Dienstag, 22. Mai 2018

Blair Witch Projekt am Teltow Kanal

Hatten wir so einen frühen Sommer schon mal? Ab Mitte April? Ich glaube nicht.

Ich hatte mich die letzten Tage schon in Form gebracht. Wann immer ich ins Büro musste - und das war selten genug - bin ich mit dem E-Bike gefahren. Den Motor immer nur angemacht, wenn's den Berg rauf ging.

Heute Premiere: normales Rad genommen. Was soll ich sagen? Es lief wie geschmiert. Ich hätte noch Stunden weiter fahren können.

Kurz vor dem Heimweg sprach mich ein Kollege an, der fast denselben Weg hat und gab mir lauter Tipps für ganz tolle Radwege. "Und dann kannst du direkt am Teltow Kanal bis nach Hause fahren."

Gute Idee. Ich also los, auf lauter lauschigen Straßen, von denen ich bis heute nicht wusste, dass es sie gibt. Dann am Hindenburgdamm links abgebogen, durch einen kleinen Park und schon war ich am Kanal. Es war die reine Freude.

Ich musste zwar mehrere große Straßen überqueren, aber bei meiner Konstitution ein Klacks. Die letzte große Straße lag hinter mir, als sich der breite Weg am Kanal plötzlich verjüngte. Und es lag auch lauter Sand, weshalb ich mich beinah gelegt habe. Ich stieg ab und schob eine Weile. 

Der Weg wurde noch schmaler, war nicht mehr befestigt und ich schob das Rad durch knöcheltiefen Sand oder Staub, durch so'n dreckiges Zeug halt. Die Bäume fielen mir auch fast auf den Kopf, ich musste mich durch's Unterholz schlagen und war sicher, dass 1000 kleine Zecken direkt auf mich stürzen und ich mit einer fetten Borreliose zuhause ankommen würde.

Der Weg nahm kein Ende, ich war inzwischen außerhalb jeder Zivilisation, meine entzückenden Glitzersandalen glitzerten kein bisschen mehr, meine Füße, gerade gestern liebevoll pedikürt, waren rabenschwarz. Ja Scheiße, bin ich Crocodile Dundee?

Keine Chance, wieder aufs Rad zu steigen, wegen des Wurzelgeflechts. Mir wurde blümerant und ich hatte keinen Schimmer mehr, wo ich war. Ich bin diesen Weg schon mal in die andere Richtung gefahren, aber das war damals ein richtig toller Weg ohne diesen Scheiß hier. 

Irgendwann ging ein Weg nach rechts, aber da er sehr steil nach oben ging und mit Kopfstein gepflastert war, blieb ich auf der staubigen Hölle. Solange, bis es nicht mehr weiter ging und ich vor dem Kanal und einem Seitenarm stand. Also wieder zurück auf den Kopfsteinpflasterweg, das Rad hochgeschoben, den Kanal überquert und weiter durchs Gestrüpp. Ich war mutterseelenallein und keiner konnte mir helfen. Das wuchs sich zu einem Blair Witch Projekt aus. Ich verfluchte den Kollegen, der mich auf diesen Höllentrip geschickt hat. Morgen werde ich ihn umbringen, schwor ich mir, jedenfalls, wenn ich hier lebend rauskomme.

Mir fing das Herz ein bisschen an zu klopfen, aber Panik bringt einen ja auch nicht weiter, also brachte ich mich mit einem Ordnungsruf zur Ruhe und stolperte weiter über Stock und Stein. Dann kam ich auf die schlaue Idee, mal in Google Maps zu gucken, wo ich eigentlich bin. Oha, eigentlich auf dem richtigen Weg. Es gab kein Zurück, ich musste weiter, irgendwann würde schon die erlösende Brücke kommen, an der ich mich wieder auskennen würde. 

Eins war klar: ich war völlig auf mich alleingestellt und würde mich selber am Schopf aus dem Sumpf ziehen müssen. Ich stapfte stinksauer durch die liebliche Einöde, deren Zauber sich mir nicht mehr erschloss. Ich wollte lauten Straßenverkehr, Autos, die mich meinetwegen abdrängeln könnten, irgendwas anderes als das hier.

Mir kam ein Jogger entgegen, der meinte, zwei Kilometer werden es schon noch sein. Ich war froh, dass es kein Kettensägenmörder war, denn der hätte leichtes Spiel mit mir gehabt. Ich versuchte sicherheitshalber wie kein Opfer zu wirken. Zur falschen Zeit am falschen Ort, man kennt das. 

Zwei Kilometer in der Einöde können sehr lang sein, wenn der Weg nicht mehr zu befahren ist und man dämliche Glitzersandalen trägt. Ich tat mir sehr leid und wollte am liebsten heulen, aber ich bin ja nicht so nah am Wasser gebaut, außer Prinz Harry heiratet. Ich hatte auch kein Zelt dabei, mit dem ich mir ein Nachtlager hätte aufschlagen können. Ich musste weiter, immer weiter. 

Nach weiteren zehn Kilometern erreichte ich endlich die Brücke. Noch nie freute ich mich so sehr über Autos. 

Zuhause angekommen sofort unter die Dusche gehüpft. Die Sandalen kann ich wegschmeißen, die sind hinüber, Zeugen meiner unfreiwilligen Kanal-Expedition. Ganz großes Kino. 

Ich muss der Wahrheit ins Auge sehen. Für die Wildnis bin ich nicht gemacht. 




Montag, 21. Mai 2018

Eisige Frauen

Um den Reiz asiatischer Frauen zu erleben, bleibt einem als Frau - wenn man privat keine kennt - eigentlich nur das Nagelstudio. 

Seit einiger Zeit sitze ich einmal im Monat in so einem Studio und lasse meine Hände aufhübschen. Es tut nur ein bisschen weh und ich brauche keine Narkose. 

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass sie nicht verstehen, was ich eigentlich will und dass speziell die Chefin sehr ungehalten wird, wenn man bemängelt, dass sie beispielsweise die Nägel in unterschiedlicher Länge gefeilt hat. Deshalb sorge ich möglichst immer dafür, bei einer ihrer Angestellten zu landen. 

Sie reden immer sehr laut mit mir - so, wie man allgemein mit Menschen laut spricht, die die eigene Sprache nicht sprechen. "Vone wei?" werde ich angeschrien. Ja, sage ich, french bitte. Vorne weiß.

Ich setze mich und mir gegenüber greift die Nagelkünstlerin nach meinen Händen. Sich zwei Stunden lang an den Händen zu fassen ist eigentlich ein ziemlich intimer Akt und ich achte immer darauf, sie nicht unnötig zu berühren, weil mir das übergriffig vorkommt. Hat zur Folge, dass auf meinen Fingern eine ziemliche Spannung ist, so wie in meinen Wangen beim Zahnarzt, wenn ich den Bohrern oder anderen Gerätschaften eigentlich ausweichen will, die Situation aber nur verschlimmere. So auch hier, aber sie sind nicht zimperlich, drehen die Finger in die Position, die sie brauchen. 

Auch sonst ist von Intimität keine Rede. Ist wahrscheinlich sowieso nur so ein europäischer Quatsch. Denn eigentlich werde ich die ganze Zeit komplett ignoriert. Sie reden nur miteinander und das in einer Tour, aber ihre Kundinnen scheinen praktisch nicht zu existieren. Egal, wie oft ich schon da war, ist auch nie ein Erkennen wahrzunehmen, von einem Lächeln ganz zu schweigen. Fast wie damals in Mecklenburg-Vorpommern, zu Zeiten der Vogelgrippe.

