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Dienstag, 14. April 2020

Nachrichten aus dem Home Office

Zuerst dachte ich, ich lass das mal alles auf mich wirken.




Wie zum Beispiel jede Menge verrückte Frauen sichtbar wurden. Alte Frauen, die mich (mit Maske) auf der Straße anschrien, im Vorbeigehen, "Es gibt keinen Virus!", soso, dachte ich, hoffentlich hast du Recht. Verwirrte Frauen, die in der Bank (übermäßig dramatisch geschminkt, junge-Mädchen-Frisuren tragend) nicht in der Lage waren, eine Überweisung auszufüllen, jeden und jede ansprachen "Können SIE mir helfen?", gefährlich nah und ohne jede Rücksicht alles kontaminierten, was es halt in einer Bank anzufassen gibt - diese ältlichen Frauen also mit weit auf gerissenen Augen, verpeilt durch die Straßen schwankend - die gab es plötzlich zuhauf. Wo kommen die nur alle her, frage ich mich. 

Dann gab es plötzlich in meinem kleinen Wäldchen Völkerwanderungen, gibt es bis heute. Verstehe ich, ich rette mich ja auch täglich in die grün explodierende Zwitscherbude. Habe mir den Leihhund geholt, für eine ganze Woche war er bei mir, bei jedem Videocall lag er neben mir auf dem Boden, eine Weile, um dann den Versuch zu starten, irgendwie auf meinen Schoß zu kommen, dabei ist er viel zu groß und schwer und ich bin dafür wenig zu haben, wie ich feststellen musste. Nach 4 Tagen nannte ich ihn nicht mehr Leihhund, sondern Stalker und das meine ich nicht mal scherzhaft. Stalker mit ADHS Syndrom, denn er kommt nie zur Ruhe, außer er darf neben mir auf dem Sofa liegen.

Wie gerne wäre ich mit Martin Rüther befreundet, den hätte ich gerne mal gefragt, was es damit auf sich hat und wahrscheinlich hätte er mir klar gemacht, dass es ganz allein an mir liegt weil ich irgendetwas grundfalsch mache - wenn ich nur wüsste, was? 




Ich überlege seitdem nur noch halbherzig, dass jetzt eine günstige Zeit wäre, mir selber einen kleinen Welpen zuzulegen; nie wieder hätte man die Gelegenheit, in aller Ruhe einen kleinen Hund stubenrein zu bekommen, erste Erziehungsversche zu starten und ihn langsam daran zu gewöhnen, auch mal allein zuhaus zu bleiben. Aber wenn das dann auch so ein ADHS-Stalker wird, hätte ich den immer an der Backe.

Nach Corona werde ich sowieso viel öfter im Home Office bleiben - nicht weil ich das so schätze, sondern vor allem, weil das die Arbeitgeber zu schätzen gelernt haben werden. Ich selber finde HO inzwischen richtig doof und an manchen Tagen schleiche ich mich in meine Firma, die einem Geisterhaus ähnelt und erfreue mich an meinen beiden riesigen Bildschirmen und dem rückenschonenden Bürostuhl - die reinsten Glücksmomente sind das.Wer hatte das vor sechs Wochen geahnt? Da habe ich mir einen HO-Tag immer als Geschenk an mich gegönnt.

Was noch? Ich kann keine Nachrichten mehr ertragen. Ich bin mit Verdrängen beschäftigt und lese lieber gefühlige Abhandlungen zum Thema in ZEIT, SZ und FAS. Alles, was mit Zahlen, Fakten, Krankheitsverläüfen, etc. zu tun hat, wird ignoriert, denn all dieses Wissen setzt sich auf meiner ansonsten schon löcherigen Festplatte bombensicher fest und sollte ich dann doch erkranken, wüsste ich in einer Hundertstelsekunde alles, was mich nun erwarten könnte und in meiner kleinen hypochondrischen Welt wäre sofort ausgemachte Sache, dass ich sowohl spätestens als auch mindestens an der Intubation krepieren werde. Nein, Gedankenstopp, nichts ausmalen, die Energie folgt der Aufmerksamkeit. 

Was ich nun nie vergessen werde, ist dieses gleißend helle Licht, das seit dem Lock down jeden Tag scheint. Ich nenne das "Dallas-Himmel", weil mir schon damals beim Dallas-gucken bei Außenaufnahmen immer dieser grellblaue, wolkenlose Himmel aufgefallen ist mit extrem kalten Sonnenlicht und so ist das seit Mitte März auch über Berlin. Schon schön, diese Helligkeit, ich will mich nicht beschweren, es könnte für meinen Geschmack nur etwas weniger gleißend sein. Trifft man draußen jemanden, sieht man auch aus 2 Metern Mindestabstand jede Pore und Schlimmeres; es ist ein erbarmungsloses Licht.

Da ich keine Nachrichten mehr sehe, schaue ich Netflix. Netflix ist gar nicht so toll. Es ist selten mal wirklich Gutes dabei. Zwei Wochen habe ich alle Folgen von Mad Men noch mal geschaut, aus lauter Alternativlosigjkeit. Modisch bin ich seit jeher in die 60er Jahre verliebt; Anfang 70er geht auch noch. Bis auf Joan Harris, die Godmother aller Sekretärinnen, ist das Personal doch eher kotzbrockig angelegt, also musste ich mich auf die Kleider konzentrieren. 

