Zuerst wollte ich ja über meinen ersten Husten (seitdem ich nicht mehr rauche) schreiben und dass das echt einen Unterschied macht, aber dann musste ich umdisponieren, weil mein kleines Herz starr vor Schmerz ist, dabei bin ich gar nicht betroffen von dieser zweit-beschissensten Trennung in diesem an Trennungen nicht eben armen Jahr.
Das flirrende kleine Geschöpf aus der DoKo-Runde, unserem jüngsten Mitglied, das vor über einem Jahr ein Kind gebar, in diesen irre heißen Sommer hinein und wir uns wegen ihr fast jeden Tag trafen, weil sie so litt und beschäftigt werden musste und wir ebenfalls litten unter dieser affigen Hitze und abgelenkt werden mussten und mit weicher Matschbirne den schlimmsten Scheiß zusammenspielten, also damals jedenfalls freuten wir uns alle auf das neue kleine Wesen, das bald unter uns sein würde, und nur der ebenfalls entzückende Vater irritierte mich kurz, als er die große Baby-Überraschungsparty für sie gab und uns erklärte, "Ihr sollte alle kommen, damit sie weiß, dass sie nicht allein ist, falls ich mal nicht mehr da sein sollte, weil sie doch keine Familie mehr hat" - und ich knurrte nur "Was soll'n das heißen: falls du mal nicht mehr da bist? Planst du jetzt schon deinen Abgang?" und ein Schmerz durchzuckte mich, stellvertretend, denn natürlich war von dem Moment an klar, dass er gehen würde.
Und nun erfahre ich, dass er vor ein paar Wochen morgens um 7 Uhr stinkbesoffen heimkam, "Hab dich nie richtig geliebt, aber das Kind wollte ich, Gespräche zwecklos, ich bin durch mit allem", seine Klamotten packte und jetzt 1-2 mal die Woche vorbeikommt und das Kind hütet, wenn sie arbeiten geht.
Wenn sie dann weint, blockt er jedes Gespräch ab "Ach, das ist alles schon soweit weg von mir...". Sie isst nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie ist in der Hölle. Sie muss sich eine neue Wohnung suchen, denn ihre billige kleine Wohnung hatte sie aufgegeben, als sie mit ihm zusammengezogen ist. Sie wird natürlich gar keine andere finden, jedenfalls nicht dort, wo sie jetzt wohnt.
Er, übrigens diplomierter Psychologe, hat nicht das geringste Mitgefühl mit seinem Kind, dem er eine stabile Mutter wünschen sollte, aber alles dafür tut, dass demnächst beide aus dem 5. OG springen.
Eine andere entferntere Bekannte, verheiratet, drei Kinder, ihr Mann hat sich in eine andere verliebt. Kommt vor, macht ja niemand extra, sage ich immer. Aber er möchte, dass sie mit den drei Kindern auszieht, weil er mit der Neuen ins Haus ziehen will. Das Haus hat ihr Architektenvater erbaut und größtenteils finanziert, aber das ficht ihn nicht an.
Wieder eine andere findet im Handy ihres Mannes ein Selfie: er selbst mit erigiertem Schwanz, geschickt an eine Minderjährige aus der Nachbarschaft. Beides sogenannte Akademiker-Haushalte.
Welten können innerhalb Sekundenbruchteilen zusammenbrechen.
Ich weiß nicht, waren Trennungen immer schon so brutal? Die Geschichten werden immer grausiger.
Was noch? Lustige kleine Seite gefunden, via "A Grouchy German is a Sour Kraut!":
Regalgift
Edit 21.12.: Eine Leserin empfahl mir das Kursbuch 87 "Trennungen", erschienen März '87. Hab es mir gleich bestellt und allein der erste Text "Schnittmuster" von Keto von Waberer ist so ziemlich das Beste und Lustigste, was ich zum Thema gelesen habe. Sehr empfehlenswert.
Posts mit dem Label Frauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Frauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 9. Dezember 2019
Dienstag, 4. Juni 2019
Mütter, Nichten und Andrea Nahles
+++ Spooky +++
Geheimnisvolle Dinge gehen vor die letzten Tage. Zuerst enttaute der Kühlschrank sich selbst, was durchaus ein sinnvoller Versuch zur Eigenrettung war. Leider zu spät, denn seitdem schafft er nur noch 12 Grad Kühle. Dann schaltete sich die Geschirrspülmaschine mitten im Waschvorgang ab. Nachdem ich den Stecker zog und neu startete, rumpelte sie zwar brav weiter, aber am nächsten Tag funktionierte der Eierkocher nicht.
Nun korrelierten diese Dinge mit der Anwesenheit meiner Mutter in Berlin, was an sich schon verdächtig ist. Sie drückt gern Knöpfe und räumt Dinge weg, die einen festen Platz haben oder einfach von mir irgendwo hingelegt werden, aber dank meiner Rüstigkeit wiedergefunden werden. Jedenfalls solange der Optimierungsdrang meiner Mutter nicht andere Orte für geeigneter hält.
Sie hat sich noch was Neues angewöhnt: sie folgt mir in meiner Wohnung wie ein Schoßhündchen und vor allem in der Küche beäugt sie, schräg hinter mir stehend, alles was ich tue mit großer Besorgnis. Am liebsten will sie das Kommando übernehmen, ich bin ja nicht blöd und merke das natürlich.
+++ Niedliche Verwandte +++
Das Kind meiner Nichte übrigens, inzwischen drei Jahre alt, kommt ganz nach ihr. Als meine Mutter ins Bad wollte, sprang die Kleine auf und sagte "Ich begleite dich". Womit sie widerum die elegante Ausdrucksweise ihrer eigenen Mutter (meiner Nichte) kopierte, die ebenfalls im Alter zwischen 3-4 Jahren Dinge sagte wie "Wer klingelte da?" Das nennt man transgenerationale Weitergabe.
Den schönsten Satz sagte sie allerdings zu ihrem Vater "Papa, du bist auch eine gute Mutter!" Ein wertschätzendes und warmherziges kleines Ding ist sie.
+++ Andrea Nahles +++
So, und jetzt noch zu Andrea Nahles. Ist ja populär, sie schrecklich und peinlich zu finden. Ich weiß auch nicht, weshalb sie diese kreischige Hemdsärmeligkeit gepaart mit überbordendem "Ich-will-dass-ein-Ruck-durch-die-SPD-geht"-Modus für geglückt hält, ist mir auch egal. Nach allem, was man so hört, ist sie sonst ganz okay. Ihr Abgang ist jedenfalls aller Ehren wert.
Weshalb sich aber stattdessen niemand mit den blasierten Hackfressen Alice Weidel und Beatrix von Storch in ähnlicher Weise aufhält, die neben ihrer weitaus unattraktiveren Gesamterscheinung (nur noch übertroffen von Gaulands fauligen Zähnen) auch noch grausige Inhalte zu Markte tragen - das kapiere ich nicht. Mit aller Lust an der Zerfleischung werden die immer gleichen Bilder von Nahles mit rudernden Armen, Bätschi rufend, etc. in die Wohnzimmer penetriert, allein die zwei güllespritzenden Schreckensweiber von der AfD werden mit diskreter Rücksicht behandelt, als hätte ihnen eine unbekannte Macht Welpenschutz verpasst.
Was soll mir das sagen?
Sonntag, 24. März 2019
Ein Nachruf
Als ich ihre Todesanzeige entdecke, haut es mich aus den Schuhen.
In meinem ganzen Leben habe ich von keinen sinnloseren Todesfall hören müssen - nein, anders ausgedrückt: keiner war je so ungerecht, bitter und grausam für die Angehörigen.
Der Tagesspiegel berichtete schon mal 2007 über sie:
"...Als die Frau mit der hellen, freundlichen Ausstrahlung vor 28 Jahren schwerstbehinderte Zwillinge bekam und klar war, dass die beiden Töchter sich nie allein würden anziehen oder ohne Hilfe essen können, war sie entschlossen, ihnen ein möglichst normales Leben zu schaffen. Sie schickte sie auf Regelschulen und ist sehr stolz darauf, dass beide es geschafft haben, Ärztinnen zu werden...."
Da war sie beim Bundespräsidenten eingeladen, was sie im Nachhinein erwähnte, wie eine Nebensächlichkeit und ihre Bescheidenheit war nicht gespielt. Sie war unprätentiös, ohne jeden Dünkel und auf skandinavische Art bildschön.
Ihre Töchter diskutierten oft mit, wenn sie dran war, den Lesekreis bei sich zuhause zu empfangen. Sie hatten schon immer alle Bücher vor uns gelesen. Manchmal scheuchte sie ihren Mann und die Mädchen aus dem Haus, ins Kino, wenn wir kamen.
Ihr Mann, ein Naturwissenschaftler durch und durch, ging nicht stiften, als klar wurde, wie krank die Töchter sind. Vier Menschen, die das Beste aus allem machten. Die um die halbe Welt reisten, ein offenes Haus führten, in dem man köstlich bekocht wurde, in dem Jubel, Trubel und Heiterkeit herrschte und manchmal die Fetzen flogen. Größtmögliche Normalität, Herzenswärme und immer das beste Essen von allen.
Ich habe sie nie klagen hören; im Gegenteil, sie war immer gutgelaunt und das fand ich geradezu überirdisch. Habe mich immer gefragt, wo sie das alles lässt, aber es schien immer, als habe sie gar nichts irgendwo zu lassen; so, als ob es genau so wie es ist, gut ist.
Als ob das nicht alles schon gereicht hätte, erkrankte ihr Mann. Er kämpft seit Jahren um sein Leben.
Und dann bekommt sie vor 14 Tagen wie aus dem Nichts schreckliche Schmerzen. Schleppt sich ins Krankenhaus. Drei Tage später ist sie tot. Einfach so. Ohne Ankündigung. Ohne Abschied. Viel zu früh, viel zu jung.
