15:50 Uhr G. kommt mit. Treffpunkt 19.30 Neukölln.
  • 16:00 Uhr Ankunft Brandenburger Tor. Schreck lass nach, getanzt wird erst ab 17.30 Uhr. Warum sagt mir das keiner? 
  • 16:30 Uhr Üben der Choreographie, die unermüdliche und alterslose Jocelyn B. Smith singt dazu. Ich fotografiere lieber das Gehopse meiner Mitstreiterinnen, anstatt mich zum Klops zu machen.
  • 16.45 Uhr Eine dramatisch geschminkte gute Bekannte wird pausenlos von den anwesenden Sendern gefilmt, wofür ich großes Verständnis habe, was mich jedoch stets in die Flucht treibt, da sie große Schilder ihrer Firma mit sich herumträgt. Meine Chefs würden sich freuen, mich in der Abendschau zu erblicken, als Nummerngirl neben dem Transparent "Wir gegen Gewalt" unserer Konkurrenzfirma. Soweit sind sie noch nicht, dass sie die globale Botschaft in den Vordergrund stellen.
  • 17:00 Uhr Langsam wird mir kalt, denn es waren zwar 13 Grad und Sonne angesagt, was mich zu luftigerer Übergangsbekleidung verführte, aber gegen Sonnenuntergang hin wird es empfindlich schattig, vor allem die Füße sind schon zu Eis geklumpt. 
  • 17:10 Uhr Die Choreographie wird fleißig weiter geübt und auf der Bühne tanzen junge Menschen die dollsten Sachen, alles gegen Gewalt, auch junge Männer sind dabei, was mich durchaus rührt, aber vielleicht wollen die nur entdeckt werden für Let's Dance oder so etwas.  
  • 17:20 Uhr Ich überlege, wie lange ich mit den Öffentlichen zurück ins Büro brauche, dort ins Auto steige, um dann nach Neukölln zu fahren und ob ich wohl vorher noch was essen gehen kann, denn zu meinen klumpig-eisigen Füßen gesellen sich erste Hungerödeme dazu. So kann ich Max Goldt kaum genießen.
  • 17:25 Uhr Fünf Minuten, bevor der weltweite Tanz gegen Gewalt losgeht, begebe ich mich in Richtung Bushaltestelle. Ich muss in die Wärme und brauche was zwischen die Kiemen. Ich habe noch Großes vor. Das erste Mal im Leben werde ich Max Goldt vorlesen hören. Halbgott meiner Anfangsjahre in Berlin, ganz nah beeinander in Moabit wohnten wir. Freilich traf ich ihn nie, aber ich kaufte jedes seiner Bücher und verschlang es. Das konnte ich mir damals mit links leisten, denn wenn man Buchhändlerin ist, bekommt man Bücher praktisch hinterhergeschmissen. 
  • 18:00 - 19:00 Uhr Futteraufnahme bei meinem Lieblings-Vietnamesen
  • 19:30 Uhr Ankunft in Neukölln, gutes Parkplatzkarma wirksam wie eh und je.
  • 20:00 Uhr Auftritt Max Goldt. Er ist genau so, wie ich es mir gedacht habe. Wer so schreiben kann, muss auch gut vorlesen können und er liest noch weitaus besser als Harry Rowohlt, dessen Lesungen ja immer als legendär wegen Länge und zunehmender Trunkenheit des Autoren, bzw. Übersetzers galten, die ich aber nach einer gewissen Zeit eher ermüdend fand. Ganz das Gegenteil nun Max Goldt, dem ich die ganze Nacht hätte zuhören wollen und können, wenn es nach mir gegangen wäre, aber ich hab ja nichts mitzureden und so blieb es bei zweieinhalb Stunden, aber die haben mich überaus beglückt.

Dafür werde ich Herrn Ackerbau immer zu Dank verpflichtet sein, einen Wunsch nun hat er bei mir frei - denn allein durch meine Schusseligkeit ist es mir in all den Jahren nie gelungen, rechtzeitig von einer Goldt-Lesung in Berlin Kenntnis zu erlangen. Und obwohl ich nun schon solange mit einem seiner guten Freunde befreundet bin, habe ich nie wieder die verpasste Gelegenheit ("Komm doch zu Klaus Bittermanns Party, ich hol dich an der Tür ab, Max Goldt ist auch da" - was mich damals in eine verschreckte Paralyse versetzte, die es mir unmöglich machte, auf dieser Party zu erscheinen, mein Gott, wie blöde von mir!) transfomieren können in eine genutzte Gelegenheit. Ich wurde schlicht nie wieder gefragt *schluchz*

Was für ein heiterer Abend! Einziges Manko: schräg links vor uns saß ein Typ mit einer meckernden, keckernden Lache und er lachte wirklich ununterbrochen, er lachte aus Prinzip und schon bevor der Satz zuende gebracht wurde, womit er wohl seine Kennerschaft ausdrücken wollte, damit aber nur Mordgelüste der direkt Umsitzenden hinaufbeschwor, aber dafür konnte Max Goldt ja nix.