Ja, und ich koche natürlich jeden Tag. Überhaupt esse ich sehr viel. Und ich muss viel putzen und aufräumen. Man schmutzt und flust die Wohnung ganz schön voll, wenn man 24/7 daheim ist. Meine Wohnung weiß gar nicht, wie ihr geschieht. Endlich wohne ich mal meine Miete richtig ab. Meinem Vermieter schrob ich einen freundlichen Brief, ob ich wohl während der Ausgangssperre wieder in den Garten darf, aber er antwortete, das sei "leider" nicht möglich und ich muss gestehen, da habe ich ihn verflucht. Ich möchte hier nicht in Einzelheiten gehen, aber eine Welle von ungeheurem Hass schwappte so über mich, dass ich nicht anders konnte. 

Eine zweite Hasswelle schwemmte mich beinah auf den Ozean, als ich hörte, wie ReWe, Aldi und Lidl ihre Kassiererinnen für die Mehrbelastung zu entlohnen gedenken: zwischen 100-250 Euro Essensgutscheine, also die Möglichkeit, für 100 -250 €uro im eigenen Laden einkaufen zu dürfen. Da wollte ich eine Weltrevolution vom Zaune brechen und jeder Kassiererin zurufen: Bleibt zuhause, lasst euch krankschreiben, dann können eure Bosse die sagenhaften Gewinne zur Abwechslung mal selber erwirtschaften! Ich war schon lange nicht mehr so sauer.

Ostern habe ich das Kontaktverbot gebrochen. Zu dritt auf einer großen Terasse bei 23 Grad - es war Verheißung und Erinnerung zugleich. Früher war das ganz normal und heute wissen wir nicht, wann wir jemals wieder diese Unbeschwertheit haben werden. 

Hier was Saugutes von Sybille Berg: Bankrotterklärung

Zum Schluss noch ein Hinweis auf diese Website
Mehr darüber zu lesen drüben bei Frau Nessy


Dienstag, 6. August 2019

Scrum ist Murcs

Beim Pantoufle gelesen und mein Blut ist gleich in Wallung.

Oh Mann... Ich fühle mich unterdessen wie kurz vorm durchdrehen, weil ich diese KPI, Scrummaster, New Work, Design Thinking, Product Owner, Agiles Arbeiten, Working out loud-Scheiße einfach nicht mehr ertragen kann. Aber wenn ich eines Tages anfange zu schreien, kann ich nie wieder aufhören, soviel steht fest. Ich bin ganz erschöpft vom nicht losschreien.

Irgendein Masterplan muss doch dahinterstecken, irgendwas müssen die doch vorhaben mit uns - alles in allem eine konzertierte Aktion aller vereinigter Schwachmaten dieser Welt, dieser sogenannte Kulturwandel in der Arbeit, dem wir uns angeblich nicht entziehen können, wegen der Digitalisierung, sagt man, und ich denke: unterschätzt uns Subalterne nicht. Ab unter den Tisch und dabei stille zusehen, wie die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird und am Ende bleibt doch alles beim Alten - was schon an den Cheffes dieser Welt liegt, die natürlich kein ernsthaftes Interesse an einem Wandel haben, sie wären ja auch bescheuert, so gut, wie es für die läuft.


Ich bin erschlagen von soviel Brummsdummheit um mich herum. Wie soll ich denn da im Alter (endlich) gelassener werden, kann mir das mal jemand erklären? Dieses Buzzword-Bingo, mit dem du die Königin bist, so du es beherrschst. Du musst allen Ernstes nur noch diese Scheiße labern können, um Heldin der Arbeit zu sein. 

Neulich habe ich einen Biobauern kennengelernt, bei Freunden, die aufs Land gezogen sind. Den habe ich besucht und da gerade Erntezeit ist, hat er mich mitgenommen auf so eine LPG, wo er alle drei Stunden einen Anhänger mit Roggen hingekippt bekommt, bis tief in die Nacht geht das so und dann muss das Getreide mit einem kleinen Bagger in eine Grube gekarrt werden und von dort wird der automatisch in Silos transportiert, naja, das ist jetzt langweilig und ich erzähle es sicher auch nicht richtig. 

Was ich sagen will: ich sah ihm so zu, wie er da mit dem ganzen Gehuddel fertig wurde und überlegte, mein Heil in der Landwirtschaft zu suchen. Keine Prozessimplementierung, kein Projektmanagement, keine blutleeren Geschöpfe, einfach nur 'operative' Arbeit. Mein Roggenbrot esse ich seitdem mit Respekt. 

Aber dann: auch in der Landwirtschaft sind die Prozesse optimiert. Gegenüber waren Kuhställe, die durfte ich mir ansehen. Tja, Bio-Milch heißt nur deshalb Bio-Milch, weil die Kühe nicht etwa menschenwürdig behandelt werden, sondern weil sie allerfeinstes Biofutter bekommen. Ferrari-Kühe, mit extrem knochigen Hüften und riesigen Eutern, deren Bänder auch schon mal reißen und dann hängt die eine Seite tiefer als die andere - bekommt die Kuh einen rosa Klecks auf die Stirn gemalt - ich hoffe für den Tierarzt, als Erkennunsgzeichen. Die Kälbchen werden ihnen spätestens einen Tag nach der Geburt weggenommen, wegen der Rentabilität, sitzen die auch in kleinen Babyställen und schauen einen mit großen Augen an. Nix Weide, nix Auslauf, keine Mama weit und breit.

Du meine Güte, jetzt bin ich aber abgeschwiffen...



Montag, 9. April 2018

Brave new Büro World

Eine ganz neue Mode bei uns sind Meetings im stehen. Das fing mal ganz harmlos an, dass wir uns jeden Montag für 10 Minuten in einem Büro trafen und darüber sprechen mussten, was wir die Woche so auf dem Tisch haben werden. Natürlich blieb nur Cheffe stehen, alle anderen lagerten auf den Tischen und erzählten nacheinander, was wir sowieso schon wussten oder keine Sau interessierte.

