Montag, 13. August 2018

Schönes Blog entdeckt

Onkel Maike

Bericht von einer Hochzeit:

"Der Bräutigam musste seine Ansprache kurz unterbrechen, weil er auch nach dreizehn Jahren Beziehung immer noch begeistert, fasziniert und verliebt ist und ihm vor lauter Liebe und Aufregung die Stimme wegblieb. Das war romantisch. 

Sogar so innerlich Tote wie ich waren ergriffen. Die seelisch Gesünderen weinten mit. „Hm, dass das jetzt dermaßen rührend ist, hätte ich vielleicht doch öfter mal auf Hochzeiten gehen sollen“, grübelte ich kurz. 

Aber für Gram über die verpassten Gelegenheiten des Lebens war kein Raum. Denn nach der Trauung war schon Snack-Zeit. In den kühlen Gewölben des Schlösschens wurden Champagner sowie exquisiteste kleine Leckereien kredenzt. Mini-Pasteten, feiner Fisch, Gänseleber und ich weiß nicht was noch. 

Niemals hätte ich gedacht, man könne mich durch Essen korrumpieren. Aber auf einmal, so im fröhlichen Champagner/niedliche Pastetchen-Rausch dachte ich, ach so funktioniert das und erklärt dann auch Phänomene wie die SPD. Ich halte es von nun an nicht mehr für ausgeschlossen, dass ich mit den richtigen Petit Fours und Aperitifs doch von der Notwendigkeit von Braunkohletagebau, Dieselmotoren, völkerrechtswidrigen Angriffskriegen oder Thomas Oppermann überzeugt werden könnte."

Dabei: 

„Meine Liebe, Du weißt, ich bin kommunistischer Zottelhippie, ich kann eigentlich nicht mit Leuten verkehren, die Weddingplannerinnen beschäftigen oder auf deren Hochzeiten gehen"

Sonntag, 12. August 2018

Ruhe in Frieden, lieber W.

Nun hat er es doch nicht geschafft, the grumpy old man on his grumpy old horse.  

Er hat sich seine Beerdigung in einem Friedwald gewünscht, unter irgendeinem Baum, der nicht markiert ist, ohne einen Gedenkstein, weil er nicht wollte, dass "aktiv" an ihn erinnert wird. Er hing keinem Glauben an, was seinem nüchternen Charakter entsprach, also übernahm der Förster das Procedere.

Wir versammelten uns auf dem Parkplatz am Waldrand und warteten, bis alle vollzählig waren. Der halbe Reiterhof war gekommen und als besondere Geste hatte seine Witwe eine Sondergenehmigung erwirkt. 

Sein Pferd durfte dabei sein.  

Es wurde gebracht und geführt von der Reiterhofbesitzerin, die im wahren Leben the grumpiest woman of the world ist, aber ihm die Ehre zu erweisen, war selbst ihr wichtig. 

Mir jagte es Tränen in die Augen, als wir uns - das Pferd mitten unter uns - in einer langen Prozession durch den Wald zum Andachtsplatz machten. 

Es war meine erste Beerdigung in einem Friedwald. Wir wurden vorab gebeten, unsere Bekleidung "den Gegebenheiten des Waldes" anzupassen. Ich dachte natürlich an festes Schuhwerk und überlegte ernsthaft, meine potthässlichen aber superbequemen Schreckenssandalen anzuziehen, aber da ich die nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit trage, sah ich davon ab und passte mein Schuhwerk lieber den Gegebenheiten einer Beerdigung an.

Der Andachtsplatz selbst bestand aus einem Halbrund von Baumstämmen, die als Sitzfläche fungierten, einem Pult aus Holzstämmen gezimmert und einem Baumstamm, auf dem die Urne stand. Die Szene hatte etwas Unwirkliches und dem Pferd, das etwas versteckt hinter den Bäumen stand, wuchs ein Einhorn, ich schwöre es.

Enge Verwandte und Freunde hatten Reden vorbereitet, aber da der Verblichene ebenso bestimmt hatte, nicht über ihn zu reden, näherte man sich ihm mit Texten, die seiner Frau Trost geben sollten. Eine junge Frau mit Querflöte spielte Stücke von Telemann und Debussy, was sich träumerisch verloren anhörte so mitten im Wald.

Danach verbeugte sich der Förster knapp vor der Urne und sagte, dass wir ihm nun alle folgen sollen zur letzten Ruhestätte. Wir gingen und gingen und gingen und ich dachte, du meine Güte, er wollte wohl auch wirklich ausschließen, dass ihn jemals jemand besucht, so tief rein ging es in den Wald. 

Aber es gab auch lustige Momente: einer hochschwangeren Frau, seit zwei Tagen über den Termin, wurde von einem anwesenden Gynäkologen gesagt, das "Macht gar nix, machen wir halt eine Waldgeburt."

Angekommen stellten wir uns im Kreis auf und der Förster ließ, wiederum mit einer knappen Verbeugung, die Urne in die Erde. Keine Kränze, keine Reden, kein Asche zu Staub, nur Blütenblätter, anderes ist nicht erlaubt im Wald. Ganz nach meinem Geschmack.

Das Pferd schnaubte, wusste aber mit Sicherheit nicht, weshalb es zur Unzeit nicht etwa auf die Weide durfte, sondern in den Transporter geladen wurde, um mit einem Haufen Menschen durch den Wald zu spazieren. Auf dem Rückweg hatte das Pferd es zunehmend eilig, es hatte langsam die Nase voll. 

Als es Abend wurde und dunkel, dachte ich an ihn, wie er da jetzt ganz allein mitten im Wald liegt, unfindbar für jeden von uns, mürrisch und weltabgewandt, wie er wohl auch im Leben war, obwohl ich das nur aus Erzählungen weiß, denn zu mir war er immer entzückend charmant, wohl weil ich ihm stets begeistert begegnete über die Jahre nach unserem "Wochenendreitkurs für Ängstliche", an dem er sich als völlig angstfrei entpuppte und schon vier Wochen später wie ein Bekloppter über die Felder galoppierte - etwas, was ich in diesem Leben nicht mehr schaffen werde. 



Donnerstag, 9. August 2018

Lucky eight

Heute bin ich die glücklichste Frau der Welt. Ich habe seit sieben Stunden eine mobile Klimaanlage. 

Ruft mich meine Ex-Nachbarin an. Die, die neulich mit Mann, Maus und Kegel ausgezogen ist, zu meiner Bekümmerung. Da trifft mich ein Blitz. Die hatten doch so eine AC. Die sie nie benutzt haben, weil sie ihm zu laut war. Frag ich nach, habt ihr die noch? Klar, willst du sie haben? Eine halbe Stunde später brachten sie sie mir vorbei. Für einen Freundschaftspreis. Gott liebt mich.

Weitere 30 Minuten später war mein Schlafzimmer runtergekühlt. Und ich im Glück. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich war. 

Keine Frage, ab jetzt ist die Hitzeperiode vorbei. Weil ich ja immer zu spät mit technischen Erungenschaften bin. Aber ich habe jetzt eine und das ist die Hauptsache. Ich werde nie wieder Angst vor Hitze haben. Ich werde sie auch fast nie benutzen, weil allein der Gedanke hilft, dass da jetzt R2D2 in meiner Wohnung steht. 

Später saßen wir auf der Terasse drüben bei den Nachbarn, die hoffentlich nie wegziehen werden. Wir klebten vor Hitze. Mir wollte glatt ein bissel blümerant werden. Aber das hat mir nichts ausgemacht. R2D2 wartete auf mich, still und geduldig, für den Fall der Fälle. Alles gut. 

