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Mittwoch, 13. Mai 2020

Männerwelten

...darf hier nicht fehlen:

Männerwelten

Edit 14.5.: Wie mir eben mitgeteilt wird, ist das Video schon gesperrt. Das ging aber schnell.

Edit 19.5. Nun doch wieder sichtbar: Männerwelten

und noch etwas Sekundärliteratur. Artikel von Margarete Stokowski

Montag, 9. Dezember 2019

Wenn sich Hedonisten trennen

Zuerst wollte ich ja über meinen ersten Husten (seitdem ich nicht mehr rauche) schreiben und dass das echt einen Unterschied macht, aber dann musste ich umdisponieren, weil mein kleines Herz starr vor Schmerz ist, dabei bin ich gar nicht betroffen von dieser zweit-beschissensten Trennung in diesem an Trennungen nicht eben armen Jahr.

Das flirrende kleine Geschöpf aus der DoKo-Runde, unserem jüngsten Mitglied, das vor über einem Jahr ein Kind gebar, in diesen irre heißen Sommer hinein und wir uns wegen ihr fast jeden Tag trafen, weil sie so litt und beschäftigt werden musste und wir ebenfalls litten unter dieser affigen Hitze und abgelenkt werden mussten und mit weicher Matschbirne den schlimmsten Scheiß zusammenspielten, also damals jedenfalls freuten wir uns alle auf das neue kleine Wesen, das bald unter uns sein würde, und nur der ebenfalls entzückende Vater irritierte mich kurz, als er die große Baby-Überraschungsparty für sie gab und uns erklärte, "Ihr sollte alle kommen, damit sie weiß, dass sie nicht allein ist, falls ich mal nicht mehr da sein sollte, weil sie doch keine Familie mehr hat" - und ich knurrte nur "Was soll'n das heißen: falls du mal nicht mehr da bist? Planst du jetzt schon deinen Abgang?" und ein Schmerz durchzuckte mich, stellvertretend, denn natürlich war von dem Moment an klar, dass er gehen würde. 

Und nun erfahre ich, dass er vor ein paar Wochen morgens um 7 Uhr stinkbesoffen heimkam, "Hab dich nie richtig geliebt, aber das Kind wollte ich, Gespräche zwecklos, ich bin durch mit allem", seine Klamotten packte und jetzt 1-2 mal die Woche vorbeikommt und das Kind hütet, wenn sie arbeiten geht. 

Wenn sie dann weint, blockt er jedes Gespräch ab "Ach, das ist alles schon soweit weg von mir...". Sie isst nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie ist in der Hölle. Sie muss sich eine neue Wohnung suchen, denn ihre billige kleine Wohnung hatte sie aufgegeben, als sie mit ihm zusammengezogen ist. Sie wird natürlich gar keine andere finden, jedenfalls nicht dort, wo sie jetzt wohnt. 

Er, übrigens diplomierter Psychologe, hat nicht das geringste Mitgefühl mit seinem Kind, dem er eine stabile Mutter wünschen sollte, aber alles dafür tut, dass demnächst beide aus dem 5. OG springen. 

Eine andere entferntere Bekannte, verheiratet, drei Kinder, ihr Mann hat sich in eine andere verliebt. Kommt vor, macht ja niemand extra, sage ich immer. Aber er möchte, dass sie mit den drei Kindern auszieht, weil er mit der Neuen ins Haus ziehen will. Das Haus hat ihr Architektenvater erbaut und größtenteils finanziert, aber das ficht ihn nicht an.

Wieder eine andere findet im Handy ihres Mannes ein Selfie: er selbst mit erigiertem Schwanz, geschickt an eine Minderjährige aus der Nachbarschaft. Beides sogenannte Akademiker-Haushalte.

Welten können innerhalb Sekundenbruchteilen zusammenbrechen. 

Ich weiß nicht, waren Trennungen immer schon so brutal? Die Geschichten werden immer grausiger. 

Was noch? Lustige kleine Seite gefunden, via "A Grouchy German is a Sour Kraut!":
Regalgift


Edit 21.12.: Eine Leserin empfahl mir das Kursbuch 87 "Trennungen", erschienen März '87. Hab es mir gleich bestellt und allein der erste Text "Schnittmuster" von Keto von Waberer ist so ziemlich das Beste und Lustigste, was ich zum Thema gelesen habe. Sehr empfehlenswert.

Montag, 25. November 2019

Mit Tosca kam die Zärtlichkeit

Gestern musste ich sehr viel weinen. Ich war auf einem Konzert eines Drei-Generationen-Orchesters. Winzig kleine achtjährige Geigerinnen neben 75 jährigen Rauschebärten und einer, ca. 55, sah sogar ein bissel wie Sting aus. Für jeden was dabei. Dieses Orchester lebt u.a. von schiefen Tönen und wilden Eigenkompositionen des Dirigenten, der eine 15minütige Neuinterpretation von "Alle meine Entchen" als Welturaufführung komponierte und darin alles verbraten hatte, was Rang und Namen hatte: Mozarts Requiem, Die Moldau von Smetana und den Bolero von Ravel. Es war toll! Mein Make up war schon ganz verwischt, weil ich bei konzertanten Aufführungen eigentlich immer heule. Im Gegensatz zu Opernaufführungen, aber da erzähle ich gleich von.

Jedenfalls war das Konzert zuende, und nun gab es auf einmal den "Überraschungsgast". Der Dirigent bat aus dem Publikum einen Thomas auf die Bühne, der aussah wie eine Mischung aus Borat (Gesicht & Haare) und Chaplin (Anzug und Habitus). Der schnappte sich das Mikro und brach schon beim ersten Satz in Tränen aus, weil er "so oft und schnell gerührt" sei, und weil er seine Maren so sehr liebe, wie noch nie jemanden zuvor in seinem Leben und wir drehten uns alle um zu dieser Maren, die so schön wie Dora Maar vier Reihen hinter uns saß und beide Hände an ihre Wangen gepresst hielt. 

Ich heulte auch gleich los, denn nun würden wir Zeugen eines Heiratsantrags in aller Öffentlichkeit werden, das habe ich bisher nur im Fernsehen oder auf Youtube gesehen und ich sank halb an die Schulter meiner Freundin, umschlang ihren Arm und flüsterte ogottogottogott - denn ich bin gerade sehr dünnhäutig, aber das ist wieder eine andere Geschichte, über die ich nicht berichten werde. 

Nun ja, Borat Chaplin stotterte also etwas von "Unsere Lieder sollen unser ganzes Leben erklingen" und ähnlich sinnloses Zeug und dann fing er an zu singen "L.O.V.E" von Nat King Cole. Er sah sie dabei die ganze Zeit an und warf ihr Kusshände zu und als er zuende gesungen hatte, kam sie zu ihm auf die Bühne und dann umhalsten sie sich innig und küssten sich ewig und wir klatschten und hatten was im Auge und dann sank er auf die Knie, holte den Ring raus und bat sie um ihre Hand. rannte er hinter die Bühne und kam wieder mit einem hässlichen Blumenstrauß und dann sank er auf die Knie, holte den Ring raus und bat sie um ihre Hand und dann passierte gar nichts. 

Er nahm ihre Hand und setze sich doch glatt wieder mit ihr ins Publikum. Gerade als wir uns fragten, ob der Mann noch ganz knusper ist, stand er noch mal auf und rief ganz laut: "Moment, ich hab noch was vergessen!" Wir drehten uns erleichtert um, weil er nun doch noch die Kurve kriegte, aber dann rief er weiter "Der Andreas (=Dirigent) hatte gestern Geburtstag!" Nun waren wir überzeugt, dass er einen schweren Dachschaden hat und seiner Maren fürderhin eine alsbaldige Trennung anzuraten sei für diesen Scheiß, den er ihr gerade angetan hatte.

In der Oper hingegen, eine Woche zuvor, tobte zwar auch die Liebe und der Irrsinn auf der Bühne, aber das war zuweilen unfreiwillig komisch, weil die beiden heißblütigen und glutäuigen Liebhaber derart übergewichtig waren, dass ich um ihre pyhsische Gesundheit fürchtete. 

Der eine musste immer  ein Gerüst hoch und runter klettern und dabei singen, der andere lehnte sich zur Entlastung stets an Tische und Bänke und wann immer sie die leichtfüßige Tosca küssen wollten, sah das eher aus, als wollten sie sie ihr in den Kopf beißen oder ihr diesen gleich ganz abreißen. Am Ende mussten beide Herren sterben und sich auf die Bretter fallen lassen und da gab es Gekichere im Publikum, obwohl wirklich nur ernsthafte ältliche Opernfans im Parkett saßen, aber die sind natürlich meistens leptosome Typen. Nun ja. 

War noch was? Ja. Ein schöner Text beim Pestarzt aka Kiezneurotiker

Mittwoch, 26. Juni 2019

The hottest Rettungsschwimmer in town

Das Freibad, das ich seit Jahren frequentiere, liegt sehr hübsch. Für attraktive, freundliche Bademeister war es bisher nicht bekannt, aber das hat sich gründlich geändert.