Die Kirche platzt bei der Trauerfeier aus allen Nähten; ich habe nichts anderes erwartet. Treffe meinen alten Lesekreis, zu dem ich zurückkehren werde, wenn nicht im neuen Lesekreis beim nächsten Treffen ein Wunder geschieht dergestalt, dass nicht nur ich das diesmal grauenhaft schlechte Buch (Becks letzter Sommer) gelesen haben werde.
Ich weine eine Stunde lang ununterbrochen, ebenso wie mindestens die Hälfte der Anwesenden.
Eine der Töchter hält eine Rede, erzählt, dass die Mutter immer sagte "Ihr müsst jeden Tag etwas Schönes machen, hört ihr?" und ich denke, das alles hätte sich nicht mal Rosamunde Pilcher auszudenken gewagt, so sehr drüber ist dieses Leben und dessen Ende, aber es ist doch genau so gelebt worden und lebt sich nun weiter, ohne sie - welch ein Verlust für die drei Übriggebliebenen, denen vom Leben schon im Übermaß in die Suppe gespuckt wurde.
Hier ist nichts Tröstliches, was man sich herbeireden kann. Es ist kein Sinn zu erkennen und es gibt keine Hoffnung am Horizont.
Ich hätte gerne den Verantwortlichen gesprochen, damit ich ihm in die Fresse hauen kann.
In meinem ganzen Leben habe ich von keinen sinnloseren Todesfall hören müssen - nein, anders ausgedrückt: keiner war je so ungerecht, bitter und grausam für die Angehörigen.
Der Tagesspiegel berichtete schon mal 2007 über sie:
"...Als die Frau mit der hellen, freundlichen Ausstrahlung vor 28 Jahren schwerstbehinderte Zwillinge bekam und klar war, dass die beiden Töchter sich nie allein würden anziehen oder ohne Hilfe essen können, war sie entschlossen, ihnen ein möglichst normales Leben zu schaffen. Sie schickte sie auf Regelschulen und ist sehr stolz darauf, dass beide es geschafft haben, Ärztinnen zu werden...."
Da war sie beim Bundespräsidenten eingeladen, was sie im Nachhinein erwähnte, wie eine Nebensächlichkeit und ihre Bescheidenheit war nicht gespielt. Sie war unprätentiös, ohne jeden Dünkel und auf skandinavische Art bildschön.
Ihre Töchter diskutierten oft mit, wenn sie dran war, den Lesekreis bei sich zuhause zu empfangen. Sie hatten schon immer alle Bücher vor uns gelesen. Manchmal scheuchte sie ihren Mann und die Mädchen aus dem Haus, ins Kino, wenn wir kamen.
Ihr Mann, ein Naturwissenschaftler durch und durch, ging nicht stiften, als klar wurde, wie krank die Töchter sind. Vier Menschen, die das Beste aus allem machten. Die um die halbe Welt reisten, ein offenes Haus führten, in dem man köstlich bekocht wurde, in dem Jubel, Trubel und Heiterkeit herrschte und manchmal die Fetzen flogen. Größtmögliche Normalität, Herzenswärme und immer das beste Essen von allen.
Ich habe sie nie klagen hören; im Gegenteil, sie war immer gutgelaunt und das fand ich geradezu überirdisch. Habe mich immer gefragt, wo sie das alles lässt, aber es schien immer, als habe sie gar nichts irgendwo zu lassen; so, als ob es genau so wie es ist, gut ist.
Als ob das nicht alles schon gereicht hätte, erkrankte ihr Mann. Er kämpft seit Jahren um sein Leben.
Und dann bekommt sie vor 14 Tagen wie aus dem Nichts schreckliche Schmerzen. Schleppt sich ins Krankenhaus. Drei Tage später ist sie tot. Einfach so. Ohne Ankündigung. Ohne Abschied. Viel zu früh, viel zu jung.
Die Kirche platzt bei der Trauerfeier aus allen Nähten; ich habe nichts anderes erwartet. Treffe meinen alten Lesekreis, zu dem ich zurückkehren werde, wenn nicht im neuen Lesekreis beim nächsten Treffen ein Wunder geschieht dergestalt, dass nicht nur ich das diesmal grauenhaft schlechte Buch (Becks letzter Sommer) gelesen haben werde.
Ich weine eine Stunde lang ununterbrochen, ebenso wie mindestens die Hälfte der Anwesenden.
Eine der Töchter hält eine Rede, erzählt, dass die Mutter immer sagte "Ihr müsst jeden Tag etwas Schönes machen, hört ihr?" und ich denke, das alles hätte sich nicht mal Rosamunde Pilcher auszudenken gewagt, so sehr drüber ist dieses Leben und dessen Ende, aber es ist doch genau so gelebt worden und lebt sich nun weiter, ohne sie - welch ein Verlust für die drei Übriggebliebenen, denen vom Leben schon im Übermaß in die Suppe gespuckt wurde.
Hier ist nichts Tröstliches, was man sich herbeireden kann. Es ist kein Sinn zu erkennen und es gibt keine Hoffnung am Horizont.
Ich hätte gerne den Verantwortlichen gesprochen, damit ich ihm in die Fresse hauen kann.
Dienstag, 12. März 2019
Häppchen im Bundestag
Was ich in den letzten Wochen alles erlebt habe... 100 Jahre Frauenwahlrecht machen es möglich, dass ich mich von einer Veranstaltung zur anderen hangele, meistens eingeladen von der SPD, auf Bundesebene, Landesebene und lange wird es nicht mehr dauern, da kann ich Führungen durch den Bundestag anbieten.
Neulich hat sogar ein Minister mit mir geflirtet, ich war ganz irritiert, habe ihn natürlich ignoriert und gedacht Träum weiter, ich unterhielt mich lieber mit einer Staatssekretärin a.D., die ich gerade kennengelernt hatte, denn netzwerken können die Sozen, das kann ich bezeugen und sie sind herzlich dabei.
Auf all diesen Veranstaltungen zu Ehren der Frauen kreuzen immer auch ein paar Männer aus der ersten Reihe auf, wie beispielsweise oben genannter Herr, wohl weil die kein Zuhause haben oder einem hier die gebratenen Häppchen direkt in den Mund fliegen oder weil eventuell mal eine sehr junge hübsche Frau (direkt von der Uni) zu beeindrucken ist.
Einer begegnet mir immer wieder und stets neigt er sich vertraulich einer dieser Praktikantinnen oder Referentinnen zu und säuselt in ihr Ohr und ich denke, so dumm wird sie doch nicht sein, er könnte ihr Opa sein und so mächtig ist er auch wieder nicht, dass sich das lohnen würde - nicht jeder ist ein Müntefering.
Heute nun in der FES, 30 Jahre Friedliche Revolution, und das hätte mir eine Warnung sein sollen, denn ich nenne das eigentlich immer nur "Wende" oder "Mauerfall" - was aber politisch nicht korrekt ist, wie ich erfahren muss. Ich war mit drei "West"-Frauen vor Ort, was noch wichtig wird, denn letztlich handelte es sich um eine Hommage an die "Ostfrau" - wogegen ich nichts habe, nur hätte das im Vorfeld etwas deutlicher werden können.
Mir war ja bis heute Abend nicht bewusst, wie toll die Ostfrauen gewesen sind und wie bescheuert hingegen die Westfrauen. Ostfrauen hatten ganz tolle Mütter und Großmütter, die ein selbstbestimmtes Leben hatten und abtreiben konnten, wann immer sie wollten. Ich wollte schon laut rufen "Wir im Westen konnten auch abtreiben, wann immer wir es wollten, hallo? Und eure tolle Ober-Ostfrau schafft es nicht mal, den 219a zu kippen!" Huch, dachte ich, wierede denke ich denn?
Eine Iranerin aus dem Publikum stand auf und sagte zu der jungen Frau auf dem Podium, die nach dem Mauerfall geboren wurde, sich dennoch als "Ostfrau" fühlt, dann sei sie wohl nicht integriert, denn wenn sie eine Tochter hätte, die sie vor 30 Jahren in Deutschland geboren hätte und die würde sagen,.sie fühle sich wie eine Iranerin, dann wäre diese offenbar nicht integriert.
Meine Sitznachbarin spöttelte "Ich sag doch auch nicht, ich bin eine Südfrau, weil ich aus München komme." Eine weitere Frau aus dem Publikum ergriff das Mikrofon und sagte, dass es sich doch um eine Feierlichkeit anlässlich des Internationalen Frauentags handele und dass ihr diese einseitige Fokussierung auf Ostfrauen doch allzu provinziell erscheine und dass Frauen heutzutage allerhand wichtigere Probleme zu lösen haben, als vermeintliche Alleinstellungsmerkmale zu feiern, bzw. anzuprangern.
Die Ostfrauen auf dem Podium waren echt sauer, eine Keilerei wurde letztlich verhindert bzw. geschmeidig abmoderiert von der anwesenden Ministerpräsidentin, die bestimmt mal eine Ausbildung zur Mediatorin gemacht hat oder aber ein beeindruckendes Naturtalent besitzt, hochgekochte Volksseelen zu beschwichtigen und eine 1 a Feel Good Stimmung zu erschaffen. Chapeau Manuela!
Ich muss ehrlich sagen, die Sozen haben klasse Frauen aufzubieten, und zwar aus allen Himmelsrichtungen.
Neulich hat sogar ein Minister mit mir geflirtet, ich war ganz irritiert, habe ihn natürlich ignoriert und gedacht Träum weiter, ich unterhielt mich lieber mit einer Staatssekretärin a.D., die ich gerade kennengelernt hatte, denn netzwerken können die Sozen, das kann ich bezeugen und sie sind herzlich dabei.
Auf all diesen Veranstaltungen zu Ehren der Frauen kreuzen immer auch ein paar Männer aus der ersten Reihe auf, wie beispielsweise oben genannter Herr, wohl weil die kein Zuhause haben oder einem hier die gebratenen Häppchen direkt in den Mund fliegen oder weil eventuell mal eine sehr junge hübsche Frau (direkt von der Uni) zu beeindrucken ist.
