Sonntag, 14. Oktober 2018

Wenn alte Männer aktiv werden

Ich weiß ja nicht, was ich so mache, wenn ich ganz alt bin. Ob dann meine Schrulligkeiten ein ähnlich bemerkenswertes Ausmaß annehmen wie bei meinem Nachbarn.

Es wohnt ein schwules Pärchen, beide um die 70, seit Menschengedenken hier im Haus. Der eine hat - seitdem ich hier lebe - noch nie das Haus verlassen. Der andere raunt jedem neuen Mieter zu, dass hier schreckliche Verhältnisse zu beklagen seien, weshalb man schon des öfteren die Gerichte zu Rate ziehen musste. Soweit, so unauffällig.

Der, der das Haus verlässt, schleppt jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe vom ReWe Weinflaschen in größeren Mengen an. Aber nicht für sich, sondern für den zur Randale neigenden Lebensgefährten, um ihn ruhig zu stellen, nehme ich an. Einmal nämlich hatte er doch seine Wohnung verlassen, sturztrunken lag er in Unterwäsche vor der Tür meiner Nachbarin und verlangte lauthals nach Einlass. Er hatte sich aber nur im Hausflur verirrt.

Er (also der Einkaufende) macht immer einen sehr distinguierten Eindruck und da beide Herren schon etwas schwerhörig sind, beschallen sie die nähere Umgebung mit meist schwerer Kost aus ihrer Klassiksammlung oder der Fernseher scheppert laut bis in den Garten hinein - was mich bekanntlich nicht mehr stört, da ich den Garten nicht mehr betreten darf. 

Der, der nie das Haus verlässt und den man nur sieht, wenn man im Garten sitzt, weil er dann in weißer Unterwäsche auf dem Balkon sitzt, was ich aber nun auch nicht mehr sehen muss, der jedenfalls spricht auch nicht. In den ersten Jahren schickte ich mal ein "Guten Tag" in Richtung Balkon, aber das wurde mit unverwandt starrem Blick und eisigem Schweigen retourniert. 

Nun hielt vor einigen Wochen ein Kankenwagen vor der Tür und der stumme Teil des Paares wurde abtransportiert. Kein Wunder bei der Hitze - in jenen kochendheißen Tagen, an denen man sich freute, wenn es gegen 22 Uhr nur noch 32 Grad waren, begegneten einem nachts auf dem Heimweg über Gebühr viele Krankenwagen. 

Wider Erwarten machte er aber nicht final schlapp, sondern kehrte wieder zurück. Wider Erwarten deshalb, weil sein Gefährte mir hoffnungsfroh zugeraunt hatte, dass es so nicht weiter gehen kann und dass er wohl ein Heimplatz für ihn suchen müsse.

Seitdem der unsichtbare Schweiger zurückgekehrt ist, passieren die erstaunlichsten Dinge.

Zunächst mal liegen jetzt täglich Kondome vor unserer Haustür. Keine benutzten, sondern originalverpackt. Er wirft sie aus dem Küchenfenster. Sein Partner kauft also nicht nur schwere Weinflaschen, sondern auch Kondome und ich bin nicht so sehr erstaunt, dass sich die beiden auch im hohen Alter miteinander vergnügen, sondern vor allem darüber, dass sie es safe tun. 

Andererseits: er schmeißt die Kondome ja zum Fenster raus, anstatt sie zu benutzen. Womöglich eine Variante von "Ich hab Kopfschmerzen". Stattdessen: "Otto, es geht nicht, die Kondome sind alle." Ich mein ja nur. Kommt man ja ins assoziieren, wenn unsereiner beim Fahrrad anschließen mit Kondomen beworfen wird. Manchmal wirft er auch Leberwurst und andere Lebensmittel runter. Er hat wohl wenig Lust, den Mülleimer zu benutzen.

Vorige Woche Premiere: Erstkontakt nach 10 Jahren Nachbarschaft. Der Schweiger lehnt sich aus dem Küchenfenster und schaut mir zu, wie ich den Abfall rausbringe. Plötzlich: 

"Frau Annika?" 
Ich denk, wie, der kennt meinen Namen? Ich schau nach oben.
"Ja?"
"Brauchen Sie einen Kalender?"
"Nein, danke"

Dennoch greift er hinter sich und hält triumphierend einen großen Kalender mit einem nackten Mann vorne drauf aus dem Fenster. Dann lacht er boshaft und meint wahrscheinlich, er hätte mich jetzt traumatisiert mit seinem Coming out.