Rechts und links von dem Tisch, an dem wir uns gegenübersitzen, ist je eine Einbuchtung mit Wärmelampen, in die man immer die Hand reinlegen soll, die gerade nicht behandelt wird. Damit man den Zeitpunkt nicht verpasst, stößt sie jedes Mal meine Hand von ihr weg und befiehlt "Unte!" 

Ich schau die meiste Zeit aus dem Fenster, da ein Gespräch weder gewünscht noch möglich ist. Das ist mir recht so. Auch meine Friseurin ist daran gewöhnt, dass es mit mir keinen Smalltalk gibt. 

Als ich am Samstag früh die erste Kundin bin, weil ich um 11 Uhr lauter Royalistinnen bei mir erwartete, war leider nur die mürrische Chefin vor Ort. Pech für mich.

Aber dann passierte etwas Schauerliches. Mir wird ja schnell schauerlich und diesmal wusste ich die Ignoranz der Chefin direkt zu schätzen, ehrlich gesagt, bewunderte ich sie sogar. Es kam nämlich eine Kundin rein, die etwas atemlos fragte:

"Machen Sie auch Füße? Und was kostet das?"
"40 €", antworte die Chefin und ich wunderte mich über diesen Fantasiepreis. 
"Und Hände, was kosten Hände?" 
Wieder: "40€"
"Und Augen, machen Sie auch Augen?"
"50 €"
"Okay, ich warte."

Ich staunte nicht schlecht über diese ungewöhnliche Preispolitik und sah mich um. Die Frau lächelte mich freundlich an, aber auf eine ungute, durchdringende Art. Mir wurde ein wenig schwindelig; schon immer warnen mich auf diese Art irgendwelche Synapsen in meinem Hirn, wenn etwas nicht stimmt.

Sie blieb direkt hinter mir stehen, setzte sich nicht auf die Besucherstühle und ich dachte, jetzt ende ich hier wie Monica Seles, gleich rammt sie mir ein Messer in den Hals.Sie starrte auf uns nieder und mir wurde unbehaglich.

Ich suchte Blickkontakt zur Cehfin, die stoisch meine Hände bearbeitete und offenbar keinerlei Gefahr witterte. Sie sah nur irgendwann auf und schrie die Frau an "Hinsesse", so wie sie jede anschreit, die nicht ihre Sprache spricht. 

Die Frau setzte sich aber nicht, sie wanderte nur unruhig im Laden herum und stellte sich dann wieder direkt hinter mich. Gottseidank war ich bald fertig und obwohl die Chefin saumäßig gearbeitet hatte, fing ich keine Diskussionen an, sondern verließ den Laden, heilfroh, dass ich lebend rausgekommen bin. 

Ob es hernach noch ein Massaker gegeben hat, weiß ich nicht; bin mir aber sicher, wer - in case of - überlebt hat. Wer einmal die obligatorische Handmassage einer philippinischen Nageldesignerin erlebt hat, weiß, dass in diesen hauchzarten Frauen eine eiserne Kraft steckt.

Montag, 14. Mai 2018

Leonore, 83, unberührt

Sie sah schon mit 20 aus wie 40 und mit 40 wie 60 und ich bin mir sicher, obwohl ich sie bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe, dass sie an diesem Punkt stehen geblieben ist. Leonore, genannt Lörchen, eine frühere Kollegin, die sehr auf sich hielt, vor allem aber darauf, dass sie niemals einen Mann "näher" kennengelernt hatte. Ihre Mutter sagte ihr immer, das sei nichts für sie und da sie bis zum Tode derselbigen mit ihr zusammenlebte, blieb es bei dieser einen, reinen Liebe zu ihrer frühverwitweten Erzeugerin.

Eines Tages brachte sie mir ihre Hochzeitsschuhe mit. Die hatte sie sich gekauft, in den frühen 70er Jahren, für den Fall, dass doch noch mal eine Heirat ins Haus steht. Ihre Mutter schimpfte sie aus, wegen ihrer Dummheit, "Du wirst sowieso nie heiraten", deshalb brachte sie mir die Schuhe mit. Ich hielt sie verdutzt in den Händen. Sie lagen im Originalkarton, schimmernd und elfenbeinfarben, in Seidenpapier eingeschlagen und sahen eigentlich nicht so schlecht aus, voll vintage, aber das gab's damals noch gar nicht. Ich nahm sie nicht an, denn ich hatte absolut keine Verwendung für weiße Brautschuhe. Heute bereue ich das, denn ich hätte ihr eine Freude damit gemacht.

Sie hatte langes graues Haar, das sie stets zu einem Dutt frisierte und ihre riesige Schreibmaschine schützte sie vor Staub mit einem gehäkelten Überwurf. Sie war penibel, bescheiden und unserem Chef restlos ergeben, beziehungsweise immer in Sorge um ihn und seine Finanzen, die damals besser hätten nicht stehen können. Dennoch überwies sie ihm jede Extra-Gratifikation wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld wieder zurück, da sie sich sicher war, dass er es viel besser gebrauchen kann. Auch die drei Extra-Gehälter nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit nahm sie nicht an.

Die Stempeluhr zog sie bei jedem Toilettengang, weil es ihr wie Betrug vorkam, wenn ihr diese Zeit bezahlt würde. Nach jeder Nahrungszufuhr putzte sie sich gründlich die Zähne, natürlich zog sie auch hier die Stempeluhr. Sie sprach umständlich, langsam, fast schleppend, aber mit einem reichen Wortschatz, den sie elegant zu nutzen wusste.

Sie teilte sich lange Jahre das Büro mit einer Kollegin, die eines Tages vollkommen überschnappte, nachdem sich schon Jahre zuvor ankündigte, dass das eine oder andere Schräubchen im Oberstübchen etwas locker saß. Diese Kollegin begann eines Tages ihre Kunden, die Bibiothekarinnen der umliegenden Universitäten, vor allem aber der TU, zu beschimpfen, weil diese "schon wieder" etwas bestellten; sie fand das zunehmend empörend und machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

Nachdem das untragbar wurde und auch der konsultierte Psychologische Dienst nichts ausrichten konnte, wurde ihr schweren Herzens gekündigt. Noch Wochen stand diese Kollegin im Hochsommer, gekleidet in einen dicken Wintermantel, im Hausflur des Hintereingangs - einzig Lörchen betreute sie auf der Treppe stehend und versuchte ihr mit Engelsgeduld klarzumachen, dass sie nicht mehr bei uns arbeiten darf. "Neumännchen, es hat doch leider keinen Zweck, es ist doch auch viel zu warm hier, komm doch kurz in mein Büro, dann erfrischst du dich etwas und dann gehst du wieder nach Hause." Neumännchen schaute starr geradeaus, sagte keinen Pieps und eines Tages blieb sie weg und kam nie wieder.

Lörchen war untröstlich über das Schicksal ihrer Zimmernachbarin und dass sie ihr nicht helfen konnte. Auch der liebe Gott war keine Hilfe, was sie besonders bekümmerte, denn sie war festen Glaubens und verstand nicht, was da vor sich ging. 