Daraus wurden ganz schnell tägliche 10 Minuten, zusätzlich zu den Whiteboards, die in jedem Büro aufgestellt wurden, an denen wir auf post its schreiben mussten, was wir zu tun gedenken. Jeder bekam seine eigene Farbe. Vier Spalten gab es: Plan, 25% erfüllt, 50% erfüllt, erledigt.

Einmal pro Woche kam Cheffe in jedem Büro vorbei, stellte sich vor das Whiteboard und ließ sich erzählen, wie weit wir schon waren mit der Aufgabenbewältigung. Das war schon etwas, woran man sich gewöhnen musste, denn das Ding musste à jour sein; also täglich musste man die Post its umkleben. Natürlich klebten wir nur schnell um, bevor Cheffe kam. 

Dann musste das alles noch übertragen werden ins Intranet, weil das für den Rest des Hauses total interessant ist, was wir so machen. Aber nicht einfach so, sondern in Projekträume. Fragt mich, was ein Projektraum ist, ich weiß es nicht und werde es nie begreifen. Und in ein Projektraum darf nur eingetragen werden, was vorher als Prozess definiert wurde. 

Vorteil: wenigstens dürfte man dabei sitzen, wenn man sich das Intranet anschaut, theoretisch, aber dazu hat nun wirklich keiner mehr Zeit. Aber darum geht es Gottseidank auch nicht, nur das befüllen ist wichtig und das drüber reden, im stehen.

Dazu kamen die wöchentlichen Jour Fixe, die wir vorm Tschainsch Manadschment ziemlich genossen, weil wir immer Pizza bestellten und über die neuesten innerbetrieblichen Massaker tratschten. Total old school war das und so konnte das natürlich nicht bleiben.

Als die Geschäftsführung davon hörte, dass wir jetzt immer stehen bei all diesen Meetings, fand die das so toll, dass sie sofort was eigenes machten. Sogenannte Townhall Meetings, bei denen wir gezwungen wurden, uns bis zu anderthalb Stunden die Beine in den Bauch zu stehen. Extra in einem Raum, in dem es nur Stehtische gab. Kein Wasser, kein Kaffee wurde gereicht, weshalb wir nun stets wie Topmodels mit eigenen Wasserflaschen durch's Haus wandern.

Die Stehtische sind harmonisch vor dem Pult von Oberchefin drapiert, aber wie es immer so ist, stand sie ziemlich allein mit den Stehtischen um sich herum, derweil die dumpfe Masse sich an den Wänden weiter hinten herumdrückte. Trotz Aufforderung kamen nur wenige nach vorn. So nah möchte man nicht vor ihr stehen, eine natürliche Barriere ist das.

Sie erzählt dann immer, was für ein toller Haufen wir sind, was nur daran liegt, dass sie so ein tolle Oberchefin  ist, am Ende sagt sie „Hat jemand Fragen?" Die üblichen Verdächtigen stellen eifrig überflüssige Fragen, weil es suizidal wäre, wirklich wichtige Fragen zu stellen und der Rest rollt unauffällig mit den Augen und reibt sich die Krampfadern. 

Danach humpeln wir dann wieder in unsere Büros und kleben neue Post its ans Whiteboard. 

Inspiriert von "später bügelgrundkurs, früher gintonic"

Dienstag, 28. November 2017

Büro, Büro

Noch im August schrieb ich besoffen vor Glück, dass mir ein wunderbar anmutender Ausweg aus der Misere angeboten wurde.

Man kann meine Lage so beschreiben: der Job verhackstückt und auf zig Leute verteilt, mich selbst im Keller begraben und kaltgestellt, der (in der Regel eingebildete) Glanz der früheren Tage nur noch ferne Erinnerung. Immerhin begrüßte mich der frühere Regiermeister freundlich, als er mir im Flur begegnete, aber das ist nur ein Reflex, der jedem und jeder zuteil wird.

Oder so: ich kann kommen und gehen wann ich will und was ich mache und ob überhaupt, obliegt ganz allein mir. Kein Gehaltsverlust (wenn auch keine Aussicht mehr auf Zuwachs). Die totale Freiheit. Eine Exitstrategie aus den Wirren der hirnverbrannten Prozess- und Projektstrategien, um die ich mich an guten Tagen selbst beneide.

Neulich hatte ich einen Protest-Tag. Eine besonders unangenehme Mail an mich Subalterne verärgerte mich derart, dass ich beschloss, den restlichen Tag nur noch Löcher in die Luft zu kucken. Kann ich ja jetzt machen. Mich sieht ja keiner. Es ist wirklich völlig egal. Hört sich gut an, oder? Nach einer Stunde brannten mir die Augen und eine Monsterwelle Selbstmitleid riss mich mit. 

Das soll's gewesen sein? Die Zeit, die noch vor mir liegt, ist viel zu lang, um so meine Tage zu fristen. Die Zeit, die ich schon hinter mir habe, ist zu lang, um Personalern Freudentränen zu bescheren. Ich fühle mich wie frühzeitig berentet; allerdings mit Anwesenheitspflicht in einem abgeschiedenem Büro.

Alles, was ich kann, ist nicht mehr gewünscht. Davon bekomme ich bestimmt bald eine narzisstische Störung. Mein früherer Job, wie erwähnt, völlig zerlegt, das ist angeblich besser so, das MUSS besser sein, man hat sich das ja so ausgedacht, um einen innovativen Eindruck von sich zu vermitteln. Okay, es geht viel schief seitdem, was mir kleinlichen Seele wie Öl runtergeht, aber das liegt auch nur daran, dass die, die die Resteverwertung übergeholfen bekommen haben, ebenso frustriert sind wie ich.

