Es ist schon einige Jahre her, dass ich zuletzt etwas geschrieben habe. Das lag natürlich nicht daran, dass nichts passiert wäre. Im Gegenteil. Mein Leben hat in der Zwischenzeit eine Wendung genommen, die klingt, als hätte jemand beim Verfassen meines Schicksals kurz den Sender gewechselt und wäre von einer ARD-Dramedy versehentlich in eine Mischung aus Forsthaus Falkenau, Downton Abbey und einer besonders deprimierenden Folge von In aller Freundschaft geraten.
Jedenfalls lebe ich inzwischen hauptsächlich auf dem Land.
Nicht auf diesem hübschen Land, das Städter meinen, wenn sie sagen: "Ach, irgendwann ziehe ich aufs Land." Also mit Hortensien, selbstgebackenem Dinkelbrot und goldenen Sonnenuntergängen über Lavendelfeldern. Nein. Auf dem echten Land.
Auf dem Land, wo Enten nicht niedlich quaken, sondern irgendwann gegessen werden. Wo Hirsche zunächst majestätisch zwischen den Bäumen stehen und anschließend hinten auf dem Pickup liegen. Wo das Wort "aufbrechen" nichts mit Selbstfindung zu tun hat, sondern mit Eingeweiden. Und ich kann neben einem frischgeschossenen Tier stehen, während jemand fachkundig in dessen Inneres greift, ohne zu kotzen. Ich schau mir das interessiert an.
Mit mir auf diesem (seinem!) Anwesen lebt ein grimmiger Patron mit einer Familienchronik, die bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückgeht.
Patron ist eigentlich das richtige Wort, weil ihn weder Bauer noch Gutsherr noch Freund korrekt beschreibt. Er ist eher eine Art wettergegerbte Naturgewalt mit Jagdschein. Ein Mann, dessen bevorzugte Kommunikationsform seit Jahrzehnten der Wutausbruch ist.
Nicht ständig natürlich. Manchmal schweigt er auch. Woraus ein Außenstehender fälschlicherweise schließen könnte, dass nun Frieden eingekehrt sei. Tatsächlich sammelt er in diesen Momenten bloß Kraft für den nächsten Ausbruch.
Dazu gesellen sich Kinder, deren angeheiratete Menschen, mehrere Pferde und zwei Hunde. Auf dem Land bleibt man oft beieinander.
Mein Alltag besteht inzwischen aus Arbeit. Und ich kann Trecker fahren.
Die genaue Tätigkeit wechselt dabei täglich. Mal müssen Zäune repariert werden. Mal müssen Sachen transportiert werden. Mal muss man irgendetwas säubern, von dem man nicht wusste, dass es existiert.
Die Pferde sind die reinsten Erfolgs-Kacker und zweimal am Tag muss man abäppeln. So komme ich auf meine alten Tage doch noch zu Armen wie Michelle Obama. Man muss sie auf die Weide bringen und wieder abholen. An windigen, kalten Tagen ist das kein Spaß.
Vor allem aber scheint ständig jemand zu sagen: "Kannst du mal kurz helfen?" Das ist auf dem Land der Auftakt zu Aufgaben, die erfahrungsgemäß mindestens drei Stunden dauern und die Benutzung von Werkzeugen erfordern, die bereits Bismarck verwendet haben dürfte. Es wird geholfen und es wird einem geholfen.
Besonders irritierend finde ich Spaziergänge. Früher bedeutete Spazierengehen, gemütlich durch Parks zu schlendern, Kaffee zu trinken und über das Leben nachzudenken. Heute bedeutet es, dem grimmigen Patron schweigend durchs Unterholz zu folgen. Man spricht dabei nicht. Man marschiert. Vor einem der Mann. Immer mit jener grundlegenden Unzufriedenheit eines Menschen, der davon ausgeht, dass niemand hinter ihm ausreichend zügig unterwegs ist.
Währenddessen starre ich ununterbrochen auf Brombeersträucher. Denn Brombeersträucher sind die eigentlichen Herrscher dieses Landes. Sie lauern am Wegesrand wie kriminelle Vereinigungen. Sie greifen nach Ärmeln, Hosenbeinen und Haaren und wollen Blut sehen.
Der Patron bewegt sich dabei lässig durch die Dornenhölle, wie weiland Beckenbauer 1990 in Rom. Ich hingegen stolpere hinterher, die Augen fest auf den Boden gerichtet, wegen worst case Oberschenkelhalsbruch.
Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an Pferdewiehern, Schlammschuhe, jagdliche Fachgespräche und Männer, die lieber Motorsägen reparieren als Gefühle besprechen. Inzwischen weiß ich, weshalb er mich gleich zu Anfang "eingekleidet" hat: ich besitze Gummistiefel in Braun, die fast 300 Euro gekostet haben, eine Jagd- und Arbeitshose, Arbeitsstiefel, eine Wärmeweste, lange Unterhosen in olivgrün und zig Fleecejacken in schlammbraun.
Ohne das alles würde ich mich ja völlig zum Obst machen. Man darf ja kein Blau tragen im Wald und auf dem Feld. Vertreibt man die Tiere, weil für die Blau eine pupillenversengende Alarmfarbe ist. Aber quietsch-orange oder grün oder schlammbraun, da fühlen sie sich kommod.
Demnächst mehr hier in diesem Theater....



