Eines Tages starb ihre Mutter, das traf sie schwer. Weil die Wohnung so leer war, begann sie, einige Kolleginnen zum Kaffee einzuladen. Auch ich war eines Tages an der Reihe, zusammen mit ein paar anderen. Am Tisch hatte sie am Platz der Mutter ein Foto aufgestellt, damit diese "auch etwas von dem Besuch hat"; eingedeckt war für sie ebenfalls. Als wir uns auf's Sofa begaben, wanderte das Foto mit. Sie erzählte, dass sie das Foto in jeden Raum mitnahm, in dem sie sich aufhielt, weil sie sich so weniger allein fühlte.

Einige Zeit später war sie in heller Aufruhr, weil ein "Etablissement" in ihrer Straße eröffnet wurde. Ab dem Tag nahm sie riesige Umwege vom Bus zu ihrer Wohnung, weil sie nicht von dem Glauben abzubringen war, dass die "Männer etwas mit mir vorhaben". Sie lebte in ständiger Angst, dass sie sie bei der erstbesten Gelegenheit "von der Straße wegfangen" würden.

Als sie in Rente ging, fragten wir uns, was nun aus ihr werden würde, aber sie erzählte munter von Busfahrten mit dem 100er und den vielen Sehenswürdigkeiten, die sie nun jeden Tag sehen würde. 

In all den Jahren, die sie nun schon in Rente ist, schreiben wir uns jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten Karten. Sie schreibt formvollendet Glückwünsche und berichtet von ihren zahlreichen Gebrechen, mit denen sie mich aber nicht weiter belasten wolle. 

Dieses Jahr habe ich es zum ersten Mal vergessen, zeitig eine Karte einzuwerfen, also bemühte ich heute die Teleauskunft und siehe da, Menschen wie sie sind noch zu finden. Ich rief sie an zu ihrem heutigen Geburtstag und ihre Freude darüber war mehr als rührend. 

Ich bin der katholischen Kirche ausnahmsweise mal dankbar, denn sie hat heute gefeiert mit ihrem "kirchlichen Frauenkreis", von 16.00 - 18.00 Uhr. Sie brachte für jede ein Stück Kuchen mit und da sie noch zwei Stück übrig hatte, brachte sie diese einer Dame vorbei, die nicht mehr so gut zu Fuß ist. Dabei kann sie selber kaum noch krauchen.

"Für gewöhnlich sprechen wir über religiöse Dinge, aber heute wurde es unversehens persönlich. Wir haben uns aus unserem Leben erzählt und eine jede gab ihren Teil dazu. Insgesamt war das ein sehr schöner Tag heute. Ich bin zufrieden. Es ist doch erstaunlich, wie weit ich gekommen bin."

Mit den besten Wünschen für meine Gesundheit, die ich herzlich erwiderte, verabschiedeten wir uns. 

Es geht doch nichts über ein persönliches Gespräch.

Montag, 7. Mai 2018

Augenblick verweile...

Am Samstag bin ich also aus Trotz mit den Öffentlichen durch Berlin, zur Strandbar im Monbijou Park, dort, wo lauter Menschen Tango tanzen, am hellichten Tag, im gleißenden Sonnenschein, ach du meine Güte, nicht mal umsteigen musste ich, ganz schnell ging das, ich war versöhnt.

Manchmal sah das aus wie Schränke schieben, aber je später es wurde, desto bessere Tänzer erschienen, aber allen war gemein, dass sie sich aneinanderschmiegten, die Köpfe eng aneinander gelegt, die Augen geschlossen und sie tanzten, wie ich punktierte Noten singen muss, mitten in der Bewegung einfrierend, konzentriert wartend und dann mit Schwung wieder los.  

Am erstaunlichsten war, wer da mit wem tanzte. Alt und jung, dick und dünn und manche sahen so abgerissen aus, als ob sie eben von einer Suppenküche kommend ihrer geheimen Samstagabendbeschäftigung nachgingen, und auch an diese wurde sich geschmiegt, wie es inniger im öffentlichen Raum kaum zu sehen ist.

Die Tänzer wechselten häufig ihre Partner, manch einer verabschiedete sich mit leisem Lächeln und einem leichthin gehauchten Kuss auf die Handinnenfläche und bald schien mir jeder einzelne Tanz wie eine komplette Liebesgeschichte vom Anfang bis zum Ende.  

Es waren viele alte Herren in Nadelstreif um die 75 unterwegs, denen die Damen hingebungsvoll die Arme um die Schultern legten, sehr steif und dennoch symbiotisch - Alter und Leibesumfang spielten keine Rolle, nirgendwo ein Mauerblümchen oder -blumerich zu entdecken, alle, alle tanzten unentwegt.

Ich sage oft über meine Bürosituation, dass man gut erkennen kann, wie sich Diktaturen entwickeln, aber an diesem Abend erkannte ich, dass, wenn man alle Menschen zwönge, Tango zu lernen, der Weltfrieden kaum zu verhindern sei.

Sonntag, 6. Mai 2018

Samstag, 5. Mai 2018

Der Kuckuck ruft, die Frösche quaken, ich sitze wartend in Lennés Garten

Eines meiner bedeutenden Talente ist die Optimierung. Niemand und nichts ist davor sicher, von mir optimiert zu werden. In Sekundenschnelle erkenne ich die Möglichkeiten, aus einer umständlichen Sache etwas ganz effizientes zu machen. Hauptaugenmerk liegt auf der Einsparung von Zeit und Aufwand.

Bekomme ich einen Plan für den Betriebsausflug. Mit einem Blick erkenne ich, dass ich den so nicht mitmachen werde. Treffpunkt Wannsee, mit dem Bus zur Glienicker Brücke, von dort Wanderung zum Schloss Cäcilienhof, Mittagessen in der Meierei, von dort mit dem Wassertaxi zur Sacrower Heilandskirche, von dort aus Gelatsche nach Kladow in die Eisdiele und von dort irgendwie wieder nach Hause finden - wo kommen wir denn da hin?

Blitzschnell beschließe ich: mit dem Auto direkt zum Schloss Cäcilienhof, mit dem Wassertaxi zur Heilandskirche, von dort mit dem Wassertaxi zurück, mit dem Auto nach Kladow und von dort gemütlich die Heimreise antreten - wär doch gelacht. Ich irre doch nicht stundenlang mit den Öffentlichen durch Berlin. Ich doch nicht!

Ich komme am Schloss Cäcilienhof an und schlucke: der Parkplatz wird ein teures Vergnügen. Aber in Relation zum Aufwand - geschenkt. Als die anderen ankommen, verschwinde ich mit einigen erstmal in die Waschräume. Als wir in die Ausstellungsräume wollen, kommen uns einige andere erbost entgegen. "8 Euro, damit ich mir langweilige Räume angucke, auf gar keinen Fall. Wir gehen gleich in die Meierei und futtern was." 

Wir anderen halten das für eine gute Idee und schlendern zum Gartenlokal ans Wasser. Das hat leider noch zu, also sitzen wir auf einem umgefallenen Baum und erfreuen uns am Wetter. Um 12 Uhr macht die Bude auf, wir haben leider die Order, uns in die Selbstbedienungsabteilung zu setzen, weil das Wassertaxi schon um 13 Uhr fährt. 

Zu essen gibt es in dieser Abteilung aber nur Bockwurst und Pommes, für die wir 20 Minuten anstehen müssen. 

Ich gebe bekannt, dass sich an der Heilandskirche unsere Wege erneut trennen, denn ich müsse zurück zum Auto. Das Wassertaxi führe um 15.10 Uhr zurück, dann schaffe ich es zeitgleich mit den anderen in der Eisdiele zu sein, die die 6,5 Kilometer ja wandern wollen. Perfekte Planung meinerseits, wie immer.

