Dienstag, 13. August 2019

Der feine Herr Stevenson

Sicher weiß schon alle Welt Bescheid, weil die liebe Tiker schon vor ein paar Tagen darauf hingewiesen hat. Keine Ahnung, wie sie's herausgefunden hat, aber der Ordnung halber sag ich's auch noch mal.

Er ist wieder da. Hier entlang: Pestarzt

Dienstag, 6. August 2019

Scrum ist Murcs

Beim Pantoufle gelesen und mein Blut ist gleich in Wallung.

Oh Mann... Ich fühle mich unterdessen wie kurz vorm durchdrehen, weil ich diese KPI, Scrummaster, New Work, Design Thinking, Product Owner, Agiles Arbeiten, Working out loud-Scheiße einfach nicht mehr ertragen kann. Aber wenn ich eines Tages anfange zu schreien, kann ich nie wieder aufhören, soviel steht fest. Ich bin ganz erschöpft vom nicht losschreien.

Irgendein Masterplan muss doch dahinterstecken, irgendwas müssen die doch vorhaben mit uns - alles in allem eine konzertierte Aktion aller vereinigter Schwachmaten dieser Welt, dieser sogenannte Kulturwandel in der Arbeit, dem wir uns angeblich nicht entziehen können, wegen der Digitalisierung, sagt man, und ich denke: unterschätzt uns Subalterne nicht. Ab unter den Tisch und dabei stille zusehen, wie die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird und am Ende bleibt doch alles beim Alten - was schon an den Cheffes dieser Welt liegt, die natürlich kein ernsthaftes Interesse an einem Wandel haben, sie wären ja auch bescheuert, so gut, wie es für die läuft.


Ich bin erschlagen von soviel Brummsdummheit um mich herum. Wie soll ich denn da im Alter (endlich) gelassener werden, kann mir das mal jemand erklären? Dieses Buzzword-Bingo, mit dem du die Königin bist, so du es beherrschst. Du musst allen Ernstes nur noch diese Scheiße labern können, um Heldin der Arbeit zu sein. 

Neulich habe ich einen Biobauern kennengelernt, bei Freunden, die aufs Land gezogen sind. Den habe ich besucht und da gerade Erntezeit ist, hat er mich mitgenommen auf so eine LPG, wo er alle drei Stunden einen Anhänger mit Roggen hingekippt bekommt, bis tief in die Nacht geht das so und dann muss das Getreide mit einem kleinen Bagger in eine Grube gekarrt werden und von dort wird der automatisch in Silos transportiert, naja, das ist jetzt langweilig und ich erzähle es sicher auch nicht richtig. 

Was ich sagen will: ich sah ihm so zu, wie er da mit dem ganzen Gehuddel fertig wurde und überlegte, mein Heil in der Landwirtschaft zu suchen. Keine Prozessimplementierung, kein Projektmanagement, keine blutleeren Geschöpfe, einfach nur 'operative' Arbeit. Mein Roggenbrot esse ich seitdem mit Respekt. 

Aber dann: auch in der Landwirtschaft sind die Prozesse optimiert. Gegenüber waren Kuhställe, die durfte ich mir ansehen. Tja, Bio-Milch heißt nur deshalb Bio-Milch, weil die Kühe nicht etwa menschenwürdig behandelt werden, sondern weil sie allerfeinstes Biofutter bekommen. Ferrari-Kühe, mit extrem knochigen Hüften und riesigen Eutern, deren Bänder auch schon mal reißen und dann hängt die eine Seite tiefer als die andere - bekommt die Kuh einen rosa Klecks auf die Stirn gemalt - ich hoffe für den Tierarzt, als Erkennunsgzeichen. Die Kälbchen werden ihnen spätestens einen Tag nach der Geburt weggenommen, wegen der Rentabilität, sitzen die auch in kleinen Babyställen und schauen einen mit großen Augen an. Nix Weide, nix Auslauf, keine Mama weit und breit.

Du meine Güte, jetzt bin ich aber abgeschwiffen...

 

Montag, 15. Juli 2019

Anderer Leuts Texte

Nachdem ich heute bei Herrn Ackerbau gelesen habe, dass sein Blog acht Jahre alt geworden ist, habe ich ihm zunächst höflich gratuliert und dann ein Foto angeboten, das ich kürzlich von einem Baum in Zehlendorf gemacht habe. Das ist ein pornöser Baum, der mir die Schamesröte ins Gesicht treibt - aber Ackerboy hätte ich zugetraut, mit der richtigen Betitelung etwas sehr Lustiges draus zu machen (für mich ist er ja der Meister der Foto-Betitelung - oder nennt man das anders?), aber er lehnte dankend ab, weil er "keine Anklage wegen unzüchtigem Umgang mit Koniferen" provozieren möchte. Ich versteh das gut, manches führt zu weit. 

Dann las ich weiter im Magazin für Radikale Heiterkeit und da wurde mir ganz warm ums Herz, weil der Text so schön dahergeschlendert kommt und ich mir wünschte, ich wäre im Waschsalon bzw. im Café nebenan dabeigewesen, weil dann hätten wir uns gemeinsam über die bekloppte Mutter lustig machen können, womöglich hätten wir Kilian-Alexander entführt und zum Jugendamt gebracht und ihm dort eine weniger bescheuerte Mutter besorgt und aus Dankbarkeit würde er uns später von seinem üppigen Hedgefond-Manager-Gehalt je einen Heimplatz unserer Wahl finanzieren, in irgendsoeinem Luxus-Stift, wo man am Ende nicht verkloppt wird von unterbezahlten und überforderten Pflegekräften.... Naja, jetzt geht mir die Phantasie ein bischen durch. 

Aus der Seele schrob mir aber auch der Blog, den ich erst kürzlich auf meine Blogroll genommen habe und zwar stellte die Inhaberin die Frage, wer eigentlich Büros braucht. Ach, so kluge Anmerkungen, ich selbst hätt's nicht schöner schreiben können. Bei mir im Büro ist jetzt auch der neue heiße Scheiß das Großraumbüro, was, wie jeder weiß, nur die Suizidalität der Insassen in die Höhe treibt und sonst rein gar nichts bewirkt, schon mal gar nicht die angeblich erwünschte "Bessere Kommunikation untereinander". Mittlerweile komme ich zu der Erkenntnis, dass alle Bosse dieser Welt nur noch ein Ziel haben: die Subalternen in größtmögliches Unglück zu stürzen. 

Zum Schluss noch mal zu unserer Kanzlerin, die ich inständig bitten möchte, zum Arzt zu gehen, denn wenn ich Hypochonderin noch einmal sehen muss, wie sie zittert, bekomme ich das auch.

Mittwoch, 26. Juni 2019

The hottest Rettungsschwimmer in town

Das Freibad, das ich seit Jahren frequentiere, liegt sehr hübsch. Für attraktive, freundliche Bademeister war es bisher nicht bekannt, aber das hat sich gründlich geändert.

Jetzt arbeitet dort Andy Garcia. Eine Augenweide, der Mann. Braungebrannt, kakifarbene Shorts samt passend farbiger Sneaker, dazu ein lachsrotes T-Shirt, auf dem "Rettungsschwimmer" steht. So sind jetzt alle Angestellten eingekleidet.

Wenn ich ehrlich bin, irritiert mich das mit den Sneakern. Wenn ich nun vor seinen Augen in Seenot geraten sollte, wäre er nicht so behende im Wasser, wie erforderlich. Alle anderen haben auch Flip Flops an, aus denen ist man ja schnell raus in case of absaufen.

Apropos absaufen: las ich doch vor ein paar Tagen im Tagesspiegel, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man ein Kind vor dem ertrinken rettet. Weil? Ja, weil das Kind riesige Kräfte entwickelt und dem Retter an die Kehle geht. Ja, genau so stand das in dem Artikel. An die Kehle geht und dann keiner von beiden überlebt. Und dass man das Kind erst absaufen lassen und sich ihm erst dann nähern soll, wenn's also nicht mehr zappelt und dies auch möglichst nur von hinten, damit es einen nicht sieht und einem nicht vor Angst die Gurgel zudrückt. Ich habe das mehrmals gelesen und dachte, was soll das denn für ein komischer Reflex sein, von dem habe ich ja noch nie gehört? 

Aber zurück zu Andy Garcia. Er ist ein Frauenbeglücker. Jede einzelne der um diese Zeit eintrudelnden alten Schachteln, inklusive mir, begrüßt er mit einem strahlendem Lächeln, so als ob er genau auf sie (und nur auf sie) gewartet hat. Und wenn mal um 7.20 Uhr auch eine jüngere Frau kommt, ist er nicht charmanter als sonst auch. Neutral wie die Schweiz, quasi.

Jede Frau steigt geschmeichelt in die Fluten, nachdem sie ihr Frühbucher-Ticket bei ihm bezahlt hat. Um die Zeit ist das Kassenhäuschen nämlich nicht besetzt, das macht er alles persönlich, direkt am Beckenrand.

Er verbreitet derart gute Stimmung, dass wir Frauen in der Dusche inzwischen dazu übergangen sind, uns herzlich zu begrüßen, zu verabschieden und gestern bat mich sogar eine Frau darum, ihr den BH schließen; was eine ungewöhnlich intime Angelegenheit ist, um die ich bisher im öffentlichen Raum noch nie gebeten wurde und ehrlich gesagt wünsche ich mir, dass derlei nicht einreißt.

Heute sprachen wir sogar über unseren attraktiven Bademeister, und eine Frau wusste zu erzählen, dass er der neue Geschäftsführer ist (daher die Sneaker) und sehr glücklich verheiratet ist, ein sehr schönes Paar sei das, tja, das glaubten wir alle sofort. Falls seine Gattin mal an seinen Qualitäten zweifelt, muss sie einfach nur morgens schwimmen gehen und dann weiß sie gleich, dass sie ein begehrtes Goldstück zuhause hat.

