Während andere Väter ihrer Tochter vielleicht Schmuck, Parfüm oder gar etwas mit emotionalem Gehalt unter den Tannenbaum legen, bekam seine Tochter einen Ersatzreifen. Mit roter Schleife. Damit auch wirklich jeder sofort erkennt, dass Weihnachten gefeiert wird und nicht etwa eine Panne auf der A7. Sie warnte mich vor. „Du, der Papa hat’s nicht so mit Geschenken. Wunder dich nicht.“
Ich wunderte mich also nicht und besitze unterdessen eine
beeindruckende Sammlung von Fleecejacken. Nicht irgendeine Sammlung, auf den
Jacken steht entweder „Deerhunter“ oder „Parforce“. Während ich also aussehe
wie die stellvertretende Revierleiterin eines mittelgroßen Forstbezirks, trägt
der Patron stets Burberry oder Barbour.
Von außen betrachtet wirken viele Dorfmenschen, als hätten
sie zufällig die letzten drei Jahrzehnte in denselben Kleidungsstücken
verbracht. Die Jacke speckig, die Weste ausgebleicht, die Hose blank
gescheuert. Man möchte fragen, ob man für eine Sammlung zugunsten Bedürftiger
etwas beitragen darf. Dann erfährt man, dass das gesamte Ensemble an die 1000 Euro
kostet.
Ein ähnliches Missverständnis rankt sich um die berühmte
Bauernschläue. Als Stadtkind stellt man sich darunter einen gewitzten Mann vor,
der mit einem Grashalm im Mundwinkel auf einem Strohballen sitzt und
komplizierte Vertragswerke allein durch gesunden Menschenverstand durchschaut.
Vollkommener Blödsinn.
Die meisten Landwirte, die ich kenne, haben studiert.
Agrarwissenschaften sind heute ungefähr so weit vom romantisierten Bild des
bäuerlichen Naturburschen entfernt wie Herzchirurgie vom Baderhandwerk. Diese
Leute jonglieren mit Chemie, Biologie, Betriebswirtschaft, Wetterdaten,
Fördermittelanträgen, Marktentwicklungen und technischen Anlagen. Wer moderne
Landwirtschaft beherrscht, könnte wahrscheinlich am nächsten Montag als
Quereinsteiger den Chemieunterricht an einer durchschnittlichen Schule übernehmen
und bis Ostern niemandem auffallen.
Und während man in der Stadt stolz seinen Immobilienkredit
abbezahlt, stehen auf den Höfen Maschinen herum, die ungefähr so viel kosten
wie ein Einfamilienhaus und deren Hauptaufgabe darin besteht, sechs Wochen im
Jahr Tag und Nacht die Ernte einzufahren – auch für die Bauern, die so eine
Maschine nicht ihr Eigen nennen. Wie gesagt: man hilft und es wird einem
geholfen.
Wenn man auf einer Feier der einschlägigen Kreise landet,
staunt man ebenfalls. Erstens sind diese Feiern niemals klein. Zweitens wird
grundsätzlich eine Scheune in eine Eventlocation verwandelt, die jeden Berliner
Szenegastronomen vor Neid erblassen ließe. Drittens landet auf dem Grill fast
ausschließlich selbst erlegtes Wild. Und viertens erscheinen dieselben
Personen, die tagsüber aussehen wie Teilnehmer eines mehrjährigen Feldversuchs,
plötzlich geschniegelt und gestriegelt in feinsten Stoffen. Das Tuch sitzt
perfekt, die Schuhe glänzen, alles duftet, und man fragt sich unweigerlich, ob
diese Leute heimlich ein zweites Leben als englischer Landadel führen.
Der grimmige Patron mittendrin. Ein Topmodel in Barbour. Mit einem Ersatzreifen als Geschenk für irgendjemanden im
Kofferraum.


