Mittwoch, 13. Februar 2019

Das schwarze Sofa

Nachdem Das Magazin für Radikale Heiterkeit schon von einem Abend auf der Berlinale berichtet hat, möchte ich ihm in nichts nachstehen, wenn ich auch natürlich gewohnt nüchtern geblieben bin und daher keine Exzesse im wörtlichen Sinn zu beichten habe. Im übertragenen Sinn auch nicht, so gesehen.

Das einzig Exzessive war die Anzahl der Menschen, die ich kennengelernt habe, wohl weil ich so außergewöhnlich kommunikativ war. Dabei musste ich mich im Grunde nur von etwas ablenken und zwar gründlich und das ist mir auch gelungen, dem Himmel sei Dank. Und nein, darüber werde ich nicht näher berichten. Ein jeder von uns musste sich schon mal von etwas ablenken.

Jedenfalls stand ich sehr kurz auf der Preisverleihung im Gedränge und erspähte die einzige Sitzgelegenheit, ein schwarzes Sofa, am Rande des Saals, neben der Treppe, die hinunter zur Garderobe und den Waschräumen führte. Zunächst blieb die Auftragsmörderin neben mir sitzen, aber im Gegensatz zu mir hatte sie berufliche Pflichten zu erfüllen, während ich nur aus Jux und Tollerei erschienen bin.

Sie verschwand mit den Worten "Ich dreh mal 'ne Runde" und ich winkte ihr gleichmütig hinterher. Kaum war sie weg, setzte sich ein hornaltes Mütterlein zu mir. Sie sah aus wie eine 80 jährige Ex-Ballerina, mit einem außergewöhnlichem Gesicht und sehr gerader Haltung. Sie stellte sich mir formvollendet vor und ich bedauerte, dass ich sie nicht kannte, denn natürlich war sie eine Schauspielerin und im Prinzip kenne ich sie alle, nur nicht die aus deutschen Vorabendserien, weil ich die beim besten Willen nicht sehen kann. Die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei, sie kannte die kleine Dame, was diese erkennbar erfreute.

Sie sei auf der Suche nach Freunden, die ihr gesagt hatten, dass sie auf diesem Empfang seien und ich dachte bei mir, was für eine couragierte 80jährige, denn eins ist klar, wenn ich erstmal 80 bin, werde ich auf keinen Berlinale Empfang mutterseelenallein gehen, in der Hoffnung, dass ich Freunde treffe. Ich werde nur aus dem Haus gehen, wenn ich schriftlich habe, dass ich Freunde treffen werde, besser noch, sie holen mich ab. Im Grunde mache ich das heute schon so. Es nützt einem der schönste Empfang nichts, wenn man kein back up hat, so sieht's doch aus.

Nach einer Weile verschwand die Ballerina wieder im Getümmel und ich sah ihr bewundernd hinterher. Lange Zeit blieb mir nicht, denn schon setzte sich die nächste Frau zu mir auf's Sofa, die ich für weitaus älter hielt als ich es bin; im Gelauf des Gesprächs allerdings stellte sich raus, dass sie zwei Jahre jünger ist. Diese nun duzte mich unverfroren, offenbar hielt sie mich für Fachpublikum und unter Filmleuten duzt man sich offenbar. Sie teilte mir sogleich mit, dass sie einen Roman geschrieben hat, von dem sie 10 Exemplare pro Monat verkaufe, obwohl der Verlag keine Werbung mache, das sei doch nicht schlecht, oder? Ich fragte nach dem Namen des Verlags, denn für derlei bin ich ja durchaus Fachfrau und deshalb weiß ich, der Name des Verlages bedeutet alles und bestimmt über Wohl und Wehe einer jungen Schriftstellerkarriere.

Wie ich vermutet habe, handelte es sich um einen Selbsverlag, mit dem man keinen Blumentopf gewinnen kann: Immerhin hat sie angeblich keinen Cent aus eigener Tasche investieren müssen, was ich ihr kaum glauben konnte, aber das war auch egal, denn nun kam sie zum wichtigsten Thema; ihr neuer Freund. Ein Franzose aus dem Internet, der sei auf ihrem Twitteraccount gelandet und seitdem seien sie zusammen und im Oktober zieht er zu ihr nach Berlin, sein Haus in Frankreich habe er schon verkauft und sie hätten sich auch schon zweimal gesehen und sexuell sei er die Erfüllung ihres Lebens, obwohl er einen Hüftschaden habe und kleiner sei, als sie. 