Heute komme ich nach Hause, schließe mein Rad an, hinter mir pladdert es auf einmal. Ich schau nach oben, frage, "Was machen Sie denn da?" Er hat eine 10 Liter Gießkanne in der Hand und lässt Wasser auf das Fensterbrett laufen. "Ich mach sauber"

Jetzt wird er mir doch sympathisch, denn ich erkenne den Akt des Widerstands. Da wurde doch unser Haus erst kürzlich rundherum ausgehoben, trockengelegt, mit schwarzer Farbe gestrichen, Kieselsteine obendruff und die Farbe wurde sogar mit schwarzen Bohlen verkleidet. Sieht die Bretterbude doch gleich ein bissel schicker aus. 

Und er, der renitente Schweiger bewässert von oben umfassend und ausdauernd das Gebiet vor seinem Küchenfenster. Als ich genauer hinsehe, sehe ich, dass er das mehrmals täglich machen muss, es ist bereits alles nachhaltig feucht. Wahrscheinlich ist der Keller, wenn nicht überschwemmt, so doch mit jeder Menge neuer Schimmelsporen versorgt. 

Er hat eine Mission, das spürt man. Wahrscheinlich ist er sauer, weil ich nicht mehr in den Garten darf und er niemanden mehr hat, den er ignorieren kann. Der Krankenhausaufenthalt muss ihm neuen Lebensmut gegeben haben.


Montag, 8. Oktober 2018

Zucker-Junkie


Ich hatte schon mal an anderer Stelle erwähnt, dass ich mein Leben lang finde, ich wiege 10 Kilo zuviel. Und zwar, egal, wieviel ich wiege: immer wünsche ich mir 10 Kilo weniger und alles wäre gut. Das ist im Grunde ein ganz kommoder Zustand. Es ist nicht soviel zuviel, dass mir darüber graue Haare wachsen (nur an schlechten Tagen) und immer noch so überschaubar, dass eine evtl. ernsthaft ins Auge gefasste Gewichtsreduzierung keine Magenverkleinerung nötig macht.

Nun kam ich in eine Situation, also, ich stellte mich auf die Waage und bekam einen riesigen Schreck: ich wiege jetzt 15 Kilo zuviel. Nicht umsonst vermied ich seit Monaten den Schritt auf die Waage. Ich brauchte gar keine Umkleidekabine mehr für den Realitätscheck.

Ich kann so nicht arbeiten.

Also: knallharter Zucker-Detox seit 14 Tagen. Herrschaften, ich frage euch, habt ihr das schon mal gemacht? Also so richtig ernsthaft, komplett ohne Zucker? Auch kein Weißmehl mehr und keine Weintrauben und vor allem keine Milka Vollmilch? Das Leben erscheint einem auf einmal viel weniger lebenswert.

Das ist kein Spaß. Nicht nur, dass ich keine Schokolade mehr essen kann, ich hatte auch hämmernde Kopfschmerzen in den ersten drei Tagen, ein immerwährendes Hungergefühl und die ganze Zeit dachte ich, nur ein Löffel Nutella und es wird mir sofort besser gehen.  Aber ich hatte ja vor dem Entzug rasch noch alles aufgegessen, das war ich mir schuldig.

Ich habe mich belesen, das sind die typischen Entzugserscheinungen, zwischen 4-10 Tagen sollen sie dauern und dann hat man's geschafft und ist fortan der glücklichste Mensch. (Glücklich ohne Schokolade, geht das überhaupt?)

Heute ist der vierzehnte Tag. Ab dem vierten Tag hatte ich endlich keine Kopfschmerzen mehr und tatsächlich bin ich mit einer neuen Vitalität gesegnet, die ich schon längere Zeit nicht mehr verspürt hatte. Am Samstag machte ich eine dreistündige Radtour, aß daheim rasch vier Knäckebrot mit Quark und zwei Tomaten, um dann drei Stunden auf dem Festival of Lights herumzulaufen. 

Hier singt eine berühmte Straßensängerin, deren Namen ich gleich wieder vergessen habe:




Ich fühle mich manchmal noch leicht hungrig, aber nicht mehr so stark, dass ich am liebsten alles hinschmeißen möchte. Ein Apfel ist jetzt meine Süßigkeit, den schneide ich in kleine Stücke, kippe Joghurt drüber und ein paar Walnüsse. In meiner kleinen Welt ist das ab jetzt ein Gedicht.