Einer begegnet mir immer wieder und stets neigt er sich vertraulich einer dieser Praktikantinnen oder Referentinnen zu und säuselt in ihr Ohr und ich denke, so dumm wird sie doch nicht sein, er könnte ihr Opa sein und so mächtig ist er auch wieder nicht, dass sich das lohnen würde - nicht jeder ist ein Müntefering.
Heute nun in der FES, 30 Jahre Friedliche Revolution, und das hätte mir eine Warnung sein sollen, denn ich nenne das eigentlich immer nur "Wende" oder "Mauerfall" - was aber politisch nicht korrekt ist, wie ich erfahren muss. Ich war mit drei "West"-Frauen vor Ort, was noch wichtig wird, denn letztlich handelte es sich um eine Hommage an die "Ostfrau" - wogegen ich nichts habe, nur hätte das im Vorfeld etwas deutlicher werden können.
Mir war ja bis heute Abend nicht bewusst, wie toll die Ostfrauen gewesen sind und wie bescheuert hingegen die Westfrauen. Ostfrauen hatten ganz tolle Mütter und Großmütter, die ein selbstbestimmtes Leben hatten und abtreiben konnten, wann immer sie wollten. Ich wollte schon laut rufen "Wir im Westen konnten auch abtreiben, wann immer wir es wollten, hallo? Und eure tolle Ober-Ostfrau schafft es nicht mal, den 219a zu kippen!" Huch, dachte ich, wie
Eine Iranerin aus dem Publikum stand auf und sagte zu der jungen Frau auf dem Podium, die nach dem Mauerfall geboren wurde, sich dennoch als "Ostfrau" fühlt, dann sei sie wohl nicht integriert, denn wenn sie eine Tochter hätte, die sie vor 30 Jahren in Deutschland geboren hätte und die würde sagen,.sie fühle sich wie eine Iranerin, dann wäre diese offenbar nicht integriert.
Meine Sitznachbarin spöttelte "Ich sag doch auch nicht, ich bin eine Südfrau, weil ich aus München komme." Eine weitere Frau aus dem Publikum ergriff das Mikrofon und sagte, dass es sich doch um eine Feierlichkeit anlässlich des Internationalen Frauentags handele und dass ihr diese einseitige Fokussierung auf Ostfrauen doch allzu provinziell erscheine und dass Frauen heutzutage allerhand wichtigere Probleme zu lösen haben, als vermeintliche Alleinstellungsmerkmale zu feiern, bzw. anzuprangern.
Die Ostfrauen auf dem Podium waren echt sauer, eine Keilerei wurde letztlich verhindert bzw. geschmeidig abmoderiert von der anwesenden Ministerpräsidentin, die bestimmt mal eine Ausbildung zur Mediatorin gemacht hat oder aber ein beeindruckendes Naturtalent besitzt, hochgekochte Volksseelen zu beschwichtigen und eine 1 a Feel Good Stimmung zu erschaffen. Chapeau Manuela!
Ich muss ehrlich sagen, die Sozen haben klasse Frauen aufzubieten, und zwar aus allen Himmelsrichtungen.
Dienstag, 26. Februar 2019
Gefährliche Wanderungen
Gestern bin
ich mit fürchterlichen Schmerzen in den Schultern aufgewacht und ich war
drauf und dran zu glauben, dass ich jetzt schweren Schulterkrebs habe
und ich brauchte doch tatsächlich einige Stunden angestrengten
Überlegens, zu erinnern, womit ich mir diese Schmerzen zugezogen habe.
Als es mir endlich einfiel, so um die Mittagszeit, dachte ich, kein Wunder! Ich war nämlich am Wochenende an meinem Lieblingsort auf dem Lande, mit dem geliehenem Hund und zusammen mit anderen Freunden, die am Sonntag eine 10 Kilometer Wanderung durch die Märkische Schweiz geplant hatten.
Nun bin ich ja unterdessen in einer körperlichen Verfassung, in der mir 10 Kilometer wie ein Klacks vorkommen, wenn auch eine gewisse Herausforderung darin liegt, diesen Marsch nicht auf ebenen und gefegten Parkwegen sondern über hügelige Waldwege zu absolvieren. Die Märkische Schweiz heißt nicht umsonst Märkische Schweiz.
Aber ich traute mir das über-Stock-und-Stein-geklettere durchaus zu, der Leihhund an meiner Seite machte mich geradezu übermütig, denn mit einem Trick, den niemand bemerken würde, könnte ich meine evtl. versiegenden Kräfte schonen: einfach das Tier an die Leine nehmen und das Kraftpaket auf Ritalin-Entzug zöge mich bergauf und bergab.
Wir
liefen also los und schon nach ca. 300 Metern bogen wir vom rechten
Wege ab und begaben uns direkt in eine Schlucht. Die Silberkehle.
Und schon dachte ich, was geht denn hier ab? Da in diesem Wald haufenweise Bäume umgefallen sind und die aus Prinzip niemand wegräumt, musste ich direkt unter ein paar Bäumen durchkriechen, auf allen Vieren und da war ich schon gleich bedient. Nichts, was ich mir unter einer Wanderung vorstelle. Und dann ging es weiter: unten dümpelte ein düsterer Wasserlauf, an dessen steilen Ufern sich die Bäume in die Höhe reckten und unsereiner musste sich langhangeln, immer kurz vorm Absturz in die dunkle Brühe weiter unten.
Schon Fontane schrob: "Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch den Wald zieht. Es ist, als hätten diese Wasser einen besonderen Zug in die Tiefe."
Meine Mitstreiter und der Leihhund waren im Glück ob der Herausforderungen an Mensch und Material, ich jedoch kehrte nach fünf weiteren Minuten um, bzw. wollte ich natürlich nicht wieder unter diesen Bäumen herumkriechen, sondern wählte den Weg die Schlucht ganz hinauf und das war ein sehr großer Fehler, denn dem war ich nun überhaupt gar nicht gewachsen. Das sah nämlich von unten harmlos aus, aber das war es natürlich nicht, jedenfalls nicht für eine Frau wie mich, die erst seit acht Wochen nicht mehr raucht und erst seit kurzer Zeit ihr Idealgewicht hat. Da habe ich mich getäuscht, was meine Kondition, Motorik und Kampfeslust betrifft.
Mir bollerte das Herz vor Anstrengung und der Leihhund, der leichtfüßig um mich herum sprang, war mir auch keine Hilfe, denn wenn ich ihn jetzt angeleint hätte, wäre das völlig nutzlos gewesen. Ich hätte ihn mit ins Verderben gerissen, wenn ich ausgerutscht wäre, denn noch wiege ich mehr als der Hund. So ähnlich muss sich Reinhold Messner in der Todeszone gefühlt haben: kein Handyempfang, auf sich allein gestellt; jetzt bloß nicht mit dem Knöchel umknicken.
Ich hielt mich an jedem Zweiglein fest, um irgendwie diesen blöden Hang hochzukommen, dorthin, wo es gewiss einen Weg geben würde, auf dem ich mich wieder würde bewegen können, wie eine Frau mit Würde, aber bis dahin ruinierte ich - fürchte ich - jede Menge frische Triebe in Flora und Fauna. Außerdem sind mir so viele Zweige direkt in die Gusche gezwirbelt, dass ich bestimmt die eine oder andere Zecke mitgenommen habe und in absehbarer Zeit an Borreliose erkranken werde. Am Ende war ich froh, dass mich kein Förster erschossen hat bei meinen Versuchen, dieser bescheuerten Silberkehle zu entkommen.
Endlich wieder in der Zivilisation war ich heilfroh, dass ich ohne Achillessehnenriss oder Beinbruch davongekommen war und spazierte munter um den Großen Tornowsee bis zur Pritzhagener Mühle, was sich jetzt ziemlich toll anhört, aber mehr als 2 oder 3 Kilometer sind das nicht. Für den Hund natürlich das doppelte, denn der rennt ja in einer Tour vor und zurück.
Nachmittags dann mit allen wiedervereint auf dem Bootssteg Kaffee und Kuchen eingenommen und selig in den Sonnenuntergang zurück nach Berlin gefahren, mit einem schnarchenden Hund im Auto - was will man mehr von einem Wochenende?
Nur diese höllischen Schulterschmerzen, oder sind es eher Armschmerzen? Ich kann die Arme kaum heben, ich denke, es handelt sich um die sogenannte Panik-Zerrung, eine von mir eigens erfundene Erkrankung, die ich nicht weiter erläutern muss, denke ich. Man stelle sich vor, wie ich durch die Hügel kraxel und mich in Todesangst in junge Triebe kralle, um nicht die Schlucht herunterzukullern.
Die letzte Panik-Zerrung hatte ich seinerzeit bei meiner letzten, aus dem Ruder gelaufenen Reitsstunde, als das Pferd einen kleinen Satz machte und ich drei Tage lang nicht gehen konnte, weil ich mit der ganzen Kraft meiner Oberschenkel einen Sturz vom Pferd verhindern wollte. Was mir auch gelungen ist, aber meine Beine waren demoliert, kann ich euch sagen.
Okay, ein Weichei bin ich also immer noch. Mal sehen, ob ich das in den Griff bekomme.
Edit: hier der weltschönste Kommentar
Nun, ich war auf dieser Wanderung auch dabei. Was uns Annika hier verschweigt, wir hatten vorher in die Runde kommuniziert, dass wir mit voller Ausrüstung losziehen werden.
Volle Ausrüstung war dummerweise unpräzise kommuniziert. Jedenfalls hatte sich Annika barfuß mit Pömps und einem freilaufenden Hund bewaffnet. Als wir uns nach ca. 5 Minunten an der ersten überhängenden Felswand abgeseilt hatten, stand Annika nebst Hund oben und realisierte, dass sie ohne Karabiner, Geschirr zum Abseilen und ein Portiönchen Courage uns nicht folgen können würde.