Jetzt arbeitet dort Andy Garcia. Eine Augenweide, der Mann. Braungebrannt, kakifarbene Shorts samt passend farbiger Sneaker, dazu ein lachsrotes T-Shirt, auf dem "Rettungsschwimmer" steht. So sind jetzt alle Angestellten eingekleidet.

Wenn ich ehrlich bin, irritiert mich das mit den Sneakern. Wenn ich nun vor seinen Augen in Seenot geraten sollte, wäre er nicht so behende im Wasser, wie erforderlich. Alle anderen haben auch Flip Flops an, aus denen ist man ja schnell raus in case of absaufen.

Apropos absaufen: las ich doch vor ein paar Tagen im Tagesspiegel, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man ein Kind vor dem ertrinken rettet. Weil? Ja, weil das Kind riesige Kräfte entwickelt und dem Retter an die Kehle geht. Ja, genau so stand das in dem Artikel. An die Kehle geht und dann keiner von beiden überlebt. Und dass man das Kind erst absaufen lassen und sich ihm erst dann nähern soll, wenn's also nicht mehr zappelt und dies auch möglichst nur von hinten, damit es einen nicht sieht und einem nicht vor Angst die Gurgel zudrückt. Ich habe das mehrmals gelesen und dachte, was soll das denn für ein komischer Reflex sein, von dem habe ich ja noch nie gehört? 

Aber zurück zu Andy Garcia. Er ist ein Frauenbeglücker. Jede einzelne der um diese Zeit eintrudelnden alten Schachteln, inklusive mir, begrüßt er mit einem strahlendem Lächeln, so als ob er genau auf sie (und nur auf sie) gewartet hat. Und wenn mal um 7.20 Uhr auch eine jüngere Frau kommt, ist er nicht charmanter als sonst auch. Neutral wie die Schweiz, quasi.

Jede Frau steigt geschmeichelt in die Fluten, nachdem sie ihr Frühbucher-Ticket bei ihm bezahlt hat. Um die Zeit ist das Kassenhäuschen nämlich nicht besetzt, das macht er alles persönlich, direkt am Beckenrand.

Er verbreitet derart gute Stimmung, dass wir Frauen in der Dusche inzwischen dazu übergangen sind, uns herzlich zu begrüßen, zu verabschieden und gestern bat mich sogar eine Frau darum, ihr den BH schließen; was eine ungewöhnlich intime Angelegenheit ist, um die ich bisher im öffentlichen Raum noch nie gebeten wurde und ehrlich gesagt wünsche ich mir, dass derlei nicht einreißt.

Heute sprachen wir sogar über unseren attraktiven Bademeister, und eine Frau wusste zu erzählen, dass er der neue Geschäftsführer ist (daher die Sneaker) und sehr glücklich verheiratet ist, ein sehr schönes Paar sei das, tja, das glaubten wir alle sofort. Falls seine Gattin mal an seinen Qualitäten zweifelt, muss sie einfach nur morgens schwimmen gehen und dann weiß sie gleich, dass sie ein begehrtes Goldstück zuhause hat.

Und obwohl während der zurückliegenden Jahre um 7 Uhr das Freibad menschenleer war, ist jetzt Hochbetrieb mit erbitterten Machtkämpfen um die Wasserbahn-Hoheit. Ob die Überfüllung nun an Andy Garcia liegt oder an der Klimakatastrophe oder an den immer fitter werdenen Rentner*innen, die den hitzebedingt zu erwartenden Kinderhorden frühmorgens auszuweichen versuchen - Fakt ist, ich muss mir einen neuen Badeanzug kaufen. Und womöglich über Permanent-Make up nachdenken. Man wird als Frau nicht schöner im Chlorbecken.

Montag, 17. Juni 2019

Wie ich mich neulich auf den ersten Blick verliebte

Umstände spülten mich auf das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters. Ich war mit einer Kollegin dort, die mich irgendwann an den Stand von Eisern Union zerrte. "Mein Mann ist so ein Fan, dem bringe ich ein paar give aways mit." 

Während sie sich Schlüsselanhänger geben ließ, sah ich drei Meter von mir entfernt einen schwitzenden, erschöpften Mann. 

"Du, kucke mal, das ist der Präsident von Eisern Union, ich frag den mal, ob ich dich mit ihm fotografieren kann, dann freut sich dein Mann noch mehr." raunte ich meiner Kollegin zu. "Das traust du dich?"

Ich trau mich fast alles, wenn es nicht um mich geht und wenn's mir völlig gleich ist, ob ich es bekomme oder nicht. Das ist ja das Blöde mit mir. Wenn der Mann mir also gefallen hätte oder ich schon langjähriger Fan gewesen wäre, wäre mir nur die eine Reaktion möglich gewesen, an der - in meinem Fall - jeder Mann erkennen kann, dass ich in Flammen stehe: vollkommene Ignoranz gepaart mit null Blickkontakt.

So aber hatte ich zwar ein paar Tage zuvor gelesen, dass der Verein gerade in die 1.Bundesliga aufgestiegen ist, die Fans ganz aus dem Häuschensind und dass das alles überhaupt eine ganz dolle Sache sei, weil die alle so erdverbunden und sturmerprobt (ach nee, das sind ja die Niedersachsen), anyway, der ganze Verein, samt Stadion und Präsident und der Weihnachtssingerei der ultimative heiße Scheiß ist. Der übliche Medienhype halt. 

Ich war nicht infiziert vom Eisern-Bazillus, also ging ich entspannt auf den Mann zu und sprach ihn an. Erklärte ihm, der Mann meiner Freundin, ein großer Fan, ob man ein Foto... und dann war's um mich geschehen, binnen einer Sekunde. 

Er neigte sich mir zu und in seinem Gesicht war Milde, Erschöpfung, Güte und ein bisschen Traurigkeit. Da war ich gleich hinüber. Außerdem sieht er ein klein bisschen aus wie Guy Ritchie, was auch nicht schadet.

Freundlich stellte er sich neben meine Freundin, ich fotografierte, ein anderer Vereinsmeier sagte zu mir, dass ich doch bestimmt auch ein Foto mit ihm haben möchte, nahm mir mein Handy aus der Hand und nun habe ich ein Foto mit der Liebe meines Lebens, auf dem ich total bescheuert aussehe, ja leider, ich sehe so dümmlich-Honikuchenpferdartig aus der Wäsche, dass mir gleich wieder einfiel, weshalb meine private Appeasement-Politik ("to ignore") die bessere Alternative für alle Beteiligten ist. 

Natürlich war dieses Foto auch schon gleich der Höhe- und Endpunkt dieser doch reichlich kurzen Affaire, von der sogar nur ich etwas wusste und der andere Beteiligte nie erfahren wird, dass er mal für einen Moment beinah in etwas verwickelt war. Hach.

 ***

Meiner Kollegin gab ich den Tipp, sich ihr Foto mit ihm groß auf Leinwand auszudrucken und es ihrem Mann zu Weihnachten zu schenken, da würde die Freude doch groß sein. Auf keinen Fall, meinte sie, der hängt das auf und dann muss ich für immer auf dieses Foto glotzen.



Sonntag, 20. Januar 2019

Erschleichung schwelgerischer Widmungen

Eine Wochenendreise in die Heide, zu einem der Hauptprotagonisten meiner kleinen Serie:

Männerbekanntschaften 1
Männerbekanntschaften 2
Männerbekanntschaften 3

Ich hätte diesen Post gerne "Männerbekanntschaften 4" genannt, aber die Frauen waren in der Überzahl (4:2)  und ich will niemanden in die Irre führen. Geplant ist ein heiteres Groupie-Treffen mit Besichtigung des Familien-Archivs, wegen dem der Autor das Leben seines Alter Egos Martin Schlosser minutiös nacherzählen kann. Martin Schlosser hat ebenso viel männliche wie weibliche Fans und bietet viel Anlass für Lob, Preis und Anbetung.

Aber zunächst mal bin ich heilfroh, dass ich meine Wärmflasche dabei habe, denn in des Großmeisters großzügiger Behausung wird die Benutzung der Heizung offenbar für überschätzt oder anderweitig überflüssig gehalten, dabei waren 6 Grad minus draußen. Ich fürchte, er hat es mit der Schildrüse, denn bei Über- (oder Unter)funktion haben diese Menschen keinerlei Kälteempfinden mehr.

Ein Spaziergang zum Elbe-Seitenkanal wurde anberaumt, den ich tagsüber auch sehr gerne gemacht hätte. Nun war es bereits stockdunkel, nur der Mond schien fahl auf die Felder. Wir stapften durch die totenstille Einöde, den Deich hoch, am spiegelglatten Wasser entlang und mir wurde und wurde nicht warm, denn dazu liefen wir zu langsam. 

Nach dem Essen wurde viel getrunken, ich war wie immer nüchtern und muss zugeben, dass es mir von Jahr zu Jahr schwerer fällt, immer die einzige zu sein, die die Ausfälle enthemmter Mitmenschen bei lebendigem Leib ertragen muss. 