Ich habe schon vier Kilo abgenommen, was affenartig schnell in dieser Zeit ist - so nicht gewollt, denn nichts ist bekloppter, als schnell abzunehmen. Ist gar nicht mein Ziel. Lieber langsam, so ein Kilo im Monat. Aber so gesehen wiege ich jetzt nur noch 11 Kilo zuviel und damit nähere ich mich schon wieder meiner Komfortzone.


Mittwoch, 3. Oktober 2018

Verwaist

Bildergebnis für abschied



Wo seit ihr nur alle? 

Die Misanthropin blogt nicht mehr, die Schrottpresse nur noch ganz selten, Die Dame von Welt ist abgetaucht, Herr MiM hat seinen Laden geschlossen, Ackerboy macht Pause auf unbestimmte Zeit, Tikerscherk muss sich um andere Dinge kümmern, Frau Lavendel schreibt manchmal ganz viel und dann wieder sehr selten, Nelly aus Sachsen ist verstummt, selbst Herr Glumm macht sich rar - was ist nur los?


Montag, 24. September 2018

Wenn alte Frauen Sex haben


Candice Bergen, Jane Fonda, Mary Steenburgen und Diane Keaton spielen vier Freundinnen, die in ihrem Book Club "Fifty Shades Of Grey" lesen - so unglaubwürdig fängt der Film schon an und es wird noch schlimmer. 

Jane Fonda gibt mit ihren 81 Jahren immer noch die Barbarella, sie hat sich mehr als dünn gehalten, perfekt frisiert und gekleidet, sie ist recht gut geliftet, dennoch kann die Kamera kaum verbergen, dass sie 81 ist - sie hält sich beneidenswert gerade, dennoch spürt man die Anstrengung, flüssig zu gehen und mit dem Kopf nicht allzusehr zu wackeln. Was ja völlig normal ist in dem Alter. Aber dass man sie dem Publikum als Sexbombe verkauft, der jeder Mann willenlos zu Füßen liegt, ist schmerzlich anzusehen. Sie spielt eine beziehungsunfähige Frau, die stets One Night Stands hat und bei keinem Mann einschlafen kann; deshalb verdrückt sie sich immer schnell. 

Diane Keaton (72) ist ebenso klapperdürr, gibt aber seit Jahren die verhuschte und trottelige Frau, in die sich wie durch ein Wunder aber trotzdem alle Kerle verlieben, obwohl sie andauernd stolpert, und dämliche Hüte trägt und nervöse Kreischanfälle bekommt. 

Mary Steenburgen (65), die früher mal fast so aussah wie Kate Bush, ist so schrecklich geliftet, dass sie aussieht wie der Formwandler aus Deep Space Nine. Sie spielt eine Ehefrau, deren Mann nicht mehr mit ihr schlafen möchte, seit sechs Monaten schon. 

Candice Bergen (72) spielt eine resolute Bundesrichterin, die seit 18 Jahren keinen Sex mehr hatte und ich frage mich, wann dieser Übergang stattgefunden hat von dieser ebenfalls sehr dünnen Frau mit schönen Haaren, einem außergwöhnlich interessanten Gesicht hin zu dieser Matrone mit erkennbarem Hüftschaden und Fusselhaaren. Ich habe extra gegoogelt, aber es scheint eine Entwicklung über Nacht gewesen zu sein. Sie sieht entweder wunderschön aus und dann, schwupps, hüftkrank und untersetzt wie Monika Wulf-Matthies (auch bei Katherine Hepburn gab es keinen Übergang, eben noch wunderschön, plötzlich eine Greisin).

Jedenfalls setzt sich Diane Keaton in ein Flugzeug, um zu ihren minderbemittelten Töchtern zu fliegen, neben ihr sitzt Andy Garcia (62), und obwohl sie beim hinsetzen direkt auf ihn drauffällt und ihm gleich darauf in die Eier greift, wegen ihrer Flugangst, sich also insgesamt wie eine wunderliche Quartalsirre benimmt, wird sie beim Rückflug von der Stewardess nach vorne gerufen und um ihre vollständige Adresse gebeten, was bei Diane Keaton gleich wieder hysterische Anfälle auslöst, vor allem, weil dann Andy Garcia als Pilot aus dem Cockpit kommt und der Stewardess den Zettel wegnimmt und Diane vielversprechend anlächelt, "Ich hole Sie nächsten Freitag ab". 

