Donnerstag, 23. März 2017

Gutaussehende Männer und ihre Abgründe

Seminar. Kleiner Kreis, drei Frauen, ein Mann und eine Trainerin, die uns beibringen will, wie wir Konflikte managen. Derer habe ich gerade im Überfluss und am liebsten bin ich überall, nur nicht im Büro. Also in einer Nacht-und Nebelaktion angemeldet und nun sitze ich hier.

Rechts von mir sitzt der Mann, links die zwei Frauen, die aus derselben Firma kommen. Schade für sie, sie können natürlich nicht offen reden; ist immer vertane Zeit, im Büroverbund derlei Ringelpiez zu buchen. 

Anyway, mein Motto ist ja stets: Was kommt, das kommt. Was nicht, das nicht. 

Der Mann sieht mich aufmerksam und ruhig aus großen braunen Augen an, bis auf den Grund der Seele, oder haarscharf an der Grenze zum starren; alles eine Sache der Bewertung. Dabei lächelt er sehr hübsch und ist überhaupt eine angenehme Erscheinung.  Ich bereue ein wenig, dass ich mich nicht aufgerüscht habe.

In der Pause sitzt er mir gegenüber und fängt an zu erzählen, woher er kommt und was er macht. Er lebt in Magdeburg und das hört man ganz leicht. Ich wundere mich, weshalb er sich nicht an die zwei jüngeren Frauen hält, das machen Männer doch so, nicht? Er ist ungefähr mein Alter und seine braunen Augen sind wirklich der Hammer. Sein Augenweiß ist wie mit Persil gewaschen, was einen Menschen ja immer unglaublich gesund erscheinen lässt. 

Dann erwähnt er sein Pferd. Sein Pferd! Ich bin elektrisiert. Das wird ja immer besser. Eine längere Litanei folgt, von wem und weshalb er es gekauft hat. Ein Kaltblut. Wie meins. Naja, nicht meins, aber das, auf dem ich dilettiere, ist auch ein grundgutes Kaltblut. Noch eine Gemeinsamkeit. Leider ist die Pause zuende. 

Ich kann der Trainerin kaum noch folgen, beschäftige mich mit zukünftigen Besuchen in Magdeburg, das kenne ich ein bisschen, der Kreuzgang im Dom ist zur Kontemplation geeignet und die Elb Auen sind auch nicht von schlechten Eltern. Magdeburg also. Aha. Nun gut. Hätte schlimmer kommen können. Nicht viel schlimmer, zugegeben, aber wenn die Liebe nunmal ruft.

In der nächsten Pause nehmen wir unser Gespräch wieder auf, er strahlt mich an. Ich strahle zurück. Er erwähnt, dass er keine Knieprobleme mehr hat, seitdem er reitet, weil das den Rücken stark macht. Wem sagt er das. 

Dann:

"Ist praktisch mein Therapiepferd."
"Wirklich? Sehe ich auch so, mir geht's so dermaßen gut, wenn ich im Stall bin. Brauche ich kein Konfliktmanagement mehr."
"Und ich war seitdem nicht mehr in der Klinik."
"Klinik?"
"Ja, wegen Depressionen. Bin ja so ein Suchttyp. Hab alles durch, kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in der Geschlossenen aufgewacht bin. Aber jetzt kiffe ich nur noch."

Die zwei Frauen unterbrechen kurz ihr Gespräch und schauen zweifelnd rüber.
Ich schlucke.

"Die Ärzte sagen, ich habe eine drogeninduzierte Schizophrenie."
"Oh."
"Ja, aber seitdem ich das Pferd habe, ist alles okay."
 "Ah. Freut mich."

Noch mehr freue ich mich, dass die Pause zuende ist, ich nicht aufgerüscht bin und noch keine Adressen ausgetauscht wurden.

Ja, denke ich bei mir, morgen, am zweiten Seminartag, werde ich mir irgendwas anziehen, was enorm aufträgt, denn das mit Magdeburg und mir und ihm und seinem Pferd, das wird nun leider doch nix.

Kommentare:

  1. Leider, leider sind ja oft die Typen mit der größten Klatsche auch die anziehensten

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    1. Hab ich auch schon beobachtet. eine Freundin sagte mal zu mir: Wenn du ihn gut findest, dann ist er verrückt.

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    2. ich kann dir mal Bücher empfehlen, warum genau die total gestörten so anziehend wirken. Es hat leider tatsächlich System

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    3. Der Mann ist psychisch krank und weder gestört, noch hat er eine Klatsche. Sein offener Umgang mit der Erkrankung ehrt ihn, auch und gerade weil er dadurch als mögl. Partner direkt mal ausscheidet.
      Die Stigmatisierung psychisch Erkrankter macht das Leben der Betroffenen noch viel schwerer, als es so schon ist.