 

Dienstag, 7. August 2018

Blogger-Hürdenlauf

Ich greife mal die Idee von Zeilensturm auf: Hier könnt ihr mehr darüber lesen.
Da er in meiner Blogroll angefangen hat, spinne ich das mal weiter. Bei der Hitze kann ich sowieso nicht schlafen. 

Angefangen habe ich bei Tikerscherks Blogroll. Von dort bin ich hier gelandet: Wildgans: Relativ kurze, an manchen Tagen sogar nur Ein-Wort-Posts. Zitat:


"Ich ertappe mich dabei, den alten Herrn mit seinem Elektrorollstuhl kurz zu beneiden. Ich sah ihn aus den Fluren des Missionsaltenheims fliehen und nun an der Eisdiele zum harschen Hassan stehen bleiben, um mit den Eisessrentnern zu plaudern. Oh, dachte ich, der muss sich um nichts kümmern, nicht Wäsche waschen, nicht kochen, überhaupt nichts muss der tun. Menschenskinder, wie weit ist es mit mir gekommen. Ich wollte doch bei „Mit 85 um die Welt“ mitmachen, oder beim Isabell Allende-Fan-Club, wo man sich mit 76 neu verliebt."

Gefällt mir. 

Frau Wildgans hat eine üppige Blogroll, Gottseidank. Das haben leider die wenigsten. Gefunden habe ich dies hier: Hausfrau Hanna. Leseprobe:


"Am Abend spät, wenn die grösste Hitze vorbei ist, machen wir immer einen Spaziergang durchs Dorf und gehen dann weiter über einen der umliegenden, sanften Hügel. Wenn die Sonne am Horizont untergeht, stellt sich ein Gefühl des Friedens ein. Ich brauche diese abendliche Bewegung."

Nun ja, ich brauch keine abendliche Bewegung, aber wer's mag.  

Und weiter geht die wilde Fahrt: Geschichten und Meer

"An einem Tag wie heute ist er gestorben, einer, über den ich im Vorgängerblog einmal geschrieben habe, wobei ich wohl den Eindruck erweckt habe, er sei so eine Art freundlicher Gartenzwerg gewesen. Aber das war er ganz und gar nicht. Vielmehr war er einer, der das Gewicht eines Ochsen aufs Pfund genau schätzen konnte"

Fängt gut an und hört ebenso gut auf. Muss ich mir merken. 

Und weiter gehts:  Wortschnittchen. Lest selbst:

"Die Luft steht zwischen den Häuserschluchten, einzig der Weg am Friedhof entlang ist kühler. Die Toten ziehen die stille Kühle vor, unter ihren schattenspendenden Bäumen weht ein leiser Hauch und flüstert mir ins Ohr: „Sei dir nicht zu sicher.“

Bekanntlich bin ich mir auch nie zu sicher. So gesehen könnte das interessant sein. 

Dort der Hinweis zu Gaga Nielsen, offenkundig eine Berlinerin:

"Vorhin auf dem Weg zur S-Bahn auf dem Gehweg in der Sophienstraße ein würfelförmiger offener Karton mit Zeug und rundum laufendem Klebeband "VORSICHT URNE". War aber keine drin. Habe nur einen kurzen Blick im Vorbeigehen daraufgeworfen. Da man ja nicht ohne weiteres Urnen mit Asche ausgehändigt bekommt, hat sich vielleicht jemand bei Amazon oder Sargladen.com ein hübsches Modell für später bestellt."

Das liest sich doch hübsch. 

Und dann noch ein Blog off topic, hat bei mir kommentiert. A life less ordinary. Leseprobe:

"Fahr niemals mehr an die See, während dort tropischer Sommer ist. Nimm keine Aufträge an wenn Du absehen kannst Du wirst sie abwickeln müssen in der allergrößten Hitze. Und nein, heimzufahren aus der Vorhölle in ‚kalte‘ 25 Grad hilft nicht, denn irgendwann musst Du aus dem klimatisierten Raumschiff ja auch wieder mal rausklettern … weil es darin nämlich keine Badewanne gibt, auch keine Eistonne, und der Kühlschrank viel zu klein ist um rein zu klettern. Ich hab nachgeschaut, außer zwei Wasserpullen die well done waren hab ich aber nix gefunden."

Ein hitzegeplagter Mensch, der über leidvoll Berufliches schreibt. Blogroll habe ich nicht gefunden

So funktioniert der Blogger-Hürdenauf (Copy and Paste, please): 

Dein Beitrag startet, wo dieser hier endet. Nimm dir die Blogroll/Blogliste des fünften von mir kommentierten Blogs vor. Von dieser Liste klicke eines an. Das ist nun deine Station 1. (Aber nur, falls es selbst eine Blogroll hat, sonst ein anderes Blog der aktuellen Blogroll auswählen! Diese Bedingung gilt logischerweise immer.)
Lese im Blog 1 einen Beitrag, den du auch verlinkst, und schreibe nur drei Zeilen darüber: Lob, Kritik, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Dank, whatever.
Nun klicke auf ein Blog der Blogroll von Station 1. Hat dieses seinerseits eine Blogroll? Sehr gut, dann ist es Station 2. Lese einen Beitrag … verlinke … schreibe drei Zeilen …
Und so noch drei Mal. Bis einschließlich Station 5. Deine Arbeit ist fast getan: fünf Reisenotizen zu fünf Blogbeiträgen. Nur noch diese Regeln hier anhängen – fertig!
Nun muss jemand anderes den Staffelstab (und vielleicht sogar mehrere) bei der Blogroll des letzten in deinem Beitrag kommentierten Blogs übernehmen – und fünf weitere kommentieren.
Vielen Dank für den gemeinsamen Streifzug durch die Meinungsvielfalt!

Montag, 6. August 2018

Frau Nessy parshipt

Alle 262.000 Minuten verliebt sich kein Single über Parship

Der Text ist schon im Juni geschrieben, aber ich habe ihn erst heute entdeckt. Unbedingt lesenswert (auch die 188 Kommentare)

 

Samstag, 4. August 2018

Hochzeit im Backofen

Was soll ich sagen? Ich wachse über mich hinaus.

Ich glaube nicht, dass nach diesem Sommer noch irgendjemand eine Hochzeit im August plant. Es ist dringend davon abzuraten. 

Bewaffnet mit dem kleinen Miniventilator und der Powerbank losgefahren. Die Auftragsmörderin eingesammelt und dann zum Standesamt. Im Wartezimmer lösten sich bereits alle auf, inklusive der Braut. Als wir dann ins Trauzimmer gebeten wurden, Suprise, Surprise: so eisig wie am Nordpol. Eine Klimaanlage sorgte umgehend dafür, dass wir mit Lungen- und Rippenfellentzündung laborierten. Sie blies mit voller Kraft in unsere Rücken, aber schön war's doch. Ich drückte mich solange wie möglich in dem Raum, aber als die nächste Braut kam, musste ich raus. Sie glaubte mir nicht, dass ich zu ihren Gästen gehöre.

Im marokkanischen Restaurant wurde kochendheißes, noch brodelndes Essen serviert, nach der Vorsuppe. Es schmeckte köstlich, aber wir stocherten nur auf den Tellern herum, es waren riesige Portionen und andauernd wurden weitere Speisen gebracht. Die brodelten auch und wir waren auf dem Siedepunkt. 

Ich dachte, Kinder, wenn ich diesen Tag überstehe, dann überstehe ich auch die Gartenparty am Dienstag und die Beerdigung nächsten Samsatg. Und dann muss diese Hitze doch endlich mal zuende gehen. Oder wenigstens kühle Nächte, dann wäre ich schon gerettet.

Abseits dessen war es die entspannteste Hochzeit, auf der ich je gewesen bin. All dieser unsägliche Fifi-Kram mit Tischordnung und Reden halten und dämlichen Spielen fand nicht statt. Die anderen Gäste waren 1a-Menschen, mit denen man relaxt gemeinsam schwitzen und parlieren konnte. 