Es gibt ja kaum was Schlimmeres, als traurigen betrunkenen Menschen zuzusehen. Eine der Frauen, vom Schicksal gebeutelt durch zeitgleichen Mann- und Jobverlust gab sich die Kante (möglicherweise vertrug sie auch einfach nichts) und wurde dann so anstrengend, dass ich gleichermaßen den Mann und den Verlag wegen des Abbruchs der Beziehungen zu verstehen begann.

Sie hatte nach oben geheiratet und konnte nun mit einem Eintrag im Gotha reüssieren und obwohl ihr Adels-Gatte auf der einen Seite wohl ein grausamer Armleuchter ersten Ranges zu sein scheint, ist sein Name auf der anderen Seite doch Grund genug, ihn zu behalten, denn die eigenen Kinder im Gotha, das wird einem heutzutage auch nicht allzuoft geboten. Die Trauer und der Alkohol sorgten allerdings daür, dass sie uns das in Endlosschleife erzählte, was uns wiederholt zwang, das Thema mehr oder weniger abrupt in andere Bahnen zu lenken.

Eine andere der anwesenden Frauen erzählte bereits in den ersten drei Minuten von der lange, lange zurückliegenden dreijährigen Beziehung zu einem weltbekannten 27 Jahre älteren britischen Punkrock-Musiker, der heute immer noch ein toller Mann sei. Das erinnerte mich an den Film "A Star is born", den ich neulich gesehen durchlitten habe. Wann immer ich auf einem Konzert war, hat mich nie der Sänger auf die Bühne geholt, um direkt im Anschluss eine langjährige Beziehung mit mir zu beginnen. Irgendwas ist schief gelaufen in meinem Leben. 

Jedenfalls war die Rockstar-Frau erfrischend natürlich, liebenswürdig und gutgelaunt. Und hat zudem eine bedeutende Position in einem bedeutendem Verlag inne - leider in denselben Verlag, der ihre adelige Freundin gerade gefeuert hatte. Man sah den beiden Frauen an, dass dieser Umstand eine Prüfung ist und für alle Zeiten sein wird.

Später in der Nacht sagte unser Gastgeber, wir sollten doch noch mal alle runter ins Archiv stiefeln, er habe da so einen Extra-Schrank, nur gefüllt mit Belegexemplaren seiner Bücher, da könnten wir uns alle aussuchen, was wir wollten. Es sei doch absurd, dass die Bücher in einem dunklen Keller versauern, anstatt gelesen zu werden. Ungläubigkeit in unseren Gesichtern. Ob er das wohl ernst meinte? Meinte er, und unter anderem deshalb muss man ihn lieben. 

Wir schleppten also ziemlich viele Bücher nach oben, die er uns alle geduldig signierte. Die Adelige befahl mit schwerer Zunge: "Jetzt schreib mir mal was schwelgerisches rein" und der anwesende Anwalt meinte: "Hier werden sich schwelgerische Widmungen erschlichen" und ich dachte, Zack, das ist doch mal ein Blogtitel.

Und ich möchte euch am Ende eins der Bücher unseres Gastgebers dringend ans Herz legen, denn wenn ihr das gelesen habt, werdet ihr automatisch alle Folgebände lesen wollen.

Der Kindheitsroman

Alle Babyboomer und deren Eltern werden es lieben. 
Und die anderen auch.







Mittwoch, 7. November 2018

Der Mann im Straßenverkehr

Auf dem Heimweg biege ich in eine kleine Einliegerstraße ein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkt ein riesiger LKW in zweiter Reihe, was mich nicht weiter behindern würde, käme mir nicht ein forscher Autofahrer entgegen, der den LKW flugs überholt und somit eine Weiterfahrt für uns beide unmöglich macht.

Wir bremsen beide ab und bleiben voreinander stehen. Das Recht auf meiner Seite wissend mache ich eine läppische Handbewegung, die impliziert, er möge den Rückwärtsgang einlegen und sich vom Acker machen. Wir schauen uns ein paar Sekunden an und bleiben trotzig stehen. 

Dann steigt er aus seinem Auto aus. 

Oha, denke ich, jetzt werde ich abgestochen, man hört doch immer wieder von Übersprungshandlungen mit tödlichem Ausgang auf Berliner Straßen, wenn auch weniger in lauschigen Zehlendorfer Anrainerstraßen. Hier werden in der Regel nur teure Autos geklaut, womit die Anwohner aber nicht weiter behelligt werden.

Er kommt auf mich zu, ein Mann älteren Semesters mit jugendlich anmutenden Kinnbart. Er beugt sich zu meinem geöffneten Fenster runter. Um den potentiellen Täter zu beschwichtigen, lächle ich vorsichtshalber freundlich.

"Ich bitte um Entschuldigung, ich versuche schon seit 10 Minuten, diesen Laster zu überholen und immer kommt mir jemand entgegen, aber da ich auch mal zuhause ankommen möchte, habe ich mir erlaubt, Ihnen die Vorfahrt zu nehmen. Ich bitte um Entschuldigung. Natürlich werde ich sofort zurücksetzen, damit Sie weiterfahren können."

Es geschehen noch Zeichen und Wunder!

"Sie sind ja ein Schatz, mir das so freundlich zu erklären. Wenn ich noch zurücksetzen könnte, würde ich das sofort tun, aber wie Sie sehen, steht schon jemand hinter mir."

"Kein Problem. Schönen Abend noch."

Ich wusste gar nicht, dass in Deutschland solche Männer hergestellt werden!


P.S: Wahrscheinlich habe ich das aber nur geträumt und wache gleich auf. 



Sonntag, 29. April 2018

Männer, die laufen

Heute lief ein Mann im Wald an mir vorbei, von dem ich aus der Ferne dachte, dass er noch sehr jung ist. Er lief wie ein kleiner Junge: Die Schultern ein bisschen hochgezogen, die Arme eng am Körper, die Beine schlaksig, insgesamt leichtfüßig und mühelos. Als er näher kam, staunte ich. Er war mindestens siebzig Jahre alt. 

Das erinnerte mich an eine fast surreale Szene. Vor ein paar Jahren schlenderte ich eine Anhöhe hinunter. Mir lief ein Junge von vielleicht 18, 19 Jahren entgegen. Ich habe nie einen Menschen derart kraftvoll und ohne die geringste Anstrengung einen Berg hochlaufen sehen. Fast schien es, dass er immer noch an Tempo zulegte, dabei atmete er mit geschlossenem Mund. Als er auf meiner Höhe war, sah ich kurz sein Gesicht. Ein Prototyp gesunden Aussehens. Er lief völlig geräuschlos und in sich gekehrt an mir vorbei. Der wird mal Präsident, dachte ich.

Hingegen der Ex, der mir in den ersten beziehungsanbahnenden Tagen stolz erzählte, dass er mal den Marathon gelaufen ist. Als wir dann eine für beide Seiten befriedigende Statusklärung beschlossen, wollte er mir auch schnell zeigen, wie gut er rennen kann. Da ich das nicht so gut kann, fuhr ich auf dem Rad neben ihm her. 

Nach kurzer Zeit dachte ich, wie hat der jemals einen Marathon geschafft? Einen Arm hielt er ganz eng am Körper, mit dem anderen schlenkerte er wild umher. Seine Schritte waren nicht raumgreifend, sondern kurz und eher in die Höhe als in die Weite, ein ineffizientes, angestrengtes Gehüpfe war das. Er keuchte beängstigend und sein Schweiß floss in Strömen. Ich war froh, dass ich das Handy dabei hatte, denn es konnte nicht mehr lange dauern und ich müsste einen Krankenwagen alarmieren. Er klappte wie durch ein Wunder nicht zusammen.

Natürlich musste ich ihn hinterher auch noch bewundern, beschloss aber, unser junges Glück nicht über Gebühr mit Lügen zu belasten. Ich begleitete ihn nie wieder. Von da an ging's bergab, denn als er mir ein paar Monate später plötzlich eine Olympia Medaille vor die Nase hielt, fragte ich zerstreut, ob er die auf dem Flohmarkt gekauft habe - und ich meinte das weder despektierlich noch ironisch, sondern ganz authentisch mäßig interessiert. Ich hatte ihn einfach nicht als Medaillengewinner auf der Kappe. Er wurde sehr sauer, denn es handelte sich um seine Marathon-Medaille und er fühlte sich von mir nicht ernst genommen.  

Und dann gibt es noch Männer, die weglaufen. So eine Marathon-Vorbereitung kostet Zeit, viel Zeit, die man nicht mit dem Ehegesponst verbringen muss. Die kann aber nicht meckern, denn der Kerl säuft nicht, betrügt nicht, er hält sich nur gesund, da darf man nicht zürnen. Er läuft um 5.30 Uhr vor der Arbeit und um 18 Uhr nach der Arbeit und am Wochenende sowieso. 