Auf dem Weg aus der Schlucht hinaus wurden ihr die Pömps zum Verhängnis. Zwar bohrten sie sich tief in den Boden und boten so guten Halt, nur gab die gute märkische Erde den 15cm langen Absatz nicht mehr frei. Es erforderte eine ausgeklügelte Technik, die Anhöhe zu besiegen. Sehr kleine Schritte, die Hände bei Herausziehen des Schuhs in feuchtes Moos und stachliges Gesträuch gekrallt, immer in der Hoffnung, ihn nicht dem Abhang und letzendlich der überhängenden Felswand zu überlassen.
Was hätten wir in einem solchen Fall tun sollen? Immerhin hätten wir erst einmal Glück gebraucht, um von diesem gefährlichen Konsumgut nicht erschlagen zu werden. Zum Zurückwerfen war die Wand zu hoch und der Schuh sowieso zu leicht.
Jeder von uns unterdrückte ein pietätlosen Schmunzeln, wie wohl die Fortbewegungstechnik mit nur einem Schuh aussehen würde. Hoch konnten wir auch nicht mehr klettern. Die Zeiten, in denen wir im Sportunterricht das Seil hinauf geklettert sind, waren längst vorbei. Zudem hätten wir neben der ganzen Ausrüstung auch noch unsere seit der Schulzeit angesammelten körperlichen Reserven hinauf ziehen müssen.
Es blieb uns nichts weiter übrig, als Annika ihrem Schicksal zu überlassen. In vollem Umfang wurde uns nun der innere Kampf bewusst, den Reinhold Messner damals mit sich ausgefochten haben muss, als er seinen Bruder am Berg zurück lassen musste.
Als der Weg einfacher wurde, entstand unseren neue Geschäftsidee, Sherpas in der Märkischen Schweiz! Wir würden sie natürlich anders nennen, waren wir doch nicht im Himalaja. Kurz vor dem Kaffetisch, an dem wir auch Annika wohlbehalten wieder trafen, waren wir uns einig: Pömpser!
Als es mir endlich einfiel, so um die Mittagszeit, dachte ich, kein Wunder! Ich war nämlich am Wochenende an meinem Lieblingsort auf dem Lande, mit dem geliehenem Hund und zusammen mit anderen Freunden, die am Sonntag eine 10 Kilometer Wanderung durch die Märkische Schweiz geplant hatten.
Nun bin ich ja unterdessen in einer körperlichen Verfassung, in der mir 10 Kilometer wie ein Klacks vorkommen, wenn auch eine gewisse Herausforderung darin liegt, diesen Marsch nicht auf ebenen und gefegten Parkwegen sondern über hügelige Waldwege zu absolvieren. Die Märkische Schweiz heißt nicht umsonst Märkische Schweiz.
Aber ich traute mir das über-Stock-und-Stein-geklettere durchaus zu, der Leihhund an meiner Seite machte mich geradezu übermütig, denn mit einem Trick, den niemand bemerken würde, könnte ich meine evtl. versiegenden Kräfte schonen: einfach das Tier an die Leine nehmen und das Kraftpaket auf Ritalin-Entzug zöge mich bergauf und bergab.
Und schon dachte ich, was geht denn hier ab? Da in diesem Wald haufenweise Bäume umgefallen sind und die aus Prinzip niemand wegräumt, musste ich direkt unter ein paar Bäumen durchkriechen, auf allen Vieren und da war ich schon gleich bedient. Nichts, was ich mir unter einer Wanderung vorstelle. Und dann ging es weiter: unten dümpelte ein düsterer Wasserlauf, an dessen steilen Ufern sich die Bäume in die Höhe reckten und unsereiner musste sich langhangeln, immer kurz vorm Absturz in die dunkle Brühe weiter unten.
Schon Fontane schrob: "Das Wasser ist schwarz, dunkle Baumgruppen schließen es ein und die Oberfläche bleibt spiegelglatt, auch wenn der Wind durch den Wald zieht. Es ist, als hätten diese Wasser einen besonderen Zug in die Tiefe."
Meine Mitstreiter und der Leihhund waren im Glück ob der Herausforderungen an Mensch und Material, ich jedoch kehrte nach fünf weiteren Minuten um, bzw. wollte ich natürlich nicht wieder unter diesen Bäumen herumkriechen, sondern wählte den Weg die Schlucht ganz hinauf und das war ein sehr großer Fehler, denn dem war ich nun überhaupt gar nicht gewachsen. Das sah nämlich von unten harmlos aus, aber das war es natürlich nicht, jedenfalls nicht für eine Frau wie mich, die erst seit acht Wochen nicht mehr raucht und erst seit kurzer Zeit ihr Idealgewicht hat. Da habe ich mich getäuscht, was meine Kondition, Motorik und Kampfeslust betrifft.
Mir bollerte das Herz vor Anstrengung und der Leihhund, der leichtfüßig um mich herum sprang, war mir auch keine Hilfe, denn wenn ich ihn jetzt angeleint hätte, wäre das völlig nutzlos gewesen. Ich hätte ihn mit ins Verderben gerissen, wenn ich ausgerutscht wäre, denn noch wiege ich mehr als der Hund. So ähnlich muss sich Reinhold Messner in der Todeszone gefühlt haben: kein Handyempfang, auf sich allein gestellt; jetzt bloß nicht mit dem Knöchel umknicken.
Ich hielt mich an jedem Zweiglein fest, um irgendwie diesen blöden Hang hochzukommen, dorthin, wo es gewiss einen Weg geben würde, auf dem ich mich wieder würde bewegen können, wie eine Frau mit Würde, aber bis dahin ruinierte ich - fürchte ich - jede Menge frische Triebe in Flora und Fauna. Außerdem sind mir so viele Zweige direkt in die Gusche gezwirbelt, dass ich bestimmt die eine oder andere Zecke mitgenommen habe und in absehbarer Zeit an Borreliose erkranken werde. Am Ende war ich froh, dass mich kein Förster erschossen hat bei meinen Versuchen, dieser bescheuerten Silberkehle zu entkommen.
Endlich wieder in der Zivilisation war ich heilfroh, dass ich ohne Achillessehnenriss oder Beinbruch davongekommen war und spazierte munter um den Großen Tornowsee bis zur Pritzhagener Mühle, was sich jetzt ziemlich toll anhört, aber mehr als 2 oder 3 Kilometer sind das nicht. Für den Hund natürlich das doppelte, denn der rennt ja in einer Tour vor und zurück.
Nachmittags dann mit allen wiedervereint auf dem Bootssteg Kaffee und Kuchen eingenommen und selig in den Sonnenuntergang zurück nach Berlin gefahren, mit einem schnarchenden Hund im Auto - was will man mehr von einem Wochenende?
Nur diese höllischen Schulterschmerzen, oder sind es eher Armschmerzen? Ich kann die Arme kaum heben, ich denke, es handelt sich um die sogenannte Panik-Zerrung, eine von mir eigens erfundene Erkrankung, die ich nicht weiter erläutern muss, denke ich. Man stelle sich vor, wie ich durch die Hügel kraxel und mich in Todesangst in junge Triebe kralle, um nicht die Schlucht herunterzukullern.
Die letzte Panik-Zerrung hatte ich seinerzeit bei meiner letzten, aus dem Ruder gelaufenen Reitsstunde, als das Pferd einen kleinen Satz machte und ich drei Tage lang nicht gehen konnte, weil ich mit der ganzen Kraft meiner Oberschenkel einen Sturz vom Pferd verhindern wollte. Was mir auch gelungen ist, aber meine Beine waren demoliert, kann ich euch sagen.
Okay, ein Weichei bin ich also immer noch. Mal sehen, ob ich das in den Griff bekomme.
Edit: hier der weltschönste Kommentar
Nun, ich war auf dieser Wanderung auch dabei. Was uns Annika hier verschweigt, wir hatten vorher in die Runde kommuniziert, dass wir mit voller Ausrüstung losziehen werden.
Volle Ausrüstung war dummerweise unpräzise kommuniziert. Jedenfalls hatte sich Annika barfuß mit Pömps und einem freilaufenden Hund bewaffnet. Als wir uns nach ca. 5 Minunten an der ersten überhängenden Felswand abgeseilt hatten, stand Annika nebst Hund oben und realisierte, dass sie ohne Karabiner, Geschirr zum Abseilen und ein Portiönchen Courage uns nicht folgen können würde.
Auf dem Weg aus der Schlucht hinaus wurden ihr die Pömps zum Verhängnis. Zwar bohrten sie sich tief in den Boden und boten so guten Halt, nur gab die gute märkische Erde den 15cm langen Absatz nicht mehr frei. Es erforderte eine ausgeklügelte Technik, die Anhöhe zu besiegen. Sehr kleine Schritte, die Hände bei Herausziehen des Schuhs in feuchtes Moos und stachliges Gesträuch gekrallt, immer in der Hoffnung, ihn nicht dem Abhang und letzendlich der überhängenden Felswand zu überlassen.
Was hätten wir in einem solchen Fall tun sollen? Immerhin hätten wir erst einmal Glück gebraucht, um von diesem gefährlichen Konsumgut nicht erschlagen zu werden. Zum Zurückwerfen war die Wand zu hoch und der Schuh sowieso zu leicht.
Jeder von uns unterdrückte ein pietätlosen Schmunzeln, wie wohl die Fortbewegungstechnik mit nur einem Schuh aussehen würde. Hoch konnten wir auch nicht mehr klettern. Die Zeiten, in denen wir im Sportunterricht das Seil hinauf geklettert sind, waren längst vorbei. Zudem hätten wir neben der ganzen Ausrüstung auch noch unsere seit der Schulzeit angesammelten körperlichen Reserven hinauf ziehen müssen.
Es blieb uns nichts weiter übrig, als Annika ihrem Schicksal zu überlassen. In vollem Umfang wurde uns nun der innere Kampf bewusst, den Reinhold Messner damals mit sich ausgefochten haben muss, als er seinen Bruder am Berg zurück lassen musste.