Später kam die Rede auf mobile Klimaanlagen und Ventilatoren, die ja nun alle ausverkauft sind. Sagt einer der Gäste, doch, bei Yes in der Oranienstraße, da gibt es noch haufenweise Ventilatoren. Ich rief dort an und ein sehr freundlicher Mensch bestätigte, dass es noch ganz viele Standventilatoren für 25 € gibt. 800 Meter von unserer Feier entfernt. 

Ich sagte der Braut, ich verschaffe ihr jetzt neuen Lebensmut und besorge rasch einen. "Bitte zwei!" hauchte sie. Die Auftragsmörderin wollte auch einen und sprang mit ins Auto und keine 10 Minuten später kamen wir mit vier aufgebauten Standventilatoren zurück. Zur Sicherheit habe ich mir auch einen gekauft. In einer Woche verkaufe ich den über Ebay für 1.000 €. 

Um 18 Uhr gingen alle, und das war weit später als geplant. Wir bekamen alle tonnenschwere Doggybags inklusive Hochzeitstorte mit.

Jetzt hatten wir schon soviel überlebt, der Abend noch jung, da konnten wir auch gleich noch DoKo spielen. Im Grunde bin ich Superwoman. Und der Miniventilator blies immer noch mit voller Kraft. Ich spielte zwar den letzten Scheiß zusammen und konnte mich weder erinnern, wer die Kreuz Damen hatte, noch, ob ich selbst eine ausgespielt hatte. Hitze-Demenz. Als ich weit nach Mitternacht heimkam, hatte ich das erste Mal Hunger an diesem Tag und war froh, dass ich Rinderbällchen und Safranreis zur Hand hatte.

Einziger Minuspunkt: mein Kleid. Gestern war mir das vollkommen gleich, aber als ich heute die Fotos bekam, herrje... und das bleibt jetzt für immer in den Alben. Man kauft keine Kleider, die zwei Nummern zu groß sind, egal wie heiß es ist und wie sehr man mit dem Leben abgeschlossen hat. Wieder was gelernt. 

Freitag, 3. August 2018

Im Hochzeitsfieber

Morgen ist nun die Hochzeit. Ich breche zusammen, wenn ich nur daran denke. In einem überhitzten Standesamt die Trauung, anschließend Essen in einem Restaurant. Mehr ist Gottseidank nicht geplant. Mehr würde ich auch nicht überstehen. 

Ich erinnere mich an eine Rubin-Hochzeit an einem 1. August vor bestimmt 25 Jahren. Es herrschten 39 Grad. Es gab Schweinebraten, Rollbraten und Gulasch. Hinterher Buttercremetorten. Alte Schule. Nix vegan oder so'n Scheiß. Zwischendurch Polonaise. Das greise Paar ließ sich nichts anmerken. Ich mir schon. Ich war schon immer schlecht in sowas. Ich halte mich für eine unkomplizierte Frau, für einen Quell der Freude, bin aber die reinste Nervensäge, jedenfalls außerhalb meiner Komfortzone. 

Auf den letzten Drücker habe ich mir ein Kleid geschossen. Rein ins Geschäft, das erste Kleid auf der Stange gesehen, ab zur Kasse, ohne es anzuprobieren, daheim gewaschen, in der Hoffnung, dass es einläuft, denn es war ein paar Nummern zu groß, was mir beim Kauf restlos egal war.

Nach 20 Minuten war das Kleid trocken; morgen werde ich als pinkfarbene Senioren-Barbie im Zweimannzelt reüssieren, egal, ist mir alles egal. Der Tag wird grauenhaft, so oder so. 

Dann noch eine Powerbank gekauft, da werde ich mir einen kleinen Ventilator einstöpseln und mich damit befeudeln. Die Braut beneidet mich schon jetzt darum, sie ist ähnlich gelagert in der Hitze-Resistenz. Sie bringt ihren großen Ventilator mit und stellt den dort auf. Der hat natürlich mehr Wumms als mein kleines Dingelchen. Womöglich setze ich mich neben sie. Ihr Mann hat bestimmt nichts dagegen. Er hört ja auch in der zweiten Reihe, was der Standesbeante sagt.

Meine Freundin von gegenüber sagte heute zu mir, dass sie Angst hat. Anfang des Jahres hat sie mit ihrem Kamderaden eine Reise nach Kreta gebucht. In drei Wochen geht es los. Da ist es ja noch heißer als hier. Ja, sagte ich, hättste mal lieber die Hurtigruten gebucht. Aber es konnte ja auch keiner ahnen, was auf uns zukommt. 

Die Wettervorhersage ist ein Lügenbold. Immerzu kündigt sie für drei Tage später 28 Grad an. Immerzu denke ich, nur noch drei Tage durchhalten, dann ist das Schlimmste vorbei. Und dann doch wieder 36 Grad. In Wirklichkeit meint sie nämlich, dass in drei Tagen nachts um 3 Uhr nur noch 28 Grad sind. Das wird jetzt bis Weihnachten so weiter gehen. Und keine einzige mobile Klimaanlage mehr weit und breit...
 


Dienstag, 31. Juli 2018

Im Hotel

Was soll ich sagen? Seitdem ich dieses runtergekühlte Hotelzimmer betreten habe und die Klimaanlage erstmal runter drehen musste, weil es so kalt war, dass ich sofort eine kleine Kreislaufschwäche bekommen habe, seitdem bin ich wieder ein normaler Mensch.

Es war, als sei eine unglaubliche Anstrengung vom Körper weggenommen.  Ich wurde todmüde, legte mich ins Bett, musste mir gar eine Bettdecke nehmen, und dann schlief ich 3 Stunden so tief und fest, wie ich seit Monaten nicht mehr geschlafen habe.

Gegen 21:00 Uhr verließ ich noch mal kurz das Hotel, um mir etwas zu Essen zu kaufen. Ich prallte auf eine Wand aus Hitze und wusste, ich kann nie wieder hier ausziehen. Ich werde mich jetzt finanziell ruinieren, aber ich kann unmöglich wieder da raus, denn die Wettervorhersage sagt, bis auf weiteres bleibt es wie es ist.

Ich sitze hier und nichts ist anstrengend, einfach wunderbar. Das tolle ist, ich muss morgen erst um 12:00 Uhr auschecken. Das werde ich bis zur letzten Sekunde auskosten.

Männer, die bei Hitze Sport machen

"Ich bin jetzt mit allen Wassern gewaschen. Die Hitze...so what?"

Naja. War ein bisschen voreilig. Seit heute kackt die AC im Büro ab.  Und morgen soll es noch schlimmer werden. Ich hab die Schnauze voll. Ich werde in's Hotel gehen. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt, damit ich auch was von habe. Eine Nacht der Glückseligkeit.

Dummerweise habe ich meinen Büroventilator verliehen, an unser hochschwangeres Küken, die im vierten Stock ohne Fahrstuhl wohnt. Ihr Kind wird schon mit Sonnenbrand auf die Welt kommen. 

Das Ende einer Schwangerschaft sollte im Frühling, Herbst oder Winter sein. Ist für alle Beteiligten besser. Ich selbst bin in einem eisigen Winter geboren und man hat mich als Säugling draußen auf der Terasse geparkt, damit ich genug frische Luft bekomme. Das hat mich geprägt für ein Leben. Ich habe nur eine Toleranz bis 25 Grad. 

Am Wochenende muss ich auf eine Hochzeit. Das wird hart für Mensch und Tier. Und ich kann mich auch nicht schick machen, beim besten Willen nicht. 