Wir steigen ins Wassertaxi, besichtigen die Heilandskirche und lassen uns von dem Besucherbetreuer lauter wissenswerte Fakten vermitteln. Ein Agnostiker, der durch seinen ehrenamtlichen Rentnerjob zu Gott gefunden hat oder zumindest vom Zauber dieses magischen Ortes egriffen ist. Selbst seine Zipperlein sind an diesem Ort  im Ruhemodus ("Im Alter wird der Teufel fromm"). Als er dann noch erzählt, dass bei der Beerdigung von jemand ganz Berühmten plötzlich ein Pfau in voller Pracht vorbeistolzierte, da habe er sich gedacht, er sei ja nicht abergläubisch, aber das sei dann doch irgendwie ein Zeichen gewesen. 

Wieder draußen winkte ich den anderen hinterher und machte mich auf den Weg zum einzigen Gartenlokal. Ich hatte noch anderthalb Stunden Zeit, bis das Wassertaxi mich wieder abholen würde. So ein Glück an so einem schönen Tag an so einem schönen Ort! Ich machte künstlerisch wertvolle Fotos, die ich aber wegen der DGSVO hier nicht reinstellen werde. Am Lokal angekommen, stand ich vor dem Schild "Vorübergehend geschlossen". Ach.

Das war ja nun doof. Ich hatte aber ein Buch dabei und ging zurück zur Kirche, denn da stand die einzige von vier Bänken im Schatten. Ich machte noch weitere berührende Landschaftsaufnahmen und bemerkte dabei, dass mein Akku nur noch auf 29% lief. Und ich auch gar kein Netz hatte. Und auf Toilette musste ich auch. Aber ich hatte ja nur noch eine Stunde zu überbrücken. 

Ich saß also auf der Bank und schaute in die Ferne oder in mein Buch und als ich mal wieder hochsah, kam das Wassertaxi angerauscht. 25 Minuten zu früh. Ich packte meine Sachen und lief so schnell ich konnte über die Insel zum Steg, aber da fuhr es schon wieder weg, denn "so schnell ich konnte" war nicht schnell genug. Am Steg brüllte ich mir die Lunge aus dem Hals, der Wassertaxifahrer winkte mir freundlich zu und verschwand auf Nimmerwiedersehen. 

Ich tobte und fluchte. Nur die Frösche hörten mir zu. Das nächste und letzte Wassertaxi fuhr um 17.10 Uhr. In zweieinhalb Stunden. Ich musste wirklich dringend aufs Klo und Hunger bekam ich auch. Und ich hatte kein Netz. Und die Inselkarte hatte ich mir nicht aushändigen lassen, weil ich an der Wanderung nach Kladow nicht teilnehmen wollte, wegen der Optimierung. Und selbst wenn ich eine gehabt hätte: hinterhergewandert wäre ich ohnehin nicht, denn wie wäre ich von dort wieder zu meinem Auto gekommen? Doch wohl nie.

Verschollen im Bermudadreieck. Von wegen magischer Ort. Ich heulte vor Wut. Die Insekten tanzten in der Luft, ein Kuckuck rief ohne Unterlass, das Wasser glitt silbrig an mir vorbei und ich blieb sitzen auf dem Steg, machte keinen Schritt mehr, damit ich das nächste außerplanmäßig zu früh kommende Wassertaxi nicht auch noch verpassen würde. Das hätte bedeutet, auf dem Steg zu übernachten. Kein Pfau hätte mich getröstet. Es kam aber auch sowieso keiner vorbei. Es kam überhaupt niemand vorbei. 

Ich tat mir furchtbar leid. Nach zwei Stunden kam das letzte Wassertaxi und ich ging dem Kapitän an die Gurgel schimpfte wie ein Rohrspatz. Am Parkplatz angekommen berappte ich den Höchstsatz an Gebühren. Ich rief die anderen an, die längst auf dem Heimweg waren. Ich fuhr im Feierabendstau nach Hause. Ich habe immer noch schlechte Laune.

Mein Optimierungswahn bedarf einer Neubewertung. Alles ist zu irgendwas gut. 

Heute abend gehe ich aus. Und werde die Öffentlichen benutzen. Einfach so. Wehe, das klappt nicht. Morgen werde ich berichten. 


Montag, 30. April 2018

Er hat Schluss gemacht

Ich schrob ja schon kürzlich von den verkorksten Beziehungen zu meinem Vermieter. 

Nun sind die Sonnentage da und ich darf nicht mehr in den Garten. Ich hatte vor drei Wochen den Vermieter angerufen und ihm auf's Band geflötet, dass es sehr nett wäre, wenn er mir den Garten aufschlösse - ganz so, als ob es sich um eine harmlose Nachlässigkeit seinerseits handele und nicht um die Manifestation des Abbruchs unserer bisher gedeihlichen Vermieter-Mieter-Beziehung (und von dem geplanten Parkplatz auf der Wiese hatte ich ja nur um drei Ecken gehört; es gibt keine offizielle Verlautbarung).

Er rief nicht zurück. 

Das ist so ähnlich, wie wenn man auf den Anruf oder Rückruf eines Typen wartet und solange er nicht angerufen hat, besteht noch Hoffnung, jedenfalls nach Frauenlogik. 

Vor dem langen Wochenende startete ich den nächsten Versuch, sprach ihm auf's Band und bat um Rückruf, diesmal ohne Angabe von Gründen. Ich bekam Freitagabend eine Mail, er habe meinen Anruf erhalten, sei aber erst 2. Mai wieder zu erreichen. Geschickt. Das ganze schöne lange Wochenende - ohne Garten. Und mit einer Neuerung: ein Wespennest in meiner Balkon-Außenjalousie. Im Grunde sind die Viecher damit direkt in meinem Wohnzimmer, denn der Rolladenkasten ist innen angebaut. Balkon praktisch nicht zu nutzen wegen der Viecher.

Ich schraubte mich richtig tief rein in meine Stinkwut. 

Gestern fuhr ich durch die halbe Stadt, um mit Freunden in der Sonne zu sitzen, wo doch sonst immer alle zu mir kommen. Und da kam mir der Gedanke, dass ja alles für irgendwas gut ist. Dachte an die vergangenen Jahre, die ich mich so gerne verkrümelt habe hinters Haus, auf dieses verwunschene Stückchen Erde. Wie kommod das war, weil ich keinen Schritt in die Welt gehen musste. Und dass es vielleicht an der Zeit ist, mal wieder vor die Tür zu gehen, anstatt in meinem Garten oder dem Garten meiner Freunde von gegenüber oder auf der Terasse der Dezemberaffaire zu sitzen. Ja, auf diese Weise kann man schnell auf den Gedanken kommen, dass es einem an rein gar nichts fehlt. 

So fuhr ich also zur Marheineke Halle, die ja allgemein ein verhasster Ort ist, weil sie in der verhassten Bergmannstraße ist und diese zu hassen, ist eine Mode geworden, der ich mich weigere zu folgen. Ich mag diese Straße, mochte sie immer.

Es war Flohmarkt, was das Gewusel noch wuseliger machte, kleine Kinder spielten mit dem Hund, wir saßen in der Sonne und ich dachte, "geht doch" und "ist schon was anderes als mein Grab im Grünen". 

