Montag, 11. Dezember 2017

Wenn sich Männer operieren lassen

Als er in unser Haus zog, als neuer Freund meiner Nachbarin, waren wir alle recht froh, denn die vorherige Beziehung unseres Miet-Kükens (= jüngste Mieterin) gestaltete sich doch allzu dynamisch. 

Des öfteren öffnete ich morgens die Tür, auf dem Weg ins Büro und mich empfing eine Welle bad vibrations. Die beiden stritten leidenschaftlich und ausdauernd, vorzugsweise in der Nähe ihrer Wohnungstür. Ich konnte mich nie entscheiden, wer von den beiden mir nun mehr leid tat, denn sie schenkten sich rein gar nichts.

Aber als er kam, herrschte zunächst Frieden, vor allem aber brachte er frischen Wind in unsere nachbarlichen Beziehungen. Er war ein ausgesprochen hübscher, weiser und junger Mann, keine 30, aber er umarmte die Welt.

Als erstes führte er Grillabende in unserem Gemeinschaftsgarten ein und dazu lud er die Hälfte des Hauses ein. Die andere Hälfte war schon über 80, oder stets auf Reisen dank eines Bahntickets 1000 und einer Vorliebe für alle Arten von Zügen und Straßenbahnen oder bestand aus einem schwulen Ehepaar um die 70, wovon der eine noch nie das Haus verlassen hat, solange ich hier lebe und der andere sich schon morgens um 8 Uhr auf den beschwerlichen Weg zum ReWe machte, um seinen schwer trinkenden Lebenspartner mit neuem Stoff zu versorgen.

Wir anderen aber saßen den ganzen Sommer über hinterm Haus; so häufig, dass sich meine Freunde von gegenüber schon über meine Abspenstigkeit beschwerten.

Im Winter ging es munter weiter und als das zweite Jahr mit ihm ins Land ging und ich ihn schon sehr in mein Herz geschlossen hatte, heirateten die beiden und wir, die grillende Hälfte der Mieter, wurden alle zur Hochzeit eingeladen.

Wir machten uns auf den Weg nach Posemuckel, irgendwo im Brandenburgischen und dort erlebte ich eine Hochzeit, die an Überschwang, Tanzwut und wirklich guter Laune nichts zu wünschen übrig ließ. Selbst ich, die ich mich eher im beobachten heimisch fühle, fand mich nach kurzer Zeit auf der Tanzfläche wieder, und zwar über Stunden. 

Auch hier machte er bella figura, er zog alle Tanten und Omis über 90 auf die Tanzfläche und schob sie gutgelaunt übers Parkett. 

Ein weiteres Jahr später saßen wir wieder im Garten und aßen zum ersten Hochzeitstag von den Resten der tiefgefrorenen Hochzeitstorte, ein Brauch, den ich bisher nicht kannte. Das Ding schmeckte immer noch fabelhaft.

Er war oft auf Reisen, denn er hat einen ganz seltenen Beruf, flog um die halbe Welt und schickte ab und an Fotos per whatsapp von besonders schönen Orten.

Es wurde Winter; eines Abends kam ich nach Hause und traf im Hausflur einen anderen Nachbarn, einen von der Grillfraktion, wir hielten ein Schwätzchen. Plötzlich ging die Haustür auf und das Mietküken aka Ehefrau von bella figura kam rein, es war eisige Kälte draußen. Sie schloss die Tür, lehnte sich an die Wand und sagte atemlos "Ich habe mich von ihm getrennt!"

Wir atmeten laut ein "Waaaas hast du?"
"Ja, es ging einfach nicht mehr:" - worauf eine Litanei seiner Vergehen folgte (die in meinen Augen wie aus den Fingern gesogen wirkte) und eine Litanei von mir, dass man äußerst selten derart liebenswürdige Männe träfe und ob sie sich das gut überlegt habe.

Sie blieb dabei und keine zwei Wochen später schmiss sie ihn raus und er verschwand, ohne Tschüss zu sagen. Keine Treffen mehr im Garten, der Grill rostete vor sich hin.

Ich war untröstlich und nach einigen Wochen schrieb ich ihm eine sms, wie es ihm denn ginge. Es ging ihm nicht gut, aber ganz Gentleman schwieg er sich über die wahren Trennungsgründe aus (die ich kürzlich erfuhr: sie hatte sich anderweitig verkuckt in einen sehr viel älteren Mann, mit dem sie "viel glücklicher" sei; jedenfalls bis zu dem Tag, als er ihr offenbarte, dass er nun doch nicht seine Frau verlassen würde; aber das ist eine andere Geschichte).

Wir blieben im sporadischen Kontakt.

Nun schickte er mir vor einer Woche ein Foto von sich, ich solle mir das Gesicht merken, morgen sei die Operation. "Was für eine OP?" antwortete ich.

Und dann brach mir ein bisschen das Herz; naja, es wurde mir zumindest schwer, denn er kündigte allen Ernstes eine Schönheitsoperation(!) an. Sein Unterkiefer scheine ihm nicht männlich genug, daher würden ihm einige Knochen gebrochen und an anderer Stelle neu justiert, zwecks dringend gewünschter markanterer Gesichtszüge.

Was für ein Irrsinn! Er ist bildhübsch, noch ein paar Jahre auf die Weide und er würde ganz automatisch ein verdammt gutaussehender 35-Jähriger sein und noch später ein hochattraktiver Mann von 45. 