Kollektiv deprimierte Subalterne werden zur Verantwortung gezogen für das Unvermögen, die hanebüchenen Entscheidungen von oben umzusetzen. Was gewollt ist, denn wie könnte man sich dort, wo die Luft ganz dünn wird, noch besser gegenseitig die Augen auskratzen, als sich aberwitzige Dinge auszudenken, die zum Scheitern verurteilt sind und dafür dann wieder einen Konkurrenten aus der eigenen Reihe über die Wupper gehen zu lassen?

"Mensch, Oberboss, ich hab da eine super Idee, das könnte doch der Dings machen, da ist der wie gemacht für, was meinste?" 
"Spitze, das macht der." 
~~ 
"Dings, das machst du jetzt. Wie, da brauchste n'halbes Jahr für? Und mehr Personal? Träum weiter, am 15. muss das laufen."

Nichts läuft am 15. Und nach einem halben Jahr auch nicht. Hektisch werden die Schuldigen gesucht und gefunden: Menschen wie du und ich.

Vor Jahren wurde mal eine Freundin ähnlich abserviert, dennoch versüßt mit der Aussicht auf Verbeamtung, was mir in der freien Wirtschaft vorkam, wie Ferien auf Saltrokan. Begeistert schwallerte ich auf sie ein: "Mensch, denk doch mal dran, nie wieder dieser Stress, die totale Sicherheit, du kannst all deine Energien auf dein Privatleben verwenden, das ist doch S U P E R!" 

Verächtlich schaute sie mich an und kündigte ihren Job. Kluge Frau.


Montag, 15. Mai 2017

Die Frau als Bitch

Obwohl ich eine Frauen-Frau bin, also meine Freundinnen mit Attributen wie "liebste" und "Goldstück" belege und sie immer einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen, egal, ob ein Mann zur Hand ist oder nicht und ich grundsätzlich das Zusammensein mit ihnen als außerordentlich wohltuend empfinde, gibt es eine Version Frau, mit der ich nicht klar komme: die Frau als Cheffe.

Ich hatte zwei, die erste als "SS-Sabine" hier im Blog verewigt, die zweite wegen Unlust verschwiegen, habe ich jetzt die Dritte an der Backe. 

Und schon höre ich mich greinen, wie gerne ich sie eintauschen würde gegen die Toskana-Probleme, die ich mit dem letzten Cheffe hatte, über den ich so ausführlich wie inbrünstig das Blog vollgekotzt habe. Aber es geht ja immer noch schlimmer...

Eine Schönheit ist sie, ein kaltes Herz, messerscharf in der Kommunikation, auch nonverbal und vollkommen desinteressiert daran, dass ihre Jüngerschaft auch nur einen (und sei er noch so klein), Wohlfühlmoment pro Tag haben. 

Wie jede dieser neuen Generation von Vorgesetzten hat auch sie verinnerlicht, keinen Handschlag selbst zu tun, sondern 1 zu 1 alles auf''s Fußvolk runterzubrechen; am liebsten natürlich die Aufgaben, die originär einer Führungskraft zugewiesen sind.

Nein, es ist nicht so, dass wir nun führen. Wir taumeln eher führungslos gegen Tisch und Bänke und sie zetert, weshalb wir uns schon wieder das Knie aufgehauen haben. Sie lässt uns im unklaren darüber, was sie will und wenn wir es nicht erahnen, ist sie empört. Das ist ihre Vorstellung von Steuerung, nehme ich an.

Was auch immer wir versuchen an Leistungserbringung, wobei wir wie gesagt meist im Dunkeln tappen, sie zerfetzt alle Ergebnisse, ohne zu sagen, was sie stattdessen will. Oder sie krittelt an Formulierungen herum, diktiert neue Sätze, die haargenau dasselbe aussagen; nun ja, sie will sich also doch manchmal einbringen, schätze ich. 

Während alter Cheffe uns laufen ließ, weil er wusste, dass wir gut sind und sich mit unseren Ergebnissen die Orden umhängen ließ (was ich in der Nachbetrachtung jetzt durchaus als Anerkennung unserer Arbeit empfinde - soweit ist es schon mit mir gekommen; aber ich neige zeitlebens zur Vergangenheitsglorifizierung), ist es jetzt so, dass wir abgewatscht werden, als seien wir dahergelaufene Schwachmaten, die den Schuss nicht gehört haben und mit denen sie leider gezwungen ist zu arbeiten.

Und im Druck erhöhen, da ist sie Weltklasse. Das muss sie irgendwo gelernt haben: Druck machen um des Druck machens willen; was auch immer sie sich davon verspricht. 

Kommt jemand aus dem Urlaub zurück, ist ihre erste Frage "Wie weit sind Sie mit ihrem Prozess gekommen?" Tja. Äh. Im Urlaub? In der untersten Gehaltsgruppe?

Und was noch wichtig ist: Aufträge nicht einfach erfüllen zu lassen, sondern vor dem Whiteboard sitzen und darüber reden, wie man den Prozess modelliert. Wenn noch einmal jemand in meiner Gegenwart das Wort Prozess in den Mund nimmt, kann ich für nichts mehr garantieren.

Dienstag, 14. März 2017

Die Digitalisierung - handmade

Als dieses Gequatsche von der Digitalisierung anfing, dachte ich bei mir "Hä? Hab ich doch schon längst alles gemacht."