Als der Weg einfacher wurde, entstand unseren neue Geschäftsidee, Sherpas in der Märkischen Schweiz! Wir würden sie natürlich anders nennen, waren wir doch nicht im Himalaja. Kurz vor dem Kaffetisch, an dem wir auch Annika wohlbehalten wieder trafen, waren wir uns einig: Pömpser!
Mittwoch, 13. Februar 2019
Das schwarze Sofa
Nachdem Das Magazin für Radikale Heiterkeit schon von einem Abend auf der Berlinale berichtet hat, möchte ich ihm in nichts nachstehen, wenn ich auch natürlich gewohnt nüchtern geblieben bin und daher keine Exzesse im wörtlichen Sinn zu beichten habe. Im übertragenen Sinn auch nicht, so gesehen.
Das einzig Exzessive war die Anzahl der Menschen, die ich kennengelernt habe, wohl weil ich so außergewöhnlich kommunikativ war. Dabei musste ich mich im Grunde nur von etwas ablenken und zwar gründlich und das ist mir auch gelungen, dem Himmel sei Dank. Und nein, darüber werde ich nicht näher berichten. Ein jeder von uns musste sich schon mal von etwas ablenken.
Jedenfalls stand ich sehr kurz auf der Preisverleihung im Gedränge und erspähte die einzige Sitzgelegenheit, ein schwarzes Sofa, am Rande des Saals, neben der Treppe, die hinunter zur Garderobe und den Waschräumen führte. Zunächst blieb die Auftragsmörderin neben mir sitzen, aber im Gegensatz zu mir hatte sie berufliche Pflichten zu erfüllen, während ich nur aus Jux und Tollerei erschienen bin.
Sie verschwand mit den Worten "Ich dreh mal 'ne Runde" und ich winkte ihr gleichmütig hinterher. Kaum war sie weg, setzte sich ein hornaltes Mütterlein zu mir. Sie sah aus wie eine 80 jährige Ex-Ballerina, mit einem außergewöhnlichem Gesicht und sehr gerader Haltung. Sie stellte sich mir formvollendet vor und ich bedauerte, dass ich sie nicht kannte, denn natürlich war sie eine Schauspielerin und im Prinzip kenne ich sie alle, nur nicht die aus deutschen Vorabendserien, weil ich die beim besten Willen nicht sehen kann. Die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei, sie kannte die kleine Dame, was diese erkennbar erfreute.
Sie sei auf der Suche nach Freunden, die ihr gesagt hatten, dass sie auf diesem Empfang seien und ich dachte bei mir, was für eine couragierte 80jährige, denn eins ist klar, wenn ich erstmal 80 bin, werde ich auf keinen Berlinale Empfang mutterseelenallein gehen, in der Hoffnung, dass ich Freunde treffe. Ich werde nur aus dem Haus gehen, wenn ich schriftlich habe, dass ich Freunde treffen werde, besser noch, sie holen mich ab. Im Grunde mache ich das heute schon so. Es nützt einem der schönste Empfang nichts, wenn man kein back up hat, so sieht's doch aus.
Nach einer Weile verschwand die Ballerina wieder im Getümmel und ich sah ihr bewundernd hinterher. Lange Zeit blieb mir nicht, denn schon setzte sich die nächste Frau zu mir auf's Sofa, die ich für weitaus älter hielt als ich es bin; im Gelauf des Gesprächs allerdings stellte sich raus, dass sie zwei Jahre jünger ist. Diese nun duzte mich unverfroren, offenbar hielt sie mich für Fachpublikum und unter Filmleuten duzt man sich offenbar. Sie teilte mir sogleich mit, dass sie einen Roman geschrieben hat, von dem sie 10 Exemplare pro Monat verkaufe, obwohl der Verlag keine Werbung mache, das sei doch nicht schlecht, oder? Ich fragte nach dem Namen des Verlags, denn für derlei bin ich ja durchaus Fachfrau und deshalb weiß ich, der Name des Verlages bedeutet alles und bestimmt über Wohl und Wehe einer jungen Schriftstellerkarriere.
Wie ich vermutet habe, handelte es sich um einen Selbsverlag, mit dem man keinen Blumentopf gewinnen kann: Immerhin hat sie angeblich keinen Cent aus eigener Tasche investieren müssen, was ich ihr kaum glauben konnte, aber das war auch egal, denn nun kam sie zum wichtigsten Thema; ihr neuer Freund. Ein Franzose aus dem Internet, der sei auf ihrem Twitteraccount gelandet und seitdem seien sie zusammen und im Oktober zieht er zu ihr nach Berlin, sein Haus in Frankreich habe er schon verkauft und sie hätten sich auch schon zweimal gesehen und sexuell sei er die Erfüllung ihres Lebens, obwohl er einen Hüftschaden habe und kleiner sei, als sie.
Ihr hörte ihrer atemlos vorgetragenen Intimbeichte zu, die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei und nach ein paar mitgelauschten Sätzen verschwand sie sofort wieder in der Menge. Die hatte es gut, sie hatte ja berufliche Verpflichtungen.
Eine dritte Frau setzte sich zu uns auf's Sofa, die ich nun ausnahmsweise sofort erkannte und von der ich zufällig erst kürzlich eine beeindruckende Doku gesehen hatte und da ich inzwischen einigermaßen enthemmt war von dieser detailreichen französischen Liebesgeschichte, machte ich der Dokumentarfilmerin sofort Komplimente über ihrefabelhaften Oberarme beeindruckende Dokumentation über bescheuerte Neonazis und schon wollte die deutsche Catherine Deneuve neben mir auch die Mailadresse von der Doku-Filmerin haben (meine hatte sie sich schon umständlich in ein Notizheft geschrieben), die nun in mehrmaligen Anläufen versuchte, so deutlich zu buchstabieren, wie es der Klangteppich eines Empfanges eben erlaubt.
Die Auftragsmörderin kam des Weges und ich stellte ihr die Doku-Filmerin vor, so standen wir zu dritt, Catherine Deneuve blieb sitzen und stand dann auf, um sich zu trollen. Ich hatte nun auch jedes Detail ihres Lebens erfahren, einschließlich ihrer langjährigen, sexuell unerfüllten Ehe und dem besorgten Sohn, der den Franzosen auch verdächtig findet. Ich wünsche dem jungen Glück aber trotzdem alles Gute. Vielleicht sollte ich mir auch einen Twitteraccount zulegen und gewönne dann einen sexuell begabten Skandinavier mit Hüftschaden für mich.
Ich setzte mich wieder, eine weitere Frau auf dem Weg zur Garderobe stoppte, ging in die Knie, stellte sich als Petra vor, und sei das nicht ein toller Empfang, so nette Leute und ich fragte mich insgeheim, mit wem sie mich wohl verwechselte, dann kamen ihre Freunde vorbei, die sich mir auch vorstellten und inzwischen hatte ich das Gefühl, dass ich auf dem schwarzen Sofa einer Königin gleich Hof hielt. Ehrlich gesagt, machte mir die Sache zunehmend Spaß.
Die Auftragsmörderin setzte sich eine Weile zu mir, dann kam eine Kollegin von ihr vorbei, die sich umgehend beschwerte, dass Autorinnen schlechter bezahlt werden als Autoren und da dachte ich: "Da waren sie wieder, unsere drei Probleme" und schon gab ich Tipps zum Entgelttransparenzgesetz, das freilich ein stumpfes Schwert und außerdem nur anwendbar in Unternehmen ab 200 Mitarbeiter*innen ist und so eine Autorin schreibt ja für gewöhnlich ganz allein bei sich daheim. Ich hätte es nie erwähnen sollen. Völlig nutzloses Wissen über ein so gut wie nutzloses Gesetz.
Jedenfalls begleitete ich die Auftragsmörderin auf ihrer nächsten Runde und noch mehr Menschen kamen vorbei, diesmal alles Kollegen und Kolleginnen von ihr, durch die Bank ebenso entzückende Menschen wie die Auftragsmörderin selbst und was soll ich sagen, ich bin jetzt wieder Mitglied eines Lesezirkels und werde demnächst ein Geheimblog zusammen mit einer Dramaturgin schreiben.
Im nächsten Jahr komme ich wieder.
Das einzig Exzessive war die Anzahl der Menschen, die ich kennengelernt habe, wohl weil ich so außergewöhnlich kommunikativ war. Dabei musste ich mich im Grunde nur von etwas ablenken und zwar gründlich und das ist mir auch gelungen, dem Himmel sei Dank. Und nein, darüber werde ich nicht näher berichten. Ein jeder von uns musste sich schon mal von etwas ablenken.
Jedenfalls stand ich sehr kurz auf der Preisverleihung im Gedränge und erspähte die einzige Sitzgelegenheit, ein schwarzes Sofa, am Rande des Saals, neben der Treppe, die hinunter zur Garderobe und den Waschräumen führte. Zunächst blieb die Auftragsmörderin neben mir sitzen, aber im Gegensatz zu mir hatte sie berufliche Pflichten zu erfüllen, während ich nur aus Jux und Tollerei erschienen bin.
Sie verschwand mit den Worten "Ich dreh mal 'ne Runde" und ich winkte ihr gleichmütig hinterher. Kaum war sie weg, setzte sich ein hornaltes Mütterlein zu mir. Sie sah aus wie eine 80 jährige Ex-Ballerina, mit einem außergewöhnlichem Gesicht und sehr gerader Haltung. Sie stellte sich mir formvollendet vor und ich bedauerte, dass ich sie nicht kannte, denn natürlich war sie eine Schauspielerin und im Prinzip kenne ich sie alle, nur nicht die aus deutschen Vorabendserien, weil ich die beim besten Willen nicht sehen kann. Die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei, sie kannte die kleine Dame, was diese erkennbar erfreute.
Sie sei auf der Suche nach Freunden, die ihr gesagt hatten, dass sie auf diesem Empfang seien und ich dachte bei mir, was für eine couragierte 80jährige, denn eins ist klar, wenn ich erstmal 80 bin, werde ich auf keinen Berlinale Empfang mutterseelenallein gehen, in der Hoffnung, dass ich Freunde treffe. Ich werde nur aus dem Haus gehen, wenn ich schriftlich habe, dass ich Freunde treffen werde, besser noch, sie holen mich ab. Im Grunde mache ich das heute schon so. Es nützt einem der schönste Empfang nichts, wenn man kein back up hat, so sieht's doch aus.