Natürlich wohnt er in einem Palast und ist Single. Wir sehen eine schreckliche Liebesszene, in der er auf ihr draufliegt und sie küsst - sie sieht derweil aus, wie die tote Mutter aus Psycho - weil sie nur 12 Kilo wiegt und das macht eine 72 Jährige nur viel älter als sie ist. Mich schaudert's. Dann kommen ihre bescheuerten Kinder angeflogen und erwischen die beiden Turteltäubchen und deshalb wird sie wieder hysterisch, kreischt und reist hampelnd ab, auf direktem Weg in die Kellerwohnung ihrer Töchter, weil sie dort gebraucht wird. Das hält sie aber nur zwei Tage aus, fährt wieder zu ihrem stinkereichen Palast-Piloten und der steht schon wartend an der Tür und muss sie schon wieder küssen.

Jane Fonda widerum, die Beziehungsunfähige, begegnet einer alten Jugendliebe, Don Johnson (69), der sich augenblicklich wieder in sie verliebt und natürlich kann sie beim ersten Date gleich in seinen Armen einschlafen, was ja in ihrem Fall viel wichtiger als Sex und praktisch der Durchbruch ist. Natürlich wehrt sie sich gegen ihre Gefühle, aber nach einem weiteren Gespräch mit Don Johnson will der gleich mit ihr leben, weil er mit jemandem reden will. Sie nimmt seine leidenschaftliche Ansprache kerzengerade und mit nur ganz leichtem Kopfwackeln zur Kenntnis und lässt ihn dann wortlos stehen. Tolles Gespräch. Einen Tag später besinnt sie sich mit Hilfe ihrer hysterischen Freundinnen eines Besseren und nimmt ihn nun doch. 

Mary Steenburgen mischt ihrem lustlosen Ehemann Viagra ins Bier, der muss ca. 10 Minuten mit einem Stock in der Hose schauspielern, dann machen sie einen Tanzkurs, den sie wieder abbrechen und am Ende führt sie irgendeinen Stepptanz auf einer Schulaufführung auf und dann kommt er auch auf die Bühne und tanzt doch mit ihr und hinterher will er gleich mit ihr schlafen, weil er ihr endlich sagen kann, dass er seit der Pensionierung vor sechs Monaten leider nicht mehr wusste, wer er ist. Man kennt das.

Candice Bergen muss sich online einen Freund suchen und findet gleich Richard Dreyfuss (71). Hier ist sehr schön, dass sie nicht nur gleichaltrig sind, sondern auch gleichaltrig aussehen. Allerdings haben auch sie gleich Sex im Auto, bevor sie sich angeregt unterhalten haben. Alles könnte so schön sein, aber aus unerfindlichen Gründen muss sie zunächst noch einen anderen Mann daten, Wallace Shawn (75), der ca. 30 cm kleiner ist als sie, und mit dem sie ihren Ex-Mann mit dessen neuer Frau (ca. 25) trifft. Sie will sterben, fasst aber neuen Mut, nachdem sie sich vom Online Dating zunächst abmeldet und einen Tag später wieder anmeldet. Gottseidank wartet immer noch der fabelhafte Richard Dreyfuss auf sie. 

Ich finde, jede Frau jeden Alters sollte Sex haben, wenn sie es will. Das kann man auch verfilmen, nötigenfalls. Aber sie als unsympathische, tödlich nervende Knallchargen darzustellen, denen lauter Knallertypen hinterherrennen, ist ein Ärgernis. 

Keaton war mal Woody Allens Muse (was in der Nachbetrachtung leider auch eine eher zweifelhafte Angelegenheit ist), Candice Bergen legte sich in ihrer Serie "Murphy Brown" tagesaktuell mit George Bush an, Jane Fonda demonstrierte gegen den Vietnam Krieg und galt als in ganz Amerika verhasst, Mary Steenburgen tja, (keine Ahnung, was die mal gemacht hat) - und am Ende müssen sie kreischende, unerträgliche Frauen spielen, die ihre "innere Göttin" finden? 

Wirklich? 