Ihr hörte ihrer atemlos vorgetragenen Intimbeichte zu, die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei und nach ein paar mitgelauschten Sätzen verschwand sie sofort wieder in der Menge. Die hatte es gut, sie hatte ja berufliche Verpflichtungen.

Eine dritte Frau setzte sich zu uns auf's Sofa, die ich nun ausnahmsweise sofort erkannte und von der ich zufällig erst kürzlich eine beeindruckende Doku gesehen hatte und da ich inzwischen einigermaßen enthemmt war von dieser detailreichen französischen Liebesgeschichte, machte ich der Dokumentarfilmerin sofort Komplimente über ihre fabelhaften Oberarme beeindruckende Dokumentation über bescheuerte Neonazis und schon wollte die deutsche Catherine Deneuve neben mir auch die Mailadresse von der Doku-Filmerin haben (meine hatte sie sich schon umständlich in ein Notizheft geschrieben), die nun in mehrmaligen Anläufen versuchte, so deutlich zu buchstabieren, wie es der Klangteppich eines Empfanges eben erlaubt. 

Die Auftragsmörderin kam des Weges und ich stellte ihr die Doku-Filmerin vor, so standen wir zu dritt, Catherine Deneuve blieb sitzen und stand dann auf, um sich zu trollen. Ich hatte nun auch jedes Detail ihres Lebens erfahren, einschließlich ihrer langjährigen, sexuell unerfüllten Ehe und dem besorgten Sohn, der den Franzosen auch verdächtig findet. Ich wünsche dem jungen Glück aber trotzdem alles Gute. Vielleicht sollte ich mir auch einen Twitteraccount zulegen und gewönne dann einen sexuell begabten Skandinavier mit Hüftschaden für mich.

Ich setzte mich wieder, eine weitere Frau auf dem Weg zur Garderobe stoppte, ging in die Knie, stellte sich als Petra vor, und sei das nicht ein toller Empfang, so nette Leute und ich fragte mich insgeheim, mit wem sie mich wohl verwechselte, dann kamen ihre Freunde vorbei, die sich mir auch vorstellten und inzwischen hatte ich das Gefühl, dass ich auf dem schwarzen Sofa einer Königin gleich Hof hielt. Ehrlich gesagt, machte mir die Sache zunehmend Spaß.

Die Auftragsmörderin setzte sich eine Weile zu mir, dann kam eine Kollegin von ihr vorbei, die sich umgehend beschwerte, dass Autorinnen schlechter bezahlt werden als Autoren und da dachte ich: "Da waren sie wieder, unsere drei Probleme" und schon gab ich Tipps zum Entgelttransparenzgesetz, das freilich ein stumpfes Schwert und außerdem nur anwendbar in Unternehmen ab 200 Mitarbeiter*innen ist und so eine Autorin schreibt ja für gewöhnlich ganz allein bei sich daheim. Ich hätte es nie erwähnen sollen. Völlig nutzloses Wissen über ein so gut wie nutzloses Gesetz. 

Die kleine Ballerina kam wieder vorbei, im Schlepptau ihre Freunde. Ich war gottfroh, dass dieser gewiss beschwerliche Ausflug für sie von Erfolg gekrönt war. Es hätte mir sehr leid getan, wenn sie wieder nach Hause hätte gehen müssen, ohne mit jemand anderem außer mir gesprochen zu haben; wo ich sie nicht mal kannte. So möchte man als Schauspielerin in seinen späten Achtzigern doch wirklich nicht enden.  

Anmerkung: ich habe unterdessen nach ihr gegoogelt: sie ist eine wirklich beeindruckend gute Schauspielerin und shame on me, dass ich so eine Banausin bin.

Jedenfalls begleitete ich die Auftragsmörderin auf ihrer nächsten Runde und noch mehr Menschen kamen vorbei, diesmal alles Kollegen und Kolleginnen von ihr, durch die Bank ebenso entzückende Menschen wie die Auftragsmörderin selbst und was soll ich sagen, ich bin jetzt wieder Mitglied eines Lesezirkels und werde demnächst ein Geheimblog zusammen mit einer Dramaturgin schreiben.

Im nächsten Jahr komme ich wieder.