In späteren Jahren wird wegen der Knie ein Rennrad angeschafft und schnell schafft es der ehemalige Marathonläufer auf 160 Kilometer am Tag, 35 kmh Durchschnitt. Das kostet auch jede Menge Zeit. Den Rest der Freizeit wird an dem selbst zusammengebauten Rad rumgeschraubt. In unserem Alter hat man - wenn alles gut gegangen ist - das Geld für teure Ersatzteile und schreiend bunte Fahrradbekleidung.


Gebremst werden diese Hasardeure nur von Schulterfrakturen, weil was schief gegangen ist. Da darf die Gattin aber nicht frohlocken. So ein Vollprofi ist unleidlich, wenn er zur Untätigkeit verdammt ist.

Sonntag, 7. Mai 2017

Der Mann als Held

Ich latsche, wie fast jedes Wochenende, mit der Auftragsmörderin und ihrem Hund über das Tempelhofer Feld. Dem Hund zu Ehren habe ich ein Ballweitwurfgerät gekauft. Der ist außer sich vor Freude. Ich auch, weil ich kann aus eigener Kraft nur 2 Meter werfen, aber dieses Gerät lässt Robert Harting alt aussehen.

Aber erst mal müssen wir ja zu der Stelle kommen, an der der Hund von der Leine gelassen werden darf. Wir schlendern an so einer Art Garten vorbei, ich schau nach links beim gehen und renne voll gegen einen 2,50 Meter hohen Drahtzaun. Ich bleibe unverletzt, aber der Ball löst sich aus der Halterung, kullert unter dem Zaun durch und ist für alle Zeiten unerreichbar. 

Der Hund ist sterbensunglücklich. Ich auch. Gehe zu einem Tor, 20 Meter hinter uns, aber das ist natürlich abgeschlossen. Ein Mann steht inzwischen bei der Auftragsmörderin, hat seine Tasche auf den Boden gelegt und klettert an dem Zaun hoch. Ich bin voller Bewunderung und kurz darauf in Sorge. Oben angekommen hat er Schwierigkeiten, drüber zu kommen, denn er kann sich wegen der spitzen Stahlstäbe nicht abstützen. Irgendwie schafft er es rüber, und mir dreut, dass es auf dem Weg zurück zu einem Desaster kommen wird.

Bange Sekunden, als er wieder oben ist, aber keinen richtigen Halt bekommt, den es brauchen würde, um sich wieder drüber zu schwingen. Die Zeit vergeht quälend langsam, wir stehen unten und wissen nicht, was zu tun. Es geht nicht vor und nicht zurück. Er kann jetzt vornüber auf den Kopf fallen oder hinterrücks auf den Rücken. Irgendwann schafft er es und wir beginnen mit Lob, Preis und Anbetung.

Er ist leichenblass und holt ein Asthamspray raus. Wir bedanken uns überschwänglich und gehen weiter. Als ich mich noch mal umdrehe, sehe ich, dass er kurz vor dem umkippen ist, er geht mit dieser merkwürdigen Körperhaltung, die ich als Hypochonderin sofort erkenne, auf eine Art Straßenschild zu, an das er sich lehnt. Es gibt ja kaum Bänke auf diesem Feld.

"Du, dem geht's nicht gut." Wir gehen wieder zurück, ich lehne mich neben ihn an dieses Straßenschild und frage, ob er Hilfe braucht. Nein, sagt er, aschfahl, er habe nur gestern zuviel getrunken, sich etwas übernommen, es geht schon gleich wieder. Wir bleiben solange, bis er wieder Farbe im Gesicht hat. Ihm ist das unangenehm, was ich verstehen kann. Ich bin auch lieber allein, wenn ich denke, dass ich gleich sterben muss. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. 

Einen Mann, der für so einen bescheuerten Ball über einen 2,50 Meter hohen Zaun klettert sein Leben aufs Spiel setzt, hat all meine Fürsorge verdient, ob er die nun will oder nicht. Manchmal muss eine Frau tun, was eine Frau tun muss. Ich lass den doch nicht zurück, bevor ich nicht weiß, dass er wieder aus eigener Kraft gehen kann. Langsam kommt er wieder zu sich und dann verabschieden wir uns endgültig.

Wir gehen weiter, finden eine Bank und ich werfe diesen Ball in alle Richtungen; sagenhaft, der Hund war nie glücklicher. Ich ebenfalls, weil ich den angesabberten Ball nicht anfassen muss.

Später gehen wir was essen, der Hund bekommt eine Wasserschüssel zu unseren Füßen und trinkt gierig, kein Wunder, von dem Gerenne bekommt man eben Durst. Plötzlich werden meine Füße so komisch feucht. Wir schauen nach unten, der Hund hat alles ausgekotzt, leider nicht nur das Wasser, sondern auch matschiges Trockenfutter. Örgs. 

Die Auftragsmörderin muss alles allein wegmachen, denn mich würde das unnötig traumatisieren. Ich kann Kotze echt nicht ab. Selbst bei den allerniedlichsten kleinsten Babys kann ich das nicht ab. Schätze, eine frühkindliche Prägung. Kann man nix machen. 

Ich hoffe, unser Held ist wieder vollständig genesen.


Montag, 10. April 2017

Männer und ihre Autos

(Mal wieder ein paar unzulässige Verallgemeinerungen. Das schreibt sich so schön schnell weg.)

Allerdings geht es heute um eine Untergruppe. Nämlich sehr alte Männer. Totgeweihte, praktisch. Aber während Ömchen sich überlegt, ob ein neuer Wintermantel noch lohnt, gibt es für einen Mann jeden Tag aufs Neue den genau richtigen Zeitpunkt, ein Auto zu kaufen. Neuwagen, natürlich. Muss bestellt werden. 

Hab erfahren, dass mein Vater sich ein neues Auto kauft. Verständlicherweise, er ist jugendliche 79, aber seinen Rhytmus alle-drei-Jahre-einen-Neuwagen will er beibehalten. Unverdrossen, sag ich mal. Okay, er war früher der beste Autofahrer der Welt und ich habe viel von ihm gelernt ("Der Beschleunigungsstreifen ist zum beschleunigen da"). Ich nehme an, dass er das immer noch beherzigt.

Eine Kollegin erzählte mir, dass ihr Vater derzeit im Krankenhaus liegt, mit Darmkrebs und als man seine Freundin zwecks Besuchs herangekarrt hatte, bekam diese vor seinen Augen einen Herzanfall und fiel tot um. Schnell bestellte er sich einen Neuwagen. Zwar weiß man nicht, ob er überhaupt noch mal nach Hause kommt, aber ich drücke ihm natürlich alle Daumen. 

Der Vater einer Freundin fährt grundsätzlich Volvo, das ist das sicherste Auto. Okay, wenn es aufhört zu regnen, macht er den Scheibenwischer nicht mehr aus und er fährt auch nur noch im zweiten Gang. Majestätisch gleitet er über die Landstraßen und wird von Treckern überholt; das bekommt er aber kaum mit, denn er denkt weiß, er hat Augen wie ein Adler. Aber die niedersächsiche Diaspora verkraftet solches Tun, jedenfalls auf dem Land. 

Noch wunderlicher die alten Herren, die das nötige Kleingeld haben, Autos zu sammeln. Die sich ihr Traumauto kaufen (mit Zertifikat) und dieses neben den Gebrauchswagen in die Garage stellen, der aber auch nie gefahren wird. Die mit ihren Ehefrauen bei Wind und Wetter durch die Stadt hetzen, natürlich mit den Öffentlichen, weil es sich nicht lohnt, für diese kurzen Wege das Auto zu nehmen. Immerhin macht er Berlins Straßen sicherer.

Donnerstag, 23. März 2017

Gutaussehende Männer und ihre Abgründe

Seminar. Kleiner Kreis, drei Frauen, ein Mann und eine Trainerin, die uns beibringen will, wie wir Konflikte managen. Derer habe ich gerade im Überfluss und am liebsten bin ich überall, nur nicht im Büro. Also in einer Nacht-und Nebelaktion angemeldet und nun sitze ich hier.

Rechts von mir sitzt der Mann, links die zwei Frauen, die aus derselben Firma kommen. Schade für sie, sie können natürlich nicht offen reden; ist immer vertane Zeit, im Büroverbund derlei Ringelpiez zu buchen. 

Anyway, mein Motto ist ja stets: Was kommt, das kommt. Was nicht, das nicht. 

Der Mann sieht mich aufmerksam und ruhig aus großen braunen Augen an, bis auf den Grund der Seele, oder haarscharf an der Grenze zum starren; alles eine Sache der Bewertung. Dabei lächelt er sehr hübsch und ist überhaupt eine angenehme Erscheinung.  Ich bereue ein wenig, dass ich mich nicht aufgerüscht habe.