Er schickt mir jetzt täglich Bilder aus dem Krankenhaus. Da nun in der unteren Gesichtshälfte alles geschwollen ist, erkenne ich ihn kaum wieder. Und ich fürchte, wenn alles abgeschwollen ist, erkenne ich ihn immer noch nicht. 

Ich fürchte, das ist die am gründlichsten schiefgelaufene Trennungsverarbeitung, von der ich je gehört habe. 




Mittwoch, 6. Dezember 2017

Weihnachten

War früher alles besser? Doch, schon. 

Ich kann mich an Uhu-Duft erinnern, wenn wir aus Goldpapier Kreise schnitten, halbierten und zu Tütchen zusammenklebten, um am Ende daraus eine große Kugel zusammenzukleistern. Oder wie wir auf dem See Schlittschuh gelaufen sind, mit gestrickten Bommelmützen. Wie ich am Küchenfenster klebte, in den dunklen Himmel sah und mir schwindelig wurde von dem Schneegestöber draußen. Damals lag immer meterhoher Schnee und die begabteren Kinder bauten Iglus; naja, sowas ähnliches jedenfalls.




Wie einmal meine Oma mütterlichseits für jedes ihrer sieben Enkelkinder eine Decke gehäkelt hat, die man übers Bett legen konnte; das muss sie letztendlich so früh ins Grab gebracht haben, denn keins von uns Kindern würdigte angemessen, welch liebevolle Fleißarbeit sie vollbracht hat. Erst im letzten Sommer habe ich meine Decke mit nach Berlin geschleppt und siehe da, meine Freundin von gegenüber erkannte fachmännisch "Nimmt die Farbe vom Sofa auf."




Wie ich meiner anderen Oma begeistert meinen ersten Cassettenrekorder vorführen wollte, aber leider die Leercassette eingepackt hatte und nicht die mit 'Roy Black und Anita, womit ich sie ehrlich gesagt bbeindrucken wollte, wegen meines schockierend modischen Musikgeschmacks, den ich zugegeben erst Stunden zuvor kritiklos von meinen Eltern übernommen hatte, denn sie hatten mir das Machwerk ja geschenkt. Damals gab es Rolf Zukowski noch nicht und wer weiß, wozu es gut war.

Wie es bei meinen Großeltern noch den Kindertisch gab, an denen meine Schwestern und Cousins saßen, im Nebenzimmer natürlich, damit wir nicht störten. Kinder wurden von Erwachsenen
getrennt gehalten. Hatte man als Kind ja auch irgendwie seine Ruhe. Was die sich heutzutage schon alles anhören müssen, weil sie überall dabei sein dürfen müssen.

Wie Heiligabend der einzige Tag im Jahr war, an dem traditionell die Glotze ausblieb (mein Vater war begeistert besessen vom Fernseher, zum Leidwesen meiner Mutter. Und zu meinem, denn ich durfte nie Raumschiff Enterprise gucken, wegen der Sportschau. Oberste Direktive). 


Wie meine Schwester sich eine Ohrfeige einfing, weil sie zum Opa, der an der Kaninchenkeule nagte, schnippisch sagte "Kannst ja gleich auf den Friedhof gehen und die Knochen ablutschen". Wie ich meine erste und letzte Sofortbildkamera bekam, auf deren Film aber nur 10 Fotos waren und es dabei blieb, weil die Filme ein Vermögen kosteten. Die zehn Fotos gibt es heute noch.

Wie ich einmal einen ganz tollen Sessel für mein Zimmer geschenkt bekam, ich mich aber am allermeisten über einen Notizblock gefreut habe. Er war aus braunem, geriffelten Papier und auf jeder Seite stand in dicken Lettern "Notes". Hypermodern. Ich hatte ihn jahrelang, denn ich benutzte ihn sehr sparsam. 


Später dann, als ich stundenlang im Stau stand, um Weihnachten nach Hause zu fahren. 'Driving home for Christmas', höre ich heute noch gerne. Als mein damaliger Freund und ich am 23.12. im tiefsten Schnee bei Magdeburg liegen blieben und ein freundlicher Berliner uns bis nach Helmstedt abschleppte; es war eine ganz helle Nacht, das ist ja das Gute an meterhohem Schnee. Seitdem hatte ich immer eine Decke im Auto.


Noch viel später luden die Graue Eminenz und ich das erste Mal unsere Sippen zu uns ein, er schleppte einen Weihnachtsbaum an, den er mit meiner Nichte schmückte und ich war plötzlich im Rama-Familienland, wobei es hinter den Kulissen nicht ganz so harmonierte, wie wir uns den Anschein gaben. 

Sein Vater textete uns zu, jeder vermied angestrengt Blickkontakt mit ihm, weil man sonst auf Stunden verloren war und als die Eminenz irgendwann die Contenance verlor "Vadda, da könnteste auch erzählen, dass in Goslar n'Aldi aufgemacht hat" und zur Antwort bekam "Ach, in Goslar gibt's'n Aldi? Wo denn da?"

Als wir das erste Mal bei seinen Eltern gefeiert haben und mir ein Fotoalbum in die Hand gedrückt wurde und ich irgendwann beim umblättern aufschrie, weil die tote Ur-Omma im Bett lag. Sie starb beim Mittagsschlaf und das wurde halt dokumentiert, von links, von rechts und vom Fußende. Und ich Zimperliese hatte auf Wochen Alpträume. Wie wir noch Jahre später Lachkrämpfe bekamen, wenn wir das erzählten.

Doch... Weihnachten hatte seine Momente.