Und obwohl während der zurückliegenden Jahre um 7 Uhr das Freibad menschenleer war, ist jetzt Hochbetrieb mit erbitterten Machtkämpfen um die Wasserbahn-Hoheit. Ob die Überfüllung nun an Andy Garcia liegt oder an der Klimakatastrophe oder an den immer fitter werdenen Rentner*innen, die den hitzebedingt zu erwartenden Kinderhorden frühmorgens auszuweichen versuchen - Fakt ist, ich muss mir einen neuen Badeanzug kaufen. Und womöglich über Permanent-Make up nachdenken. Man wird als Frau nicht schöner im Chlorbecken.

Mittwoch, 19. Juni 2019

Die einsame Kanzlerin

Als ich gestern Abend das Video der Kanzlerin gesehen hatte, wie sie da stand und zitterte (nicht nur zitterte, sondern allergrößte Mühe hatte, stehen zu bleiben und ihre Extremitäten unter Kontrolle zu behalten, was ihr genau so wenig gelang wie Joe Cocker in den 80er Jahren), wie sie da also stand und so offenkundig neurologische Probleme unbekannter Herkunft hatte, war das erschütterndste für mich, dass ihr niemand zur Seite gesprungen ist. 

Kein Sanitäter kam angelaufen, kein Personenschützer, kein Mitarbeiter und nicht mal der neben ihr stehende ukrainische Präsident reichte ihr auch nur den Arm; ja er starrte angestrengt geradeaus, als ob er sich und der Welt weismachen wollte, dass er ihre Notsituation einfach nicht bemerkt.

Da steht sie und hält sich mit eisernem Willen auf den schwankenden Beinen und keine Sau eilt ihr zu Hilfe. Vor aller Augen, in sengender Hitze, die Kameras auf sie gerichtet und kein einziger Mensch fühlt sich berufen, das Protokoll zu missachten und mal schnell zu ihr rüber zu laufen.


In den Berichten hieß es, sie hätte unmittelbar danach wieder "normal laufen" können. So ein Bullshit! Ja, sie konnte laufen, aber das war's auch schon. Flüssiges Gangbild ist was anderes. Sie eilte zur Pressekonferenz, sie war immer noch fahrig (kein Wunder) und jeder, der Augen im Kopf hat, konnte sehen, dass sie mit letzter Kraft - und daher eilig, wie jeder, der Panik hat - unterwegs war. 

Warum man sie nicht aus dem Verkehr und sofort ins Krankenhaus gebracht hat, verstehe ich nicht. 

Die Wirkung, die sicherlich vermieden werden sollte (ein Politiker darf keine Schwäche zeigen, etc. blabla), ist so viel verheerender. Alles wäre okay gewesen, wenn sie umgekippt wäre oder ihr der Präsident wenigstens seine Hand auf ihren Rücken gelegt hätte - das wären dann Bilder gewesen, die nie gesendet worden wären, man hätte nur von einem Schwächeanfall in Gluthitze gelesen und niemand hätte sich tiefergehende Gedanken gemacht.

So aber, die Kamera draufgehalten, haben sich zumindest mir diese Bilder unauslöschlich ins Hirn gebrannt: ein schrecklich anzusehendes Symptom, eine sichtlich panische wie stoische Kanzlerin, die im Stehen zusammenbricht und niemand hilft.

Und heute kraucht sie schon wieder in Gluthitze in Goslar rum. Sie muss doch gar keine Wahlen mehr gewinnen...

Montag, 17. Juni 2019

Wie ich mich neulich auf den ersten Blick verliebte

Umstände spülten mich auf das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters. Ich war mit einer Kollegin dort, die mich irgendwann an den Stand von Eisern Union zerrte. "Mein Mann ist so ein Fan, dem bringe ich ein paar give aways mit." 

Während sie sich Schlüsselanhänger geben ließ, sah ich drei Meter von mir entfernt einen schwitzenden, erschöpften Mann. 

"Du, kucke mal, das ist der Präsident von Eisern Union, ich frag den mal, ob ich dich mit ihm fotografieren kann, dann freut sich dein Mann noch mehr." raunte ich meiner Kollegin zu. "Das traust du dich?"

Ich trau mich fast alles, wenn es nicht um mich geht und wenn's mir völlig gleich ist, ob ich es bekomme oder nicht. Das ist ja das Blöde mit mir. Wenn der Mann mir also gefallen hätte oder ich schon langjähriger Fan gewesen wäre, wäre mir nur die eine Reaktion möglich gewesen, an der - in meinem Fall - jeder Mann erkennen kann, dass ich in Flammen stehe: vollkommene Ignoranz gepaart mit null Blickkontakt.

So aber hatte ich zwar ein paar Tage zuvor gelesen, dass der Verein gerade in die 1.Bundesliga aufgestiegen ist, die Fans ganz aus dem Häuschensind und dass das alles überhaupt eine ganz dolle Sache sei, weil die alle so erdverbunden und sturmerprobt (ach nee, das sind ja die Niedersachsen), anyway, der ganze Verein, samt Stadion und Präsident und der Weihnachtssingerei der ultimative heiße Scheiß ist. Der übliche Medienhype halt. 

Ich war nicht infiziert vom Eisern-Bazillus, also ging ich entspannt auf den Mann zu und sprach ihn an. Erklärte ihm, der Mann meiner Freundin, ein großer Fan, ob man ein Foto... und dann war's um mich geschehen, binnen einer Sekunde. 

Er neigte sich mir zu und in seinem Gesicht war Milde, Erschöpfung, Güte und ein bisschen Traurigkeit. Da war ich gleich hinüber. Außerdem sieht er ein klein bisschen aus wie Guy Ritchie, was auch nicht schadet.

Freundlich stellte er sich neben meine Freundin, ich fotografierte, ein anderer Vereinsmeier sagte zu mir, dass ich doch bestimmt auch ein Foto mit ihm haben möchte, nahm mir mein Handy aus der Hand und nun habe ich ein Foto mit der Liebe meines Lebens, auf dem ich total bescheuert aussehe, ja leider, ich sehe so dümmlich-Honikuchenpferdartig aus der Wäsche, dass mir gleich wieder einfiel, weshalb meine private Appeasement-Politik ("to ignore") die bessere Alternative für alle Beteiligten ist. 

Natürlich war dieses Foto auch schon gleich der Höhe- und Endpunkt dieser doch reichlich kurzen Affaire, von der sogar nur ich etwas wusste und der andere Beteiligte nie erfahren wird, dass er mal für einen Moment beinah in etwas verwickelt war. Hach.

 ***

Meiner Kollegin gab ich den Tipp, sich ihr Foto mit ihm groß auf Leinwand auszudrucken und es ihrem Mann zu Weihnachten zu schenken, da würde die Freude doch groß sein. Auf keinen Fall, meinte sie, der hängt das auf und dann muss ich für immer auf dieses Foto glotzen.



Donnerstag, 13. Juni 2019

Das schlimme Blinddate


Schon als er mich in eine Bäckerei in Lichterfelde bestellte, wusste ich, dass das nix wird und als ich angeradelt kam und diesen merkwürdigen Schrat in Ballonseide sah, wäre ich am liebsten weitergefahren und nach den ersten Sätzen, die wir sprachen, wollte ich mich bereits entleiben.

Ich hab doch so ein gutes Bauchgefühl für Dinge, die nicht gehen, weshalb höre ich nur so selten auf mich?

Steht da also ein Mann vor mir, früh vergreist, eine Mischung aus George und Buster Bluth aus Arrested Development, meiner neuen Lieblingsserie. Wir gehen in die Bäckerei, die in einem Nebenraum ein kleines Café eingerichtet hat, das vollständig leer ist. Selbstbedienung. Er kauft sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen. "Ich geh schon mal nach nebenan". Du meine Güte, ich bin wahrlich kein Luxusweibchen, aber in so einem Schrottladen hätte man mich durchaus zu einem Tee einladen können. 

Aber dass hier ein Mann vor mir steht, der nicht den geringsten Schimmer davon hat, wie man eine Frau für sich interessieren könnte, war ja klar. Und er toppt sogar noch alle voreiligen Vorurteile, die ich in den ersten Sekunden über ihn gefasst hatte. 

Er wohnt noch bei Mutti "Weshalb soll ich denn ausziehen, wenn es mich doch nichts kostet, bei ihr zu wohnen. Ja klar macht sie meine Wäsche, warum auch nicht?"

Er hat Hobbies. Er schob mir ein Foto eine Farbkopie von einem älteren BVG Bus rüber. "Den fahre ich manchmal am Wochenende. Im Verein. Kostet mich nichts." Dann eine Kopie eines Segelbootes. "Ich trainiere eine Rudermannschaft. Das ist das Begleitboot. Kostet mich nichts."

Und er hatte natürlich Pech mit Frauen. "Es gibt ja keine Frauen mehr, die Kompromisse machen können. Die Letzte war immer sauer, weil ich am Wochenende die Rudermannschaft trainiere." Er empört sich: "Was soll ich machen, ich kann die Jungs doch nicht im Stich lassen? Die hat immer nur gemeckert, weil ich keine Zeit hatte."

Ich denke, aber sie hat doch Kompromisse gemacht, und zwar jedes Wochenende, aber für so ein selbstgerechtes Muttersöhnchen ist die Frauenwelt an sich natürlich kein Ort der Verheißung. Alles Schlampen außer Mutti.