In der Pause sitzt er mir gegenüber und fängt an zu erzählen, woher er kommt und was er macht. Er lebt in Magdeburg und das hört man ganz leicht. Ich wundere mich, weshalb er sich nicht an die zwei jüngeren Frauen hält, das machen Männer doch so, nicht? Er ist ungefähr mein Alter und seine braunen Augen sind wirklich der Hammer. Sein Augenweiß ist wie mit Persil gewaschen, was einen Menschen ja immer unglaublich gesund erscheinen lässt. 

Dann erwähnt er sein Pferd. Sein Pferd! Ich bin elektrisiert. Das wird ja immer besser. Eine längere Litanei folgt, von wem und weshalb er es gekauft hat. Ein Kaltblut. Wie meins. Naja, nicht meins, aber das, auf dem ich dilettiere, ist auch ein grundgutes Kaltblut. Noch eine Gemeinsamkeit. Leider ist die Pause zuende. 

Ich kann der Trainerin kaum noch folgen, beschäftige mich mit zukünftigen Besuchen in Magdeburg, das kenne ich ein bisschen, der Kreuzgang im Dom ist zur Kontemplation geeignet und die Elb Auen sind auch nicht von schlechten Eltern. Magdeburg also. Aha. Nun gut. Hätte schlimmer kommen können. Nicht viel schlimmer, zugegeben, aber wenn die Liebe nunmal ruft.

In der nächsten Pause nehmen wir unser Gespräch wieder auf, er strahlt mich an. Ich strahle zurück. Er erwähnt, dass er keine Knieprobleme mehr hat, seitdem er reitet, weil das den Rücken stark macht. Wem sagt er das. 

Dann:

"Ist praktisch mein Therapiepferd."
"Wirklich? Sehe ich auch so, mir geht's so dermaßen gut, wenn ich im Stall bin. Brauche ich kein Konfliktmanagement mehr."
"Und ich war seitdem nicht mehr in der Klinik."
"Klinik?"
"Ja, wegen Depressionen. Bin ja so ein Suchttyp. Hab alles durch, kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in der Geschlossenen aufgewacht bin. Aber jetzt kiffe ich nur noch."

Die zwei Frauen unterbrechen kurz ihr Gespräch und schauen zweifelnd rüber.
Ich schlucke.

"Die Ärzte sagen, ich habe eine drogeninduzierte Schizophrenie."
"Oh."
"Ja, aber seitdem ich das Pferd habe, ist alles okay."
 "Ah. Freut mich."

Noch mehr freue ich mich, dass die Pause zuende ist, ich nicht aufgerüscht bin und noch keine Adressen ausgetauscht wurden.

Ja, denke ich bei mir, morgen, am zweiten Seminartag, werde ich mir irgendwas anziehen, was enorm aufträgt, denn das mit Magdeburg und mir und ihm und seinem Pferd, das wird nun leider doch nix.

Dienstag, 21. März 2017

Bedeutende Dates

Ich bin eingeladen, um 16 Uhr soll ich bei ihm sein. Ich habe ein bisschen Hunger. Es soll sich rächen, dass ich annahm, es gäbe irgendetwas zu essen. Es gibt nicht mal was zu trinken. Genauer gesagt, mache ich gerade drei Schritte in seine Wohnung. Er bleibt gleich im Flur stehen und fängt an wie ein Wasserfall zu reden. Er spricht wie jemand, dem vieles im Kopf umhergeht und alles muss raus, sofort. Freie Assoziation. Nichts persönliches, sondern Name-dropping. 

Wen er alles kennt und wer ihn alles kennt, ist leicht zu googlen, seinen eigenen Wikipedia Eintrag hat er natürlich auch. Er bewegt sich in Kreisen, die ich interessant finde und in denen ich mich gelegentlich, sehr periphär, ebenfalls befinde. An so einem Abend habe ich ihn kennengelernt. 

Mich beeindruckt an einem Mann Wissen, Autonomie und Herzlichkeit. Mit Yachten braucht man mir nicht zu kommen (einzig ein eigenes Gestüt würde mich willenlos machen). 

Nach 10 Minuten im Flur unterbreche ich seinen Redefluss und bitte um eine Sitzgelegenheit. Wir gehen Richtung Wohnzimmer, bis zur Ankunft in diesen aus vielerlei Gründen beeindruckenden Raum vergehen weitere 20 Minuten, weil er mir - metaphorisch gesehen - jedes Staubkorn vorstellt. 

Natürlich handelt es sich nicht um Staubkörner, vielmehr fühle ich mich zusehends wie ein Staubkorn, denn ich habe unter anderem Zettels Traum nie gelesen und werde es auch nicht tun. Wie gesagt, ich bewege mich nur am Rande, ohne substanzielles Wissen, das wird mir gerade klar. Ich konstatiere insgeheim, dass meine Einschätzung, ich sei umfassend halbgebildet, wahrscheinlich einer krankhaften Selbstüberschätzung geschuldet ist. 

Was er aber auch alles weiß! Ich schwanke zwischen ehrlicher Bewunderung und einer zunehmenden Ungeduld, denn leider höre ich mich auch gerne reden, komme aber nicht zu Wort. Ein Lächeln hat sich in mein Gesicht gegraben, ich bekomme leichte Zuckungen, so anstrengend ist es, diesen gleichmütigen Gesichtsausdruck zu behalten. 

Ich kann es ihm nicht mal übel nehmen, denn mit  kindlicher, durchaus mitreißender Begeisterung hastet er von Thema zu Thema, er springt dauernd auf, um dieses oder jenes zur Untermauerung seiner Gedankensprünge zu holen, bedauerlichweise ist kein Tee darunter, der mich erwärmen könnte. Es ist saumäßig kalt bei ihm und ich sitze auf einem dieser Designerstühle, die immun gegen Körperwärme sind und ich beginne mir Sorgen um meinen ohnehin geplagten Rücken zu machen. 

Er ist ohne Dünkel oder lässt sich nicht anmerken, was er wirklich davon hält, wenn er einen Namen erwähnt, den ich erkennbar noch nie gehört habe; ich glaube, ich habe noch nie an einem Tag soviele Namen zum ersten Mal gehört. Er ist fraglos ein Mann mit einer Passion. Er kann sich versenken und die Welt draußen lassen, ist sich selbst genug. Es scheint ihm nichts zu fehlen, aber da er bei allem Redefluss und freundlicher (wenn auch nicht unbedingt gastfreundlicher) Herzlichkeit verschlossen wie eine Auster ist, kann ich das natürlich nur vermuten. 

Inzwischen sitze ich steifgefroren und so gerade wie möglich, jeglicher Illusion beraubt, dass ich ein heißes Getränk bekomme. Drei Stunden sind vergangen, ich habe ca 5% der Unterhaltung bestritten, was mir eigentlich sonst nur im Vabali passiert, weil ich dort grundsätzlich in stumme Tiefenentspannung falle. 

Jedenfalls habe ich zu Durst jetzt auch wirklich Hunger, aber hier wird's nichts geben, deshalb muss ich gehen, obwohl ich eine gute Zuhörerin bin und das sogar richtig gerne, wenn mir jemand etwas erzählt, was mich interessiert und womit ich mich verbinden kann. Hier allerdings bin ich nur Applausgemüse und das ist dann doch etwas fad. 

Der Weg nach draußen dauert auch wieder recht lange, denn es gibt noch weitere Staubkörner, die behandelt werden müssen. Er sagt, dass ich ihn bald wieder besuchen soll, er würde sich freuen. Ich glaube ihm kein Wort.

Montag, 13. Februar 2017

Wenn Männer zuviel reden

Wir sitzen zu fünft am Tisch, der sechste Spieler betritt die Kneipe und sensibel, wie Männer manchmal sind, bemerkt er sofort die neue Frisur einer der anwesenden Frauen.

"Du siehst ja aus wie Angela Merkel!"

Uns stockt der Atem.

"Ja, wie damals, als sie sich diese neue Frisur von Udo Waltz hat schneiden lassen. Vorher sah die ja noch bescheuerter aus."

Die frisch Ondulierte ist empört. Kein Wunder.

"Und die andere damals, die mit der Rüschenbluse, wie hieß die noch mal, die hatte so eine ähnliche Frisur."

"Du, hömma", sage ich, "Themenwechsel, du redest dich um Kopf und Kragen."

"Erinnert ihr euch noch?" wirft ein anderer Hochsensibler am Tisch ein, "an die Sixt-Werbung, als die für ihre Cabrios mit Angie Werbung machten?"

"Du machst es nicht besser!" rufe ich.

"Aber das war'ne echt geile Werbung!"

Die frisch Frisierte sackt in sich zusammen.

"Da wünscht man sich ein Leeeben lang, dass Männer mehr reden..."

"Wie hieß denn nun die mit der Rüschenbluse?" 

"Hör nicht auf die. Du bist ein Vamp."

"Echt?"

"Echt!"

Freitag, 30. Dezember 2016

Passiv-aggressive Ehemänner

Wer sie kennt, weiß, dass man ihr am meisten Freude mit Schmuck macht. Ihr Mann ignoriert das und legte ihr in diesem Jahr ein paar DVDs unter den Weihnachtsbaum.