Montag, 11. Februar 2019

Das stille Mädchen

Beim Friseur sitzt eine Frau neben mir, was an sich nicht erwähnenswert ist, hätte sie nicht ihre kleine Tochter dabei gehabt, ca. 2-3 Jahre alt, die sie der Einfachheit halber einfach auf den Boden setzte zwischen uns beide, unter den Frisiertisch, der über die gesamte Wandbreite ging; an ihm ca. sieben Stühle, die alle besetzt waren.

Dieses Kind blieb dort über eine Stunde einfach sitzen. Muckste nicht, rührte sich nicht, schaute nur aufmerksam in den Raum. Das einzige, was es machte, war, mit den eigenen Händen zu spielen, so in der Art, wie wenn Erwachsene Däumchen drehen, also ohne hinzusehen. Kinder drehen dann etwas ungelenker die ganze Hand.

Als ich aufstand, zum Waschbecken rüber ging, damit mir die Farbe aus den Haaren gewaschen wird, konnte ich das Kind von vorne sehen. Dessen Mutter war ein paar Minuten später fertig und stand auf. Gemeinsam mit der Frriseurin betrachtete sie ihre Haare. Ihr Kind stand auch auf. Da befand die Mutter, die Friseurin müsse im Nacken noch etwas nachschneiden und setzte sich wieder.

Das Kind blieb stehen, lehnte sich nur einfach gegen die Wand, drehte seine Hände und schaute weiter aufmerksam und mucksmäuschenstill in den Raum oder zu seiner Mutter. Es war kein Anzeichen von Ungeduld oder Unruhe oder Bewegungsdrang zu erkennen, nur Geduld und Ergebenheit, aber in Form von Ergebenheit eines erwachsenen Menschen. In seinem ganzen Habitus war rein gar nichts kindliches mehr.

Ich war mittlerweile so geflasht von diesem kleinen Mädchen und außerdem den Tränen nahe. Dass man einem so kleinen Menschen schon jede altersgerechte Regung abgewöhnt hat - was musste man getan haben, um so ein Ergebnis zu erzielen? Die Mutter hatte keinen Blick für das Kind übrig. Eine scheinbar völlig natürliche Interaktion zwischen den beiden. Die Mutter beschäftigt mit sich und das Kind beschäftigt mit gar nichts und so auffällig unauffällig dabei, dass es zumindest mit das Herz zerriss.

Als die Mutter endlich mit ihrer Frisur zufrieden war, nachdem sie sich noch lange im Spiegel betrachtet hatte, sich immer wieder durch die Haare fuhr, machte das Kind einen  kleinen Schritt auf sie zu und legte eine Hand auf den Stuhl der Mutter und sah mit diesem aufmerksamen Blick hoch, wohl um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem die Mutter (weiterhin ohne jeden Blickkontakt zum Kind) dessen Hand ergriff und zur Kasse ging.

Ich war indessen gewiss, dass hier ein Fall für das Jugendamt vorliegt. Anderen, vor allem den Friseurinnen, fiel ebenso auf, was das "für eine süße Kleine" ist und "so geduldig - habt ihr das gesehen?" Oder total frustriert, bestenfalls, dachte ich und kämpfte weiter mit den Tränen. In meinem ganzen Leben habe ich kein Kind wie dieses gesehen. 


Später am Abend im Kino sah ich "Der Junge muss an die frische Luft", dann war's vollends um mich geschehen. 




Dienstag, 5. Februar 2019

Die bleierne Ente

Neulich erzählte mir jemand von einem ganz tollen Schwimmbad in Zehlendorf.  Tolles Schwimmbad in Zehlendorf? Nie gehört, nie gesehen. Schwimmtechnisch sind die Zehlendorfer am Arsch der Welt.

Naja, ich hab dann mal recherchiert. Ich will ja immer noch so gerne Arme wie Michelle Obama kriegen. Gibt es hier doch tatsächlich ein Bad, das früher Hitlers Leibstandarte als Bootcamp für Seepferdchen und Fahrtenschwimmer gedient hat. Du meine Güte! Und es ist "behutsam" saniert worden, was nix anderes heißt, als das alles, was für Nazibauten typisch ist, genau so gelassen wurde, einschließlich der an die Wand gedengelter nackter Menschen in Übergröße. 



Ich muss das Bad dennoch loben, denn ist man erst mal drin, kann man sich nur freuen. Es ist nämlich sehr groß, 50x25 und 15 m hoch und da dauert es schon, bis einem mal ein anderer Schwimmer begegnet. Jedenfalls in meinem Fall, die ja eher Stand-Schwimmen kultiviert, bzw. in Ermangelung eines Schwimmstils einfach nicht voran kommt, also nur in Zeitlupe, ich also der Günter  die Gundula Netzer der Hallen- und Freibäder bin - ähm...was wollte ich sagen? Ach ja, es dauert, bis mal jmd. an mir vorbeipflügt. 