Schnell holt er eine weitere Farbkopie raus, er geht nun aufs Ganze und zeigt mir sein Elternhaus, aus dem er ja nie ausgezogen ist. Es steht in einer Siedlung um die Ecke und das einzige, was ihn stört, sind die Nachbarn, die immer Gäste im Garten haben und Lärm machen, vor allem wenn Fußball-WM ist. Schlafen sei dann unmöglich und deshalb habe er auch schon öfter die Polizei gerufen, aber kaum seien die weg, lachen sie nebenan einfach weiter.

Mein Blick ist schon vollends leer, es sind knapp 20 Minuten vergangen und das ist lang genug. Ich breche diese sinnlose Zeitverschwendung ab und wünsche ihm viel Fortune. Verdutzt bleibt er sitzen mit seinen Farbkopien und ich radel glücklich in den Sonnenuntergang.

Dienstag, 4. Juni 2019

Mütter, Nichten und Andrea Nahles

+++ Spooky +++

Geheimnisvolle Dinge gehen vor die letzten Tage. Zuerst enttaute der Kühlschrank sich selbst, was durchaus ein sinnvoller Versuch zur Eigenrettung war. Leider zu spät, denn seitdem schafft er nur noch 12 Grad Kühle. Dann schaltete sich die Geschirrspülmaschine mitten im Waschvorgang ab. Nachdem ich den Stecker zog und neu startete, rumpelte sie zwar brav weiter, aber am nächsten Tag funktionierte der Eierkocher nicht. 

Nun korrelierten diese Dinge mit der Anwesenheit meiner Mutter in Berlin, was an sich schon verdächtig ist. Sie drückt gern Knöpfe und räumt Dinge weg, die einen festen Platz haben oder einfach von mir irgendwo hingelegt werden, aber dank meiner Rüstigkeit wiedergefunden werden. Jedenfalls solange der Optimierungsdrang meiner Mutter nicht andere Orte für geeigneter hält.

Sie hat sich noch was Neues angewöhnt: sie folgt mir in meiner Wohnung wie ein Schoßhündchen und vor allem in der Küche beäugt sie, schräg hinter mir stehend, alles was ich tue mit großer Besorgnis. Am liebsten will sie das Kommando übernehmen, ich bin ja nicht blöd und merke das natürlich.

+++ Niedliche Verwandte +++

Das Kind meiner Nichte übrigens, inzwischen drei Jahre alt, kommt ganz nach ihr. Als meine Mutter ins Bad wollte, sprang die Kleine auf und sagte "Ich begleite dich". Womit sie widerum die elegante Ausdrucksweise ihrer eigenen Mutter (meiner Nichte) kopierte, die ebenfalls im Alter zwischen 3-4 Jahren Dinge sagte wie "Wer klingelte da?" Das nennt man transgenerationale Weitergabe.

Den schönsten Satz sagte sie allerdings zu ihrem Vater "Papa, du bist auch eine gute Mutter!" Ein wertschätzendes und warmherziges kleines Ding ist sie.


+++ Andrea Nahles +++

So, und jetzt noch zu Andrea Nahles. Ist ja populär, sie schrecklich und peinlich zu finden. Ich weiß auch nicht, weshalb sie diese kreischige Hemdsärmeligkeit gepaart mit überbordendem "Ich-will-dass-ein-Ruck-durch-die-SPD-geht"-Modus für geglückt hält, ist mir auch egal. Nach allem, was man so hört, ist sie sonst ganz okay. Ihr Abgang ist jedenfalls aller Ehren wert.

Weshalb sich aber stattdessen niemand mit den blasierten Hackfressen Alice Weidel und Beatrix von Storch in ähnlicher Weise aufhält, die neben ihrer weitaus unattraktiveren Gesamterscheinung (nur noch übertroffen von Gaulands fauligen Zähnen) auch noch grausige Inhalte zu Markte tragen - das kapiere ich nicht. Mit aller Lust an der Zerfleischung werden die immer gleichen Bilder von Nahles mit rudernden Armen, Bätschi rufend, etc. in die Wohnzimmer penetriert, allein die zwei güllespritzenden Schreckensweiber von der AfD werden mit diskreter Rücksicht behandelt, als hätte ihnen eine unbekannte Macht Welpenschutz verpasst.

Was soll mir das sagen?


Sonntag, 26. Mai 2019

Heul doch, Nichtraucherin!

Während unterdessen sowohl Niki Lauda als auch Wiglaf Droste gestorben sind, schlage ich mich mit den Auswirkungen meiner Nichtraucherei plus Schokoladenentzug herum.

Früher habe ich immer gesagt, das Gute am Rauchen ist doch, dass man weder ausfällig wird noch lila Sonnen sieht, sondern einfach nur still in einer zugigen Ecke steht und niemandem auf den Geist geht.

Nun, da ich selber gedetoxt bin, wird mir klar, dass ich vor allem mir selber nicht auf den Geist gegangen bin mit irgendwelchen Befindlichkeiten. Das hat sich jetzt geändert. Nikotin ist ein Nervengift, das hab ich nie bestritten. Aber die Auswirkungen - außer hochgradige Gefahr von Lungenkrebs - hielt ich für vernachlässigenswert. Ich spürte keine Auswirkungen, echt jetzt, manchmal Kopfschmerz, wenn ich übertrieben hatte, aber ansonsten: alles roger.

Naja. Jetzt, nach über 4 Monaten nichtrauchens und fast 8 Monaten ohne Schokolade stelle ich fest, dass ich eine tickende Zeitbombe bin, die sich ausnahmslos dysfunktionale Beziehungsgeflechte diagnostiziert, ja, sogar so weit geht, zu vermuten, alle langjährigen Begleiter und -innen sind überhaupt nur deshalb in meinem Leben, weil ich mir alle weniger liebenswerten Eigenheiten meiner beloved ones weggeraucht und/oder hübsch in Milka Vollmilch ersoffen habe. 

Also: ich fühle jetzt immerzu alles. Ich, die ich noch Anfang des Jahres ungerührt von allerschlimmsten Kümmernissen berichtet habe, als sprüche ich über eine andere, muss jetzt wegen jedem Scheiß heulen und alles am lebendigen Leib empfinden. Ist das scheiß anstrengend!

Und da fast alle meine Freunde (m/w/d) saufen wie die Löcher, ertragen die umgekehrt womöglich auch mich nur, weil sie zwar tagsüber alle einer geregelten Arbeit in hoffentlich nüchternem Zustand nachgehen, sich aber am Abend, wenn wir uns für gewöhnlich treffen, sofort rosa Cremant hinter die Binde gießen. Aber gut, das ist deren Problem. War nur so'n Gedanke. 

Anyway, ich habe Vollbeschäftigung mit all diesen Gefühlen und den daraus resultierenden Fragen, ob die eine oder andere verwandschaftliche oder freundschaftliche Beziehung im Grunde nicht längst auf den Misthaufen meiner Vita gehört. 

Neulich war ich über eine Sache so verstört, dass ich mich mit zwei landesweit bekannten Bloggerinnen extra in Leipzig getroffen habe, um mich mit ihnen darüber zu unterhalten. Ich versprach mir von unserer virtuellen Freundschaft (die aufgrund höchst seltener persönlicher Treffen noch keine Alltagsabnutzungserscheinungen hat) eine sehr objektive Sicht auf mein Dilemma und da hatte ich mich auch nicht getäuscht. Kluge Bloggerinnen sind auch in echt kluge Frauen und so saßen wir fünf Stunden an einem verregneten Samstag im Cafe Central und dann fuhr eine jede wieder heim. 

War das schön, Zeit mit Menschen zu verbringen, denen ich noch rein gar nichts übel nehmen konnte, weshalb ich auch nicht heulen musste bei der Erinnerung an frühere Verletzungen, weil sich ja bisher schlicht keine Gelegenheit für auch nur die kleinste Verfehlung gegen diverse Freundinnen-Kodexe ergab - bei dem nunmehr dritten Treffen in sieben Jahren (und die eine lernte ich an diesem Regentag sogar erst kennen.) Blütenreine Freundschaften - eine Labsal für meine entzündeten Nerven, die jetzt immerzu gekränkt sind, auch retrospektiv. Ich muss die beiden jetzt öfter treffen, es war zu schön!

Mir hat mal jmd. vor Jahren gesagt, keiner müsse sich einbilden, dass alles einfacher werde mit einem ehemaligen Suchtkranken, nur weil er nicht mehr trinke oder fresse oder sonstwas. Nein, wenn das alles weg sei, komme sein wahres Ich zum Vorschein und da wünscht sich manche/r das stets hackedichte Gegenüber zurück. 

Schätze, dass meine neue Überempfindlichkeit und meine dramatischen Ausrufe "Ich fühle jetzt andauernd alles, ist das ätzend!" viel Gleichmut erfordert von denen, die mit mir zu tun haben.

Dieser kleine Exkurs nur mal so als Warnung an alle, die aufhören wollen zu rauchen: Macht euch auf etwas gefasst! 


P.S. Die schönsten Nachrufe zu Wiglaf Droste gibt es hier


PPS: Ich bin jetzt doch eine ekelhaft militante Ex-Raucherin geworden. Noch halte ich zwar keine Volksreden über die Gefahren und das habe ich auch nicht vor, aber natürlich darf kein Mensch mehr in meiner Wohnung rauchen. Und ich bin sogar soweit gegangen, dass ich dreiviertel meiner Bücher im Laufe von 14 Tagen in so eine Bücher-Telefonzelle geschleppt habe - weil die einfach nach 30 Jahren Zugequalme so dermaßen stinken, dass ich's jetzt, mit meiner neuen Intoleranz einfach nicht mehr ertragen kann. Und ich bin sehr stolz, dass meine Bücher am jeweils nächsten Tag fast immer komplett weg waren. Kein Wunder, war ja Qualitätsware...