Ich habe mich vor lachen kaum eingekriegt, als sie mir ihre Schätze zeigte. All die liebe- und geschmackssicheren Geschenke für ihn straft er mit mehr oder weniger verhohlener Verachtung. Der erste Geburtstag, an dem sie ihn beschenkte, endete in einem Tränenmeer, weil er beschied, dass sie zuviel Geld ausgegeben habe, das man für anderes, sinnvolleres hätte ausgeben können, neue Gartenstühle oder einen Fliesenspiegel. Wohlgemerkt: sie ist eine gutverdienende Frau. 

Und nicht nur das: sie sieht fantastisch aus. Schon immer und inzwischen "für ihr Alter", das man ihr nicht im entferntesten ansieht. Wann immer ich mich wie ein ungeschlachter Klops fühlen möchte, muss ich mich nur mit ihr treffen. Ihr Mann hat für sich immer schon eine Frau reklamiert, die in jeder Lebenslage wie aus dem Ei gepellt aussieht und Fenster streifenfrei putzen kann.

Legendär ihr "Ich zieh mir mal rasch was bequemes an" und dann kommt Aphrodite um die Ecke; während man selbst den Fehler gemacht hat, etwas wirklich bequemes angezogen zu haben. Du kannst dieser Frau einen Kartoffelsack überziehen; drunter trägt sie in jedem Fall Wäsche von Agent Provocateur.

Sie ist die eierlegende Wollmilchsau unter den Frauen. Sie sieht nicht nur gut aus, sie springt von Klippen, klettert in den Dolomiten, ist nimmermüde und klagt nie. Sie kocht vorzüglich, sie renoviert wie ein Profi, sie ist sich für nichts zu fein, kann saufen wie ein Loch und keine sieht in einem schlichten schwarzen Wollkleid mit Rollkragen so sexy aus wie sie. Das liegt an ihren Mördertitten und an ihrem flachen Bauch, für den wir alle töten würden. 

Die ideale Gefährtin.

Was lag unterm Tannenbaum? "Mit eiserner Faust", Kirk Douglas in der Hauptrolle, der 2016 überlebt hat, jedenfalls habe ich nichts gegenteiliges gehört. Ob das auch ihrem Mann glücken wird, darf bezweifelt werden.

Sonntag, 25. September 2016

Ghosting

Monolog am Nebentisch:

"Weißt du, ich bin toll und sehe gut aus, und die Männer verlieben sich in mich, aber genau so schnell sagen sie auch Och, lieber doch nicht, ist ja ganz egal, wie gut ich aussehe und nur weil ich toll bin, heißt das ja noch lange nicht, dass es passt. Ich bin nicht automatisch die Richtige, nur weil er mal rasend verknallt in mich war und wenn er es jetzt nicht mehr ist, ist das auch okay, das passiert. Ist mir auch oft passiert, da geht die Welt nicht von unter, dann kommt was Neues, es geht immer weiter. Aber das muss er mir dann halt auch sagen und nicht diese Schweigenummer, wo ich dann nächtelang überlege, was ich falsch gemacht habe, und ob es an mir liegt, dabei liegt es nicht an mir und ich habe auch nichts falsch gemacht, er hat auch nichts falsch gemacht, ich bin okay, er ist okay, es passt nur für ihn halt nicht. Aber dass ich mir das aus den Fingern saugen muss, dass er mir das nicht sagt, dass ich hellsehen muss, dass ich nicht mehr angesagt bin, das ist Scheiße. Ich mein, so ist das Leben, dann ist es halt so, wenn er nicht mehr will, ich will nichts erzwingen, so bin ich nicht, kein Mensch will so sein."

Es geht noch eine ganze Weile weiter. Ich dreh mich unauffällig um und sehe eine bildhübsche Frau, ihre warme Stimme passt zu ihrer Erscheinung, ihre Freundin hört ihr ruhig zu. Ruhig zuhören können die wenigsten, aber sie kann es und verkneift sich gute Ratschläge oder Einschätzungen über den Abtrünnigen. Es ist sowieso alles klar und alles gesagt.


***
Absatzbewegungen des eben noch intimen Gefährten sind zu akzeptieren, auch wenn's schwer fällt, vor allem, wenn sie aufgrund verlustig gegangener Gefühle verursacht werden. Das kommt vor, es geschieht aus unterschiedlichen Gründen und manchmal auch ohne Grund. Steckt man nicht drin. Kann man nicht vorhersehen. Ist nicht zu ändern. Tut weh. Dann weint der Verlassene eben, bis er aufhört zu weinen. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. 

Allerdings bin ich für Schadensbegrenzung: zu einer Trennung gehört, dass man sich trennt. Bin ich altmodisch. 

Samstag, 20. August 2016

Mysterium Vater

Die graue Eminenz sagte mal "Geil, ich werde Vater von Töchtern, dann kann ich ein Arschloch sein und werde trotzdem geliebt." 

Grund für die kurzfristige Anpassung seiner Lebenspläne war ein Kurzbesuch meines Vaters in Berlin und meine hektische Order von Cola, dem erklärten Lieblingsgetränk meines alten Herrn ("Mit Cola wird der Durst erst schön"). Dabei war Kurzbesuch durchaus wörtlich zu nehmen, er blieb für genau eine halbe Stunde und kam erst 12 Jahre später wieder, als meine Nichte konfirmiert wurde. Seitdem hat er Berliner Boden nicht mehr betreten. 

Ein Umstand, der wenig Raum für Interpretationen lässt. 

Dennoch stets beleidigt, dass seine Brut ihm nicht ausreichend huldigte, wenn wir ins Kaff fuhren. Wie durch ein Wunder bekam er immer spitz, wenn eine von uns unser Muttertier behelligte, das er nach allen Regeln der Kunst mit Eintritt in die midlife-crisis verließ. 

Meine Schwestern, aus anderem Schrot und Korn gemacht als ich, haben sehr früh die Reißleine gezogen und ihn wegen verschiedener Unsäglichkeiten aus Herz und Leben gemerzt, mit genau derselben Kaltblütigkeit, die er ihnen vererbt hat. 

Ich hingegen, die autodidaktisch geschulte Familientherapeutin, nahm die zwei Anrufe im Jahr (Geburtstag und Weihnachten) ergeben entgegen und seine zweite Frage galt immer ihnen, wann sie sich "endlich wieder einkriegen". Geduldig erklärte ich ihm, dass es sinnvoller sei, sie selbst danach zu fragen (was zugegeben ein schwieriges Unterfangen ist, denn sie pflegen wortlos aufzulegen, sobald sie seine Stimme hören) und dann erklärte ich es ihm doch, was er sofort wieder vergaß. 

Mein letztes Telefonat mit ihm war an Irrationalität nicht zu übertreffen. Und der Schlusspunkt unter eine wechselvolle Vater-Tochter-Beziehung. Ich habe nur eine wichtige Sache von ihm gelernt: Der Beschleunigunsgstreifen ist zum beschleunigen da.


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Mich erreichte ein Anruf einer Freundin, ihr Vater läge im Sterben. Ein Mann, der die Familie verließ, als sie drei war. Unzuverlässig, desinteressiert, nicht vorhanden im Leben, außer in ihren Phantasien. Er lebt weit entfernt. Ich habe ihn einmal gesehen, zur Beerdigung seiner Ex-Schwiegermutter, ein alter, schwerer Mann, der nur Augen für seine bildschöne Nichte hatte. 

In den letzten Jahren wurde er krank und erinnerte sich, eine Tochter zu haben. Er kam ab und an nach Berlin und sie versuchte, seine plötzliche Aufmerksamkeit geräuschlos in ihren Gefühlshaushalt zu integrieren. Besser spät als nie, meinte sie lakonisch.

Anfang des Jahres kam er ins Krankenhaus, sie blieb recht gelassen, meinte, sie kenne ihn praktisch gar nicht, das sei der Lauf der Dinge, nun ja. 

Jetzt, wo es ans sterben geht, ist sie - wie aus dem Nichts - gefällt wie ein Baum.


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Ein Freund, der seinen Vater so sehr hasste, dass er - nur um sich zu rächen - Sozialpädagogik anstatt Ingenieurswissenschaften studiert hat, obwohl man ihn phänotypisch eher auf der Reeperbahn verorten würde, aber genau darum ging's ja, erzählte mir, dass er beim letzen Besuch am Krankenbett die furchtbare Angst in seinen Augen gesehen hat, das Flehen, er möge bleiben, aber es ihm nicht möglich war, länger als eine Stunde zu bleiben, wissentlich, dass der Vater noch in der Nacht sterben würde, was er dann auch tatsächlich tat. 

Als er die Nachricht bekam, heulte er den ganzen Tag und die folgende Nacht wie ein Schlosshund. 

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Väter können die größten Armleuchter sein, die beschissensten Egoisten, empathielose Monster, aber eins ist ihnen gewiss: sie werden ausgiebig beweint.  