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    4. Liebe Tiker,
      die Theorie, weshalb Menschen, die ihr eigenes kleines Waterloo mit sich herumschleppen, oftmals sehr anziehend sind, ist in der Tat interessant und sollte gewiss nicht stigmatisieren.
      Anders ausgedrückt: wenn ich diese Anziehung spüre, ist auch bei mir was interessantes zu finden, dessen bin ich mir sicher ;)

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    5. Liebste Annika, ich weiss, dass Du niemanden stigmatisieren wolltest. Mein Unwillen richtete sich allein gene "Klatsche" und "gestört". Das finde ich so fies wie "Spasti" oder "Schwuchtel".
      Du hast die Begriffe nicht gebraucht.

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    6. Man kann es mit PC auch übertreiben, oder?
      Zudem ich über mich selbst auch oft sage, dass ich einen an der Klatsche habe.
      Ich persönlich empfinde den hypervorsichtigen Umgang mit gewissen Dingen eher als Ausgrenzung. Normalität für alle!
      Aber zum Glück wird die Mohrenstrasse auch umbenannt. Übrigens auf Wunsch der Weissen und nicht der "Mohren"

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    7. Gehst Du davon aus, dass hier niemand mitliest, der psychisch krank ist, oder ist es Dir einfach egal, wie er/ sie das findet, so abgewertet zu werden? (Rhetorische Frage)


      Wss mein Einwand gegen Abwertung kranker Menschen mit der Mohrenstraße zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Du wirst es wahrscheinlich wissen.

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  2. Ich empfinde Menschen, die bei einem Mittagessen dermaßen ins Detail gehen, sehr als verstörend.

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  3. Wäre das eigentlich anders für Sie, wenn nach "Ist praktisch mein Therapiepferd" eine Geschichte mit schlimmem Unfall, chronischen Schmerzen, Rücken, Hüfte, wasweißich gekommen wäre?


    Psychische Erkrankungen sucht sich niemand aus, sie sind in aller Regel nicht ansteckend und psychisch Kranke sind nicht verpflichtet, eine Glocke mit sich zu führen und "unrein, unrein!" zu rufen.

    Obwohl der hübsche Therapiepferd-Eigner im Grunde genau das gemacht hat. Womöglich hat er Sie einer Art Test zu seinem und Ihrem Schutz unterzogen. Beim Mittagessen so dermaßen ins Detail zu gehen, ist aus einer "Normal"-Perspektive übergriffig, aus seiner ist das vielleicht adäquates Sozialverhalten. Vielleicht weiß der um seine anziehende Erscheinung und erspart Ihnen und sich einen Haufen Kummer.

    (aus seltsamen Gründen komme ich mit meinem WordPress-Profil nicht weiter, "unzulässige Zeichen in der URL", deswegen via 'Anonym' LG dame.von.welt https://dvwelt.wordpress.com/ )

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    1. *räusper
      Ich lese hier mehr Selbstironie als Angriff auf den Betroffenen raus. Wohl eine Sache des Blickwinkels

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    2. Liebe Dame von Welt,
      zunächst mal: ich würde mich nie über jemanden lustig machen, weil er psychisch krank ist. Wenn er nicht das Wort "drogeninduziert" gesagt hätte, wäre dieser Text nie erschienen. Dann: ich überzeichne immer und lasse viele Details weg, in diesem Fall ist er weiterhin experimentell in Sachen Drogen unterwegs, er findet das toll und es beschert ihm seiner Meinung nach unverzichtbare Erlebnisse und das ist ganz allein sein Bier. Ist aber ein Ausschusskriterium für mich, denn Drogen sind immer stärker.

      Ein Test? Ich habe auch daran gedacht. Es gehört zu ihm, sagte er. Insofern finde ich es durchaus auch adäquat, wie er vorgeht. So kann niemandem etwas passieren.

      Liebe Nelly,
      so ist es gemeint, Selbstironie. Annika und die Männerwelt. Nicht mehr und nicht weniger.

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    3. Zudem es Dein gutes Recht ist für Dich zu entscheiden, das Du diesen Typen dann nicht mehr sexy findest

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    4. Oh, ich fand ihn immer noch sexy. Aber ich laufe nicht sehenden Auges gegen die Wand.

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  4. Also ich bin ja begeisterter Schreiber meines persönlichen Therapie-Blogs... das ist total klasse... mit so einer Blogroll sieht man erst man, wie viele Verrückte es so gibt.

    *klingel*klingel* unrein... unrein *klingel*klingel*

    Ich will so eine Klingel haben.

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    1. Lieber Herr MiM, Zynismus ist schön und gut, aber nicht immer empfiehlt er sich.

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    2. Ich entschuldige und schäme mich. -.-

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  5. Antworten
    1. Hm. Was willst du mir damit sagen?

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    2. die Reaktion klingt abwertend. das buch soll aufklären.

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    3. War nur eine Frage. Bin keine Hellseherin.

      Ich versuchs noch mal: Lieber Timo, was soll das Buch aufklären? ich seh nur Bilder.

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    4. indem buch beschreiben betroffene ihre krankheit.+ kunst von/über schizophrenie

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  6. Drogeninduzierte Schizophrenie gilt bei dir schon als "Abgrund"? Seit wann bist du in Berlin ... ? ;-)

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