Dienstag, 30. April 2019

Peinliche Paare


Stehe mal wieder auf einem Empfang herum, diesmal mit Live-Band, weil es sich um einen Tanz in den Mai handelt. Zugegeben geht die Chose nur von 18 - 22 Uhr, was aber einige Menschen nicht davon abhält, in grauenerregende Ekstase zu verfallen, als die Band "Freak out" anstimmt. 

Ich beobachte den Nachbarstehtisch schon eine Weile, zunächst denke ich, Gayle Tufts zu erkennen, aber es ist nur die Doppelgängerin. Neben ihr steht ein Männchen mit  Maus-Gesicht.

Zunächst gerät das Männchen in Bewegung; will sagen: es wagt ein paar exaltierte Tanzschritte, die trefflich fehlendes Rhytmusgefühl veranschaulichen. Aber damit nicht genug: nun folgt die Latin Lover Attitude, von der Gayle Tufts erkennbar überrascht und in Ermangelung häufigerer Wallungen ihres Maus-Männchens keinerlei Routine erworben hat, sich seinem ungelenken Gegrabbel und Geknutsche geschmeidig hinzugeben. Sie ist irritiert und - wie ich meine zu erkennen - auch angewidert. Was sie zu verbergen versucht. 

Es kommt noch schlimmer: um diesen ekstatischen Moment dieser sicher in die Jahre gekommenen (oder gerade erst über Parship begonnenen) Beziehung für alle Ewigkeit festzuhalten, ergreift er seine riesige Kamera, die vor ihm auf dem Stehtisch liegt und fotografiert sie, als sei er Helmut Newton und sie ein Topmodel. Sie macht ihm den Gefallen, beugt sich vor und haucht "Freak out" in die Kamera - er überschlägt sich vor Glück über dieses heiße, überkandidelte Gerät an seiner Seite, dass er sofort wieder mit dem Geknutsche beginnt... kaum trifft er ihren Mund, weil er so hampelt...sie windet sich.

Und ich winde mich am Nebentisch, kann aber den Blick nicht abwenden wegen all der menschlichen Abgründe.

Inzwischen ist das Männchen so im Glück, dass es anfängt, andere Menschen großzügig an seinen Tisch zu rufen. Mit großer Geste umarmt er nun einen Oliver, der bestimmt schon in der Jungen Union zugange war oder bei der FDP sein Glück versucht hat - naja, was soll man sagen, beide haben es geschafft, denn immerhin stehen sie hier in der Senatskanzlei und ein paar Meter entfernt steht der Regierende, sie sind also ganz nah dran und nun muss das Männchen auch schon wieder mit Besitzerstolz Gayle Tufts küssen, die sich wahrscheinlich denkt "Einen Besseren finde ich nicht und immerhin wird er ja vom Bürgermeister eingeladen."

 Freak out!

Sonntag, 28. April 2019

Zwischenbericht aus der Versenkung

Bevor mein Blog von Spammern, Scammern, Bots oder wie die sich nennen, komplett überrannt und womöglich übernommen wird, melde ich mich besser mal. 

Ich hatte geahnt, dass es nicht nur Vorteile haben wird, das rauchen aufzugeben. Mancherlei Unbill bricht aus, wenn man sich kein Nervengift mehr einverleibt - davon hatte ich gehört. Und zwar sowohl psychisch als auch physisch kann man mit blöden Überraschungen rechnen, die ich für so folgerichtig wie auch unausweichlich während der Vielqualmerei gehalten habe. 

Natürlich hatte ich gehofft, dass es sich bei mir auf die berüchtigten Monster-Erkältungen und/oder Magenverstimmungen beschränken wird; von denen allerdings bin ich verschont geblieben. Womit ich nicht gerechnet hatte bei all der gesunden Ernährung, dem Gewichtsverlust, dem vielen Gelatsche an der frischen Luft, ist Bluthochdruck. Hä? Bluthochdruck - jetzt, wo ich pumperlgesund lebe? Ich in der Notaufnahme und die kriegen den stundenlang nicht runter? What the hell...

Ich kann euch sagen, da ist es mit der guten Laune schnell vorbei und rasch fallen einem keine heiteren Themen mehr für einen Blog ein, denn Hypochonder bin ich leider immer noch und wenn ich dann mal was habe, kann es bekanntlich nur zum Tode führen und so bin ich mal wieder vornehmlich mit meinem nahen Ende beschäftigt. 

Zwischendurch sind noch ein paar andere blöde Dinge passiert, meine Lieblingstante ist verstorben, meine Freundin von gegenüber verunfallt, weshalb ich sie in meinem jämmerlichen Zustand pflegen und ihr Kind hüten musste und ich hatte auch noch ein fürchterliches Date. 

Sobald ich meine Contenance wiedergefunden habe, werde ich ausführlich davon berichten. 


Sonntag, 24. März 2019

Ein Nachruf

Als ich ihre Todesanzeige entdecke, haut es mich aus den Schuhen. 

In meinem ganzen Leben habe ich von keinen sinnloseren Todesfall hören müssen - nein, anders ausgedrückt: keiner war je so ungerecht, bitter und grausam für die Angehörigen.

Der Tagesspiegel berichtete schon mal 2007 über sie:  

"...Als die Frau mit der hellen, freundlichen Ausstrahlung vor 28 Jahren schwerstbehinderte Zwillinge bekam und klar war, dass die beiden Töchter sich nie allein würden anziehen oder ohne Hilfe essen können, war sie entschlossen, ihnen ein möglichst normales Leben zu schaffen. Sie schickte sie auf Regelschulen und ist sehr stolz darauf, dass beide es geschafft haben, Ärztinnen zu werden...." 

Da war sie beim Bundespräsidenten eingeladen, was sie im Nachhinein erwähnte, wie eine Nebensächlichkeit und ihre Bescheidenheit war nicht gespielt. Sie war unprätentiös, ohne jeden Dünkel und auf skandinavische Art bildschön. 

Ihre Töchter diskutierten oft mit, wenn sie dran war, den Lesekreis bei sich zuhause zu empfangen. Sie hatten schon immer alle Bücher vor uns gelesen. Manchmal scheuchte sie ihren Mann und die Mädchen aus dem Haus, ins Kino, wenn wir kamen. 

Ihr Mann, ein Naturwissenschaftler durch und durch, ging nicht stiften, als klar wurde, wie krank die Töchter sind. Vier Menschen, die das Beste aus allem machten. Die um die halbe Welt reisten, ein offenes Haus führten, in dem man köstlich bekocht wurde, in dem Jubel, Trubel und Heiterkeit herrschte und manchmal die Fetzen flogen. Größtmögliche Normalität, Herzenswärme und immer das beste Essen von allen.

Ich habe sie nie klagen hören; im Gegenteil, sie war immer gutgelaunt und das fand ich geradezu überirdisch. Habe mich immer gefragt, wo sie das alles lässt, aber es schien immer, als habe sie gar nichts irgendwo zu lassen; so, als ob es genau so wie es ist, gut ist. 

Als ob das nicht alles schon gereicht hätte, erkrankte ihr Mann. Er kämpft seit Jahren um sein Leben.

Und dann bekommt sie vor 14 Tagen wie aus dem Nichts schreckliche Schmerzen. Schleppt sich ins Krankenhaus. Drei Tage später ist sie tot. Einfach so. Ohne Ankündigung. Ohne Abschied. Viel zu früh, viel zu jung.

Die Kirche platzt bei der Trauerfeier aus allen Nähten; ich habe michts anderes erwartet. Treffe meinen alten Lesekreis, zu dem ich zurückkehren werde, wenn nicht im neuen Lesekreis beim nächsten Treffen ein Wunder geschieht dergestalt, dass nicht nur ich das diesmal grauenhaft schlechte Buch (Becks letzter Sommer) gelesen haben werde. 

Ich weine eine Stunde lang ununterbrochen, ebenso wie mindestens die Hälfte der Anwesenden. 

Eine der Töchter hält eine Rede, erzählt, dass die Mutter immer sagte "Ihr müsst jeden Tag etwas Schönes machen, hört ihr?" und ich denke, das alles hätte sich nicht mal Rosamunde Pilcher auszudenken gewagt, so sehr drüber ist dieses Leben und dessen Ende, aber es ist doch genau so gelebt worden und lebt sich nun weiter, ohne sie - welch ein Verlust für die drei Übriggebliebenen, denen vom Leben schon im Übermaß in die Suppe gespuckt wurde.

Hier ist nichts Tröstliches, was man sich herbeireden kann. Es ist kein Sinn zu erkennen und es gibt keine Hoffnung am Horizont. 

Ich hätte gerne den Verantwortlichen gesprochen, damit ich ihm in die Fresse hauen kann.

 

Dienstag, 12. März 2019

Häppchen im Bundestag

Was ich in den letzten Wochen alles erlebt habe... 100 Jahre Frauenwahlrecht machen es möglich, dass ich mich von einer Veranstaltung zur anderen hangele, meistens eingeladen von der SPD, auf Bundesebene, Landesebene und lange wird es nicht mehr dauern, da kann ich Führungen durch den Bundestag anbieten. 

Neulich hat sogar ein Minister mit mir geflirtet, ich war ganz irritiert, habe ihn natürlich ignoriert und gedacht Träum weiter, ich unterhielt mich lieber mit einer Staatssekretärin a.D., die ich gerade kennengelernt hatte, denn netzwerken können die Sozen, das kann ich bezeugen und sie sind herzlich dabei. 

Auf all diesen Veranstaltungen zu Ehren der Frauen kreuzen immer auch ein paar Männer aus der ersten Reihe auf, wie beispielsweise oben genannter Herr, wohl weil die kein Zuhause haben oder einem hier die gebratenen Häppchen direkt in den Mund fliegen oder weil eventuell mal eine sehr junge hübsche Frau (direkt von der Uni) zu beeindrucken ist. 