Hinzu kommt: in der Schwimmhalle hat's frische Luft. Keine saunös dicke Luft, eher eine gewisse Kühle, die sich fortsetzt, wenn man ins schattige Wasser steigt. Dauert ein bissel, bis einem warm wird, vor allem, wenn man drei Minuten für eine Bahn braucht. 

Es gibt nix, was das Auge ablenkt. Keine Rutsche, kein Sprungturnm, keine Liegen - hier soll niemand Spaß haben; einfach nur schwimmen und Fresse halten. 

Bildergebnis für Schwimmhalle FinckensteinalleeBildergebnis für Schwimmhalle Finckensteinallee

Aber ich hieße ja nicht Annika, wenn mir nicht mindestens zwei Honks begegnet wären. Ein sehr merkwürdiges Männerpaar, erkennbar nicht schwul, dennoch nicht einzuordnen. Ein alter (ca. 70) und ein jüngerer (ca. 45) Mann steigen gemeinsam ins Wasser, bleiben immerzu am Rand stehen, machen Gymnastikübungen und erzählen sich was. 

Ich glaube, der alte Mann muss unfreiwillig den Wingman für den Jüngeren geben, der nach kurzer Zeit im Wasser genießerisch sagt "Ich weiß schon, was wir die nächsten zwei Jahre am Wochenende machen: wir werden richtige Wasserratten." Der Ältere schweigt skeptisch und schaut mich irgendwie hilfesuchend an, vielleicht liegt hier ein Kapitalverbrechen vor: der alte Mann ist im Keller des Jüngeren eingesperrt und darf nur manchmal an die frische Luft. Aufgrund des Stockholm-Syndroms traut er sich nicht zu fliehen.

Als ich das nächste Mal vorbeischwebe, sagt der Jüngere "Nächsten Sonntag können wir doch auch bei Aqua Fitness mitmachen, guck mal da drüben, da sind auch Männer bei. Nicht so wie in Schöneberg, wo nur übergewichtige, alte Weiber mitmachen."


Wenn ich bei was wirklich die Hasskappe aufsetze, dann, wenn hässliche mittelalte Loser mit Schmerbauch und in Ermangelung eines altersgemäßen Freundeskreis mit einem Tattergreis als Wingman schwimmen gehen müssen, sich darüber beschweren, dass sie mit dem Anblick (ihrer Meinung nach) nicht genügend attraktiver Frauen konfrontiert werden.
 Ach, das war jetzt auch nicht PC: nix gegen Tattergreise, es gibt haufenweise Tolle davon, ganz bestimmt. 

Jedenfalls schwomm ich 40 Minuten, immerhin, ein Anfang und dann ging ich duschen, bzw. hätte ich gerne geduscht. Hier mein einziger Kritikpunkt: die Duschen lassen sich nicht regulieren und sind auf kochendheiß eingestellt. Ansonsten: tippe toppe, der Laden. 

Ich habe auch gleich einen psychologischen Anfängertrick gemacht, damit ich da bloß wieder hingehe: Badeanzug in der Dusche vergessen.  


Bildergebnis für Schwimmhalle Finckensteinallee


Donnerstag, 24. Januar 2019

Finally rauchfrei

Ich hab ja immer gesagt, dass ich nicht nikotinsüchtig bin. Die Handlung ist's. Irgendwas in den Fingern haben und vor mich hindampfen, wenn mir danach ist. 

Was soll ich sagen? Es stimmt. Seit 14 Tagen rauche ich nicht mehr. Nur E-Zigarette ohne Nikotin, dafür mit Eukalyptus-Geschmack. 

Ich mein', ich höre mich an wie Darth Vader, wenn ich an diesem Elektrodings sauge und es liegt auch recht schwer in der Hand und dass ich gaaaaanz lange daran ziehen muss, damit das Liquid das tun kann, was ein Liquid tun muss (fragt mich bitte nicht was, hat mir die Verkäuferin erklärt und ich hab's gleich wieder vergessen) und es auch eine gewisse Eingewöhnungsphase gab, weil ich Eukalyptus doch sehr mit Bonbons assoziiere und ihr wisst ja, was passiert, wenn man versehentlich einen Bonbon einatmet (genau, man braucht gute Bekannte in der Nähe, die den Heimlich-Griff beherrschen), naja, trotzalledem bin ich zufrieden, dass es diese Ersatzhandlungsdinger überhaupt gibt. Ich hätte sonst nie aufhören können. Kein Zucker und keine Zigaretten mehr, es gibt auch bei mir Grenzen des Machbaren. 