Nach einer Weile verschwand die Ballerina wieder im Getümmel und ich sah ihr bewundernd hinterher. Lange Zeit blieb mir nicht, denn schon setzte sich die nächste Frau zu mir auf's Sofa, die ich für weitaus älter hielt als ich es bin; im Gelauf des Gesprächs allerdings stellte sich raus, dass sie zwei Jahre jünger ist. Diese nun duzte mich unverfroren, offenbar hielt sie mich für Fachpublikum und unter Filmleuten duzt man sich offenbar. Sie teilte mir sogleich mit, dass sie einen Roman geschrieben hat, von dem sie 10 Exemplare pro Monat verkaufe, obwohl der Verlag keine Werbung mache, das sei doch nicht schlecht, oder? Ich fragte nach dem Namen des Verlags, denn für derlei bin ich ja durchaus Fachfrau und deshalb weiß ich, der Name des Verlages bedeutet alles und bestimmt über Wohl und Wehe einer jungen Schriftstellerkarriere.
Wie ich vermutet habe, handelte es sich um einen Selbsverlag, mit dem man keinen Blumentopf gewinnen kann: Immerhin hat sie angeblich keinen Cent aus eigener Tasche investieren müssen, was ich ihr kaum glauben konnte, aber das war auch egal, denn nun kam sie zum wichtigsten Thema; ihr neuer Freund. Ein Franzose aus dem Internet, der sei auf ihrem Twitteraccount gelandet und seitdem seien sie zusammen und im Oktober zieht er zu ihr nach Berlin, sein Haus in Frankreich habe er schon verkauft und sie hätten sich auch schon zweimal gesehen und sexuell sei er die Erfüllung ihres Lebens, obwohl er einen Hüftschaden habe und kleiner sei, als sie.
Ihr hörte ihrer atemlos vorgetragenen Intimbeichte zu, die Auftragsmörderin kam auf einen Sprung vorbei und nach ein paar mitgelauschten Sätzen verschwand sie sofort wieder in der Menge. Die hatte es gut, sie hatte ja berufliche Verpflichtungen.
Eine dritte Frau setzte sich zu uns auf's Sofa, die ich nun ausnahmsweise sofort erkannte und von der ich zufällig erst kürzlich eine beeindruckende Doku gesehen hatte und da ich inzwischen einigermaßen enthemmt war von dieser detailreichen französischen Liebesgeschichte, machte ich der Dokumentarfilmerin sofort Komplimente über ihre
Die Auftragsmörderin kam des Weges und ich stellte ihr die Doku-Filmerin vor, so standen wir zu dritt, Catherine Deneuve blieb sitzen und stand dann auf, um sich zu trollen. Ich hatte nun auch jedes Detail ihres Lebens erfahren, einschließlich ihrer langjährigen, sexuell unerfüllten Ehe und dem besorgten Sohn, der den Franzosen auch verdächtig findet. Ich wünsche dem jungen Glück aber trotzdem alles Gute. Vielleicht sollte ich mir auch einen Twitteraccount zulegen und gewönne dann einen sexuell begabten Skandinavier mit Hüftschaden für mich.
Ich setzte mich wieder, eine weitere Frau auf dem Weg zur Garderobe stoppte, ging in die Knie, stellte sich als Petra vor, und sei das nicht ein toller Empfang, so nette Leute und ich fragte mich insgeheim, mit wem sie mich wohl verwechselte, dann kamen ihre Freunde vorbei, die sich mir auch vorstellten und inzwischen hatte ich das Gefühl, dass ich auf dem schwarzen Sofa einer Königin gleich Hof hielt. Ehrlich gesagt, machte mir die Sache zunehmend Spaß.
Die Auftragsmörderin setzte sich eine Weile zu mir, dann kam eine Kollegin von ihr vorbei, die sich umgehend beschwerte, dass Autorinnen schlechter bezahlt werden als Autoren und da dachte ich: "Da waren sie wieder, unsere drei Probleme" und schon gab ich Tipps zum Entgelttransparenzgesetz, das freilich ein stumpfes Schwert und außerdem nur anwendbar in Unternehmen ab 200 Mitarbeiter*innen ist und so eine Autorin schreibt ja für gewöhnlich ganz allein bei sich daheim. Ich hätte es nie erwähnen sollen. Völlig nutzloses Wissen über ein so gut wie nutzloses Gesetz.
Die kleine Ballerina kam wieder vorbei, im Schlepptau ihre Freunde. Ich war gottfroh, dass dieser gewiss beschwerliche Ausflug für sie von Erfolg gekrönt war. Es hätte mir sehr leid getan, wenn sie wieder nach Hause hätte gehen müssen, ohne mit jemand anderem außer mir gesprochen zu haben; wo ich sie nicht mal kannte. So möchte man als Schauspielerin in seinen späten Achtzigern doch wirklich nicht enden.
Anmerkung: ich habe unterdessen nach ihr gegoogelt: sie ist eine wirklich beeindruckend gute Schauspielerin und shame on me, dass ich so eine Banausin bin.
Jedenfalls begleitete ich die Auftragsmörderin auf ihrer nächsten Runde und noch mehr Menschen kamen vorbei, diesmal alles Kollegen und Kolleginnen von ihr, durch die Bank ebenso entzückende Menschen wie die Auftragsmörderin selbst und was soll ich sagen, ich bin jetzt wieder Mitglied eines Lesezirkels und werde demnächst ein Geheimblog zusammen mit einer Dramaturgin schreiben.
Im nächsten Jahr komme ich wieder.
Dienstag, 30. Oktober 2018
Wenn Frauen nicht loslassen
"Bei der Beerdigungsfeier meines Vaters kam es zu einem Zwischenfall. Die Wohnung war schon sehr voll, als es klingelte. Eine mir mir unbekannte Frau stand in der Tür, zeigte auf mich mit langem Zeigefinger und rief "Siiiieee, Sie sind schuld, dass Ihr Vater nicht mit mir zusammen gekommen ist. Er wollte ja die Kinder nicht verlassen. SIE sind schuld."
"Grundgütiger, wie furchtbar. Verrückt, so einen Auftritt hinzulegen. Du musst ja schockiert gewesen sein."
"Nein gar nicht. Die Frau tat mir leid. Stell dir mal vor, sie hatten vor 25 Jahren eine Affaire; mein Vater hatte einige Affairen..."
"Ach."
"...Sie tat mir echt leid. 25 Jahre konnte sie nicht loslassen. Das ist doch schrecklich. Und dann wählt sie diesen unglücklichen Zeitpunkt, ihrem Herzen Luft zu machen. Sie konnte einem nur leid tun. Die arme Wurst."
"Grundgütiger, wie furchtbar. Verrückt, so einen Auftritt hinzulegen. Du musst ja schockiert gewesen sein."
"Nein gar nicht. Die Frau tat mir leid. Stell dir mal vor, sie hatten vor 25 Jahren eine Affaire; mein Vater hatte einige Affairen..."
"Ach."
"...Sie tat mir echt leid. 25 Jahre konnte sie nicht loslassen. Das ist doch schrecklich. Und dann wählt sie diesen unglücklichen Zeitpunkt, ihrem Herzen Luft zu machen. Sie konnte einem nur leid tun. Die arme Wurst."
Montag, 24. September 2018
Wenn alte Frauen Sex haben
Candice Bergen, Jane Fonda, Mary Steenburgen und Diane Keaton spielen vier Freundinnen, die in ihrem Book Club "Fifty Shades Of Grey" lesen - so unglaubwürdig fängt der Film schon an und es wird noch schlimmer.
Jane Fonda gibt mit ihren 81 Jahren immer noch die Barbarella, sie hat sich mehr als dünn gehalten, perfekt frisiert und gekleidet, sie ist recht gut geliftet, dennoch kann die Kamera kaum verbergen, dass sie 81 ist - sie hält sich beneidenswert gerade, dennoch spürt man die Anstrengung, flüssig zu gehen und mit dem Kopf nicht allzusehr zu wackeln. Was ja völlig normal ist in dem Alter. Aber dass man sie dem Publikum als Sexbombe verkauft, der jeder Mann willenlos zu Füßen liegt, ist schmerzlich anzusehen. Sie spielt eine beziehungsunfähige Frau, die stets One Night Stands hat und bei keinem Mann einschlafen kann; deshalb verdrückt sie sich immer schnell.
Diane Keaton (72) ist ebenso klapperdürr, gibt aber seit Jahren die verhuschte und trottelige Frau, in die sich wie durch ein Wunder aber trotzdem alle Kerle verlieben, obwohl sie andauernd stolpert, und dämliche Hüte trägt und nervöse Kreischanfälle bekommt.
Mary Steenburgen (65), die früher mal fast so aussah wie Kate Bush, ist so schrecklich geliftet, dass sie aussieht wie der Formwandler aus Deep Space Nine. Sie spielt eine Ehefrau, deren Mann nicht mehr mit ihr schlafen möchte, seit sechs Monaten schon.
Candice Bergen (72) spielt eine resolute Bundesrichterin, die seit 18 Jahren keinen Sex mehr hatte und ich frage mich, wann dieser Übergang stattgefunden hat von dieser ebenfalls sehr dünnen Frau mit schönen Haaren, einem außergwöhnlich interessanten Gesicht hin zu dieser Matrone mit erkennbarem Hüftschaden und Fusselhaaren. Ich habe extra gegoogelt, aber es scheint eine Entwicklung über Nacht gewesen zu sein. Sie sieht entweder wunderschön aus und dann, schwupps, hüftkrank und untersetzt wie Monika Wulf-Matthies (auch bei Katherine Hepburn gab es keinen Übergang, eben noch wunderschön, plötzlich eine Greisin).