Einer begegnet mir immer wieder und stets neigt er sich vertraulich einer dieser Praktikantinnen oder Referentinnen zu und säuselt in ihr Ohr und ich denke, so dumm wird sie doch nicht sein, er könnte ihr Opa sein und so mächtig ist er auch wieder nicht, dass sich das lohnen würde - nicht jeder ist ein Müntefering. 

Heute nun in der FES, 30 Jahre Friedliche Revolution, und das hätte mir eine Warnung sein sollen, denn ich nenne das eigentlich immer nur "Wende" oder "Mauerfall" - was aber politisch nicht korrekt ist, wie ich erfahren muss. Ich war mit drei "West"-Frauen vor Ort, was noch wichtig wird, denn letztlich handelte es sich um eine Hommage an die "Ostfrau" - wogegen ich nichts habe, nur hätte das im Vorfeld etwas deutlicher werden können.

Mir war ja bis heute Abend nicht bewusst, wie toll die Ostfrauen gewesen sind und wie bescheuert hingegen die Westfrauen. Ostfrauen hatten ganz tolle Mütter und Großmütter, die ein selbstbestimmtes Leben hatten und abtreiben konnten, wann immer sie wollten. Ich wollte schon laut rufen "Wir im Westen konnten auch abtreiben, wann immer wir es wollten, hallo? Und eure tolle Ober-Ostfrau schafft es nicht mal, den 219a zu kippen!" Huch, dachte ich, wie rede denke ich denn?

Eine Iranerin aus dem Publikum stand auf und sagte zu der jungen Frau auf dem Podium, die nach dem Mauerfall geboren wurde, sich dennoch als "Ostfrau" fühlt, dann sei sie wohl nicht integriert, denn wenn sie eine Tochter hätte, die sie vor 30 Jahren in Deutschland geboren hätte und die würde sagen,.sie fühle sich wie eine Iranerin, dann wäre diese offenbar nicht integriert.

Meine Sitznachbarin spöttelte "Ich sag doch auch nicht, ich bin eine Südfrau, weil ich aus München komme." Eine weitere Frau aus dem Publikum ergriff das Mikrofon und sagte, dass es sich doch um eine Feierlichkeit anlässlich des Internationalen Frauentags handele und dass ihr diese einseitige Fokussierung auf Ostfrauen doch allzu provinziell erscheine und dass Frauen heutzutage allerhand wichtigere Probleme zu lösen haben, als vermeintliche Alleinstellungsmerkmale zu feiern, bzw. anzuprangern.

Die Ostfrauen auf dem Podium waren echt sauer, eine Keilerei wurde letztlich verhindert bzw. geschmeidig abmoderiert von der anwesenden Ministerpräsidentin, die bestimmt mal eine Ausbildung zur Mediatorin gemacht hat oder aber ein beeindruckendes Naturtalent besitzt, hochgekochte Volksseelen zu beschwichtigen und eine 1 a Feel Good Stimmung zu erschaffen. Chapeau Manuela!

Ich muss ehrlich sagen, die Sozen haben klasse Frauen aufzubieten, und zwar aus allen Himmelsrichtungen.

Montag, 4. März 2019

Nervöse Fische

Seitdem ich neulich auf der Berlinale war, bin ich doch Mitglied eines Lesekreises und am letzten Wochenende war es soweit: das erste Treffen, an dem ich teilnahm.

Eilig las ich den ganzen Samstag von morgens bis abends noch das letzte Drittel des Buches (Steinfest; Nervöse Fische), bevor ich mich auf den Weg machte in ein koreanisches Restaurant in Schöneberg. Die Frau von der Berlinale, die mich so herzlich eingeladen hatte in diesen Kreis, hatte ein paar Tage zuvor geschrieben, dass sie nicht erscheinen werde, wegen familiärer Verpflichtungen. So kannte ich wirklich keine Menschenseele und wusste daher nicht im geringsten, was mich erwarten würde.

Sowas finde ich meist gut. Ich überlege dann immer, dass ich mich ja völlig neu erfinden könnte. Mir rasch eine völlig neue Identität oder wenigstens einen Spitznamen zulegen könnte, aber dann bin ich doch immer bodenständig durch und durch, so dass ich mich ganz authentisch gebe und kreuzbrav den Namen nenne, auf den ich getauft wurde... also..., dass ich im Grunde meines Herzens eine femme fatale bin, weiß wirklich nur ich.

Ich wurde freundlich aufgenommen in der Runde, die aus einem Mann und vier Frauen bestand. Der Mann hätte Buchhändler sein können, denn Männer, die lesen, sind immer eher blutleere Geschöpfe, das weiß ich aus Erfahrung. Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise der Belletristik-Leiter meiner früheren Wirkungsstätte. Der war unfassbar schön und beißend spöttisch, praktisch eine Legende, aber ein Verlust für alle Frauen, denn natürlich liebt diese Lichtgestalt nur seinesgleichen. 

Männer, die lesen, sind eine ganz eigene Kategorie und dieser hier passte recht gut in meine Vorurteile-Schublade. Freundlich und sanft und ein ganz klein bisschen quengelig. Also nur den Eindruck von quengelig vermittelte er, in Wahrheit quengelte er kein bisschen. Die Frauen hingegen alle unauffällig herzlich und auf den ersten Blick kompatibel mit Gott und der Welt (also so ähnlich wie ich).

Jedenfalls lasen wir angestrengt die koreanische Speisekarte. Ich wusste mit all den unaussprechlichen Namen nichts anzufangen und die anderen Gottseidank ebenfalls nicht - man will ja nicht gleich als Trottel dastehen, weil man keinen Schimmer hat, was BimDimSan (o.s.ä.) ist. Die Fotos gaben auch keinen Aufschluss, außer dass alles schmerzhaft gesund aussah. Ich entschied mich für Süßkartoffel-Glasnudeln mit mariniertem Rindfleisch, die sich später als der Glücksgriff überhaupt erwiesen, aber das soll hier kein Thema sein.

Nachdem nun endlich alle bestellt hatten, wurde gebeichtet. Es hatte nämlich niemand der Anwesenden das Buch gelesen, bis auf eine andere, aber die hatte den Schluss nicht mehr geschafft. Die anderen hatten es gekauft, mitgebracht aber nicht angerührt.

Ich war einerseits amüsiert und auch erleichtert, weil auf den eigentlichen Sinn des Treffens offenbar sehr nachlässig bestanden wird - mir also in Zukunft niemand übel nehmen wird, wenn ich es auch mal nicht schaffe. Andererseits war das doch ein sehr hektisches Lesen den gesamten Samstag gewesen; im Grunde hatte es mir den Tag versaut, denn der fulminante Anfang des Buches, hinüber zu einem vielversprechendem Mittelteil hielt sein Versprechen nicht: ein maues, nicht enden wollendes Ende ödete vor sich hin. Ich blätterte eilig Seite um Seite um und dachte "Oh nee, nicht noch eine blöde Finte, irgendwann muss doch mal Schluss sein" und lieber hätte ich stattdessen andere Dinge gemacht.

Dann wurde ich aufgefordert, über das Buch zu sprechen, wenn ich es schon mal gelesen habe. Haha, sehr witzig. Ich rede ja gerne und zuweilen höre ich mich sogar gerne reden, aber der Koreaner hatte eine schlechte Akustisk und war brechend voll, obwohl alle auf Bänken ohne Lehne sitzen müssen. Kurz: ich musste gegen einige Dezibel anbrüllen und da geht ja der feinste Satzbau unter. Und es machte auch sonst keinen Sinn und Spaß schon gar nicht, vor lauter letztlich wildfremden Menschen über ein Buch zu referieren, das niemand gelesen hat.

Aber ich bin zuversichtlich, denn sie waren wirklich alle ausgesprochen nett und in meiner Welt ist nett nicht die kleine Schwester von Scheiße, sondern einfach nett. Bin gespannt, ob beim nächsten Termin wenigstens ein paar andere das neue Buch gelesen haben werden. 




P.S. "Nervöse Fische" möchte ich unbedingt empfehlen. Sätze für die Ewigkeit drin, en masse. Und wenn jmd. gut schreibt, ist mir die Handlung fast egal.


Dienstag, 26. Februar 2019

Gefährliche Wanderungen

Gestern bin ich mit fürchterlichen Schmerzen in den Schultern aufgewacht und ich war drauf und dran zu glauben, dass ich jetzt schweren Schulterkrebs habe und ich brauchte doch tatsächlich einige Stunden angestrengten Überlegens, zu erinnern, womit ich mir diese Schmerzen zugezogen habe.

Als es mir endlich einfiel, so um die Mittagszeit, dachte ich, kein Wunder! Ich war nämlich am Wochenende an meinem Lieblingsort auf dem Lande, mit dem geliehenem Hund und zusammen mit anderen Freunden, die am Sonntag eine 10 Kilometer Wanderung durch die Märkische Schweiz geplant hatten.

Nun bin ich ja unterdessen in einer körperlichen Verfassung, in der mir 10 Kilometer wie ein Klacks vorkommen, wenn auch eine gewisse Herausforderung darin liegt, diesen Marsch nicht auf ebenen und gefegten Parkwegen sondern über hügelige Waldwege zu absolvieren. Die Märkische Schweiz heißt nicht umsonst Märkische Schweiz. 

Aber ich traute mir das über-Stock-und-Stein-geklettere durchaus zu, der Leihhund an meiner Seite machte mich geradezu übermütig, denn mit einem Trick, den niemand bemerken würde, könnte ich meine evtl. versiegenden Kräfte schonen: einfach das Tier an die Leine nehmen und das Kraftpaket auf Ritalin-Entzug zöge mich bergauf und bergab.

Wir liefen also los und schon nach ca. 300 Metern bogen wir vom rechten Wege ab und begaben uns direkt in eine Schlucht. Die Silberkehle.