Und das ging so: Als ich vor Jahren meinen Job als Assistentin begann (als Quereinsteigerin, weil mich nach Jahren im Außendienst die romantische Vorstellung ergriff, wie schön es sein muss, kein Geld mehr nach Hause bringen zu müssen ((=Exklusivverträge mit den berühmtesten Bibliotheken der Welt abzuschließen)) und stattdessen still in einem abschließbaren Vorzimmer zu sitzen und ganz in Ruhe alle geheimen Mails für Cheffe noch vor ihm zu lesen und meine Schlüsse daraus zu ziehen. 


Ab und an mal Termine für ihn vereinbaren, einen Tee kochen, eine Präsi bauen, die Post öffnen und verteilen - wenn sich das nicht nach stillen Tagen in Clichy anhört, dann weiß ich auch nicht.

Als ich mein neues Durchgangsbüro mit vier stets geöffneten Türen bezog, war eine gigantische Schrankwand befüllt mit Leitzordnern. Die Rückenschilder waren im Lauf der Jahre von allen möglichen Leuten in allen möglichen Farben beschriftet worden, in der Regel unleserlich.

Meine erste Maßnahme war, einen Aktenplan zu erstellen, einmal alphabtisch und einmal numerisch ausgedruckt (aber natürlich erst, nachdem ich die Ordner alphabetisiert und nummeriert hatte - war das eine Schweinearbeit). Dann baute ich eine Powerpoint-Präsentation für Rückenschilder, ließ die Firmenfarbe einfließen und tippte alle Nummern und Inhaltsangaben ein. Als alles neu beklebt war, sah die Wand gleich viel schöner aus, und Cheffe, der mich anfangs belächelte, nannte mich von da an anerkennend Orga-Nazi.

Ein Jahr später hatte ich längst festgestellt, dass diese Ordner bis auf ein paar wenige Ausnahmen nicht benutzt wurden. Also machte ich Cheffe Vorschläge, was ich entsorgen will. Kurz darauf wurde er entmachtet und den Neuen wie auch alle folgenden fragte ich gar nicht mehr. Jahr für Jahr verschwanden mehr Ordner und niemand fragte je nach ihnen.

Die, die in Benutzung waren, machte ich sukzessive überflüssig. Du meine Güte, es war ja auch alles im Laufwerk abgespeichert und ich machte mir verdammte Sorgen um den Regenwald, an dessen Vernichtung unsere Firma einen nicht unwesentlichen Anteil hat. 

Nun sind wir ja kürzlich alle umgezogen worden und ich wollte meiner potentiellen Nachfolgerin kein überflüssiges Erbe hinterlassen. Außerdem hatte ich keine Lust auf die Einräumerei. Ich hatte noch jede Menge Rechnungsordner, aber nach Rücksprache mit der Buchhaltung meinten die, ich brauche nur das vergangene Jahr aufbewahren, sie hätten selbst alles längst eingescannt. 

Mein Talent zum wegschmeißen lebte ich manisch aus und am Ende blieben von einst 241 Ordnern genau 11 Stück übrig. Wenn das keine Digitalisierung ist, dann weiß ich auch nicht. 

Wikipedia meint: "Der Begriff Digitalisierung bezeichnet die Überführung analoger Größen in diskrete (abgestufte) Werte, zu dem Zweck, sie elektronisch zu speichern oder zu verarbeiten. Das Endprodukt oder Ergebnis der Digitalisierung wird mitunter als Digitalisat bezeichnet."

Sag ich doch. Digitalsalat. Und jetzt tun die alle so, als hätten sie's eben erfunden. Das einzige, was es braucht, sind häufig wechselnde Chefs und verschwiegene, optimierungswütige Tippsen, die mutig ihre eigenen Entscheidungen treffen. 

Ich kann natürlich nicht damit angeben, weil es sich um eine heimliche Digitalisierung handelt.

Freitag, 10. März 2017

Tschäinsch Männädschmänt

Ich möcht's gar nicht laut sagen, nicht mal denken, aber fast wünsche ich mich in meine kleine Enklave zurück, ruhig vor mich hinliegend und die Welt da draußen Welt sein lassen, die mich nichts angeht. 

Wenn ich gewusst hätte, dass ich mal Cheffe nachtrauere, den ich für den Schlimmsten hielt und untoppable... ach du meine Güte, da wusste ich nicht im entferntesten, was das Leben noch alles für mich bereit hält.

Nun alles neu. Und viel besser. Ich kotz im Strahl und finde kaum noch Worte zu beschreiben, was da alles passiert, weil nichts passiert. Es ist ja so: Ein paar Leute denken sich Dinge aus, die nicht umsetzbar sind. Sie zentralisieren zum Beispiel. Aber ohne genügend Personal zu zentralisieren. Und digitalisieren. Jedenfalls sagen sie, dass das getan wird. Aber sie tun nix, damit es auch getan werden kann. Sie sagen es einfach so dahin und kraft Osmose soll es über Nacht passieren. 

Was vorher 70 Leute gemacht haben, sollen jetzt drei machen. Die noch gar nicht eingestellt sind. Macht nix. Muss trotzdem gemacht werden. Von wem? Wen interessiert's, es muss gemacht werden. Die Software muss dafür umgebaut werden, der Dienstleister schafft seit Monaten nicht, ein neues Tool dafür zu bauen. Macht nix, Mail an alle, ab sofort wird XY so gemacht mit Hinweis auf das Tool, das es noch nicht gibt. Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich träume, ein extrem langer Traum ist das allerdings, der offenbar nicht enden will.