In diesen Tagen tun mir Männer echt leid. Die müssen im Büro Hosen tragen, festes Schuhwerk und langarmige Hemden, wahrscheinlich noch mit Unterhemd drunter. Ich weiß nicht, wie die das machen. Unsereiner kann im luftigen Kleidchen und offenen Glitzersandalen performen. Für Männer gibt es ja nicht mal attraktive Schuhbekleidung für den Sommer, außer Flip Fops. 

Den Fischen geht es auch schon ganz schlecht. Der Rhein hat sich auf 27 Grad erhitzt. Da nützt auch nix, dass die die ganze Zeit nackich schwimmen. 

Tja, und mit meiner Gentrifizierung geht es auch mit großen Schritten voran. Das Haus wird ausgeschachtet und morgen klatschen die dann unter meinen Fenstern die frische Teerfarbe dran. Die Braut wird für die Hochzeit hübsch gemacht. Und bis zum 19.9. darf ich keinen verdächtigen Brief vom Verwalter bekommen, sonst bringt die frisch abgeschlossene Mietrechtsschutzversicherung nichts. Aber ich will mal nicht von mir sprechen. Die Handwerker, die heute in sengender Sonne ausgeschachtet haben, sind die wahren Helden unserer Zeit. 

Und meine bekloppten Freunde sind am Wochende ein Ara-Rennen gefahren, 180 Kilometer mit dem Rad durch die Berge, irgendwo bei Regensburg. Ich hätte denen das verboten, wenn ich was zu sagen hätte. Der eine ist im Anschluss auch sehr blass um die Nase gewesen und musste sofort ins Hotel gebracht werden, wo es dann einige Zeit gebraucht hat, bis er wieder wusste, wer er ist. 

Früher haben sich Männer 25jährige Geliebte genommen, um sich jung zu fühlen. Heute radeln sie wie geistesgestört die Dolomiten rauf und runter. Im März musste schon die Hälfte der Gruppe früher abreisen, wegen Herz-Rhytmus-Störungen. Aber das ist ein anderes Thema.

Sonntag, 29. Juli 2018

Einmal Hölle und zurück

"Gehen Sie ohne Umweg über Los direkt in Krankenhaus" - so oder ähnlich wurde einer Freundin befohlen. Der berüchtigte Zufallsbefund. Sie erzählte niemandem davon, 24 Stunden lang. Dann rief sie mich an. Sie wolle nicht ins Krankenhaus. Ich verstand das gut. Aber "Morgen früh hole ich dich ab, ich bring dich hin."

Mir wurde schlecht vor Angst, erstmal vor dem, was sie erwarten würde und vor den sieben Stunden in der Aufnahme, die ich bei 34 Grad durchleiden würde. Ich schalt mich, dass sie liebend gerne mit mir tauschen würde, mit Kusshand, aber ich konnte mein "Problem" nicht relativieren, so sehr ich wollte.

Am nächsten Morgen ein kleines Proviantpaket geschnürt, kurz überlegt und eine große Schüssel dazu, in die ich notfalls Wasser füllen könnte, um unsere Haxen zu kühlen. Es gibt Wetter, bei dem mir völlig gleich ist, wie schrullig ich wirke. Hömma. sieben Stunden Notaufnahme! Drunter machen die das in Berlin nicht. Da ist mir meine Außenwirkung scheißegal. 

Im Krankenhaus angekommen, wurden meine  Befürchtungen noch übertroffen, es kann sich kein Mensch vorstellen, wie stickig und brüllend heiß es dort war. Ich musste aber doch Arschlochsruhe und Zuversicht ausstrahlen, einen Kreislaufkollaps konnte ich mir wirklich nicht leisten. Ich musste stark sein, unbedingt. Einmal nicht jammern über diese beschissene Hitze; einfach die Fresse halten, neben mir saß jemand mit einem echten Problem.

Wir besprachen die Fragen, die sie stellen wollte; damit ich sie daran erinnere, falls sie vor Angst keinen Ton rausbekommen würde. 

Später im Arztzimmer sah ich weg, als sich der Chirurg die MRT Bilder ansah. Ich starrte die Wand an und hielt die Hand meiner Freundin. Dann sagte der Arzt lakonisch "Ja, das ist ein gutartiger Tumor. Muss zwar histologisch geklärt werden, aber sieht definitiv gutartig aus."

Wir sahen uns an und konnten es kaum fassen. "Wir rufen Sie nächste Woche an und nennen Ihnen den OP Termin, wenn überhaupt operiert werden muss." Das wurde ja immer besser!

Wieder draußen war uns die Hitze völlig egal, wir blieben auf einer Bank im Schatten sitzen und sie bat mich um das Proviantkörbchen. "Ich hab so einen Hunger jetzt!" sagte sie. Dann rauchten wir, obwohl ich bei dieser Hitze überhaupt nicht rauchen kann, jedenfalls nicht draußen. 

"Ich bring dich jetzt heim und du schläfst dich erstmal richtig aus."
"Nein, das feiern wir. Wir gehen jetzt richtig schön essen.“

Oh je, feiern. Weitere Stunden draußen, und ich dachte, wie schaffe ich das nur? In diesen unwirtlichen Zeiten bin ich noch nie solange außerhalb klimatisierter Räume gewesen; aber dem Anlass angemessen wuchs ich über mich hinaus und kollabierte nicht.

Gegen 16 Uhr trennten wir uns. DoKo am Abend strich ich. Ich hatte wirklich genug frische Luft gehabt. Zuhause schlief ich sofort auf dem Sofa ein.

Um 19 Uhr wachte ich auf, sprang unter die Dusche und fuhr zum Doko. Und sie? Kam gegen 22 Uhr dazu. Wir sprachen kein Wort über den Tag und die anderen dachten, es wäre ein Abend wie jeder andere. Bis Nachts um 1 Uhr saßen wir draußen, es wurde sogar ein klein bisschen kühl. Und den Blutmond haben wir auch gesehen.

Ich bin jetzt mit allen Wassern gewaschen. Die Hitze...so what?


Donnerstag, 26. Juli 2018

Annika glüht


In meiner verzweifelten Suche nach emissionsfreien Kühlsystemen habe ich eine Kombination gefunden, die geholfen hat. Eimer mit kaltem Wasser für die Haxen, Handy auf white noise Regen gestellt und irgendwie lässt sich das Gehirn beim schlafen tatsächlich davon veralbern - ich wachte in der Früh auf und wollte gleich Bäume ausreißen.

Im Laufe des Tages - verblendet von dem white-noise-Erfolg und den überaus angenehmen Temperaturen im Büro - dachte ich, was kostet die Welt? Na klar nehme ich den Wohnungsbesichtigungstermin um 17 Uhr wahr. Warum denn nicht? Einmal quer durch die Stadt, macht nix, Auto steht in der Tiefgarage und hat ja auch AC - alles easy für jemanden wie mich. Nur kurz hoch in den 6. Stock, Wohnung anschauen, ist ja ein Fahrstuhl dabei, wird super. Ich krieg die Wohnung bestimmt.

Sagen wir mal so: das letzte Mal, dass ich mir eine Wohnung angesehen habe, bekam ich noch Einzeltermine. Draußen standen ca. 30 Leute. Als ich aus dem Auto stieg dachte ich, Oha, is aber schon sehr warm. Obwohl wir im Schatten standen. Ziemlich lange, bis der Makler kam. 

Im Hausflur war es noch stickiger als draußen. Oben angekommen, standen wir alle im Hausflur, auf den Treppenstufen verteilt, weil die Wohnung noch bewohnt war, deshalb durften wir nur in Vierergrüppchen rein. Als ich dran war, war eigentlich schon alles gelaufen: mir zitterten und kribbelten die Beine und in der Wohnung war es noch heißer, denn durch das riesige Balkonfenster knallte die Sonne rein. Ich wurde beinah ohnmächtig. Mich noch in der stinkig und stickig kleinen Küche auf den schwitzenden, wachsbleichen Makler zu stürzen, um Unterlagen auszutauschen? No way. 