Und schon dachte ich, was geht denn hier ab? Da in diesem Wald haufenweise Bäume umgefallen sind und die aus Prinzip niemand wegräumt, musste ich direkt unter ein paar Bäumen durchkriechen, auf allen Vieren und da war ich schon gleich bedient. Nichts, was ich mir unter einer Wanderung vorstelle. Und dann ging es weiter: unten dümpelte ein düsterer Wasserlauf, an dessen steilen Ufern sich die Bäume in die Höhe reckten und unsereiner musste sich langhangeln, immer kurz vorm Absturz in die dunkle Brühe weiter unten.

Schon Fontane schrob: "
Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch den Wald zieht. Es ist, als hätten diese Wasser einen besonderen Zug in die Tiefe."




Meine Mitstreiter und der Leihhund waren im Glück ob der Herausforderungen an Mensch und Material, ich jedoch kehrte nach fünf weiteren Minuten um, bzw. wollte ich natürlich nicht wieder unter diesen Bäumen herumkriechen, sondern wählte den Weg die Schlucht ganz hinauf und das war ein sehr großer Fehler, denn dem war ich nun überhaupt gar nicht gewachsen. Das sah nämlich von unten harmlos aus, aber das war es natürlich nicht, jedenfalls nicht für eine Frau wie mich, die erst seit acht Wochen nicht mehr raucht und erst seit kurzer Zeit ihr Idealgewicht hat. Da habe ich mich getäuscht, was meine Kondition, Motorik und Kampfeslust betrifft.

Mir bollerte das Herz vor Anstrengung und der Leihhund, der leichtfüßig um mich herum sprang, war mir auch keine Hilfe, denn wenn ich ihn jetzt angeleint hätte, wäre das völlig nutzlos gewesen. Ich hätte ihn mit ins Verderben gerissen, wenn ich ausgerutscht wäre, denn noch wiege ich mehr als der Hund. So ähnlich muss sich Reinhold Messner in der Todeszone gefühlt haben: kein Handyempfang, auf sich allein gestellt; jetzt bloß nicht mit dem Knöchel umknicken.

Ich hielt mich an jedem Zweiglein fest, um irgendwie diesen blöden Hang hochzukommen, dorthin, wo es gewiss einen Weg geben würde, auf dem ich mich wieder würde bewegen können, wie eine Frau mit Würde, aber bis dahin ruinierte ich - fürchte ich - jede Menge frische Triebe in Flora und Fauna. Außerdem sind mir so viele Zweige direkt in die Gusche gezwirbelt, dass ich bestimmt die eine oder andere Zecke mitgenommen habe und in absehbarer Zeit an Borreliose erkranken werde. Am Ende war ich froh, dass mich kein Förster erschossen hat bei meinen Versuchen, dieser bescheuerten Silberkehle zu entkommen. 

Endlich wieder in der Zivilisation war ich heilfroh, dass ich ohne Achillessehnenriss oder Beinbruch davongekommen war und spazierte munter um den Großen Tornowsee bis zur Pritzhagener Mühle, was sich jetzt ziemlich toll anhört, aber mehr als 2 oder 3 Kilometer sind das nicht. Für den Hund natürlich das doppelte, denn der rennt ja in einer Tour vor und zurück.



Nachmittags dann mit allen wiedervereint auf dem Bootssteg Kaffee und Kuchen eingenommen und selig in den Sonnenuntergang zurück nach Berlin gefahren, mit einem schnarchenden Hund im Auto - was will man mehr von einem Wochenende?

Nur diese höllischen Schulterschmerzen, oder sind es eher Armschmerzen? Ich kann die Arme kaum heben, ich denke, es handelt sich um die sogenannte Panik-Zerrung, eine von mir eigens erfundene Erkrankung, die ich nicht weiter erläutern muss, denke ich. Man stelle sich vor, wie ich durch die Hügel kraxel und mich in Todesangst in junge Triebe kralle, um nicht die Schlucht herunterzukullern. 

Die letzte Panik-Zerrung hatte ich seinerzeit bei meiner letzten, aus dem Ruder gelaufenen Reitsstunde, als das Pferd einen kleinen Satz machte und ich drei Tage lang nicht gehen konnte, weil ich mit der ganzen Kraft meiner Oberschenkel einen Sturz vom Pferd verhindern wollte. Was mir auch gelungen ist, aber meine Beine waren demoliert, kann ich euch sagen. 

Okay, ein Weichei bin ich also immer noch. Mal sehen, ob ich das in den Griff bekomme. 

Edit: hier der weltschönste Kommentar

Nun, ich war auf dieser Wanderung auch dabei. Was uns Annika hier verschweigt, wir hatten vorher in die Runde kommuniziert, dass wir mit voller Ausrüstung losziehen werden. 

Volle Ausrüstung war dummerweise unpräzise kommuniziert. Jedenfalls hatte sich Annika barfuß mit Pömps und einem freilaufenden Hund bewaffnet. Als wir uns nach ca. 5 Minunten an der ersten überhängenden Felswand abgeseilt hatten, stand Annika nebst Hund oben und realisierte, dass sie ohne Karabiner, Geschirr zum Abseilen und ein Portiönchen Courage uns nicht folgen können würde. 

Auf dem Weg aus der Schlucht hinaus wurden ihr die Pömps zum Verhängnis. Zwar bohrten sie sich tief in den Boden und boten so guten Halt, nur gab die gute märkische Erde den 15cm langen Absatz nicht mehr frei. Es erforderte eine ausgeklügelte Technik, die Anhöhe zu besiegen. Sehr kleine Schritte, die Hände bei Herausziehen des Schuhs in feuchtes Moos und stachliges Gesträuch gekrallt, immer in der Hoffnung, ihn nicht dem Abhang und letzendlich der überhängenden Felswand zu überlassen. 

Was hätten wir in einem solchen Fall tun sollen? Immerhin hätten wir erst einmal Glück gebraucht, um von diesem gefährlichen Konsumgut nicht erschlagen zu werden. Zum Zurückwerfen war die Wand zu hoch und der Schuh sowieso zu leicht. 

Jeder von uns unterdrückte ein pietätlosen Schmunzeln, wie wohl die Fortbewegungstechnik mit nur einem Schuh aussehen würde. Hoch konnten wir auch nicht mehr klettern. Die Zeiten, in denen wir im Sportunterricht das Seil hinauf geklettert sind, waren längst vorbei. Zudem hätten wir neben der ganzen Ausrüstung auch noch unsere seit der Schulzeit angesammelten körperlichen Reserven hinauf ziehen müssen. 

Es blieb uns nichts weiter übrig, als Annika ihrem Schicksal zu überlassen. In vollem Umfang wurde uns nun der innere Kampf bewusst, den Reinhold Messner damals mit sich ausgefochten haben muss, als er seinen Bruder am Berg zurück lassen musste. 

Als der Weg einfacher wurde, entstand unseren neue Geschäftsidee, Sherpas in der Märkischen Schweiz! Wir würden sie natürlich anders nennen, waren wir doch nicht im Himalaja. Kurz vor dem Kaffetisch, an dem wir auch Annika wohlbehalten wieder trafen, waren wir uns einig: Pömpser!

Donnerstag, 21. Februar 2019

Alltag ist die Abwesenheit von Weihnachten, großer Liebe und Krieg (Max Goldt)

Herr Ackerbau ist mir noch ein Pony schuldig gewesen und daran hat er sich erinnert und deshalb bekam ich - gerade als ich im Bus saß auf dem Weg zum Brandenburger Tor, wo ich das erste Mal bei "One Billion Rising" dabei sein wollte - eine Mail von ihm. Er habe zwei Karten für Max Goldt,  wegen Krankheit abzugeben, noch am selben Abend, in Neukölln trete der auf, ob ich die haben will?

Das war ja noch besser als ein Pony! Gleichwohl hatte ich jetzt eine logistische Meisterleistung zu vollbringen. 


  • 15:45 Uhr Mail an Freunde, wer kommt mit? 
  • 15:50 Uhr G. kommt mit. Treffpunkt 19.30 Neukölln.
  • 16:00 Uhr Ankunft Brandenburger Tor. Schreck lass nach, getanzt wird erst ab 17.30 Uhr. Warum sagt mir das keiner? 
  • 16:30 Uhr Üben der Choreographie, die unermüdliche und alterslose Jocelyn B. Smith singt dazu. Ich fotografiere lieber das Gehopse meiner Mitstreiterinnen, anstatt mich zum Klops zu machen.
  • 16.45 Uhr Eine dramatisch geschminkte gute Bekannte wird pausenlos von den anwesenden Sendern gefilmt, wofür ich großes Verständnis habe, was mich jedoch stets in die Flucht treibt, da sie große Schilder ihrer Firma mit sich herumträgt. Meine Chefs würden sich freuen, mich in der Abendschau zu erblicken, als Nummerngirl neben dem Transparent "Wir gegen Gewalt" unserer Konkurrenzfirma. Soweit sind sie noch nicht, dass sie die globale Botschaft in den Vordergrund stellen.
  • 17:00 Uhr Langsam wird mir kalt, denn es waren zwar 13 Grad und Sonne angesagt, was mich zu luftigerer Übergangsbekleidung verführte, aber gegen Sonnenuntergang hin wird es empfindlich schattig, vor allem die Füße sind schon zu Eis geklumpt. 
  • 17:10 Uhr Die Choreographie wird fleißig weiter geübt und auf der Bühne tanzen junge Menschen die dollsten Sachen, alles gegen Gewalt, auch junge Männer sind dabei, was mich durchaus rührt, aber vielleicht wollen die nur entdeckt werden für Let's Dance oder so etwas.  
  • 17:20 Uhr Ich überlege, wie lange ich mit den Öffentlichen zurück ins Büro brauche, dort ins Auto steige, um dann nach Neukölln zu fahren und ob ich wohl vorher noch was essen gehen kann, denn zu meinen klumpig-eisigen Füßen gesellen sich erste Hungerödeme dazu. So kann ich Max Goldt kaum genießen.
  • 17:25 Uhr Fünf Minuten, bevor der weltweite Tanz gegen Gewalt losgeht, begebe ich mich in Richtung Bushaltestelle. Ich muss in die Wärme und brauche was zwischen die Kiemen. Ich habe noch Großes vor. Das erste Mal im Leben werde ich Max Goldt vorlesen hören. Halbgott meiner Anfangsjahre in Berlin, ganz nah beeinander in Moabit wohnten wir. Freilich traf ich ihn nie, aber ich kaufte jedes seiner Bücher und verschlang es. Das konnte ich mir damals mit links leisten, denn wenn man Buchhändlerin ist, bekommt man Bücher praktisch hinterhergeschmissen. 
  • 18:00 - 19:00 Uhr Futteraufnahme bei meinem Lieblings-Vietnamesen
  • 19:30 Uhr Ankunft in Neukölln, gutes Parkplatzkarma wirksam wie eh und je.
  • 20:00 Uhr Auftritt Max Goldt. Er ist genau so, wie ich es mir gedacht habe. Wer so schreiben kann, muss auch gut vorlesen können und er liest noch weitaus besser als Harry Rowohlt, dessen Lesungen ja immer als legendär wegen Länge und zunehmender Trunkenheit des Autoren, bzw. Übersetzers galten, die ich aber nach einer gewissen Zeit eher ermüdend fand. Ganz das Gegenteil nun Max Goldt, dem ich die ganze Nacht hätte zuhören wollen und können, wenn es nach mir gegangen wäre, aber ich hab ja nichts mitzureden und so blieb es bei zweieinhalb Stunden, aber die haben mich überaus beglückt.