Jedenfalls setzt sich Diane Keaton in ein Flugzeug, um zu ihren minderbemittelten Töchtern zu fliegen, neben ihr sitzt Andy Garcia (62), und obwohl sie beim hinsetzen direkt auf ihn drauffällt und ihm gleich darauf in die Eier greift, wegen ihrer Flugangst, sich also insgesamt wie eine wunderliche Quartalsirre benimmt, wird sie beim Rückflug von der Stewardess nach vorne gerufen und um ihre vollständige Adresse gebeten, was bei Diane Keaton gleich wieder hysterische Anfälle auslöst, vor allem, weil dann Andy Garcia als Pilot aus dem Cockpit kommt und der Stewardess den Zettel wegnimmt und Diane vielversprechend anlächelt, "Ich hole Sie nächsten Freitag ab".
Natürlich wohnt er in einem Palast und ist Single. Wir sehen eine schreckliche Liebesszene, in der er auf ihr draufliegt und sie küsst - sie sieht derweil aus, wie die tote Mutter aus Psycho - weil sie nur 12 Kilo wiegt und das macht eine 72 Jährige nur viel älter als sie ist. Mich schaudert's. Dann kommen ihre bescheuerten Kinder angeflogen und erwischen die beiden Turteltäubchen und deshalb wird sie wieder hysterisch, kreischt und reist hampelnd ab, auf direktem Weg in die Kellerwohnung ihrer Töchter, weil sie dort gebraucht wird. Das hält sie aber nur zwei Tage aus, fährt wieder zu ihrem stinkereichen Palast-Piloten und der steht schon wartend an der Tür und muss sie schon wieder küssen.
Jane Fonda widerum, die Beziehungsunfähige, begegnet einer alten Jugendliebe, Don Johnson (69), der sich augenblicklich wieder in sie verliebt und natürlich kann sie beim ersten Date gleich in seinen Armen einschlafen, was ja in ihrem Fall viel wichtiger als Sex und praktisch der Durchbruch ist. Natürlich wehrt sie sich gegen ihre Gefühle, aber nach einem weiteren Gespräch mit Don Johnson will der gleich mit ihr leben, weil er mit jemandem reden will. Sie nimmt seine leidenschaftliche Ansprache kerzengerade und mit nur ganz leichtem Kopfwackeln zur Kenntnis und lässt ihn dann wortlos stehen. Tolles Gespräch. Einen Tag später besinnt sie sich mit Hilfe ihrer hysterischen Freundinnen eines Besseren und nimmt ihn nun doch.
Mary Steenburgen mischt ihrem lustlosen Ehemann Viagra ins Bier, der muss ca. 10 Minuten mit einem Stock in der Hose schauspielern, dann machen sie einen Tanzkurs, den sie wieder abbrechen und am Ende führt sie irgendeinen Stepptanz auf einer Schulaufführung auf und dann kommt er auch auf die Bühne und tanzt doch mit ihr und hinterher will er gleich mit ihr schlafen, weil er ihr endlich sagen kann, dass er seit der Pensionierung vor sechs Monaten leider nicht mehr wusste, wer er ist. Man kennt das.
Candice Bergen muss sich online einen Freund suchen und findet gleich Richard Dreyfuss (71). Hier ist sehr schön, dass sie nicht nur gleichaltrig sind, sondern auch gleichaltrig aussehen. Allerdings haben auch sie gleich Sex im Auto, bevor sie sich angeregt unterhalten haben. Alles könnte so schön sein, aber aus unerfindlichen Gründen muss sie zunächst noch einen anderen Mann daten, Wallace Shawn (75), der ca. 30 cm kleiner ist als sie, und mit dem sie ihren Ex-Mann mit dessen neuer Frau (ca. 25) trifft. Sie will sterben, fasst aber neuen Mut, nachdem sie sich vom Online Dating zunächst abmeldet und einen Tag später wieder anmeldet. Gottseidank wartet immer noch der fabelhafte Richard Dreyfuss auf sie.
Ich finde, jede Frau jeden Alters sollte Sex haben, wenn sie es will. Das kann man auch verfilmen, nötigenfalls. Aber sie als unsympathische, tödlich nervende Knallchargen darzustellen, denen lauter Knallertypen hinterherrennen, ist ein Ärgernis.
Keaton war mal Woody Allens Muse (was in der Nachbetrachtung leider auch eine eher zweifelhafte Angelegenheit ist), Candice Bergen legte sich in ihrer Serie "Murphy Brown" tagesaktuell mit George Bush an, Jane Fonda demonstrierte gegen den Vietnam Krieg und galt als in ganz Amerika verhasst, Mary Steenburgen tja, (keine Ahnung, was die mal gemacht hat) - und am Ende müssen sie kreischende, unerträgliche Frauen spielen, die ihre "innere Göttin" finden?
Wirklich?
Montag, 15. Mai 2017
Die Frau als Bitch
Obwohl ich eine Frauen-Frau bin, also meine Freundinnen mit Attributen wie "liebste" und "Goldstück" belege und sie immer einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen, egal, ob ein Mann zur Hand ist oder nicht und ich grundsätzlich das Zusammensein mit ihnen als außerordentlich wohltuend empfinde, gibt es eine Version Frau, mit der ich nicht klar komme: die Frau als Cheffe.
Ich hatte zwei, die erste als "SS-Sabine" hier im Blog verewigt, die zweite wegen Unlust verschwiegen, habe ich jetzt die Dritte an der Backe.
Und schon höre ich mich greinen, wie gerne ich sie eintauschen würde gegen die Toskana-Probleme, die ich mit dem letzten Cheffe hatte, über den ich so ausführlich wie inbrünstig das Blog vollgekotzt habe. Aber es geht ja immer noch schlimmer...
Eine Schönheit ist sie, ein kaltes Herz, messerscharf in der Kommunikation, auch nonverbal und vollkommen desinteressiert daran, dass ihre Jüngerschaft auch nur einen (und sei er noch so klein), Wohlfühlmoment pro Tag haben.
Wie jede dieser neuen Generation von Vorgesetzten hat auch sie verinnerlicht, keinen Handschlag selbst zu tun, sondern 1 zu 1 alles auf''s Fußvolk runterzubrechen; am liebsten natürlich die Aufgaben, die originär einer Führungskraft zugewiesen sind.
Nein, es ist nicht so, dass wir nun führen. Wir taumeln eher führungslos gegen Tisch und Bänke und sie zetert, weshalb wir uns schon wieder das Knie aufgehauen haben. Sie lässt uns im unklaren darüber, was sie will und wenn wir es nicht erahnen, ist sie empört. Das ist ihre Vorstellung von Steuerung, nehme ich an.
Was auch immer wir versuchen an Leistungserbringung, wobei wir wie gesagt meist im Dunkeln tappen, sie zerfetzt alle Ergebnisse, ohne zu sagen, was sie stattdessen will. Oder sie krittelt an Formulierungen herum, diktiert neue Sätze, die haargenau dasselbe aussagen; nun ja, sie will sich also doch manchmal einbringen, schätze ich.
Während alter Cheffe uns laufen ließ, weil er wusste, dass wir gut sind und sich mit unseren Ergebnissen die Orden umhängen ließ (was ich in der Nachbetrachtung jetzt durchaus als Anerkennung unserer Arbeit empfinde - soweit ist es schon mit mir gekommen; aber ich neige zeitlebens zur Vergangenheitsglorifizierung), ist es jetzt so, dass wir abgewatscht werden, als seien wir dahergelaufene Schwachmaten, die den Schuss nicht gehört haben und mit denen sie leider gezwungen ist zu arbeiten.
Und im Druck erhöhen, da ist sie Weltklasse. Das muss sie irgendwo gelernt haben: Druck machen um des Druck machens willen; was auch immer sie sich davon verspricht.
Kommt jemand aus dem Urlaub zurück, ist ihre erste Frage "Wie weit sind Sie mit ihrem Prozess gekommen?" Tja. Äh. Im Urlaub? In der untersten Gehaltsgruppe?
Und was noch wichtig ist: Aufträge nicht einfach erfüllen zu lassen, sondern vor dem Whiteboard sitzen und darüber reden, wie man den Prozess modelliert. Wenn noch einmal jemand in meiner Gegenwart das Wort Prozess in den Mund nimmt, kann ich für nichts mehr garantieren.
Ich hatte zwei, die erste als "SS-Sabine" hier im Blog verewigt, die zweite wegen Unlust verschwiegen, habe ich jetzt die Dritte an der Backe.
Und schon höre ich mich greinen, wie gerne ich sie eintauschen würde gegen die Toskana-Probleme, die ich mit dem letzten Cheffe hatte, über den ich so ausführlich wie inbrünstig das Blog vollgekotzt habe. Aber es geht ja immer noch schlimmer...
Eine Schönheit ist sie, ein kaltes Herz, messerscharf in der Kommunikation, auch nonverbal und vollkommen desinteressiert daran, dass ihre Jüngerschaft auch nur einen (und sei er noch so klein), Wohlfühlmoment pro Tag haben.
Wie jede dieser neuen Generation von Vorgesetzten hat auch sie verinnerlicht, keinen Handschlag selbst zu tun, sondern 1 zu 1 alles auf''s Fußvolk runterzubrechen; am liebsten natürlich die Aufgaben, die originär einer Führungskraft zugewiesen sind.
Nein, es ist nicht so, dass wir nun führen. Wir taumeln eher führungslos gegen Tisch und Bänke und sie zetert, weshalb wir uns schon wieder das Knie aufgehauen haben. Sie lässt uns im unklaren darüber, was sie will und wenn wir es nicht erahnen, ist sie empört. Das ist ihre Vorstellung von Steuerung, nehme ich an.
Was auch immer wir versuchen an Leistungserbringung, wobei wir wie gesagt meist im Dunkeln tappen, sie zerfetzt alle Ergebnisse, ohne zu sagen, was sie stattdessen will. Oder sie krittelt an Formulierungen herum, diktiert neue Sätze, die haargenau dasselbe aussagen; nun ja, sie will sich also doch manchmal einbringen, schätze ich.