Noch eine Neuerung: wir sollen jetzt an mindestens drei Orten schriftlich darlegen, was wir so machen, wie weit wir sind, was wir demnächst machen werden, ob wir schon damit angefangen haben, wann wir anfangen werden, wann wir damit fertig sein werden. Und am Ende müssen wir das einmal pro Woche mündlich darstellen, damit auch alle anderen wissen, was wir machen, denn natürlich reicht es nicht, dass wir alles verschriftlichen, weil niemand die Zeit und keiner Interesse hat, zu lesen, was andere machen und wie weit sie schon gekommen sind. 

Anstatt die Arbeit einfach zu erledigen, muss ich Romane drüber schreiben, was ich gedenke zu tun.

Es gibt Kanban Listen, Wunderlist, White Boards und wir dürfen uns aussuchen, ob wir mit Post its oder Magneten arbeiten wollen. Ich möchte mir aussuchen, dass ich diesen Scheiß nicht mitmachen muss. Demnächst werden wir in einem Großraumbüro sitzen, weil man dann mitbekommt, woran die anderen arbeiten, das dient der internen Kommunikation und alle haben glücklich zu sein. Mir graut vor dem Tag.

Uns wird angeboten, Projekt-Management-Seminare zu besuchen, denn Projekt Management ist die heilige Kuh; es ist ein Wunder, wie bisher alles geklappt hat, als wir noch alle ohne dieses heißen Scheiß gearbeitet haben.

Neue Software, ganz wichtig. Sinnlos, zu erwähnen, dass die aktuelle hervorragend durchdacht ist und fehlerfrei funktioniert; das einzige, was man erntet, sind verächtliche Blicke, weil man sich gerade als unflexibler, vergangenheitsorientierter und sowieso viel zu alter Honk geoutet hat. 

Die neue Software ist instabil, grottenlangsam und katapultiert in die Anfänge des Computerzeitalters zurück, weil sie derart umständlich programmiert ist, dass man weinend über dem Bedienerhandbuch zusammenbricht. Denn natürlich sind Schulungen out (ebenso wie Mittagspausen). Alle Tage kommen 37seitige Handouts per Mail, die zu lesen niemand Zeit hat. All der Kram wird in Ordner verschoben und gammelt vor sich hin, ein jeder ist auf der Suche nach jemandem, der es einem erklären kann. 

Die Grundstimmung ist schleichende Verzweiflung und innere Kündigung. Jeder, der kann, rettet sich woanders hin. Ihnen wird verächtlich hinterher gelacht, wo der jetzt gelandet ist, lächerlich. Von dem Glücklichen bekommt man sms, dass es wie auf Kur sei, dort wo er jetzt ist. "Hol mich hier raus" wird neidvoll hinterher geseufzt. Die, die schon bei uns niemand mehr will, verharren resigniert und desillusioniert, weil sie woanders auch nicht mehr marktfähig sind. 

Wie die Lemminge versuchen wir zu schaffen, was nicht zu schaffen ist, niemand begehrt auf, denn wenn man das tut, dient das nur der eigenen Existenzvernichtung. 

Mein Mantra: es ist nur Arbeit.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Back in the office

Als ich diese Vogel-Schweine-tödlicher-Männerschnupfen-Grippe hatte, ging es mir zwar nicht so toll, aber ich war trotzdem nicht unglücklich, fast zwei Wochen in völliger Abgeschiedenheit vom Büro (und teilweise sogar abgeschnitten vom Netz, also praktisch Dalai Lama mäßig ((wegen fucking Vodafone)) darben zu können. Das wurde nämlich höchste Zeit und ich nahm mir vor, ganz viel für's Leben zu lernen. 

Zum Beispiel, dass es idiotisch ist, so viel zu arbeiten, wie ich die letzten Monate. Ich werde ja wohl kaum auf dem Totenbett bereuen, dass ich nicht oft und lange genug im Büro war.  

Ich stellte mir vor, dass ich zukünftig wie jeder vernünftige Mensch von nine to five arbeiten werde. Vor meinem geistigen Auge breiteten sich Feierabende aus, die ich im Kino, mit Freunden, kochend, auf dem Pferd und was weiß denn ich, wo noch, verbringen werde. Abende, an denen ich nicht auf allen Vieren aus dem Büro zum Auto krauchen werde, sondern mit einer gewissen Rest-Vitalität meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkomme und diese nicht als zusätzliche Belastung empfinde. Das wird alles ganz fabelhaft, ganz bestimmt.

Ganz fest nahm ich mir am Montag vor, spätestens um 17.30 Uhr die Stätte des Grauens zu verlassen, komme, was wolle. Und nicht nur am Montag, sondern jetzt und immerda. Mein neues Mantra: Auch ich habe ein Privatleben. Ich meine, vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mal eins. So schwer kann das nicht sein.

Naja, Schwamm drüber. Träume darf man ja haben. 

Themawechsel. Der neue Praktikant.

Es gibt ja sagenhaft gute Praktikanten, nix gegen zu sagen. Und es gibt die anderen. Die kommen immer zu uns (übrigens werden sie - zu Recht - ganz gut bezahlt und haben sehr gute Chancen, übernommen zu werden).

Dieser hier hält sehr viel von Networking. Will sagen, er feiert die Feste, wie sie fallen. Er geht zu jedem Abschied, Geburtstag, Babywatching und Einstand. Er ist der Erste vor Ort und der Letzte, der wieder geht. Erstaunlicherweise, denn er ist nirgends eingeladen, aber das ficht ihn nicht an. Er hört von irgendeiner Sause und schon strapst er los. 

Es redet dort zwar niemand mit ihm, weil ihn keiner kennt, das stört ihn aber auch nicht. Er reckt den Hals weit vor, um kein Wort zu verpassen. Sitzt er am Tisch, beugt er sich bis über die Mitte zu den Leuten, die gegenüber sitzen, um an vertraulichen Gesprächen teilhaben zu können. Eigentlich hat man immer sein Gesicht sehr nah am eigenen Gesicht; das weckt natürlich meine Mordlust.