Dafür werde ich Herrn Ackerbau immer zu Dank verpflichtet sein, einen Wunsch nun hat er bei mir frei - denn allein durch meine Schusseligkeit ist es mir in all den Jahren nie gelungen, rechtzeitig von einer Goldt-Lesung in Berlin Kenntnis zu erlangen. Und obwohl ich nun schon solange mit einem seiner guten Freunde befreundet bin, habe ich nie wieder die verpasste Gelegenheit ("Komm doch zu Klaus Bittermanns Party, ich hol dich an der Tür ab, Max Goldt ist auch da" - was mich damals in eine verschreckte Paralyse versetzte, die es mir unmöglich machte, auf dieser Party zu erscheinen, mein Gott, wie blöde von mir!) transfomieren können in eine genutzte Gelegenheit. Ich wurde schlicht nie wieder gefragt *schluchz*

Was für ein heiterer Abend! Einziges Manko: schräg links vor uns saß ein Typ mit einer meckernden, keckernden Lache und er lachte wirklich ununterbrochen, er lachte aus Prinzip und schon bevor der Satz zuende gebracht wurde, womit er wohl seine Kennerschaft ausdrücken wollte, damit aber nur Mordgelüste der direkt Umsitzenden hinaufbeschwor, aber dafür konnte Max Goldt ja nix.


Mittwoch, 13. Februar 2019

Das schwarze Sofa

Nachdem Das Magazin für Radikale Heiterkeit schon von einem Abend auf der Berlinale berichtet hat, möchte ich ihm in nichts nachstehen, wenn ich auch natürlich gewohnt nüchtern geblieben bin und daher keine Exzesse im wörtlichen Sinn zu beichten habe. Im übertragenen Sinn auch nicht, so gesehen.

Das einzig Exzessive war die Anzahl der Menschen, die ich kennengelernt habe, wohl weil ich so außergewöhnlich kommunikativ war. Dabei musste ich mich im Grunde nur von etwas ablenken und zwar gründlich und das ist mir auch gelungen, dem Himmel sei Dank. Und nein, darüber werde ich nicht näher berichten. Ein jeder von uns musste sich schon mal von etwas ablenken.

Jedenfalls stand ich sehr kurz auf der Preisverleihung im Gedränge und erspähte die einzige Sitzgelegenheit, ein schwarzes Sofa, am Rande des Saals, neben der Treppe, die hinunter zur Garderobe und den Waschräumen führte. Zunächst blieb die Auftragsmörderin neben mir sitzen, aber im Gegensatz zu mir hatte sie berufliche Pflichten zu erfüllen, während ich nur aus Jux und Tollerei erschienen bin.

Sie verschwand mit den Worten "Ich dreh mal 'ne Runde" und ich winkte ihr gleichmütig hinterher. Kaum war sie weg, setzte sich ein hornaltes Mütterlein zu mir. Sie sah aus wie eine 80 jährige Ex-Ballerina, mit einem außergewöhnlichem Gesicht und sehr gerader Haltung. Sie stellte sich mir formvollendet vor und ich bedauerte, dass ich sie nicht kannte, denn natürlich war sie eine Schauspielerin und im Prinzip kenne ich sie alle, nur nicht die aus deutschen Vorabendserien, weil ich die beim besten Willen nicht sehen kann. Die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei, sie kannte die kleine Dame, was diese erkennbar erfreute.

Sie sei auf der Suche nach Freunden, die ihr gesagt hatten, dass sie auf diesem Empfang seien und ich dachte bei mir, was für eine couragierte 80jährige, denn eins ist klar, wenn ich erstmal 80 bin, werde ich auf keinen Berlinale Empfang mutterseelenallein gehen, in der Hoffnung, dass ich Freunde treffe. Ich werde nur aus dem Haus gehen, wenn ich schriftlich habe, dass ich Freunde treffen werde, besser noch, sie holen mich ab. Im Grunde mache ich das heute schon so. Es nützt einem der schönste Empfang nichts, wenn man kein back up hat, so sieht's doch aus.

Nach einer Weile verschwand die Ballerina wieder im Getümmel und ich sah ihr bewundernd hinterher. Lange Zeit blieb mir nicht, denn schon setzte sich die nächste Frau zu mir auf's Sofa, die ich für weitaus älter hielt als ich es bin; im Gelauf des Gesprächs allerdings stellte sich raus, dass sie zwei Jahre jünger ist. Diese nun duzte mich unverfroren, offenbar hielt sie mich für Fachpublikum und unter Filmleuten duzt man sich offenbar. Sie teilte mir sogleich mit, dass sie einen Roman geschrieben hat, von dem sie 10 Exemplare pro Monat verkaufe, obwohl der Verlag keine Werbung mache, das sei doch nicht schlecht, oder? Ich fragte nach dem Namen des Verlags, denn für derlei bin ich ja durchaus Fachfrau und deshalb weiß ich, der Name des Verlages bedeutet alles und bestimmt über Wohl und Wehe einer jungen Schriftstellerkarriere.

Wie ich vermutet habe, handelte es sich um einen Selbsverlag, mit dem man keinen Blumentopf gewinnen kann: Immerhin hat sie angeblich keinen Cent aus eigener Tasche investieren müssen, was ich ihr kaum glauben konnte, aber das war auch egal, denn nun kam sie zum wichtigsten Thema; ihr neuer Freund. Ein Franzose aus dem Internet, der sei auf ihrem Twitteraccount gelandet und seitdem seien sie zusammen und im Oktober zieht er zu ihr nach Berlin, sein Haus in Frankreich habe er schon verkauft und sie hätten sich auch schon zweimal gesehen und sexuell sei er die Erfüllung ihres Lebens, obwohl er einen Hüftschaden habe und kleiner sei, als sie. 

Ihr hörte ihrer atemlos vorgetragenen Intimbeichte zu, die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei und nach ein paar mitgelauschten Sätzen verschwand sie sofort wieder in der Menge. Die hatte es gut, sie hatte ja berufliche Verpflichtungen.

Eine dritte Frau setzte sich zu uns auf's Sofa, die ich nun ausnahmsweise sofort erkannte und von der ich zufällig erst kürzlich eine beeindruckende Doku gesehen hatte und da ich inzwischen einigermaßen enthemmt war von dieser detailreichen französischen Liebesgeschichte, machte ich der Dokumentarfilmerin sofort Komplimente über ihre fabelhaften Oberarme beeindruckende Dokumentation über bescheuerte Neonazis und schon wollte die deutsche Catherine Deneuve neben mir auch die Mailadresse von der Doku-Filmerin haben (meine hatte sie sich schon umständlich in ein Notizheft geschrieben), die nun in mehrmaligen Anläufen versuchte, so deutlich zu buchstabieren, wie es der Klangteppich eines Empfanges eben erlaubt. 

Die Auftragsmörderin kam des Weges und ich stellte ihr die Doku-Filmerin vor, so standen wir zu dritt, Catherine Deneuve blieb sitzen und stand dann auf, um sich zu trollen. Ich hatte nun auch jedes Detail ihres Lebens erfahren, einschließlich ihrer langjährigen, sexuell unerfüllten Ehe und dem besorgten Sohn, der den Franzosen auch verdächtig findet. Ich wünsche dem jungen Glück aber trotzdem alles Gute. Vielleicht sollte ich mir auch einen Twitteraccount zulegen und gewönne dann einen sexuell begabten Skandinavier mit Hüftschaden für mich.

Ich setzte mich wieder, eine weitere Frau auf dem Weg zur Garderobe stoppte, ging in die Knie, stellte sich als Petra vor, und sei das nicht ein toller Empfang, so nette Leute und ich fragte mich insgeheim, mit wem sie mich wohl verwechselte, dann kamen ihre Freunde vorbei, die sich mir auch vorstellten und inzwischen hatte ich das Gefühl, dass ich auf dem schwarzen Sofa einer Königin gleich Hof hielt. Ehrlich gesagt, machte mir die Sache zunehmend Spaß.