Während alter Cheffe uns laufen ließ, weil er wusste, dass wir gut sind und sich mit unseren Ergebnissen die Orden umhängen ließ (was ich in der Nachbetrachtung jetzt durchaus als Anerkennung unserer Arbeit empfinde - soweit ist es schon mit mir gekommen; aber ich neige zeitlebens zur Vergangenheitsglorifizierung), ist es jetzt so, dass wir abgewatscht werden, als seien wir dahergelaufene Schwachmaten, die den Schuss nicht gehört haben und mit denen sie leider gezwungen ist zu arbeiten.
Und im Druck erhöhen, da ist sie Weltklasse. Das muss sie irgendwo gelernt haben: Druck machen um des Druck machens willen; was auch immer sie sich davon verspricht.
Kommt jemand aus dem Urlaub zurück, ist ihre erste Frage "Wie weit sind Sie mit ihrem Prozess gekommen?" Tja. Äh. Im Urlaub? In der untersten Gehaltsgruppe?
Und was noch wichtig ist: Aufträge nicht einfach erfüllen zu lassen, sondern vor dem Whiteboard sitzen und darüber reden, wie man den Prozess modelliert. Wenn noch einmal jemand in meiner Gegenwart das Wort Prozess in den Mund nimmt, kann ich für nichts mehr garantieren.
Samstag, 13. Mai 2017
Embrace
Wann immer ich Fotos von mir sehe, die älter als 10 Jahre sind, sehe ich eine hübsche Frau, an der Grenze zu objektiv wirklich richtig hübsch. Als ich neulich einem Freund ein Foto aus meinen Zwanzigern zeigte, lachte er auf und rief "Oh mein Gott, ich liebe dich!".
Was sich in meinem ganzen Leben nie verändert hat, dass ich im heute stets denke, dass ich optimierbar bin und zwar hurtig. Erstmal will ich immer 10 Kilo abnehmen. Mit 10 Kilo weniger, stelle ich mir vor, könnte ich sofort in eine Lebensphase eintreten, die das Attribut perfekt verdienen würde. Selbst in Phasen, in denen angebracht gewesen wäre, 10 Kilo zuzunehmen, war ich überzeugt, dass 10 Kilo weniger mein Leben in etwas umwandeln würde, worum mich jede beneiden würde.
Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, verbrachte ich einen ganzen Samstag heulend im Bett, weil es abends zum bowlen ging. Und in dem Moment, wo ich diese Kugel versuchen würde, unfallfrei über die Bahn zu bekommen, würde jeder meinen unglaublich fetten Arsch sehen. Ich war des Todes, mein Leben verwirkt, wenn erst alle gesehen hätten, wie schrecklich ich von hinten aussehe, mit meinen unfassbaren 49 Kilo.
Egal, wie dünn ich war, wie jung und wie hübsch - es nützte nichts. Ich war am hadern. Und bin es bis heute. Immer nur in der Nachbetrachtung denke ich, ob ich wohl damals mit dem Klammerbeutel gepudert war oder einen Hirnschaden hatte. Vielleicht werde ich das in 10 Jahren auch denken, wenn ich Bilder von heute betrachte (ich glaube aber nicht).
Leider bin ich oberflächlich genug, das an manchen Tagen belastend zu finden, vor allem, wenn ich in Umkleidekabinen bin, die sadistische Innenarchitekten traditionell mit fürchterlichsten Licht ausstatten. Ich kapituliere, wenn ich mich dort im Spiegel sehe und wanke als gebrochene Frau nach Hause, mit dem Vorsatz, die Wohnung nie wieder zu verlassen.
Am Donnerstag lief bundesweit (und nur an diesem Tag) der Film Embrace. Da reist eine Australierin durch die ganze Welt, um Frauen zu treffen, die auch hadern. Das ist nichts Neues, wir alle kennen Frauen, die sich mit den gefotoshopten Aliens vergleichen, die uns überall anspringen. Es hadern offenbar 90% aller Frauen und die meisten haben keine Vorstellung davon, wie ihr Leben wäre, wenn sie sich über ihr Aussehen keine Gedanken machen würden.
Augenscheinlich wird das immer wichtiger; bereits Siebenjährige beklagen, dass ihre Beine zu dick sind. Als ich sieben war, wusste ich nicht mal, dass ich Beine habe.
Es kostet eine Menge Energie, sich nicht ausreichend gut zu finden. Energie, die man für nichts und wieder nichts verpulvert. Der Film hat nicht dafür gesorgt, dass ich rausgehüpft bin, mit dem jetzt für alle Zeiten unverrückbar verinnerlichtem Selbstbild "Ich bin schön". Aber die Absurdität, sich mit so einem überflüssigen Scheiß zu herumzuschlagen, hat's bis ins Großhirn geschafft. Immerhin.
Was sich in meinem ganzen Leben nie verändert hat, dass ich im heute stets denke, dass ich optimierbar bin und zwar hurtig. Erstmal will ich immer 10 Kilo abnehmen. Mit 10 Kilo weniger, stelle ich mir vor, könnte ich sofort in eine Lebensphase eintreten, die das Attribut perfekt verdienen würde. Selbst in Phasen, in denen angebracht gewesen wäre, 10 Kilo zuzunehmen, war ich überzeugt, dass 10 Kilo weniger mein Leben in etwas umwandeln würde, worum mich jede beneiden würde.
Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, verbrachte ich einen ganzen Samstag heulend im Bett, weil es abends zum bowlen ging. Und in dem Moment, wo ich diese Kugel versuchen würde, unfallfrei über die Bahn zu bekommen, würde jeder meinen unglaublich fetten Arsch sehen. Ich war des Todes, mein Leben verwirkt, wenn erst alle gesehen hätten, wie schrecklich ich von hinten aussehe, mit meinen unfassbaren 49 Kilo.
Egal, wie dünn ich war, wie jung und wie hübsch - es nützte nichts. Ich war am hadern. Und bin es bis heute. Immer nur in der Nachbetrachtung denke ich, ob ich wohl damals mit dem Klammerbeutel gepudert war oder einen Hirnschaden hatte. Vielleicht werde ich das in 10 Jahren auch denken, wenn ich Bilder von heute betrachte (ich glaube aber nicht).
Leider bin ich oberflächlich genug, das an manchen Tagen belastend zu finden, vor allem, wenn ich in Umkleidekabinen bin, die sadistische Innenarchitekten traditionell mit fürchterlichsten Licht ausstatten. Ich kapituliere, wenn ich mich dort im Spiegel sehe und wanke als gebrochene Frau nach Hause, mit dem Vorsatz, die Wohnung nie wieder zu verlassen.
Am Donnerstag lief bundesweit (und nur an diesem Tag) der Film Embrace. Da reist eine Australierin durch die ganze Welt, um Frauen zu treffen, die auch hadern. Das ist nichts Neues, wir alle kennen Frauen, die sich mit den gefotoshopten Aliens vergleichen, die uns überall anspringen. Es hadern offenbar 90% aller Frauen und die meisten haben keine Vorstellung davon, wie ihr Leben wäre, wenn sie sich über ihr Aussehen keine Gedanken machen würden.
Augenscheinlich wird das immer wichtiger; bereits Siebenjährige beklagen, dass ihre Beine zu dick sind. Als ich sieben war, wusste ich nicht mal, dass ich Beine habe.
Es kostet eine Menge Energie, sich nicht ausreichend gut zu finden. Energie, die man für nichts und wieder nichts verpulvert. Der Film hat nicht dafür gesorgt, dass ich rausgehüpft bin, mit dem jetzt für alle Zeiten unverrückbar verinnerlichtem Selbstbild "Ich bin schön". Aber die Absurdität, sich mit so einem überflüssigen Scheiß zu herumzuschlagen, hat's bis ins Großhirn geschafft. Immerhin.
Mittwoch, 24. August 2016
Diva
Im Café.
Neben uns sitzt ein Paar nebst imposanter belle-mère, die nicht genug von ihrer Smartphone-Spiegel-App bekommen kann. Immer wieder hält sie sich das Handy vor's Gesicht und prüft, ob was derangiert und daher zu richten ist.
Sie hat volles Theater Make up aufgelegt, big hair, ihre Augenbrauen sind schwarz nachgezeichnet, der Mund dunkelrot angemalt und insgesamt macht sie einen dramatisch schlechtgelaunten Eindruck. Das einzig Schöne in ihrem Leben - scheint sie beschlossen zu haben - ist sie selbst.
Von der blässlichen Schwiegertochter wird sie unverhohlen verächtlich beobachtet; auch am Gespräch beteiligt sich diese nicht, das ohnehin nur plätschert. Der Sohn muss es richten. Viel zu sagen gibt es nicht. Wann immer er das Wort an seine Mutter richtet, antwortet sie einsilbig, zückt schnell das Handy und bewundert sich wieder selbst.
Er ist sicher eine Enttäuschung, weil er sich keine Alexis Carrington zur Ehefrau gewählt hat, sondern diese sträflich ungeschminkte Frau, mit der sie nun gezwungen ist, den Sonntagnachmittag zu verbringen und der sie gewiss schon unzählige Tipps zur Selbstoptimierung gegeben hat, leider für die Katz.
Immer, wenn ich solche Szenen sehe, denke ich, dass Menschen sich täuschen, wenn sie glauben, dass es vor allem für das Alter wichtig ist, Kinder zu haben. Wenn alles schiefgeht, wird man am Ende widerwillig zu irgendeinem Kuchenbuffet gekarrt, für das man sich extra eine Rosen-Jacke aus Vollplastik bei QVC bestellt hat und alle sind froh, wenn der Nachmittag vorüber ist.
"Altes West-Berlin, hm?" fragt meine Begleitung, "Geht noch schlimmer. Nächsten Sonntag gehen wir ins Café Roseneck und warten auf Rolf Eden."
Der Himmel zieht sich zu.
Abonnieren
Kommentare (Atom)