Dienstag, 26. Juli 2016

Wenn sich Männer neu erfinden

Eine sehr enge Freundin ist mit ihrem relativ neuen Freund in den Urlaub gefahren. Ich habe ihn drei-, viermal gesehen und kenne nur seinen Vornamen. Bei ihrer Abfahrt wurde mir nicht nur ihr Wohnungsschlüssel überlassen, sondern auch seiner, mit der Bitte, ab und an seinen Briefkasten zu leeren.

Heute erreichte mich eine sms, ob ich wohl zu seiner Wohnung fahren könnte, um einen Eintrag aus seinem Kalender zu fotografieren, er müsse noch dringend einen Termin verschieben.

Ich fuhr los und stand dann vor einer imposanten Villa. Ich schloss das Gartentor auf, was eine gelinde Untertreibung ist, denn eigentlich betrat ich Fort Knox. Dann waren da mehrere Türen, aber an keiner standen Namen. Ich klingelte an der nächstbesten Haustür, nachdem ich gemerkt hatte, dass der Schlüssel dort nicht reinpasst.

Eine ältere Dame öffnete mir und blaffte mich mit angstgeweiteten Augen an, wie ich auf das Grundstück gekommen bin. "Na, mit dem Schlüssel hier."

Dann erklärte ich ihr mein Ansinnen und ob sie mir zeigen könne, welche der Haustüren zu Fabian S. gehöre. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen und triumphierend ätzte sie:

"Ich kenne keinen Fabian S. Ich kenne einen Herrn S, aber der heißt nicht Fabian."

Grundgütiger, sollte meine Freundin einem üblen Heiratsschwindler mit mehreren Identitäten aufgesessen sein? 

"Doch, der heißt Fabian. Ich kenne ihn doch."

Schneidend: "Er heißt nicht Fabian. Wer sind Sie eigentlich und was wollen Sie?"

"Das habe ich Ihnen doch eben erklärt. Er ist übrigens mit meiner Freundin an die Ostsee gefahren."

"Er ist zwar an die Ostsee gefahren, aber zu seinem Bruder, um sich zu erhohlen."

"Ja, genau, mit meiner Freundin."

"Nein, er ist zu seinem Bruder gefahren."

"Hörn Sie, ich ruf sie jetzt an und dann steht er bestimmt neben ihr und ich gebe Ihnen dann das Telefon."

Ich rufe meine Freundin an.

"Du, ich steh hier vor der Tür und man will mir nicht sagen, welche Tür zu Fabians Wohnung gehört, weil Fabian gar nicht Fabian heißt, wusstest du das schon?"

Sie lacht. "Ja, er heißt Kurt-Fabian."

Ich wiederhole. "Ach so. Kurt-Fabian? Kannst du ihn mir mal geben?"

Die Dame entspannt sich, aber auf eine unmerkliche Art.

"Ach, er ist gerade mit seinem Bruder spazieren?"

Madame zieht die Zügel wieder an. Ich bin und bleibe eine Bedrohung.

"Ja, und seine Tür ist die dritte auf der rechten Seite."

"Sprich du doch noch mal mit der Dame, ich gebe sie dir."

Ein längeres Gespräch entspinnt sich. Sie ist der Meinung, dass sie nun mit der Schwägerin von ihm spricht, eine Freundin im Leben von Kurt-Fabian geht offenbar über ihre Vorstellungskraft.

Sie gibt mir den Hörer zurück. Ich bedanke mich und lege auf, will mich verabschieden, aber für die Dame bin ich immer noch eine potentielle Gefahr. 

Als ich losgehe, um endlich seine Wohnung zu betreten, folgt sie mir energisch und dann stehen wir beide in Kurt-Fabians Wohnung. Ich suche auf seinem Schreibtisch nach der Unterlage und fotografiere den gewünschten Kalendereintrag. 

Ich komme mir vor wie auf der Glienicker Brücke. Sie steht misstrauisch ein paar Meter von mir entfernt und beobachtet meine geheimdienstliche Tätigkeit. Wahrscheinlich denkt sie, ich trage unter dem Sommerkleid einen Bombengürtel, dabei muss ich doch nur 10 Kilo abnehmen. 

Wieder draußen sagt sie, es passiere soviel in letzter Zeit, man weiß nicht, wem man trauen könne, ich solle ihr das nicht übelnehmen, sie müsse aufpassen. Dann will sie noch meine Handynummer und die Nummer, die ich gerade angerufen habe. Ich sage: "Gerne, haben Sie einen Kugelschreiber? Ich hab nichts dabei."

"Das ist doch auch wieder so ein Trick. Sie schicken mich nach einem Kugelschreiber und dann überfallen Sie mich."

"Aber Sie haben doch nach den Telefonnummern gefragt. Und ich werde wirklich niemanden überfallen."

Sie verschwindet in ihrer Wohnung, ruft zur Sicherheit die Polizei, um mich mit einem finalen Rettungsschuss dingfest zu machen kommt mit einem Filzstift zurück, dann schreibe ich ihr die Nummern auf.

"Jetzt noch eine letzte Bitte. Sagen Sie Herrn S., dass er mich noch mal anruft, um mir zu bestätigen, dass alles rechtens ist."

"Aber ja."

Sie begleitet mich bis zum Gartentor und schließt es hinter mir ab. Sicher ist sicher. Hoffentlich ruft Kurtchen bald an, nicht dass sie noch den Innenminister aus New York zurückbeordert.

Sonntag, 12. Juni 2016

1 A Projektionsfläche

Neulich stehe ich auf dem Balkon, kommt ein Radfahrer angebraust und hält an, als er mich sieht. Er will mich zu einer Radtour überreden, ich winke ab. Er insistiert, ich winke ab. Das hätte mir gerade noch gefehlt.


Also fährt er weiter, der sportliche Herr Schwerenöter, der immer dann durch meine Straße patroulliert - mich im schlimmsten Fall mit einem Überraschungsbesuch quält - sobald seine Frau außerhalb der Stadt weilt. 

Verheiratete Männer gehen gar nicht. Abgesehen davon, dass er 76 ist.

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Neulich auf einer Gartenparty. Ich kenne nur die Gastgeber, aber das macht nichts, ein Mann bemüht sich ganz besonders um mich, wir reden und reden. Irgendwann sage ich, dass ich müde bin und gehen werde. "Bitte bleib doch noch" sagt er so flehentlich, dass ich gerührt eine weitere Stunde sitzen bleibe. 

Irgendwann sehe ich seine Hände genauer an. Ganz zarte, kleine Hände, mit Fingern eines achtjährigen Jungen, obwohl er recht groß ist, einen Vollbart trägt, aber seine Hände... die eines Kindes. Das gerade seinen Hamster vergraben hat. Ohne Gartenhandschuhe.

Wir hatten das Thema schon. Geht gar nicht. Abgesehen davon, dass er 26 ist.

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Herrje. Was sagt mir das? 

(Ganz einfach: der eine hat nichts zu verlieren außer Zeit, der andere einen Mutterkomplex)

Freitag, 27. Mai 2016

Männer, die sich plötzlich wieder melden

Mein Liebesleben steuert dem diesjährigem Höhepunkt entgegen. Innerhalb von zwei Stunden erinnern sich zwei Männer an mich, tagsüber, während ich im Büro - in Meetings - saß, ich war ganz verdutzt. Den einen habe ich abserviert - nicht ohne Grund; ich mach sowas nur mit Grund - der andere mich. 

In Zeiten der Abserviertheit denke ich immer, warte nur, das wirst du eines Tages bereuen und dann wirst du gar nicht anders können, als dich wieder bei mir zu melden, wenn du erst erkennst, dass das Klopsgesicht neben dir keine der Qualitäten aufweist, die es bei mir - natürlich - im Überfluss gibt. 

Und immer, wenn es dann soweit ist, will sich keine Schadenfreude einstellen, weil es mir unterdessen gleich ist, was er macht oder lässt. 

Das war schon damals so, beim größten Stones Fan aller Zeiten, der mich just zur großen Liebe seines Lebens ausrief, als die lokale Lichtgestalt auf den Plan trat und er sich dachte, wenn der die gut findet, dann waren die letzten drei Jahre eventuell doch suboptimal gelaufen und vielleicht hätte ich doch nicht mit ihrer besten Freundin schlafen sollen, aber dann war es natürlich zu spät und das einzige, was ich empfand, war Mitleid, was ja weitaus vernichtender ist als Genervtheit oder wohlwollende, rückwärts gewandte Melancholie (zu der ich durchaus auch neige, wenn ich einen Grund habe; das muss dann aber ein sehr guter Grund sein).