Die Auftragsmörderin setzte sich eine Weile zu mir, dann kam eine Kollegin von ihr vorbei, die sich umgehend beschwerte, dass Autorinnen schlechter bezahlt werden als Autoren und da dachte ich: "Da waren sie wieder, unsere drei Probleme" und schon gab ich Tipps zum Entgelttransparenzgesetz, das freilich ein stumpfes Schwert und außerdem nur anwendbar in Unternehmen ab 200 Mitarbeiter*innen ist und so eine Autorin schreibt ja für gewöhnlich ganz allein bei sich daheim. Ich hätte es nie erwähnen sollen. Völlig nutzloses Wissen über ein so gut wie nutzloses Gesetz. 

Die kleine Ballerina kam wieder vorbei, im Schlepptau ihre Freunde. Ich war gottfroh, dass dieser gewiss beschwerliche Ausflug für sie von Erfolg gekrönt war. Es hätte mir sehr leid getan, wenn sie wieder nach Hause hätte gehen müssen, ohne mit jemand anderem außer mir gesprochen zu haben; wo ich sie nicht mal kannte. So möchte man als Schauspielerin in seinen späten Achtzigern doch wirklich nicht enden.  

Anmerkung: ich habe unterdessen nach ihr gegoogelt: sie ist eine wirklich beeindruckend gute Schauspielerin und shame on me, dass ich so eine Banausin bin.

Jedenfalls begleitete ich die Auftragsmörderin auf ihrer nächsten Runde und noch mehr Menschen kamen vorbei, diesmal alles Kollegen und Kolleginnen von ihr, durch die Bank ebenso entzückende Menschen wie die Auftragsmörderin selbst und was soll ich sagen, ich bin jetzt wieder Mitglied eines Lesezirkels und werde demnächst ein Geheimblog zusammen mit einer Dramaturgin schreiben.

Im nächsten Jahr komme ich wieder.



Montag, 11. Februar 2019

Das stille Mädchen

Beim Friseur sitzt eine Frau neben mir, was an sich nicht erwähnenswert ist, hätte sie nicht ihre kleine Tochter dabei gehabt, ca. 2-3 Jahre alt, die sie der Einfachheit halber einfach auf den Boden setzte zwischen uns beide, unter den Frisiertisch, der über die gesamte Wandbreite ging; an ihm ca. sieben Stühle, die alle besetzt waren.

Dieses Kind blieb dort über eine Stunde einfach sitzen. Muckste nicht, rührte sich nicht, schaute nur aufmerksam in den Raum. Das einzige, was es machte, war, mit den eigenen Händen zu spielen, so in der Art, wie wenn Erwachsene Däumchen drehen, also ohne hinzusehen. Kinder drehen dann etwas ungelenker die ganze Hand.

Als ich aufstand, zum Waschbecken rüber ging, damit mir die Farbe aus den Haaren gewaschen wird, konnte ich das Kind von vorne sehen. Dessen Mutter war ein paar Minuten später fertig und stand auf. Gemeinsam mit der Frriseurin betrachtete sie ihre Haare. Ihr Kind stand auch auf. Da befand die Mutter, die Friseurin müsse im Nacken noch etwas nachschneiden und setzte sich wieder.

Das Kind blieb stehen, lehnte sich nur einfach gegen die Wand, drehte seine Hände und schaute weiter aufmerksam und mucksmäuschenstill in den Raum oder zu seiner Mutter. Es war kein Anzeichen von Ungeduld oder Unruhe oder Bewegungsdrang zu erkennen, nur Geduld und Ergebenheit, aber in Form von Ergebenheit eines erwachsenen Menschen. In seinem ganzen Habitus war rein gar nichts kindliches mehr.

Ich war mittlerweile so geflasht von diesem kleinen Mädchen und außerdem den Tränen nahe. Dass man einem so kleinen Menschen schon jede altersgerechte Regung abgewöhnt hat - was musste man getan haben, um so ein Ergebnis zu erzielen? Die Mutter hatte keinen Blick für das Kind übrig. Eine scheinbar völlig natürliche Interaktion zwischen den beiden. Die Mutter beschäftigt mit sich und das Kind beschäftigt mit gar nichts und so auffällig unauffällig dabei, dass es zumindest mit das Herz zerriss.

Als die Mutter endlich mit ihrer Frisur zufrieden war, nachdem sie sich noch lange im Spiegel betrachtet hatte, sich immer wieder durch die Haare fuhr, machte das Kind einen  kleinen Schritt auf sie zu und legte eine Hand auf den Stuhl der Mutter und sah mit diesem aufmerksamen Blick hoch, wohl um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem die Mutter (weiterhin ohne jeden Blickkontakt zum Kind) dessen Hand ergriff und zur Kasse ging.

Ich war indessen gewiss, dass hier ein Fall für das Jugendamt vorliegt. Anderen, vor allem den Friseurinnen, fiel ebenso auf, was das "für eine süße Kleine" ist und "so geduldig - habt ihr das gesehen?" Oder total frustriert, bestenfalls, dachte ich und kämpfte weiter mit den Tränen. In meinem ganzen Leben habe ich kein Kind wie dieses gesehen. 


Später am Abend im Kino sah ich "Der Junge muss an die frische Luft", dann war's vollends um mich geschehen. 




Dienstag, 5. Februar 2019

Die bleierne Ente

Neulich erzählte mir jemand von einem ganz tollen Schwimmbad in Zehlendorf.  Tolles Schwimmbad in Zehlendorf? Nie gehört, nie gesehen. Schwimmtechnisch sind die Zehlendorfer am Arsch der Welt.

Naja, ich hab dann mal recherchiert. Ich will ja immer noch so gerne Arme wie Michelle Obama kriegen. Gibt es hier doch tatsächlich ein Bad, das früher Hitlers Leibstandarte als Bootcamp für Seepferdchen und Fahrtenschwimmer gedient hat. Du meine Güte! Und es ist "behutsam" saniert worden, was nix anderes heißt, als das alles, was für Nazibauten typisch ist, genau so gelassen wurde, einschließlich der an die Wand gedengelter nackter Menschen in Übergröße. 



Ich muss das Bad dennoch loben, denn ist man erst mal drin, kann man sich nur freuen. Es ist nämlich sehr groß, 50x25 und 15 m hoch und da dauert es schon, bis einem mal ein anderer Schwimmer begegnet. Jedenfalls in meinem Fall, die ja eher Stand-Schwimmen kultiviert, bzw. in Ermangelung eines Schwimmstils einfach nicht voran kommt, also nur in Zeitlupe, ich also der Günter  die Gundula Netzer der Hallen- und Freibäder bin - ähm...was wollte ich sagen? Ach ja, es dauert, bis mal jmd. an mir vorbeipflügt. 

Hinzu kommt: in der Schwimmhalle hat's frische Luft. Keine saunös dicke Luft, eher eine gewisse Kühle, die sich fortsetzt, wenn man ins schattige Wasser steigt. Dauert ein bissel, bis einem warm wird, vor allem, wenn man drei Minuten für eine Bahn braucht. 

Es gibt nix, was das Auge ablenkt. Keine Rutsche, kein Sprungturnm, keine Liegen - hier soll niemand Spaß haben; einfach nur schwimmen und Fresse halten. 

Bildergebnis für Schwimmhalle FinckensteinalleeBildergebnis für Schwimmhalle Finckensteinallee

Aber ich hieße ja nicht Annika, wenn mir nicht mindestens zwei Honks begegnet wären. Ein sehr merkwürdiges Männerpaar, erkennbar nicht schwul, dennoch nicht einzuordnen. Ein alter (ca. 70) und ein jüngerer (ca. 45) Mann steigen gemeinsam ins Wasser, bleiben immerzu am Rand stehen, machen Gymnastikübungen und erzählen sich was. 

Ich glaube, der alte Mann muss unfreiwillig den Wingman für den Jüngeren geben, der nach kurzer Zeit im Wasser genießerisch sagt "Ich weiß schon, was wir die nächsten zwei Jahre am Wochenende machen: wir werden richtige Wasserratten." Der Ältere schweigt skeptisch und schaut mich irgendwie hilfesuchend an, vielleicht liegt hier ein Kapitalverbrechen vor: der alte Mann ist im Keller des Jüngeren eingesperrt und darf nur manchmal an die frische Luft. Aufgrund des Stockholm-Syndroms traut er sich nicht zu fliehen.

Als ich das nächste Mal vorbeischwebe, sagt der Jüngere "Nächsten Sonntag können wir doch auch bei Aqua Fitness mitmachen, guck mal da drüben, da sind auch Männer bei. Nicht so wie in Schöneberg, wo nur übergewichtige, alte Weiber mitmachen."


Wenn ich bei was wirklich die Hasskappe aufsetze, dann, wenn hässliche mittelalte Loser mit Schmerbauch und in Ermangelung eines altersgemäßen Freundeskreis mit einem Tattergreis als Wingman schwimmen gehen müssen, sich darüber beschweren, dass sie mit dem Anblick (ihrer Meinung nach) nicht genügend attraktiver Frauen konfrontiert werden.
 Ach, das war jetzt auch nicht PC: nix gegen Tattergreise, es gibt haufenweise Tolle davon, ganz bestimmt. 

Jedenfalls schwomm ich 40 Minuten, immerhin, ein Anfang und dann ging ich duschen, bzw. hätte ich gerne geduscht. Hier mein einziger Kritikpunkt: die Duschen lassen sich nicht regulieren und sind auf kochendheiß eingestellt. Ansonsten: tippe toppe, der Laden. 

Ich habe auch gleich einen psychologischen Anfängertrick gemacht, damit ich da bloß wieder hingehe: Badeanzug in der Dusche vergessen.  


Bildergebnis für Schwimmhalle Finckensteinallee