Wer erinnert sich noch? https://annika-reitet.blogspot.com/
Ich hatte das Experiment beendet kurz vor der Pandemie und fast nie wieder dran
gedacht. Und nun sind auf dem Hof gleich mehrere Pferde, die in Eigenregie
gefüttert, entmistet, geritten und sogar auf Turnieren über Hindernisse
geschubst werden.
Hach, und was hatte ich doch immer für Ängste vor diesen riesigen
Tieren, gleichwohl ich mich in jeden Klepper unsterblich verliebe, sobald er
vor mir steht. Bei Pferden ist mir Alter und Aussehen egal, ich find‘ sie alle
schön.
Tja, und jetzt weiß ich endlich, weshalb eine Pferdebox 600,
700 oder 800 Euro im Monat kostet. Unfassbar teuer, dachte ich früher. Das denkt
aber auch nur ein Trottel wie ich, der noch nie die dampfenden Pferdeäppel von
diesen Erfolgskackern zweimal täglich aus Stall und Paddock aufklauben, der
noch nie mit einem Trecker riesige Heuballen auf den Paddock fahren und an den
richtigen Ort abladen (Tetris ist nix dagegen), sie frühmorgens zur Weide hin
und nachmittags wieder zurückbringen musste – und das sind ja nur die Basics.
Die Scheiße muss weggefahren werden, das Heu muss gekauft werden,
möglichst auf Vorrat für ein ganzes Jahr, dafür muss Platz sein, es muss
gestapelt und darf nicht schimmelig werden. Die Box muss gereinigt werden, die
pissen ja im liebsten in ihr Wohnzimmer, die Gäule. Kommen extra von draußen
rein, spreizen die Hinterbeine, strecken sich ein bissel nach vorne und tränken
großflächig den Boden. Und man sieht schon in Gedanken vor sich, das ganze
Geschissel auf des Urgroßvaters alter Mistgabel zum Trecker zu transportieren. Da
sind doch Hundekotbeutel ein Witz dagegen!
Es müssen Decken gewechselt werden. Irgendjemand muss
feststellen, dass Pferd Nummer 17 seinen Eimer umgeworfen hat, Pferd Nummer 8
das Heu nicht mag und Pferd Nummer 12 beschlossen hat, heute nur auf drei
Beinen zu stehen, um die Belegschaft in leichte Panik zu versetzen. Nachts um
halb elf wird diskutiert, ob das Pferd jetzt wirklich lahmt oder nur einen
schlechten Tag hat.
Ist eine Turnierreiterin Familienmitglied, muss das Pferd lackschwarz
gestriegelt, anschließend auf einen Anhänger verladen werden. Danach fährt man
mit mehreren Tonnen Fahrzeugtechnik quer durch Niedersachsen, um an einem
Turnier teilzunehmen, bei dem man für exakt vier Minuten im Viereck erscheint
und danach wieder nach Hause fährt. Mit viel Glück hat man eine Plastikschleife
gewonnen.
Neulich durfte ich sogar an einer Jagd teilnehmen. Natürlich
nicht aktiv. So weit ist die Entwicklung noch nicht fortgeschritten und wird
sie auch nicht. Wir saßen mit knapp 100 Zuschauern verteilt auf ca. 10 Heuwagen
und wurden von gutmütigen Trecker Besitzern durch die Landschaft gezogen –
immer dorthin, wo was los war. Die Jagdgesellschaft selbst ist ihrer Hundemeute
hinterher, für die eine künstliche Fährte durch Flora und Fauna gelegt wurde. Wir saßen in der Nähe dicker Baumstämme, die als Hindernisse in die
Botanik gelegt wurden und beobachteten die herangaloppierenden (ich gendere
mal) Reitenden.
Für ethnologische Studien unschätzbar ergiebige Ereignisse.
Während die Reiter über Felder und Wege galoppierten, saßen
wir Beobachter auf unserem Anhänger und studierten die Sprünge – ich aber mehr
die sozialen Rituale dieser bemerkenswerten Spezies.
Rechts von uns saß eine Mutter mit ihren beiden erwachsenen
Kindern, die offenbar geistige Einschränkungen hatten. Die drei wirkten
zufrieden, freundlich und vor allem ehrlich erfreut über alles, was um sie
herum geschah.
Links von uns saß hingegen die Brut von Herrn und Frau
Schnösel. Und falls jemand denkt, Kinder würden unter dem Einfluss ihrer Eltern
gelegentlich zu normalem Verhalten finden: Nein. Die Vererbung scheint hier
außerordentlich stabil zu sein. Die Jung-Schnösel waren noch schnöseliger als
die Alt-Schnösel.
Die männlichen Exemplare waren jene Sorte Mittzwanziger, die
aussehen, als könnten sie von einem kräftigen Windstoß weggeweht werden,
gleichzeitig aber den blasierten Gesichtsausdruck aufstrebender FDP Wähler
kultivieren. Picklig. Dürr. Aber wäre so gerne ein Kerl.
Eine der Frauen, perfekt geschminkt, behütet, mit einem
Outfit, das mindestens 2000 Öcken gekostet hat, machte pausenlos Selfies von
sich, um diese sofort auf Insta zu veröffentlichen. Die Freunde durften auch
ein Foto von ihr und ihrem Freund machen, beide setzten dazu ihr Extraface auf,
was bei ihm deutlicher zu sehen war als bei ihr. Sie wurde flugs bewundert,
dass sie sofort alles in ihrer Story veröffentlichte und huldvoll lächelnd
meinte sie „Das ist Erfahrung“.
Nun ja, ihre Hunter Gummistiefel hatten zumindest noch keinerlei
Erfahrung mit dem Stallboden gemacht und ich wette drauf, das werden sie auch nie.
Dann begann die eigentliche Jagd.
Und dort erschien sie. Eine Dame im Damensitz. Sie trug
Kleidung, die aussah, als sei sie direkt aus „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“
entsprungen. Perfekt geschminkt, frisiert und perfekte Haltung. Während ich
noch darüber nachdachte, wie lange ich auf einem Pferd brauchen würde, um in
dieser Haltung ins nächste Gebüsch zu kippen, galoppierte sie vollkommen
ungerührt und anmutig über die Felder.
Der ganze Bumms dauerte an die drei Stunden, immer auf der
Flucht vor gigantischen Regenwolken. Tote gab’s nicht zu beklagen, nur einen
Sturz, der aber glimpflich ausging und ein Wagen eskalierte mit einer
Frauentruppe, die sich derart die Kante gaben, dass sie zum Schluss völlig
enthemmt vom Heuwagen mehr stürzten, als kletterten und unten angekommen unter
großem Gekreische ihre Hosen runterzogen und drauflos pinkelten. Irgendwo
musste der Prosecco ja hin.


