Jedenfalls bekam ich eine Nachricht von dem Mann, der mir vor längerer Zeit mein kleines Herz in Stücke gerissen hat; retrospektiv gesehen bin ich leider nicht ganz unschuldig an dem Ende; also an der Art des Endes, denn wenn ich liebe, bin ich nicht immer so beherzt, wie es nötig wäre, was es bestenfalls nicht braucht, wenn man einen Mann zur Seite hat, der mit temporärer Schwäche verantwortungsvoll umzugehen weiß. Hat man aber einen unsicheren Mann zur Hand, läuft vieles aus dem Ruder, weil beide nach einem mittelschweren Fiasko auf ein Zeichen des anderen warten und beide werden schwarz darüber, schwupps, ist ein Monat vorrüber und mehr als traurig zu konstatieren, dass es das wohl gewesen ist, bleibt nicht mehr, das weiß jedes Kind (diese blöden Spiegelneuronen, wer hat die eigentlich erfunden?).

So, jetzt hat er Klärungsbedarf, jetzt will er reden und mich besuchen und/oder ich soll ihn besuchen. Ich nehme an, das Klopsgesicht hat ihn verlassen und man darf keinesfalls den Anfängerfehler machen, diesen plötzlichen Wünschen nach Vergangenheitsbewältigung allzuviel Bedeutung beizumessen, bestenfalls langweilt er sich und textet neben mir noch sieben andere Verflossene zu oder seine Hormone spielen verrückt, was weiß denn ich?

Vor zwei Jahren wäre ich im Sechseck gesprungen, besoffen vor Glück. Jetzt denke ich, hat er sie noch alle? 

Der andere... hm. Läuft auch nicht ganz rund, aber welcher Mann (und welche Frau) läuft schon ganz rund? Das hatte ich gekappt, halbherzig und nachhaltig zugleich, in der Hoffnung, er würde kapieren, dass Sarkasmus gut und schön ist, aber in sensiblen Situationen fehl am Platz ist (ich bin ein lebend Ding), auf dass er in sich gehe und erkennt, was er da gerade in Schutt und Asche zu legen im Begriff ist - Frauen machen sowas immer wieder und in der Regel kapiert der Mann gar nichts, und wenn doch, bleibt das sein wohlgehütetes Geheimnis. Will sagen, man hört nie wieder von ihm. 

Ich bin überrascht. Und will es weiß Gott nicht zu hoch hängen, auch hier kann ein Hauptgrund sein, dass ihm jemand anderes mit den Öffentlichen zu umständlich zu erreichen ist. Immerhin sind nicht Jahre vergangen, sondern knapp zwei Monate (wie ich erst recherchieren musste - ein deutliches Zeichen für vollständig zurückerlangte Souveränität). Immer noch viel zu lange für einen Mann, der weiß, was er will; die sind für gewöhnlich viel schneller und zielorientierter. Also eher ein Versuch, der wenig Interpretationsraum lässt, schon gar nicht, er hätte in der Zwischenzeit festgestellt, dass ich derart wunderbar bin, dass man mich lieber nicht ziehen lassen sollte. Aber: zwei Monate sind nicht lang genug, als dass neben allem lakonischen Realitätssinn nicht doch noch ein Funken Freude übrig wäre.

Und was soll mir schon passieren? Ich hab ja immer noch das Pferd.

Sonntag, 24. April 2016

Die Wohnungen alleinlebender Männer

Es soll nicht um schlechten oder guten Geschmack gehen. Das auch, aber nicht nur. Was mich fasziniert, ist, wie wenig Wert Männer darauf legen, sich eine Hier-bin-ich-gern-Atmosphäre zu schaffen. Vielleicht sind sie selbst sehr wohl gerne bei sich zuhause, aber damit stehen sie ziemlich alleine da.

In meinem ganzen Leben habe ich nur zwei Männer kennengelernt, denen ich Geld geben würde mit dem Auftrag, meine Wohnung einzurichten. 

Die, mit denen ich lebte, hielten sich aus Einrichtungsfragen weitgehend und gutmütig heraus (auch so ein Phänomen); bis auf einen, der unheimlich gerne Podeste baute (die Hälfte des Zimmers wurde auf Fensterhöhe mit einem Podest versehen, auf dem die Matratze lag, was ich englisch fand; allerdings hatten wir keinen Blick in einen weitläufigen Park, sondern in einen Moabiter Hinterhof, in dem eine riesige Kastanie vor jägergrünen Hauswänden stand. Es war also eher ein Urwaldblick, was auch seinen Charme hatte, enervierend konterkariert durch die Dauerbeschallung mit Unterschichtenfernsehen - ein ewig besinnungslos besoffener Nachbar ließ seinen Lieblingssender RTL Tag und Nacht auf maximaler Lautstärke laufen).

Was ich gesehen habe, war so atemberaubend wie unvorhersehbar. Hier meine Top Ten:

  1. Bilder an den Wänden sind schön und gut, aber es sollten keine selbstgemalten Machwerke (Malen nach Zahlen) von Rambo und dem Terminator - in Anlehnung an Andy Warhol - sein. Ebenso verbieten sich Verlegenheitskäufe vom Praktiker-Markt.
  2. Bettwäsche. Ein weites Feld. Geometrische Muster, chinesische Schriftzeichen, zerschlissen seit der Konfirmation. Merke: eine Autodecke für den Kofferraum über das Bett drapiert eignet sich nicht, ein Schlafzimmer ansprechender zu gestalten. 
  3. Badezimmer, ein neuralgischer Punkt, der einen hohen Verliebtheitsgrad samt einhergehender Blindheit der Frau erfordert, falls der Mann noch nicht erkannt hat, dass man Zahnbürsten wechselt und Klodeckel auch von unten geputzt werden sollten. Da muss er ein sehr begabter Liebhaber sein, um diese Nachlässigkeit wenigstens temporär vergessen zu machen. Ein Mann hat mich mal sehr erschrocken mit seiner Batterie an Duschgels und Körperlotions mit der Duftrichtung Schokolade, Erdbeere, Kirsch-Banane und Kokos-Vanille.  
  4. Gardinen. Schlimm. Einige Männer hängen sich Lappen an die Fenster, vorzugsweise aus Plastikseide und in dunkelrot, in verschärften Fällen haben sie die stets zugezogen. Offensichtlich möchten sie gerne in einer Höhle leben; aber wenn man schon gerne in Fort Knox lebt, gibt es bessere Varianten, die die Behausung in wohltemperiertes und gütiges Licht setzt, vor allem bei Sonnenschein: cremefarbener Baumwollstoff. Unerreicht. 
  5. Motorräder in Wohnzimmern. Das gibt es wirklich. Einmal habe ich das mit 16 erlebt, mein Freund hatte sein Moped in sein Zimmer geschleppt in den zweiten Stock, weil er was umbauen musste, eine ziemlich ölige Sache, was einen Nervenzusammenbruch seiner Mutter zur Folge hatte. Ein anderer hatte eine Wohnung zu ebener Erde; selbst die Terasse schien ihm nicht sicher genug; er lebte in der ständigen Angst, man könne ihm seine Gefährtin klauen. Drum stand seine wichtigste Bezugsperson zwischen offener Küche und Wohnbereich. 
  6. Licht. Bis auf einen, der ein ähnliches Talent wie ich hatte, eine Wohnung wohlig zu illuminieren (der damit aber leider Rambo und den Terminator entsprechend ins Licht setzte), habe ich auch hier viele schlimme Deckenlampen gesehen, wobei ich fairerweise sagen muss, das Allerschlimmste habe ich bei einer Frau erlebt: von einer hohen Altbaudecke hing im Wohnzimmer eine nackte Glühbirne als einzige Lichtquelle. Eine gestandene, bildhübsche alleinerziehende Mutter mit wechselnden Liebhabern, die entzückt waren von ihrem kastanienbraunen Lockenschopf, der wie eine Kaskade weit runter auf ihren anmutigen Rücken fiel. Ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung von ihrer Wohnung, bevor ich sie das erste Mal betrat. Daran zeigt sich wieder, dass man Menschen nie nach ihrem Aussehen beurteilen sollte.
  7. Mannshohe, konzertreife Boxen in 16 qm Zimmern sind entschieden überdimensioniert; vor allem, wenn sie mit der Glotze verbunden sind. Ohrenbetäubende Dolby Surround Erlebnisse haben mich frühzeitig ertauben lassen, vor allem seit der Fußball WM, als die Vuvuzelas modern wurden.
  8. Der Flur fungiert oftmals als privater BSR-Ableger. Das ist falsch verstandene Re-Kommunalisierung.
  9. Kabel - ein Steckenpferd vieler Männer. Sie sammeln Kabel, als ob sie mit dem Verkauf später ihre Rente aufstocken wollten. Manche haben ein eigenes Zimmer für Kabel. Vielleicht sind sie uns Frauen damit weit voraus, man weiß es nicht. Ich muss auch zugeben, dass mir schon mancher Mann mit einem passenden Kabel ausgeholfen hat; insofern ist ihr Mantra "kann ich bestimmt noch mal gebrauchen" nicht ganz von der Hand zu weisen.
  10. Deko - ganz allgemein lässt sich vermuten: wenn ein Mann mutwillig verteilte Rumsteherchen sein Eigen nennt, sind das Überbleibsel seiner letzten Beziehung. Auch hier kann ich nicht unerwähnt lassen, dass nicht jede Frau ein sicheres Händchen hat.