Überhaupt diese Läden, die wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, House of Vapes London, Tante Dampf, Capital Vapers, VapeOne, Dämpfchen, Lynden Vape Culture, Hello Vape und wie sie alle heißen: betritt man so einen Laden (ich war in zweien), wird man grundsätzlich geduzt. Zudem verdächtig freundlich und geduldig bedient. 

Kein Wunder die müssen ihre Klientel ja ganz neu züchten. Uns gibt's noch nicht wie Sand am Meer. Also gibt man uns das Gefühl, wir seien furchtbar jung, lässt uns an allen Geschmacksrichtungen nuckeln, um nach einstündiger Beratung ca. 30 € im Laden zu lassen, was sich meiner Meinung nach nicht rechnen kann, aber vielleicht machen die ihr Geld mit den Liquid-Junkies und wahrscheinlich bin ich auch bald einer. 

Irgendwas muss da drin sein, ich bin seit Tagen ganz früh müde und geh teilweise schon um 22 Uhr ins Bett, nach 10 Minuten bin ich schon in der ersten REM-Phase. 

Das nächste Projekt: ich habe einen Flug gebucht. Dazu ein anderes Mal mehr.

Sonntag, 20. Januar 2019

Erschleichung schwelgerischer Widmungen

Eine Wochenendreise in die Heide, zu einem der Hauptprotagonisten meiner kleinen Serie:

Männerbekanntschaften 1
Männerbekanntschaften 2
Männerbekanntschaften 3

Ich hätte diesen Post gerne "Männerbekanntschaften 4" genannt, aber die Frauen waren in der Überzahl (4:2)  und ich will niemanden in die Irre führen. Geplant ist ein heiteres Groupie-Treffen mit Besichtigung des Familien-Archivs, wegen dem der Autor das Leben seines Alter Egos Martin Schlosser minutiös nacherzählen kann. Martin Schlosser hat ebenso viel männliche wie weibliche Fans und bietet viel Anlass für Lob, Preis und Anbetung.

Aber zunächst mal bin ich heilfroh, dass ich meine Wärmflasche dabei habe, denn in des Großmeisters großzügiger Behausung wird die Benutzung der Heizung offenbar für überschätzt oder anderweitig überflüssig gehalten, dabei waren 6 Grad minus draußen. Ich fürchte, er hat es mit der Schildrüse, denn bei Über- (oder Unter)funktion haben diese Menschen keinerlei Kälteempfinden mehr.

Ein Spaziergang zum Elbe-Seitenkanal wurde anberaumt, den ich tagsüber auch sehr gerne gemacht hätte. Nun war es bereits stockdunkel, nur der Mond schien fahl auf die Felder. Wir stapften durch die totenstille Einöde, den Deich hoch, am spiegelglatten Wasser entlang und mir wurde und wurde nicht warm, denn dazu liefen wir zu langsam. 

Nach dem Essen wurde viel getrunken, ich war wie immer nüchtern und muss zugeben, dass es mir von Jahr zu Jahr schwerer fällt, immer die einzige zu sein, die die Ausfälle enthemmter Mitmenschen bei lebendigem Leib ertragen muss. 

Es gibt ja kaum was Schlimmeres, als traurigen betrunkenen Menschen zuzusehen. Eine der Frauen, vom Schicksal gebeutelt durch zeitgleichen Mann- und Jobverlust gab sich die Kante (möglicherweise vertrug sie auch einfach nichts) und wurde dann so anstrengend, dass ich gleichermaßen den Mann und den Verlag wegen des Abbruchs der Beziehungen zu verstehen begann.

Sie hatte nach oben geheiratet und konnte nun mit einem Eintrag im Gotha reüssieren und obwohl ihr Adels-Gatte auf der einen Seite wohl ein grausamer Armleuchter ersten Ranges zu sein scheint, ist sein Name auf der anderen Seite doch Grund genug, ihn zu behalten, denn die eigenen Kinder im Gotha, das wird einem heutzutage auch nicht allzuoft geboten. Die Trauer und der Alkohol sorgten allerdings daür, dass sie uns das in Endlosschleife erzählte, was uns wiederholt zwang, das Thema mehr oder weniger abrupt in andere Bahnen zu lenken.