Ich taumelte nach draußen. In dieses kochendheiße Haus hätte ich sowieso nie einziehen können, jetzt wo die Erde glüht und auch nicht vorhat, wieder damit aufzuhöen. Da muss ich ins Auenland ziehen oder nach Island, da soll es immer kalt sein. 

Auf dem Heimweg 38 Grad außerhalb des Autos. Zuhause angekommen zwang ich mich auf den Balkon, für 30 Minuten bei 35 Grad im Schatten. Ganz stille sitzen. Nur nicht bewegen. Danach kamen mir die 26 Grad in meiner Wohnung erquickend vor. Für zwei Stunden. 

Dann kam die wirklich schlimme erste tropische Nacht, mit Betonung auf "erste". Hab ich im Radio gehört. Jetzt fängt die Scheiße erst richtig an, sagen die. Vor allem von Samstag auf Sonntag, jahaaa, da werden wir uns noch wundern.

Kapituliere. Werde mich morgen in ein Hotel einbuchen, das klimatisiert ist, solange bis die Planetenoberfläche wieder bewohnbar ist.  Ach nee, falsche Gehaltsgruppe. Ich bleibe im Büro.

Saint Sunniva in den Stahlkammern

... ist jetzt hier:

Saint Sunniva in den Stahlkammern


Andere Ex-Blogigos haben sich hier getroffen

Sonntag, 22. Juli 2018

Die Erde glüht

Gestern gab es einen Artikel im Tagesspiegel, der mich sehr beunruhigt hat. Eigentlich genieße ich diesen Sommer, weil er mit trockener Hitze und relativ kühlen Nächten aufwartet. Eine Kombination, die ich ganz gut wegatmen kann. 

Allerdings ist es derzeit wohl auf dem ganzen Erdball viel zu heiß, selbst in Sibirien ist es 20 Grad heißer als sonst. Ein anschauliches Bild - die Welt als Wetterkarte - machte das Ausmaß klar und der Text dazu erklärte, welche Auswirkungen diese stabile Wetterlage hat: sie wird nämlich immer stabiler. Und je länger sich die heiße Luft nicht bewegt, desto heißer wird es. Und dann bewegt sich die Luft noch weniger. Und dann bleibt es immer Sommer. Oh je.

Wie soll die arme Erde nur wieder aus diesem Scheiß rauskommen?

Nächste Woche soll die "erste Hitzewelle" zu uns kommen (ich für meinen Teil erlebe seit Monaten eine Hitzewelle) und dann ist es vorbei mit der trockenen Hitze. Subtropisch soll es werden. 

Hab den ganzen Tag nach mobilen Klimaanlagen gegoogelt. Was man da alles beachten muss. Aber wenn ich morgen keine kaufe, werde ich nicht mehr in der Lage sein, durch Kaufhäuser zu streunen, was ich ja schon bei normalen Temperaturen hasse. 

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. 

Die Gute (ich zitiere): "Durch sofortige Nullemissionen könne man die globale Erwärmung weitestgehend stoppen"

Die Schlechte: Eher friert die Hölle zu.  

Ich habe noch die ganz leise Hoffnung, dass es sich um Fake News handelt, um davon abzulenken, dass wir alle in die Altersarmut rutschen, uns im Krankenhaus Keime einfangen, von den überforderten Pflegern im Altenheim verkloppt werden, dass es keine Handwerker mehr gibt, keine Erzieher, Lehrer, Polizisten und Azubis, dass uns die Straßen unterm Hintern wegbröseln, die Mieten explodieren und demnächst die AfD mit der CSU koaliert. Aber ich fürchte, der Planet macht ernst.

Samstag, 21. Juli 2018

Ich werde gentrifiziert

Neulich nachts wache ich um 4 Uhr morgens auf. Denke, was ist das für ein komisches Geräusch? So eine Art Sturm und Regen und Gerausche in der Flora und Fauna direkt vor meinem Fenster, aber in Wellen. An- und abschwellend.

Ich schau konzentriert in die Nacht, versuche das Geräusch einzuordnen, werde wach und wacher und frage mich, was in meinem Vorgarten passiert. Ich tapse ins Wohnzimmer auf den Balkon, weil ich um diese Zeit keine Kraft habe, die Außenjalousie hochzuziehen, denn die ist noch aus der Vorkriegszeit und affig schwer zu bewegen. 

Dann sehe ich, was los ist und heiliger Zorn erfasst mich. Hat der Vermieter einen automatischen Rasensprenger direkt vor dem Schlafzimmer postiert. Und zwar so, dass er die Hauswand ebenso wie den Rasen sprengt. 

Ein Schlag in mein Gesicht, nachdem er mir letzte Woche schon mitgeteilt hat, es wird entweder alles saniert oder das Haus wird verkauft, dann "Müssen Sie sowieso alle hier raus." Ich hab das nicht allzu ernst genommen, denn so schnell schießen die Preußen nicht. 

Ich renne raus und werde klatschnass bei dem Versuch, das Ding im laufenden Betrieb umzusetzen. Den Wasserhahn zu schließen ist nicht möglich, denn dazu braucht man einen Vierkantschlüssel, den ich leider nicht zur Hand habe. Außerdem hat er eine Zeitschaltuhr angedübelt und auf 4.00 Uhr terminiert, was mir einen Tobsuchtsanfall beschert.

In der nächsten Nacht dasselbe. Ich schau raus: er hat das Scheißding wieder vor meinem Schlafzimmer postiert, diesmal allerdings mit Camping-Heringen in der Erde justiert. 

Am nächsten Tag meinen Versicherungsvertreter angerufen und eine Mietrechtsschutzversicherung abgeschlossen. Nun schließt mich bitte alle in euer Abendgebet ein, dass er in den nächsten zwei Monaten (=Wartefrist, bis die Versicherung greift) keine Schriftstücke in meinem Briefkästen hinterlässt, die den Eindruck eines beginnenden Streitfalles hinterlassen könnten. 

Solange muss ich ihn stets anflöten und das nächtliche Geprassel an meinem Fenster ertragen. Und natürlich rühre ich dieses Rasendings auch nicht mehr an. Es gibt Nächte, in denen ich so tief schlafe, dass ich nicht geweckt werde. Und andere.

Dass ich seit neuestem auch keinen Wasserdruck mehr in der Dusche habe, ist sicher nur ein Zufall.

Zwei Monate...


Donnerstag, 19. Juli 2018

Verzauberte Mütter

Zwei meiner Freundinnen haben Mütter, die verzaubert dement geworden sind. Und beide erzählen außerordentlich unterhaltsame Geschichten - unterhaltsam sind sie natürlich nur für uns, aber die Freundinnen selbst geben sich auch alle Mühe, dem ganzen mit Humor zu begegnen.

Was so berührend ist, dass sich die charakterliche Grundausrichtung der beiden alten Damen auch in der Demenz nicht verändert hat.

Die eine, Zeit ihres Lebens eine hinreißend liebenswürdige und lebensfrohe Frau, ruft nun täglich abends ihre Tochter an, um sie zu informieren, dass sie sich überlegt hat, heute doch erst mal im Pflegeheim zu schlafen.

"Du, ich schlafe heute abend erst mal hier."
"Das ist eine gute Idee."
"Haben die überhaupt ein Bett für mich?"
"Aber sicher, du hast dein eigenes Bett."
"Aber woher weißt du das so genau?"

Noch trinkt sie jeden Tag ein Piccolöchen, für den Kreislauf und manchmal, wenn ihre Tochter zu Besuch kommt, sagte sie "Schön, dass Sie kommen, aber ich habe zu tun." Spricht's und verschwindet im Garten, zum Damenkränzchen. 