Ich besprach meine Wanderung im Gedankengebirge und beschloss, das Telefonat mit meinem Vermieter so zu gestalten, dass ich ihn praktisch zwingen werde, mir ein offizielles Gartenverbot auszusprechen (denn dieses wortlose Verschließen der Tür will ich ihm nicht durchgehen lassen. Soviel Eier in der Hose muss er schon haben, mir das persönlich zu sagen), und dann werde ich mit meiner Wohnung abschließen und mir was neues Nähe Bergmannstraße oder im Fliegerviertel zu suchen. Jetzt wird jeder sagen "Träum weiter, du dumme Nuss", aber ich habe ja nicht nur dieses gute Parpkplatz-Karma, sondern bisher auch jeden gewünschten Job und jede Wohnung bekommen. Ich muss es halt nur wollen. 

Heute rief mich meine Freundin von gegenüber an, komm rüber, überraschend sind Dings und Dings gekommen, wir frühstücken. Denen musste ich das Vermieter-Garten-Drama natürlich auch schildern und dann wurde ich bedauert eingenordet. Ich sehe das alles falsch. Mein Vermieter muss mir gar nix sagen und wenn er da hinten eine Sickergrube oder ein Hochhaus bauen will, ginge mich das auch nichts an. Es ist sein Privatgrundstück, auf dem könne er machen, was das Bauamt erlaubt und wie ich auf den Gedanken komme, einen siebzigjährigen Mann erziehen zu wollen? Hätte ich halt nicht wütend eine Mail schreiben sollen. Selber schuld. 

ABER: das Wespennest sei eine Fügung des Himmels. Darüber könne ich zumindest die Kurve bekommen, am 2. Mai ohne erzieherischen Auftrag mit ihm zu telefonieren und ihn nicht an seine Nervgrenze zu bringen, die im schlechtesten Fall eine Kündigung nach sich zöge. Zunächst mal muss er das Wespennest entfernen lassen, das biete eine rein sachliche Gesprächsgrundlage. Und zweitens könne ich ihn somit ohne weiteres bitten, solange die Gartennutzung möglich zu machen, weil ich die Balkontür nicht mal geöffnet halten kann. 

***

No doubt about, ich werde nie wieder in diesem Garten sitzen, denn (um ein Gleichnis zu nutzen): er hat längst Schluss mit mir gemacht. Das ist mir natürlich klar, trotz irrationaler Hoffnung auf Wendung zum Guten. Aber natürlich weiß jede Fraugenau, wann sie ihre Favoritenposition unwiederbringlich verloren hat. Außerdem: man legt sich nicht ungestraft mit jemandem an, der in der stärkeren Position ist. Und mich mit meinem Vermieter anzulegen, ist zweifellos bescheuert gewesen. Man soll nicht wütend Mails schreiben, denn will man glücklich sein oder Recht haben?

Wie gesagt: alles ist zu irgendwas gut. Und neulich stand in meinem Horoskop "Lassen Sie alle Erwartungen los". 

Das übe ich jetzt. .

Sonntag, 29. April 2018

Männer, die laufen

Heute lief ein Mann im Wald an mir vorbei, von dem ich aus der Ferne dachte, dass er noch sehr jung ist. Er lief wie ein kleiner Junge: Die Schultern ein bisschen hochgezogen, die Arme eng am Körper, die Beine schlaksig, insgesamt leichtfüßig und mühelos. Als er näher kam, staunte ich. Er war mindestens siebzig Jahre alt. 

Das erinnerte mich an eine fast surreale Szene. Vor ein paar Jahren schlenderte ich eine Anhöhe hinunter. Mir lief ein Junge von vielleicht 18, 19 Jahren entgegen. Ich habe nie einen Menschen derart kraftvoll und ohne die geringste Anstrengung einen Berg hochlaufen sehen. Fast schien es, dass er immer noch an Tempo zulegte, dabei atmete er mit geschlossenem Mund. Als er auf meiner Höhe war, sah ich kurz sein Gesicht. Ein Prototyp gesunden Aussehens. Er lief völlig geräuschlos und in sich gekehrt an mir vorbei. Der wird mal Präsident, dachte ich.

Hingegen der Ex, der mir in den ersten beziehungsanbahnenden Tagen stolz erzählte, dass er mal den Marathon gelaufen ist. Als wir dann eine für beide Seiten befriedigende Statusklärung beschlossen, wollte er mir auch schnell zeigen, wie gut er rennen kann. Da ich das nicht so gut kann, fuhr ich auf dem Rad neben ihm her. 

Nach kurzer Zeit dachte ich, wie hat der jemals einen Marathon geschafft? Einen Arm hielt er ganz eng am Körper, mit dem anderen schlenkerte er wild umher. Seine Schritte waren nicht raumgreifend, sondern kurz und eher in die Höhe als in die Weite, ein ineffizientes, angestrengtes Gehüpfe war das. Er keuchte beängstigend und sein Schweiß floss in Strömen. Ich war froh, dass ich das Handy dabei hatte, denn es konnte nicht mehr lange dauern und ich müsste einen Krankenwagen alarmieren. Er klappte wie durch ein Wunder nicht zusammen.

Natürlich musste ich ihn hinterher auch noch bewundern, beschloss aber, unser junges Glück nicht über Gebühr mit Lügen zu belasten. Ich begleitete ihn nie wieder. Von da an ging's bergab, denn als er mir ein paar Monate später plötzlich eine Olympia Medaille vor die Nase hielt, fragte ich zerstreut, ob er die auf dem Flohmarkt gekauft habe - und ich meinte das weder despektierlich noch ironisch, sondern ganz authentisch mäßig interessiert. Ich hatte ihn einfach nicht als Medaillengewinner auf der Kappe. Er wurde sehr sauer, denn es handelte sich um seine Marathon-Medaille und er fühlte sich von mir nicht ernst genommen.  

Und dann gibt es noch Männer, die weglaufen. So eine Marathon-Vorbereitung kostet Zeit, viel Zeit, die man nicht mit dem Ehegesponst verbringen muss. Die kann aber nicht meckern, denn der Kerl säuft nicht, betrügt nicht, er hält sich nur gesund, da darf man nicht zürnen. Er läuft um 5.30 Uhr vor der Arbeit und um 18 Uhr nach der Arbeit und am Wochenende sowieso. 

In späteren Jahren wird wegen der Knie ein Rennrad angeschafft und schnell schafft es der ehemalige Marathonläufer auf 160 Kilometer am Tag, 35 kmh Durchschnitt. Das kostet auch jede Menge Zeit. Den Rest der Freizeit wird an dem selbst zusammengebauten Rad rumgeschraubt. In unserem Alter hat man - wenn alles gut gegangen ist - das Geld für teure Ersatzteile und schreiend bunte Fahrradbekleidung.


Gebremst werden diese Hasardeure nur von Schulterfrakturen, weil was schief gegangen ist. Da darf die Gattin aber nicht frohlocken. So ein Vollprofi ist unleidlich, wenn er zur Untätigkeit verdammt ist.

Sonntag, 22. April 2018

Fräulein Annikas Gespür für Sonne

Der Mecklenburger an sich ist ein sperriger Mensch, wenn mir diese Verallgemeinerung erlaubt ist. Das habe ich jedenfalls in Erinnerung aus meiner Zeit im Außendienst, in der mir das Gebiet Mecklenburg-Vorpommern anvertraut war. Während mir ansonsten die Entfaltung meines Charmes schnell gelingt und auf das entsprechende Echo trifft, habe ich mir an diesem Menschenschlag ganz schön die Zähne ausbeißen müssen. Hernach sind sie treue Gefährten, aber ditte dauert.