Eine andere der anwesenden Frauen erzählte bereits in den ersten drei Minuten von der lange, lange zurückliegenden dreijährigen Beziehung zu einem weltbekannten 27 Jahre älteren britischen Punkrock-Musiker, der heute immer noch ein toller Mann sei. Das erinnerte mich an den Film "A Star is born", den ich neulich gesehen durchlitten habe. Wann immer ich auf einem Konzert war, hat mich nie der Sänger auf die Bühne geholt, um direkt im Anschluss eine langjährige Beziehung mit mir zu beginnen. Irgendwas ist schief gelaufen in meinem Leben. 

Jedenfalls war die Rockstar-Frau erfrischend natürlich, liebenswürdig und gutgelaunt. Und hat zudem eine bedeutende Position in einem bedeutendem Verlag inne - leider in denselben Verlag, der ihre adelige Freundin gerade gefeuert hatte. Man sah den beiden Frauen an, dass dieser Umstand eine Prüfung ist und für alle Zeiten sein wird.

Später in der Nacht sagte unser Gastgeber, wir sollten doch noch mal alle runter ins Archiv stiefeln, er habe da so einen Extra-Schrank, nur gefüllt mit Belegexemplaren seiner Bücher, da könnten wir uns alle aussuchen, was wir wollten. Es sei doch absurd, dass die Bücher in einem dunklen Keller versauern, anstatt gelesen zu werden. Ungläubigkeit in unseren Gesichtern. Ob er das wohl ernst meinte? Meinte er, und unter anderem deshalb muss man ihn lieben. 

Wir schleppten also ziemlich viele Bücher nach oben, die er uns alle geduldig signierte. Die Adelige befahl mit schwerer Zunge: "Jetzt schreib mir mal was schwelgerisches rein" und der anwesende Anwalt meinte: "Hier werden sich schwelgerische Widmungen erschlichen" und ich dachte, Zack, das ist doch mal ein Blogtitel.

Und ich möchte euch am Ende eins der Bücher unseres Gastgebers dringend ans Herz legen, denn wenn ihr das gelesen habt, werdet ihr automatisch alle Folgebände lesen wollen.

Der Kindheitsroman

Alle Babyboomer und deren Eltern werden es lieben. 
Und die anderen auch.







Dienstag, 15. Januar 2019

Führen und folgen

Gewisse Umstände haben mich in ein Wochenend-Tango-Workshop gespült. Noch vor kurzem hätte ich die Hände für mich ins Feuer gelegt, dass ich dergleichen niemals zu berichten haben werde. 

Mich interessiert Paartanz nicht. Ich kann mich nicht führen lassen und bin sicher kein Quell der Freude, wenn man mich an der Backe hat. Und diese körperliche Nähe zu wildfremden Menschen - och nö. Um jemanden näher als die europäische Armlänge zu ertragen ist unabdingbar, dass ich ihn/sie sehr gerne habe. Alle anderen bleiben mir bitte vom Leib.

Leider es nützt nichts, mit vertrauter Begleitung zu erscheinen: alleweil müssen die Tanzpartner*innen gewechselt werden. 

Aber mal zum wesentlichen: Tango ist ein interessanter Tanz, der ein bisschen wie Bodenarbeit mit dem Pferd ist. Da muss ich auch nonverbal führen und das Pferd muss meine Signale so gut verstehen, dass es mir folgt.  Wenn es mir nicht folgt, bin ich nicht deutlich genug.

Führen und folgen, darum geht es beim Tango. Hört sich einfach an, ist sauschwer. 

  • Part 1: Arme im rechten Winkel ausstrecken, das Gegenüber legt seine spiegelgleich obenauf. Der untere Arm führt. (sehr schwer)
  • Part 2: Arme auf die Schultern des Gegenübers legen. Das Gegenüber führt und hat dabei seine eigenen Arme hinter seinem Rücken verschränkt. (sauschwer)
  • Part 3: Übliche Tanzhaltung (fast nicht zu schaffen)

Nun sah das alles eher aus wie Schränke schieben und meistens habe ich mich auch so gefühlt. Entweder war ich der Schrank oder ich schob einen, mit heiligem Ernst. Viel zu lachen hat man obendrein nicht, weil a) hat es nichts mit tanzen zu tun und b) soll man auch nicht schunkeln oder hüpfen, sondern statuengleich und schnörkellos geradeaus oder höchstens im rechten Winkel zur Seite gehen.

Dennoch geht es soviel um Kommunikation, Missverständnisse, Fehlannahmen, Neubeginn (=Milchtritt), Anlehnung, etc. - wie ich schon immer über diesen Tanz dachte: ein jeder birgt in drei Minuten eine zehnjährige Beziehung von Anfang bis Ende. 