Neulich allerdings ist sie nachts ausgebüxt; niemand weiß, wie sie es geschafft hat, aber sie stand nachts um 3 Uhr vor der Tür ihrer alten Wohnung. Gottseidank wurden die Nachmieter wach von ihrem klingeln. "Guten Abend, ich will zu Norbert."

Die andere, Zeit ihres Lebens ein eher kapriziöses Geschöpf, ist nun mit Macht ihrer ungebrochen vitalen Libido ausgeliefert, beziehungsweise Pfleger Mario ist ihr ausgeliefert. Sie phantasiert sich eine überaus leidenschaftliche Affaire zusammen und vergisst auch nicht, der Leidenschaft Futter zu geben, in dem sie Mario "eifersüchtig" macht. Neulich war eine Tanzcombo im Pflegeheim und der Sänger habe ihr immer tief in die Augen geschaut und sie hat zurückgeschaut und das soll Mario eine Lehre sein, sie habe noch jede Menge Chancen.

Allerdings ist sie auch auf anderen Gebieten tätig; sie rettet andere Patienten vor dem Tode, weil sie die Ärzte ins Gefängnis bringt, wegen falscher Medikation an Frau Brunse. Sie habe der Ärztin ausführlich klar gemacht, dass sie keine Ahnung von ihrem Beruf hat und Frau Brunse völlig falsch behandelt. Und dafür sei die Ärztin jetzt auch in den Knast gegangen. 

Abendlicher Anruf: "Die Ärztin will mich umbringen."
"Aber Mama, die Ärztin hast du doch ins Gefängnis gebracht, da kann sie doch gar nicht raus."
"Ach so."
"Und sie würde ja auch gar nicht mehr ins Heim kommen, unten ist doch der Wachdienst. Die lassen die nie mehr ins Haus."
"Gottseidank. Stimmt."


Ich frage mich, was ich mir später mal einbilde.


Montag, 16. Juli 2018

#Schirm-Gate

Was mir von dieser WM unvergesslich bleiben wird, ist der Platzregen am Ende und der Umgang der Herren Staatenlenker mit diesem Dilemma.

Aus Veranstaltungssicht ist das schon mal ein Totalversagen gewesen, sag ich mal so als Profi. Es fängt an zu regnen und es gibt nur einen(!) Schirm, der schützend über Putin gehalten wird. Alle anderen werden binnen Minuten bis auf die Knochen nass. Es dauert viel zu lange, bis neue Schirme herangeschafft werden - da werden noch Köpfe rollen unter den Schirmbeauftragten. Mir auch rätselhaft, weshalb man nicht gleich ein Plexiglas-Dach eingeplant hat. Wenn ich die Siegerehrung von der Präsidententribüne mitten auf den Rasen verlege, dann ist das doch das Erste, was ich bedenke.

Und dieser so zuschanden geliftete Putin (er ist unterdessen so wachsbleich wie Lenin im Mausoleum; später mal muss er nicht mehr extra einbalsamiert werden) kommt nicht auf des Gedankens Blässe, den Schirm seiner kroatischen Kollegin anzubieten oder sie wenigstens an seine Seite zu holen, um sich den Schirm mit ihr zu teilen. 

Macron ist kein Deut besser. Zwar wird er ebenfalls ein Opfer des Wolkenbruchs, aber auch er kommt nicht auf die Idee, die Dame zu seiner Linken unter Putins Schirm zu holen. Haben die keinen Benimm-Unterricht bekommen, als sie Präsidenten geworden sind?

Sie jedenfalls umhalst so sympathisch wie gnadenlos jeden, der an ihr vorbeidefiliert, sie will unbedingt gute Fotos haben. Es wirkt schon unfreiwillig komisch, wie sie sich an jedem einzelnen Fußballer festkrallt, als sei sie auf einer Kuschelparty; manch einen lässt sie gar nicht wieder los - was sehr zu unserer Erheiterung beigetragen hat. Ihre Frisur ist im Arsch, wenigstens ist das Make up wasserfest. 

Man ist direkt froh, dass nicht Deutschland Weltmeister geworden ist - man male sich aus, Angela Merkel hätte da stehen müssen wie ein nasser Pudel.

Da Frau Grabar-Kitarovic das Nationaltrikot trägt, bekommt man es mit der Angst zu tun, dass sich das Ganze hin zu einem Wet-T-Shirt-Contest entwickelt. Soweit ich das beurteilen kann, ist ihr das erspart geblieben. Die beiden uncharmanten Präsi-Holzköpfe leider nicht.


Montag, 9. Juli 2018

Wenn Frauen alleine verreisen

Dieses Jahr hatte ich mal was ganz Neues vor. Nachdem ich Urlaub mit Freunden nur in  Island, Italien oder in den USA hätte verbringen können, in Ländern also, die nur per Flugzeug oder mit der Queen Mary zu erreichen sind, beschloss ich, ein paar Tage allein ans Meer zu fahren. 

Als ich noch im Außendienst war, verbrachte ich wochenlang allein an der Mecklenburgischen Ostseeküste, ohne mir was dabei zu denken. Ich frühstückte entspannt im Hotel mit anderen Vertrieblern (jeder an seinem eigenen Tisch) und speiste allein wie eine Grande Dame zu Abend - nachdem ich mir tagsüber den Mund fusselig geredet hatte, war ich froh, mit niemandem mehr reden zu müssen. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, was wohl andere Leute denken, weil ich allein am Tisch saß.

Ich buchte für fünf Tage ein Wellness-Hotel mit eigener Therme direkt am Strand. Fünf Tage, dachte ich, werde ich wohl überleben. 

Außer mir wird blümerant; weil ich ja immer gleich mit dem Tode rechne. Da hatte ich schon ein bisschen Angst vor, dass ich unter Umständen ganz allein an der Ostsee mein Leben aushauchen muss.

Komme an, checke ein, geh auf's Zimmer, pralle zurück - kochendheiß, Südseite, keine Klimaanlage, gehe wieder zur Rezeption, möchte ein Zimmer zur anderen Seite. Personal ausschließlich aus Polen. Was mich nicht wundert, schon vor 10 Jahren bekamen die kaum noch Personal in den Hotels, wegen der Hungerlöhne, die gezahlt werden.

"Kostät 12 Euro mähr, wenn Sie wollen Määhr sähen, kostät 24 Euro pro Nacht."

Ich wollte gerne das Meer sehen, aber das war mir ein bissel happig. Wann werde ich letztlich im Zimmer sitzen und auf 's Meer schauen? Eben. Ich schaute also auf knorrige Fichten, hinter denen das Meer rauschte. *


Ich richtete mich ein, zog mein Reisekleid aus (ja, ich habe ein Reisekleid, schon damals hatte es mir gute Dienste geleistet, es ist schneeweiß und im Sommer sollte man längere Autofahrten bei kochender Hitze schon aus Selbstschutz nur in weißer Bekleidung antreten, auch wenn es einem überhaupt nicht steht), zog meinen Honolulu-Strandbikini an und ging ans Meer. Hm. Komisch, wenn niemand bei einem ist. 

Später schlenderte ich zur Seebrücke, Hölle Hölle, ein Sängerbarde mit E-Gitarre, "Smoke on the water" und so'n Zeug. Komisch, wenn man da allein sitzt inmitten kinderreicher Eltern und Großeltern. Ich habe keinen einzigen Hipster gesehen und ich sehe leider auch nicht aus wie eine Hipsterin, da nutzte auch der nachlässig gebundene Dutt nichts. Wenn ich mich so umschaute, sah ich total aus wie die. Das fand ich erschreckend. Und dann saß ich da auch noch allein in der Menge und hatte niemanden, mit dem ich hätte lästern können. Mir kamen erste Zweifel, ob ich die 5 Tage unbeschadet überstehen würde. 