Freitag, 21. September 2018

Hausfrauenglück

Heute geht nun wirklich der Sommer zuende und da habe ich mir natürlich gedacht: ab ins Freibad. Ich war in diesem Sommer kein einziges Mal dort, denn bei der Gluthitze ist es dort Überbevölkerung und wahrscheinlich das ganze Becken vollgepisst. 

Leider war es geschlossen. Blödes Internet. Da stand geöffnet bis 19 Uhr. Aber ich musste ja nun den letzten heißen Tag nutzen. Schnell weiter, Gardinenhaken kaufen - ich hatte morgens alle Vorhänge in die Maschine gepackt, die trocknen ja ratzfatz bei 31 Grad und ich hatte eine Umdekorierung vor. Ich räum nicht nur gerne die Möbel um, ich hänge auch mal andere Sachen an die Fenster; naja, so sehr unterscheiden die sich nun nicht, ist alles so Leinenstoff, weil's das schönste Licht gibt, wenn man sie mal zuzieht.

Anyway, ich stöbere durchs Möbelgeschäft und da sehe ich's: mein Bett! Teufelsbraut, die ich bin, kaufte ich es sofort. Das muss extra erwähnt werden, denn ich brauche für jeden Schlüpperkauf einen 5-Jahres-Plan. Manchmal überlege ich 10 Minuten, welche Kleenex-Box mir am besten gefällt. Von Handcremes und Shampoosorten möchte ich gar nicht erst anfangen (wobei  ich mich meistens für Nivea entscheide, als Babyboomer bin ich da geprägt und mir kommen heute noch Tränen der Wut hoch, weil es keine Delial-Sonnenmilch mehr gibt).

Dann rasch nach Hause, immer noch erschrocken über meinen Wagemut, jetzt aber rasch auf den Balkon, die Hitze genießen. Aber da stürmte es schon und es bewölkte sich umfassend. Und ein riesiger Laster hielt vor der Tür, Fensterauslieferung beim neuen Nachbarn. Er ließ die ganze Zeit den Motor laufen, was man aber wegen des Sturms kaum hörte. 

Meine Wohnung kommt mir so düster vor, nach all den Monaten mit strahlendem Sonnenschein. Im Schlafzimmer staubt meine treue Kimaanlage ein, die bisher genau eine halbe Stunde lief und wohl frühestens in neun Monaten wieder gebraucht wird. 

Ich muss den Tatsachen ins Auge sehen: der Sommer ist vorbei. 



Montag, 17. September 2018

Straßenkampf

Ich halte mich für eine gelassene Frau. Also für so gelassen, wie man als Hysterikerin eben sein kann. 

Aber nun. Neue Nachbarn. Russische Braut, greiser Herr, offenbar mit viel Kohle. Haben als erstes die riesige Rotbuche gefällt, wegen der vielen Blätter. Das schmerzte schon sehr, weil es ein unvergleichlich schöner Baum war. 

Naja, dann das Haus entkernt und allet vom Feinsten drin-und drangedübelt. Jeder wie er kann. Nun sind sie nach monatelangen Umbauten eingezogen. Mitgezogen sind auch ihre Autos. Zwei arschteure Mercedes-irgendwas, ich kenn mich mit Marken nicht aus. Is ja auch egal. 

So, und nun machen die folgendes: sie parken am liebsten hintereinander. Und direkt vorm Haus (allerdings nicht deren Haus, denn sie bewohnen das hinterste Grundstück), also direkt vor meinem Haus praktisch, da passen beide Autos hin und sonst weiter nichts. 

Und damit das auch so bleibt, dass beide Autos immer schön hintereinander stehen, bleiben sie nicht etwa für immer dort stehen und gehen zu Fuß. Nein. Das ginge ja noch. Würde man sich abfinden mit der Zeit. Sondern: er fährt einen Wagen auf die Straße und sie fährt den anderen dann in die Mitte - so, dass weder hinter noch vor ihr jemand anderes parken kann. Die haben also ihre eigene kleine Occupy-Bewegung gegründet. 

Was soll ich sagen? Mir kommt die kalte Wut hoch. So einen Aufwand zu betreiben, um sich öffentlichen Raum einzuverleiben, der allen zur Verfügung steht in unserer hübschen kleinen Straße mit all den liebenswürdigen Nachbarn, von denen noch keiner je auf so eine absurde Idee gekommen ist - wenn sie natürlich durchaus auf andere abenteuerliche Ideen kommen. 