So wie ich also monatelang versucht habe, ein Pferd wort-und berührungslos von links nach rechts zu bewegen, so mühte ich mich jetzt mit verschiedenen Menschen ab. Und die waren aber auch verschieden! 

Ein schwuler Mann beschwerte sich bei mir, dass er tags zuvor auf einer Milonga war, wo "leider" auch Heterosexuelle waren. Dabei schürzte er leicht angewidert die Lippen. Ich sah ihn schuldbewusst an. 

Das Küken, höchstens 22, tanzte mit geschlossenen Augen; egal, ob sie führte oder folgte. Sagenhaft intuitiv war sie, als ob sie in einem früheren Leben schon einmal Schleiertämze aufgeführt hätte. 

Eine Frau sah alle ihre anderen Tanzpartner beim tanzen unverwandt an, bis auf den Seelengrund starrte sie und korrigierte immer in so einem leichten Domina-Ton, der merkwürdig konterkarierte mit ihrem goldbelockten Engelsgesicht: "Du haust mir schon wieder ab". Dann kam die Tanzlehrerin und bestätigte, dass ich stets mit dem Oberkörper zurückweiche. Ich fand das nur logisch. Wenn ich mit Blicken so aufgespießt werde, ich bitt' euch! Ich will selbst entscheiden, mit wem ich ernstgemeint und unmissverständlich Augenkontakt aufnehme. Ich kann gucken, da wächst kein Gras mehr. Wenn ich will. 

Fazit: ich empfehle es jedem, aber werde das nicht weiter verfolgen. Bis das mal gut aussieht, vergehen Jahre. Ich schau lieber zu, im Sommer, im Mon Bijou Park.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Wenn Frauen spazierengehen

In meiner Straße steht ein Haus, an dem ich im Winter besonders gerne vorbeigehe. Es ist fast vollständig verglast und an einer Wand hängt ein riesiges, goldenes Buddha-Relief. Dieses wird angestrahlt, was widerum für eine warm-goldene indirekte Beleuchtung des ganzen Raumes sorgt. Es sitzen fast immer zwei Menschen, ein Paar, in Sesseln und lesen. Ich stell die mir sehr glücklich vor und obwohl ich mit Buddhismus nix am Hut habe, wie überhaupt die großen Weltreligionen spurlos an mir vorbeigehen, liebäugel ich mit etwas großlächig Goldenem an der Wand, wegen der schummrigen Illumination.

Ein anderes Haus, das vom umfassend halbgebildeten Prekariat wie mir gerne "Architektenhaus" genannt wird, weil es erkennbar nicht von einer der üblichen Fertighausfirmen hingestellt wurde, sondern neugierig machende Einblicke bei gleichzeitiger Undurchdringlichkeit in die interessanten Räume bietet, hat offenbar auch glückliche Besitzer, denn als ich vorbeigehe, steht ein ein riesiger weißer SUV mit puristischer Hochzeitsverkleidung vor der Einfahrt und vor der Haustür stehen Batterien von Champagnerflaschen. Eine Dezemberbraut muss nicht schwitzen, eine vorteilhafte Terminierung der Eheschließung, wie ich meine. Wie schade, dass unsereiner immer nur auf Sommerhochzeiten geladen wird, im vergangenem August waren wir mehr tot als lebendig und die kochendheißen Speisen wurden nur verzweifelt betrachtet denn gegessen.

Um die Ecke steht ein Haus, das einen manische Besitzer hat, der offenbar von niemandem gestoppt werden kann. Es wurde ein riesiger Anbau aus Glas ans Haus gedübelt, der über alle Etagen geht. Offenbar wurde dieser Raum jedoch geplant, ohne auf eine mögliche Nutzung Wert zu legen oder tatsächlich nur, um einen riesigen Kronleuchter an die Decke zu hängen, von dem aber nur Flaneure etwas haben, denn der Extra-Raum wurde nach kurzer Zeit mit Stoffbahnen zur Innenseite abgehängt. Manchmal werden im Erdgeschoss Wäscheständer aufgestellt, die pompös vom Kronleuchter ins Szene gesetzt werden. Zudem würde über der Eingangstür ein Balkon angepappt mit einem kunstvollen Geländer, direkt vor ein Fenster. Allerdings kann niemand kann diesen Balkon betreten, denn eine Tür hat man nicht in die Wand gehauen. 

Man stelle sich vor, man lebt mit so einem Mann, der alle Tage mit unsinnigen Anbauplänen nach Hause kommt und diese auch noch in die Tat umsetzt. Dann doch lieber den mit dem goldenen Buddha, der versteht was von gütigem Licht und ließe mich im Winter 10 Jahre jünger aussehen.