Das schlimmste aber ist, dass er nicht zupackt, wenn mal anzupacken ist. Neulich bat ich ihn und eine Kollegin, mir beim umräumen eines Besprechungsraums zu helfen. Er sah uns dann zu, wie wir Tische rückten und Stühle schleppten. Mal legte er so halbherzig wie lahmarschig die Hand an einen Tisch, aber dann sprang sofort meine Kollegin hinzu, "Warte, ich mach schon", und der Tropf stand wieder erschlafft mit seinem ewig gleichen dümmlichen Lächeln sinnlos in der Gegend rum. Ich nenn ihn heimlich Mona Lisa. 

27 jährige Männer, die zugucken, wie Frauen schwere Sachen heben, bringen mich an den Rand einer massiven Impulskontrollstörung.

Sonntag, 15. Januar 2017

Ungeschriebene Gesetze

Woran erkennt man Männer mit Macht? 

Sie machen keinen Platz, wenn man an ihnen vorbei will. Ist so. 

Stehen sie in einer Gruppe und unterhalten sich, dann reagieren sie nicht, obwohl sie mit dem Rundumblick, der unserer Spezies möglich ist, gewiss wahrnehmen, dass sich jemand nähert. Entweder schätzen sie schon aus der Ferne ein, ob sich jemand gleichwertig mächtiges nähert, dem Platz zu machen sich dringend empfiehlt oder sie haben sich ihre Manieren abgewöhnt oder beides. 

Ausnahmen gibt es. Hier trifft auf ein sonniges Gemüt ohne jeden Dünkel und gutes Aussehen eine kometenhafte Karriere, die aus eben jenen Gründen nicht Kompensationszwecken dienen muss. Vielleicht hatten sie auch noch eine glückliche Kindheit.

Was machen Frauen mit Macht? 

Sie lächeln nicht mehr. Nicht mehr zurück lächeln ist ein klares Dominanzverhalten. Weil offenbar keine Veranlassung mehr besteht, weitere Sympathiepunkte zu generieren. Wirkt aber schnell gelangweilt, depressiv und vereinsamt, wenn die Verweigerung einer freundlichen Miene nicht gepaart ist mit ruppigen Umgangsformen. 

Lustig ist, zu beobachten, wie die, die sonst stets an der Seite des Obermuftis zu finden sind, sich trollen, wenn externe wirklich Wichtige zugegen sind. Sie würden nicht mal wagen, sich in die Nähe der großen Jungs zu begeben. Sind nur noch zweite Wahl und dürfen natürlich auch nicht mit ins Chambre Separé. 

Ich bin mir sicher, dass ihnen das niemand erklären muss. Sie wissen es einfach. Eigentlich könnte ihnen in diesen Momenten dämmern, dass talentiertes Stiefellecken noch lange nicht bedeutet, dazuzugehören. 

Mitleid habe ich mit denen, die ehemals mächtig waren. Deren Großspurigkeit und Selbstgewissheit ist heimgegangen in die ewigen Jagdgründe und als Schatten ihrer Selbst stehen sie bei zweit- bis drittklassigen Mandatsträgern. 

Ausnahmen gibt es auch hier, die Lässigkeit demonstrieren und im übrigen freundlich zu jederman sind. 




Mittwoch, 11. Januar 2017

Fabelhafte Führungskräfte

Im Zuge des Projekts "Auch-ich-habe-ein-Privatleben", das mir eine neue Konstellation im Büro aufgezwungen hat, habe ich schon mal damit angefangen, früher zu erscheinen zum Zwecke des früheren Verschwindens. Das hat nicht geklappt. Ich bin früher da und bleibe länger. Es ist zuviel zu tun und ich fühle mich unersetzlich. Hab da so'n narzisstisches Ding am laufen. Oder ich armes Schwein bin wirklich unersetzlich.

Was ich an Führungskräften bewundere, ist, dass sie auf dem Zenit ihrer Karriere das Prinzip der Work-Life-Balance total verinnerlicht haben und uns, den unteren Gehaltsklassen, so gesehen mit gutem Beispiel vorangehen. 

Sie gehen jeden Tag in eine ausführliche Mittagspause nicht unter zwei Stunden, komme, was wolle. Meine Mitstreiter wissen noch einigermaßen gut, wie Mittagspause buchstabiert wird, ansonsten hat dieses Wort nur noch einen fernen Nachhall aus früheren Zeiten, die Zeit vor dem Change Management, als wir noch nicht beschäftigt damit waren, aberwitzige, sogenannte "Projekte" umzusetzen, die schlicht nicht umzusetzen sind. Was in letzter Konsequenz aber auch gar nicht gewünscht zu sein scheint. Je mehr Kollegen scheitern, desto weniger unerreichbare Ziele nicht erreicht werden, um so weniger Boni muss man auszahlen und der ein oder andere lässt sich sogar wegen vorsätzlicher krankhafter Unflexibilität relativ geräuschlos entsorgen.

Dann sind Führungskräfte auch Großmeister im Delegieren. Das geht so weit, dass sie sich einfachste Sätze schreiben lassen, die sie dann in eine Mail kopieren und unter ihrem Namen versenden. Ich rede hier nicht von wissenschaftlichen Texten oder Handouts; das ist man ja gewohnt, dass sich die eigene Arbeit jemand anderes an die Brust heftet. Nein, inzwischen geht das viel weiter und noch viel kleinteiliger. Ich habe vor einiger Zeit schon mal geschrieben, dass nicht mehr viel fehlt und ich muss Cheffe aufs Klo begleiten. Goldene Zeiten! Indessen muss ich ihm auch die Klobrille hochklappen, das Klopapier reichen und ihm die Hände waschen, von anderen Dingen ganz zu schweigen.