So dachte ich schon an eine Sinnesspaltung, weil meine Mailnachfragen zum Ferienhaus in einem kleinen vergessenem Kaff so prombt wie freundlich beantwortet wurden. Auch sonst musste ich völlig neue Erfahrungen machen. Bis auf eine Ausnahme - wir ließen den Hund auf den ausgestorbenen Straßen frei laufen, weshalb beinah auf uns geschossen wurde - waren durchgehend alle Menschen, denen wir begegneten, von freundlicher Herzlichkeit und teils ausufernder Gesprächsbereitschaft. Der Mecklenburger ist grundlegend wesensverändert und jeder einzelne ist somit praktisch eine Marienerscheinung.

Das Haus, das wir bezogen, barg allen Luxus, den man sich nur wünschen konnte und war zudem entzückend möbliert. Das tröstete uns über die Einöde, in der sich ein Investor alle leerstehenden Gebäude unter den Nagel gerissen hat, um sie äußerst geschmackvoll herzurichten und Berlinern zu vermieten, die gerne mal wo hin fahren, wo sich Hase und Fuchs eine gute Nacht wünschen. 

Wir hatten abartiges Glück mit dem Wetter; es war so sommerlich warm, dass wir knackebraun zurückgekommen sind; was uns auch darüber hinweg tröstete, dass wir gar nicht am Meer waren und auch nicht an einem Bodden, sondern an einem Mini-Bodden, an dem es genau einen Zugang zum Wasser gab, an einer mittelkleinen Wiese, zu der wir uns erst durch den Wald schlagen mussten. Auf der Karte sah das alles ganz anders aus. 

Aufregung gab es nur am Montag, als wir uns wegen des an diesem Tag noch bescheidenen Wetters auf den Weg in die nächste größere Stadt, Ueckermünde, machten. Wir bummelten durch die Fußgängerzone, das eine und andere Wämslein wurde erworben und als wir wieder ins Auto stiegen - ich nach hinten, was mich schon auf der Hinfahrt denken ließ "Wenn mal was ist, habe ich hier keine Chance, heil rauszukommen", jedenfalls, kaum saßen wir alle auf unseren Plätzen und die Auftragsmörderin den Wagen startete, brüllte ich auch schon los: "Raus, raus, raus, es brennt, die Tür brennt!"

Nur der Hund blieb seelenruhig im Kofferraum sitzen, während die Dezemberaffaire, immer noch lädiert von ihrer Artistik-Einlage auf dem Pferd, versuchte, so schnell wie möglich wieder auszusteigen, während ich hinten um mein Leben bangte. Als ob es nicht schon gereicht hätte, dass unser Kaff kein Netz hat - für eine Hypochonderin ist es schon ein Survival-Urlaub, wenn sie nicht mal die Möglichkeit hat, in case of den Notarzt anzurufen.

Erstaunlich, wie schnell die Rauchentwicklung vonstatten ging. Tatsächlich war die Lampe unten an der Tür durchgeschmort und wie durch einen Kamin befeuert war in Sekundenschnelle das Auto voller Rauch. Immerhin ist es nicht explodiert und wir haben alle überlebt. Der ADAC kam und klemmte fachmännisch ab und wir dachten uns Zeitungsschlagzeilen aus. 

"Tod in Ueckermünde - nur der Hund hat überlebt"
"Drei Frauen in der Sommerfrische - sie hatten noch so viel vor"


Den Rest der Woche lagen wir rum und weiter gibt's auch schon nichts mehr zu erzählen. Ich war beschäftigt mit Juli Zeh: "Unterleuten". Mir wurde es von einem Freund zu Weihnachten geschenkt und zum Geburtstag gleich noch mal, so groß ist seine Begeisterung - jetzt weiß ich auch, warum. Ich kann nur jedem empfehlen, ein paar Tage im  Sommer (heiß muss es sein) in ein gottverlassens, abgeschiedenes Dorf ins Brandenburgische oder Mecklenburgische Umland zu fahren und sich dort auf einer Wiese in die Abgründe von Unterleuten zu vertiefen; das ist besser als Netflix.

Doch, eine Sache noch, an dem Abend, als ein Wolf Huskie über unseren Zaun sprang und umgehend und in provozierender Weise den Garten vollpisste markierte, was von unserem Hund verdutzt zur Kenntnis genommen wurde, aber nur zwei Sekunden lang. Dann wollte er spielen. Nach dieser kurzen Gefühlsverwirrung und aufgrund der Spiegelneuronen oder seiner Gene ergriff er die nötigen Maßnahmen und hatte sein eigenes Überlebenstraining.

Und wieder mal dachte ich, den will ich wirklich nicht zum Feind haben. 

Als wir am Samstag wieder in Berlin waren, konnten wir uns nicht trennen, was auf eine harmonische Zeit in der Diaspora hindeutet; deshalb fuhren wir gleich weiter zur Dezemberaffaire auf den Reiterhof und bevölkerten ihre 40qm Terasse bis zum heutigen Sonnenuntergang, untermalt von Hufgetrappel und mit schadenfrohen Blick auf die Wetter App. Ab morgen wird es kalt und regnerisch. Uns doch egal, wir hatten unseren Sommer. 

Keine Ahnung, was uns geritten hatte, mitten im April eine Reise an die Ostsee zu planen. Alles richtig gemacht.  

Freitag, 13. April 2018

Präsentismus oder: dead woman walking

Gegen Nachmittag wird mir plötzlich flau. Ich kenne die Zeichen: entweder werde ich noch heute sterben oder es kommt ein Gewitter. Alle Farbe weicht dann von mir, auch die Schminke. Letzteres liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich auf altmodische Art anmale. Nur getönte Tagescreme, nix Concealer; ich will mich ja nicht tapezieren. Jedenfalls bewege ich mich nur vorsichtig, weil sich die Welt über Gebühr schnell dreht. Wie ich da nun sieche, kommt eine Kollegin vorbei und sagt, dass ich beschissen aussehe. 

Sowas darf man mir nicht sagen, als Hypochonderin denke ich dann schnell, dass eventuell doch kein Gewitter im Anmarsch ist, sondern der Sensenmann höchstpersönlich. Ach, winke ich ab, das kenne ich, das ist das Wetter.

Zweifelnd sieht sie mich an und sagt "Der Anne geht es heute auch richtig schlecht, die hat schon Stunden im Sanitätsraum verbracht."

Ach, denke ich, rufe ich doch mal die Anne an, geteiltes Leid ist halbes Leid, mir geht's gleich besser. Sie geht auch gleich ans Telefon, mit ersterbender Stimme flüstert sie "Dir geht's auch nicht gut? Ich komme mal runter zu dir."

Mensch, denke ich, die ist ja tapfer, ich wäre nicht mehr fähig durchs Haus zu wandern, um Kollegen zu besuchen. Ist mir grad alles zu karusselig. 

Nach ein paar Minuten steht sie in meiner Tür, mit hochroten Kopf und erzählt, dass sie sich seit heute früh die Lunge aus dem Hals kotzt und schon einige Stunden im Sanitätsraum verbracht hat, sie hätte so einen Druck auf dem Magen, das könne sich kein Mensch vorstellen und andauernd würde ihr schwarz vor Augen. Mir wurde auch schwarz vor Augen.