Dann begab ich mich auf die Suche nach einem Restaurant. Es gab haufenweise davon. Rappelvoll mit den immergleichen Eltern und Großeltern kinderreicher Familien. Ich brachte es kaum über mich, mich an einen Tisch zu setzen und dachte, verdammt, das war doch früher kein Problem, warum ist es das jetzt? Ich wollte glatt ein bisschen weinen, dabei war ich erst sechs Stunden hier. Nun war ich sicher, dass ich fünf schreckliche Tage durchleiden werde. Ich hatte mich für den absolut falschen Ort zur falschen Zeit entschieden. 

Mir wurde klar, dass ich diverse Heiratsanträge hätte doch annehmen und einige Kinder produzieren sollen, dann hätte ich jetzt keine Probleme. Die Konsequenzen meiner ungezwungenen Planlosigkeit rächten sich hier und heute in Mecklenburg. 


Am nächsten Morgen verschwand ich vor dem Frühstück in der Therme. Im Wasser fiel kaum auf, dass ich keine Mehrfachmutter bin; es schwammen nämlich nur alte Öhmchen hin und her. Abgesehen von der Befürchtung, dass ich denen bereits ähnlicher bin, als mir lieb ist, fühlte ich mich in der warmen Brühe recht wohl. Vor allem die Massage-Düsen... ach du Scheiße - wann ist das passiert, da haben doch früher immer nur so Uralt-Weiblein vorgehockt und jetzt auch ich? Herrgott, rief ich mich zur Ordnung, du machst einen Wellness-Urlaub, da sitzt man halt vor Massagedüsen. 


Später am Strand schrieb ich ein paar sms und bekam Unterstützer-sms zurück, dass ich wirklich sehr tapfer bin und sie hätten das nie gemacht, allein ans Meer und das eine Mal, als sie es gemacht haben, war das Essen gehen das Allerschlimmste.

Im Internet schaute ich nach, ob ich irgendwie an Astronautennahrung komme und wenn ich nicht soviel Angst vor Ärzten hätte, wäre ich auf intravenöse Nährlösungen umgestiegen, um diese leidige Sache zu umschiffen. 

Der zweite Tag verlief ansonsten wie der Erste. Strand, lesen, Spazierengehen, Kurkonzert (Dire Straits - der Barde hatte wohl keinen Abend frei). Ich zählte die Stunden bis zur Abreise. Meine Weinerlichkeit über meine Ehemann- und Kinderlosigkeit war inzwischen einer reaktiven Depression gewichen und ich hatte keinen Schimmer, wie ich weitere drei Tage bewältigen sollte. Ich hatte ja nicht mal ein Zimmer mit Seeblick. Was zur Hölle hatte ich mir dabei nur gedacht? Ich saufe ja auch leider nicht, obwohl das bestimmt geholfen hätte.

Am dritten Tag änderte sich alles, dank Whatsapp, über das ich nie wieder etwas Böses sagen werde. Eine frühere Kollegin hatte in ihren Status ein paar Fotos gestellt und die Gegend kam mir so bekannt vor. "Wo bist du denn?" schrieb ich ihr. "Auf Usedom, zusammen mit Katrin" 

Schlagartig fühlte ich mich besser. "Ach, ich bin auch hier." 

Den vierten und fünften Tag verbrachten wir zusammen. Die gute alte Kiepert-Connection. Ich fiel den beiden in die Arme und rief "Ohne euch hätte ich mich eigenhändig im Meer ersäuft!" Wir lagen am Strand von Heringsdorf und sahen Fußball, lästerten, erzählten von den hanebüchenen Umstrukturierungen unserer Arbeitgeber, aßen unglaublich guten Fisch und ich war heilfroh, dass ich keine Kinder habe, die hätten in der Therme an den Massagedüsen auch echt gestört.

P.S. Mir war kein einziges Mal blümerant. Bombige Konstitution.

* Beim auschecken stellte sich raus, dass mir "versehentlich" die Preise für zwei Personen genannt wurden - aber da war es zu spät. So wurde ich von einer kaltherzigen Rezeptionistin um den Meerblick gebracht, den ich wirklich gut hätte gebrauchen können. Es dauert sich so viel schöner mit Blick auf Wasser. Ich hoffe, die Kuh wird vom Universum dafür bestraft.




Donnerstag, 28. Juni 2018

Wie aus kurzen Affairen lange Freundschaften werden

"Gefangen habe ich mich dann erst wieder, als ich nach sechs Wochen aus der Geschlossenen rauskam", sagt er.

"Du warst in der Geschlossenen?"

"Habe ich dir das nie erzählt?"

"Nie. Du hast immer von einer etwas schwierigeren Pubertät erzählt, weil du Schnauze gestrichen voll und keine Lust mehr hattest auf Insulin spritzen."

"Naja, geht man ja auch nicht gerne mit hausieren. Nee du, ich war bestimmt 23 mal als Notfall in der Klinik, da haben die mich irgendwo auf der Straße aufgegabelt, völlig desorientiert und dann meinten sie, es reicht, der gefährdet sich selbst, jetzt schließen wir ihn mal eine Weile weg."

"Hast du mir nie erzählt. Und wann hast du dich wieder gefangen?"

"Was meinst du damit?" Er lächelt spöttisch. "Dass ich wieder arbeiten ging, oder eine Freundin hatte, oder eine Wohnung oder alles zusammen und damit etwa ein glücklicher Mann? Ganz ehrlich, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht in eine Situation gerate, in der ich um mein Leben kämpfe. Ich wach manchmal nachts auf, weißt du, ich habe überall Süßigkeiten, aber manchmal weiß ich nicht mehr, dass das Süßigkeiten sind, die ich jetzt essen muss. Mein Herz rast und ich denke, schöne bunte Dinger, was muss ich jetzt machen, irgendwas stimmt nicht. Kein Spaß, sage ich dir. Manchmal tröstet mich nur, dass das Leben endlich ist."


"Das ist ein Trost? Hast Du denn keine Angst vorm Tod?" frage ich und neige mich ganz nach rechts, zu ihm, der neben mir auf der Bank sitzt, abends am Lietzensee, zu dem wir nach dem Sushi futtern hinspaziert sind. Ich schau ihn konzentriert an. 

"Nein. Und ich hoffe, ich sterbe allein. Ich will nicht, dass mir jemand dabei zusieht, wie ich mir womöglich noch in die Hosen scheiße. Das ist meine Privatsache. Wenn möglich will ich den Zeitpunkt selbst bestimmen."

"Selbst bestimmen? Ich will ü-ber-haupt nicht sterben."

"Warum denn nicht? Dann hat alles Leiden ein Ende."

"Aber es ist doch nicht nur Leiden, das Leben."

"Meistens aber schon. Oder bist du immer glücklich? Ich weiß jedenfalls, die Rente werde ich nicht erleben."

"Wieso das denn nicht?"
 Er ist einer der sportlichsten Männer, die ich kenne.

"Weil ich es weiß. Aber sag, bist du immer glücklich?"

"Nee, wer ist das schon? Früher war ich öfter glücklich, sehr leicht sogar, aber auch schnell unglücklich. Aber heute? Kein Zu-Tode-betrübt-himmelhochjauchzend mehr. Schade, echt schade. Ich bin so oft mit einer überirdisch guten Laune aufgewacht, mir hat die Welt gehört, schon morgens um 6 Uhr. Jetzt habe ich gar keine Laune mehr. Andere sagen mir Das geht mir schon mein ganzes Leben so und ich denke, man war das toll, als ich noch eine richtige Hysterikerin war."

"Aber früher wären wir nicht zum Lietzensee spaziert, du hättest darauf bestanden, mit dem Auto zu fahren."

"Stimmt, ich war nicht nur hysterisch, ich war auch neurotisch." 