(Man denke an Olli und seine Drohne und seinem ewig brummenden Rasenroboter. Oder an den Rentner, der jeden Samstag Punkt 11 Uhr seinen Laubsauger anschmeißt, anstatt am Mittwoch, wenn alle arbeiten und dieses Getöse nicht hören müssten. Oder an den völlig merkwürdigen Gynäkologen, der sein Haus zu Fort Knox umgebaut hat - den ganzen Tag die Außenjalousien unten; sehr verdächtig. Oder an den übergeschnappten Hubschrauberpilot, der sich vor das Auto seiner Frau geschmissen hatte, um dann loszubrüllen "Sie hat mich überfahren!" - nur leider hatte er nicht bemerkt, dass meine Freundin und ihr Kamerad gerade auf die Straße kamen und der herbeigeeilten Polizei als Kronzeugen für die arme Ehefrau zur Verfügung standen. Aber sonst so ist hier alles friedlich, dörflich und bezaubernd.)

Zurück zu mir: wann immer es mir möglich ist (und leider ist es mir erst einmal gelungen, weil ich selten zum parken daheim bin), wann immer es mir möglich ist, fahre ich mein Winzauto in die Lücke, die sie frei lassen, weil sie leider kein drittes Auto haben, um aufzuschließen. Und dann lasse ich es da stehen, bis mir nichts anderes übrig bleibt, als ins Büro zu fahren; wegen Armut muss ich da ja jeden Tag hin. Und ich bin sehr froh, dass die Niedlichkeit meines Autos es möglich macht, die ausgeklügelten Parkmanöver der neuen Nachbarn zu unterwandern. Ein Akt des Widerstands.

Und jetzt frage ich mich: bin ich hier die Irre oder die?

Sonntag, 16. September 2018

Detox Weekend

Mal wieder in die Sommerfrische auf's Land gefahren. Dorthin, wo Funkloch ist. 

Es ist ja so, ich kann mir keinen Film (Doku, Serie) mehr angucken, ohne nicht zwischendurch nach den Schauspielern zu googlen oder den Personen, die die Schauspieler darstellen. Ich weiß jetzt alles über Winston Churchill, Anthony Eden und deren Ehefrauen, Gebrechen und Hobbies. Und wer jetzt noch draufkommt, welche Serie ich mir gerade ansehe, dem/der kann ich nur sagen, so gut gefällt sie mir gar nicht. 

Jedenfalls schau ich viel zu oft auf's Handy. Unangemessen oft. Pathologisch oft, nach meiner Einschätzung. Alles mögliche recherchiere ich nebenbei, dabei bin ich nicht mal bei Twitter, Facebook oder Instagram. Wie schaffen diese Leute noch nebenher einen Beruf auszuüben? Inzwischen soll es Menschen geben, die während der Arbeitszeit eine ganze N*etflix Serie schauen. 

Kurz bevor ich das Funkloch erreiche, melde ich mich per whatsapp bei ein paar Leuten ab, weil ich das ganze Wochenende nicht erreichbar sein werde. 

Himmlische Ruhe, innen wie außen. 

 

   
Naja, so ruhig ist es auch wieder nicht, denn ich habe mir den Hund ausgeliehen und der bellt mitten in der Nacht zweimal ganz laut und ich schrecke aus dem Tiefschlaf hoch. Tagsüber kreist die Kreissäge, weil wir in so einer Einöde sind (am großen Tornowsee), dass man da offenbar auch mal Sonntag sägen darf (und wie mein Gastgeber sagt "Hier ist die Welt noch in Ordnung. Autos werden am Seeufer gewaschen und Öl im See verklappt.") Aber ich wäre eingeschlafen am Seeufer, ohne die Kreissäge. Prinzipiell ist dort wirklich alles in Ordnung, was zur Folge hat, dass neben einem auf dem Boden echte Wasserschlangen ihren Weg aus dem oder zurück ins Wasser suchen. 

Der Hund erweist sich als Wasserhund, er bringt tagein, tagaus das Seeufer in Ordnung. Will sagen, er schleppt alles mögliche Holz aus dem Wasser und möchte, dass wir mit dem modrigem Holz Stöckchen werfen. Er ist im Glück und rettet entweder alle Stöckchen, die wir zuvor ins Wasser werfen, in Rettungsschwimmermanier ("Zieh ihm einen roten Bikini an, ist ja hier wie bei Baywatch") oder patroulliert für sich allein am Ufer herum.