Bist du bescheuert, frage ich sie, was machst du hier noch? Und weshalb (die viel wichtigere Frage) kommst du extra runter zu mir, das hättest du mir doch auch am Telefon erzählen können, du bist doch bestimmt hochansteckend, fass bitte nichts an, nein, lass die Tür ruhig offen, am besten kommst du gar nicht rein und why the fuck bist du noch im Büro? 

Sie habe noch einen wichtigen Termin. 

Will sie denen auf den Tisch kotzen? Das kann nicht ihr Ernst sein. Sie wird ganz Berlin kontaminieren und mit mir hat sie angefangen und dann denken alle, Putin war's und dann erzählt sie mir, sie hätte nach dem Saniraum auch noch den Ruheraum aufgesucht und hätte sich auf den Liegesessel begeben - auf dem vor einer halben Stunde ich selbst gelegen habe! Verdammt, der Raum war verseucht und ich wusste es nicht. Das wird ja immer schlimmer, was sie da berichtet. Und dann seufzt sie immer noch so dramatisch in meine Richtung, hallo Tröpfcheninfektion. Und ich fahr am Sonntag an die Ostsee. 

Da komme ich den ganzen langen Winter ohne Erkältung durch, rufe einmal eine Kollegin an, um mich mit ihr zu solidarisieren und dann bringt sie mich um. 

"Aber rauchen geht noch!"

Ich entspanne mich schlagartig. Jemand mit Norovirus kann nicht rauchen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann auch keine wichtigen Termine mehr wahrnehmen. Sie hat wahrscheinlich nur zuviel gesoffen. Der hochrote Kopf, ich weiß Bescheid.

Sicherheitshalber desinfiziere ich mich von Kopf bis Fuß und fahre fluchtartig nach Hause. Dort mache ich dann später künstlerische Gewitterfotos.
Bildergebnis für kotzende kollegen witze
Ostsee, ich komme!


Montag, 9. April 2018

Brave new Büro World

Eine ganz neue Mode bei uns sind Meetings im stehen. Das fing mal ganz harmlos an, dass wir uns jeden Montag für 10 Minuten in einem Büro trafen und darüber sprechen mussten, was wir die Woche so auf dem Tisch haben werden. Natürlich blieb nur Cheffe stehen, alle anderen lagerten auf den Tischen und erzählten nacheinander, was wir sowieso schon wussten oder keine Sau interessierte.

Daraus wurden ganz schnell tägliche 10 Minuten, zusätzlich zu den Whiteboards, die in jedem Büro aufgestellt wurden, an denen wir auf post its schreiben mussten, was wir zu tun gedenken. Jeder bekam seine eigene Farbe. Vier Spalten gab es: Plan, 25% erfüllt, 50% erfüllt, erledigt.

Einmal pro Woche kam Cheffe in jedem Büro vorbei, stellte sich vor das Whiteboard und ließ sich erzählen, wie weit wir schon waren mit der Aufgabenbewältigung. Das war schon etwas, woran man sich gewöhnen musste, denn das Ding musste à jour sein; also täglich musste man die Post its umkleben. Natürlich klebten wir nur schnell um, bevor Cheffe kam. 

Dann musste das alles noch übertragen werden ins Intranet, weil das für den Rest des Hauses total interessant ist, was wir so machen. Aber nicht einfach so, sondern in Projekträume. Fragt mich, was ein Projektraum ist, ich weiß es nicht und werde es nie begreifen. Und in ein Projektraum darf nur eingetragen werden, was vorher als Prozess definiert wurde. 

Vorteil: wenigstens dürfte man dabei sitzen, wenn man sich das Intranet anschaut, theoretisch, aber dazu hat nun wirklich keiner mehr Zeit. Aber darum geht es Gottseidank auch nicht, nur das befüllen ist wichtig und das drüber reden, im stehen.

Dazu kamen die wöchentlichen Jour Fixe, die wir vorm Tschainsch Manadschment ziemlich genossen, weil wir immer Pizza bestellten und über die neuesten innerbetrieblichen Massaker tratschten. Total old school war das und so konnte das natürlich nicht bleiben.

Als die Geschäftsführung davon hörte, dass wir jetzt immer stehen bei all diesen Meetings, fand die das so toll, dass sie sofort was eigenes machten. Sogenannte Townhall Meetings, bei denen wir gezwungen wurden, uns bis zu anderthalb Stunden die Beine in den Bauch zu stehen. Extra in einem Raum, in dem es nur Stehtische gab. Kein Wasser, kein Kaffee wurde gereicht, weshalb wir nun stets wie Topmodels mit eigenen Wasserflaschen durch's Haus wandern.

Die Stehtische sind harmonisch vor dem Pult von Oberchefin drapiert, aber wie es immer so ist, stand sie ziemlich allein mit den Stehtischen um sich herum, derweil die dumpfe Masse sich an den Wänden weiter hinten herumdrückte. Trotz Aufforderung kamen nur wenige nach vorn. So nah möchte man nicht vor ihr stehen, eine natürliche Barriere ist das.

Sie erzählt dann immer, was für ein toller Haufen wir sind, was nur daran liegt, dass sie so ein tolle Oberchefin  ist, am Ende sagt sie „Hat jemand Fragen?" Die üblichen Verdächtigen stellen eifrig überflüssige Fragen, weil es suizidal wäre, wirklich wichtige Fragen zu stellen und der Rest rollt unauffällig mit den Augen und reibt sich die Krampfadern. 

Danach humpeln wir dann wieder in unsere Büros und kleben neue Post its ans Whiteboard. 

Inspiriert von "später bügelgrundkurs, früher gintonic"

Donnerstag, 5. April 2018

Nächtliche Anrufe

Nacht 1
Um halb zwei ins Bett, kaum liege ich, Pling! Wer schreibt um diese Zeit? Eine Freundin mit schlimmen Kummer. Ich will das nicht näher erläutern, aber es ist wirklich richtig schlimmer Kummer, Höchststrafen-Kummer. Wir reden eine halbe Stunde, dann traut sie sich zu, durch die Nacht zu kommen.

Nacht 2
Um Mitternacht ins Bett. Pling! Eine Freundin, die sich aus dem Urlaub meldet. Wie denn Ostern so gewesen sei. Bei ihr ins Spanien sei alles tippetoppe. Sie ist in Plauderlaune. Ich nun wirklich nicht.

Nacht 3
Kurz vor Mitternacht. Festnetzanruf. Ups, ist was mit dem Mütterle? Nur sie benutzt noch Festnetz. Nein, Freundin mit Beziehungsstress. Sie steht vor dem Hotel, nach riesigem Krach mitten auf der Straße. Was sie jetzt tun soll? Naja, sage ich, das ist doch klar. Du gehst jetzt rein ins Hotel, buchst dir ein Einzelzimmer, schaltest dein Handy auf Flugmodus und hast eine entspannte Nacht. Ich lege auf und weiß, dass sie das natürlich nicht tun wird. Ich bin zu alt für solche Telefonate.

Nacht 4
0.30 Uhr, ich dämmere schon weg. Pling! Die Beste. Der Besten ist man gerne verpflichtet, schon klar. Aber ich bin die nächtlichen Ruhestörungen allmählich leid. 

Heute zur Abwechslung Anruf tagsüber
Unsere gemeinsame Putzfrau ruft an. Sie ist im Haus der in Spanien weilenden Freundin. "Ich glaub, der Kühlschrank ist kaputt. Alles warm und kein Licht." Ich gebe in Spanien bescheid. Komme nach Hause, rolle die Mülltonne vor die Terassentür und entsorge den schon reichlich übelriechenden Inhalt. Wie gut, dass ich so gerne wegschmeiße. 