"Ja, und weil ich das nicht wusste, habe ich mich auch gleich wieder von dir getrennt, weil ich dachte, du bist eine faule Socke. Mit meinem Bewegungsdrang, das wäre nie gut gegangen."

"Ich war eben eine heimliche Neurotikerin." 

"Hättest ja mal was sagen können."

"Du ja auch."


Sonntag, 24. Juni 2018

Shopping Desaster

Wenn es nach mir ginge, hätte ich eine persönliche Schneiderin, die mich mit neuen Klamotten eindecken würde. Sie hätte meine Maße, wüsste um meine Vorlieben und alle paar Monate käme eine neue Lieferung nach Hause.

So aber muss ich selber einkaufen gehen. In einer Woche gehe ich wohin und habe nichts anzuziehen. Ich steh also unter Zeitdruck. Als ich nach meiner Tasche greife, finde ich das Portemonnaie nicht - sogleich erinnere ich, dass ich es in meiner Jacke im Büro vergessen habe. 

Rüber zu meiner Freundin, 100 € geliehen und in Ermangelung einer Geldbörse den Schein in den BH gesteckt. 

Komme gegen Mittag in so einem Kaufhaus an, in dem es praktischerweise alles gibt. Kleidung, Schuhe, Wäsche. Ich probiere und probiere und probiere. Ich finde kein Kleid, keinen Rock, keine Hose. Ach, denke ich, Schuhe brauchst du auch. Ich probiere und probiere und probiere. Ich finde nix. 

Eine Verkäuferin mit einem dämlichen Glitzer-Deutschland-Hütchen auf dem Kopf kommt auf mich zu und nimmt mich vertraulich zur Seite. "Wenn Sie was gefunden haben, kommen Sie dann bitte zu mir? Dann kann ich das abhaken und dann wissen die an der Kasse, dass ich Sie beraten habe." 

Die Höhe! Die mich beraten? Kein Mensch berät einen in Kaufhäusern. Die stehen nur im Pulk und quatschen und unsereiner muss sich allen Krempel selber anschleppen. Danke für nichts, du Schnepfe. 

Ach, denke ich, kaufst du dir wenigstens einen BH. Ich probiere und so weiter und so weiter. Ich finde nix. 

By the way: einen BH zu kaufen ist der Oberhorror. Erstmal muss man auf den Knien rutschen, um seine Größe zu finden, die maximal versteckt angebracht ist. BHs werden praktisch zu ebener Erde feilgeboten. Hat man welche ergattert, die man probieren möchte, sind diese Anti-Klau-Dinger direkt am Verschluss angebracht. Das BH-Business bräuchte mal eine Prozessmodellierung.

Mir wird auch langsam blümerant, weil es schon 15.30 Uhr ist und ich schon seit zweieinhalb Stunden ununterbrochen probiere und erst gefrühstückt habe. Ich wanke aus dem Kaufhaus, in Richtung Auto und da wird mir schon ein bissel schwindelig. Bin total unterzuckert und ich habe doch diese niedrige Hungerattacken-Toleranz. Hoffentlich schaffe ich noch den Weg zum Auto, ohne voher zu kollabieren. Das Ende ist nah.

Dann wird mir siedendheiß. Wo ist der 100€  Schein? Oh Gott. Ich haste zurück und bin erstaunt, welche Reserven in mir stecken. Fast könnte man sagen, ich renne. Und das mit Unterzuckerung. In mir steckt doch noch die gute alte Hochleistungssportlerin. Ich laufe die Rolltreppe hoch und da kommt mir oben das Glitzerhütchen entgegen.

"Ihich hahabe mein Geheld verlohoren, in der Uhmukleidekabihine" japse ich.
Die Schnepfe lächelt mich freundlich an. "Das habe ich gefunden, liegt an Kasse 2 im Untergeschos."

Ich will sie küssen, denn hätte ich einen 100€ Schein in einer Umkleidekabine gefunden... ich weiß nicht. Wir diskutieren abends beim Fußballgucken drüber. Die Meinungen waren fifty, fifty. Da meine Mutter nicht zugegen war (die auch einen 5 € Schein brav zurückbringen würde), nehme ich an, die eine Hälfte hat gelogen. 

Mein Problem hat sich indessen nicht gelöst. Ich muss wohin und habe nichts anzuziehen.



Donnerstag, 21. Juni 2018

Der längste Tag

Ist es nicht verrückt, dass ausgerechnet heute, am längsten Tag des Jahres, der Sommer ein Ende findet? Seit Mitte April ...and the living is easy... und heute, zur Sommersonnenwende, an dem die Sonne über 16 Stunden scheinen könnte, wenn sie wollte, schüttet es kurz wie aus Eimern, stürmt es wie im Herbst und jetzt um 21.45 Uhr ist es zwar noch hell, aber schauerlich kühl. 

Der 21. Juni ist ein magischer Tag. Für mich, die klimatechnisch entweder in der Vergangenheit lebt oder die Zukunft herbeisehnt (oder fürchtet - je nachdem) ist es ein Datum, vor dem ich schon wochenlang die Tage zähle "bis es wieder schlechter wird". Ich mag am beginnenden Jahr, dass dann alles besser (= heller) wird und dann, auf dem Höhepunkt ist alles schon wieder vorbei und ich nehme gedanklich den November vorweg. 

Dieses Jahr ist das anders, weil schon so lange die Sonne scheint und ich denke, endlich mal genug von allem: Wärme, Grünzeug, Spargel, DoKo draußen, überhaupt alles draußen, besser geht's nicht. 

Ich habe mich sogar mit der Hitze abgefunden. Mensch, tadelte ich mich, komm doch mal runter, was ist schon dabei, dein Büro ist klimatisiert, dein Auto auch und daheim setzt du dich halt vor den Ventilator, so what? Und weil ich nicht mehr in meinen Garten darf, war ich an den heißen Abenden sogar in der Stadt unterwegs und saß woanders draußen rum und ich hab's überlebt genossen.

Und jetzt, wo ich endlich die nötige Gemütsruhe für heiße Sommertage habe, soll's schon wieder vorbei sein? Ausgerechnet heute? 

In Wahrheit geht mir was ganz anderes im Kopf herum. Ich erzähl's mal so verklausuliert wie möglich. Gestern ruft mich spät am Abend eine Freundin an. Sie hat eine riesige Schweinerei in ihrer Firma angeprangert, ist bis zur höchstens Stelle gegangen. Ich bewunderte damals ihren Mut. Wie sich jetzt zeigt, hat sie sich Todfeinde damit gemacht; also, das wusste ich auch schon vorher, aber jetzt benehmen sich die Todfeinde auch wie Todfeinde. Sie haben ein bisschen gewartet, Gras über die Sache wachsen lassen und schlagen jetzt erbarmungslos zu. Ihre Existenz wird vernichtet. Sie hat keine Arbeitsrechtsschutzversicherung, sie ist nicht in der Gewerkschaft, sie ist am Arsch. 

Ich habe ein Häufchen Elend in der Leitung. Ich kenne sie nur lebenslustig, mit Kodderschnauze, dem Herz am rechten Fleck, aber davon ist nichts mehr übrig. Sie kann nichts mehr essen und nicht mehr schlafen.

Heute spreche ich mit einer befreundeten Anwältin. Sie saugt die Luft hörbar ein und sagt "Scheeeeiiiiße, sie hat WAS gemacht?" Mir fällt das Herz in die Hose. So schlimm? Ja, so schlimm. Ja, klar kann sie das machen, aber dann hat man sein Todesurteil unterschrieben, so ist das und wenn sie hundertmal Recht hat. Sowas verzeihen die einem nicht und dann suchen sie und sie werden was finden. 

Diese kleine Person mit Löwenmut.... she fucked the wrong person.