Da ich heute schon am hellichten Tag behelligt wurde, hoffe ich auf eine ungestörte Nacht.  

Freitag, 30. März 2018

Bada Bing!


An fünf Wochenenden haben wir knapp 90 Folgen Sopranos geguckt, die Dezemberaffaire und ich. Zwischendurch haben wir Geburtstag gefeiert, Doko gespielt und waren immer heilfroh, wenn endlich alle gingen, damit wir weiter gucken können. 

Jetzt sind wir in eine Depression gefallen und wissen nicht recht, wie wir den Rest unseres Lebens gestalten sollen. 

Gestern kam sie kurz vorbei, um sich den Hund der Auftragsmörderin abzuholen. Der war ein paar Stunden bei mir zwischengeparkt. weil letztere auf Reisen geht und erstere sich - wegen ihres Salto Mortale vom Pferd immer noch außer Gefecht gesetzt - zu einer semi-professionellen Hundesitterin entwickelt hat. 

Sie ist schon so vertraut in meiner Wohnung, dass es sich im Grunde um ihren Zweitwohnsitz handelt. Es klingelte, der Hund drehte durch und schon stürmte sie an mir vorbei, mit zwei Tiefkühlpizzen in der Hand. "Ich nehme an, wir haben Hunger.", sprach's, nahm sich den Rotwein und machte es sich auf ihrem Sofaplatz bequem. 

Wir besprachen, wie es weitergehen soll. Über Ostern wird das Wetter so beschissen, dass wir uns keine Vorhaltungen machen müssen, wenn wir einfach liegen bleiben. Der Hund wird uns zwingen, dreimal am Tag das Haus zu verlassen, das verringert die Thrombose-Gefahr erheblich. 

Aber was gucken wir? Als Vollmitglieder der Sopranos haben wir mit dem Ende der Serie jeden Lebenssinn verloren. Leider auch die Fähigkeit, uns auf andere Serien zu kaprizieren. Was haben wir nicht alles versucht. 

Ich schaute trübsinnig in die Tasse, die sie mir geschenkt hat. 
Bild 1 von 1
Wir haben es dann mit House of Cards versucht - keine Chance. 
High Maintenance - no way, jedenfalls jetzt nicht.
Berlin Babylon - och nö
Empire Boardwalk - ich konnte immer nur auf die hässlichen Zähne von Steve Buscemi schauen. 

"Findest du da rein?"
"Nö, ich versuch was anderes."

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, etwas adäquates zu finden, verschwand sie um Mitternacht mit dem Hund im strömenden Regen. Wir brauchen dringend einen Plan für Ostern. Irgendwelche Vorschläge?


Apropos Hund: der hat sich zu einem pestilenzartigem Furzer entwickelt. Und seitdem er entmannt wurde, hat er an Gewicht zugelegt. Er liegt aber weiterhin gerne direkt auf uns drauf. Er raubt einem in mehrlei Hinsicht die Luft. Ich nenn' ihn jetzt Moppi und bin immer heilfroh, wenn er wieder zu ihr rüber wechselt.


Dienstag, 27. März 2018

Murphys Gesetz

Heute wollte ich die Mittagspause nutzen, um rasch ein Ostergeschenk für meine Nichte zu besorgen.

Ich lief zu meinem Auto, aber das war nicht mehr da. Stattdessen flatterte ein Flatterband dort, wo ich am Morgen erfreut eine Parklücke ausgemacht machte, in die ich mich so kunstfertig wie stets reinquetschte. 

 

Die hatten alle abgeschleppt, bis auf den schwarzen Wagen, der am Horizont zu sehen ist. An dem führte das Flatterband vorbei und war dann ganz vorn, am Ende der Straße, befestigt. Die Halteverbotsschilder standen so, dass man sie als Fußgänger gar nicht wahrnahm, denn sie waren komplett zur Straße gedreht. Aus meiner Sicht hatte ich gar keine Chance, wahrzunehmen, dass da überhaupt etwas stand - ungefähr in der Mitte vons Janze hatte ich geparkt und bin dann schnell ins Büro gestöckelt. Jetzt machte ich erstmal erbost Beweisfotos, vor allem davon, dass außer dem Flattern das Bandes keine weiteren Aktivitäten festzustellen waren, bei denen mein Auto im Weg gestanden hätte.

Ich rief die Polizei an, wo denn mein Wagen stünde. Taxi rangewunken, hingefahren. Ich steige in mein Auto, wende und will nun endlich zur Beschaffung des Ostergeschenks schreiten. Kommt mir die Polizei entgegen, drängt mich zur Seite, zwingt mich zum halten. "Gute Frau, das ist eine Einbahnstraße. Bitte mal die Fahrzeugpapiere."

Verdammt teues Vergnügen, dieser Tag. Ich habe zwar nicht vor, das abschleppen zu bezahlen, denn Gottseidank las ich erst kürzlich in der Zeitung, dass die Berliner Verwaltung nicht mehr hinterher komme mit dem Einziehen von Bußgeldern, weshalb die Verfahren entnervt eingestellt werden. Mal sehen, wie ich der blöden Abschleppfirma klar mache, dass die ihre Schilder äußerst sparsam und zudem so gut wie unsichtbar aufgestellt hat. Ich habe jetzt an fünf Wochenenden alle 86 Folgen von den Sopranos geguckt, ich bin mit allen Wassern gewaschen. Zur Not rufe ich Scheiß Pauly an, der war vor seiner Karriere als Scheiß Pauly Berufsverbrecher und kann mir bestimmt weiterhelfen.

Ich also weiter zu dem Laden, finde einen Parkplatz direkt vor der Tür. Fahnde sicherheitshalber nach Verbotsschildern. Kaufe das Geschenk in nullkommanix, gehe zurück zum Auto, aber ich sehe es nicht mehr. 

Es steht ein riesiger LKW in zweiter Reihe. Keine Werbung drauf, ich kann niemanden anrufen. "Nur die Ruhe" mantrasiere ich vor mich hin. Weit und breit niemand zu sehen. Ich warte. Dann kommt der LKW-Fahrer. "Ich bin gleich weg, ich muss nur noch diese Palette reinbringen." Ob er nicht fünf Meter vorfahren könne, ich habe es eilig. "Nee, das bringt mir nichts." Wo ist nur dieser Scheiß Pauly?

Zurück zum Büro, entscheide ich mich, die firmeneigene Tiefgarage zu nutzen, für die habe ich immer eine Zehnerkarte, benutze sie aber nur, wenn in der Nähe wirklich nix zu machen ist oder es in Strömen schüttet. Kurz vor der Einfahrt mache ich das kleine Handschuhfach auf, in dem die Parkkarte liegt. 

Seit 10 Jahren liegt sie da. Jetzt ist sie weg. Where the fuck is Scheiß Pauly?

Ich schütte den ganzen Inhalt auf den Beifahrersitz. Dazu den Inhalt meiner Handtasche, sinnlos, nichts zu machen, die Karte bleibt verschwunden. Ich fahre wieder los, umkreise das Büro und fahre zurück in die Straße, in der ich zuvor abgeschleppt wurde. 

Nur auf eins ist Verlass an diesem Tag: mein Parplatz-Karma. 

Gegen 20 Uhr verlasse ich das Büro und kann mich wenigstens darüber freuen, dass ich den ganzen Scheiß schon am hellichten Tag durchgestanden habe.