Wobei, im Hände reinwaschen sind die High Potentials auch hoch talentiert. Was auch immer man ihnen vorbereitet und sie wortlos und ohne Dank zur Kenntnis nehmen und dann in letzter Konsequenz doch vergeigen, weil sie das Paper schlicht nicht an die nächsthöhere Stelle weiterleiten, zur Untermauerung ihres nie ermüdenden Fleißes oder schlicht um die Dinge ins Tun zu bringen - in ihrem Inner Circle behaupten sie der Einfachheit halber, die unfähigen Mitarbeiter haben nicht geliefert.

Was widerum zur Folge hat, dass ein jeder vermeidet, einer Führungskraft etwas mündlich zu übermitteln, sondern zur eigenen Absicherung alles per Mail sendet. Die Postfächer quellen über und kaum einer traut sich noch, etwas zu löschen, vor allem unter "gesendet" befinden sich Megabites an gerichtsverwertbarem Beweismaterial. Was am Ende auch wieder zwecklos ist, denn wer rennt  im Falle eines Falles tatsächlich zum Obermufti und beweist mit einer Flut von ausgedruckten Mails, dass man sehr wohl geliefert hat plus vier Remindern inkl. Lesebestätigungen? 

Früher war es nicht möglich, dass eine Führungskraft eigene Versäumnisse den Subalternen unterschob, weil sie sich damit nur dem Verdacht aussetzte, dass sie den Laden nicht im Griff hat. Und dass sie das viele Geld dafür bekommt, Verantwortung zu haben und zu übernehmen. Also auch hier wurde natürlich vermieden, die Führungskraft persönlich der Unfähigkeit oder Faulheit zu beschuldigen, soweit kommt's noch kam's nie. Aber mit der Aussicht auf drohenden Ehrverlust hat man immerhin verhindern können, dass kapitale Versäumnisse auf den Trainee oder die Schülerpraktikantin abgewälzt werden.

Gott, jetzt höre mich aber wirklich an wie eine Märchentante! 

Zurück zu meinem Projekt "mehr Privatleben": immer noch erkältet begab ich mich unter Leute. Alle verrotzt am Tisch. Einer ganz frisch, er nieste und nieste. Und ich dachte noch, wenn das mal gut geht mit der Tröpfcheninfenktion. Siehe da: seit 4 Uhr bin ich wach, neu infiziert und ich kann keinen Ingwer mehr sehen. Hat ja am Ende auch nichts gebracht.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Auf dem Zahnfleisch

In Hollywood wäre das jetzt ein Happy End: Das Change Management feiert seinen Höhepunkt mit einem Umzug. Alle Hühner werden von der Stange gescheucht und alle schauen zu, wo sie nach dem Geflattere wieder landen. Dabei beginnt jetzt der Horror, aber das verschweigt Hollywood ja auch immer.

Ich im dunkelsten Büro, das der Laden zu bieten hat, nicht direkt im Keller, aber aus ist es mit den spektakulären Sonnenuntergängen und dem Blick weit über Berlin. Kein Elfenbeinturm mehr. Abends keine Musikbeschallung mehr, ich sitze jetzt weit entfernt von meinen musikalischen Kollegen. (Memo an mich: so'n Dingens kaufen) Zukünftig sehe ich auf Fahrstühle. Nun ja.

Die letzten Tage geräumt, gepackt, weggeschmissen, nebenbei noch die neue Regierungsmannschaft in die Adressdatenbank eingehackt und die alten Haudegen deaktiviert. Alle fünf Jahre dasselbe Spiel. Und dann nennen sich die Senatsverwaltungen immer noch um, was die Mailadressen verändert, an die man auch erst kommen muss. Nicht zu vergessen, dass auch 97.000 Bezirksstadträte und Bezirksbürgermeister gewechselt haben. 

Jeden Morgen schicke ich mir aus dem E-Paper einer hiesigen Tageszeitung die wichtigen Artikel ins Büro, denn leider werden mir die Neuerungen nicht geliefert zum eintragen. Und zur Jahresanfangssause müssen die richtigen eingeladen werden, nicht dass ich noch im SPIEGEL lande, wie damals die arme Tippse, die irgendeinen Außenminister eingeladen hat, der seit 4 Tagen kein Außenminister mehr war. Was aus der wohl geworden ist? Ich hätte den Arsch, der so eine dumme Lappalie dem SPIEGEL steckt, gerne (beliebiges Kapitalverbrechen eintragen). 

Keinen Tag, den ich nicht mindestens 11 Stunden im Büro verbringe, seit Wochen, wegen der Sonderaufträge, die ich noch schnell erledigen soll, bevor ich keine Tippse mehr bin. Cheffe greint, wie soll ich nur ohne dich klarkommen? Das weiß ich auch nicht. Aber ich werde zumindest sehr gut ohne ihn klar kommen. Ich kann immer noch nicht fassen, was ich zukünftig alles nicht mehr machen muss. Das fühlt sich an wie Rehab.

Ich taumel jeden Abend hungrig und todmüde aus dem Laden, weiß kaum noch, wie ich meinen Namen buchstabieren soll und bin doch einigermaßen bewegt, wie tadellos ich mich halte, auch wenn mir ein Ticken zu oft gesagt wird, ich sähe angestrengt aus. Schnick Schnack, sowas darf man in der Nähe eines Hypochonders nicht mal denken. 

Manchmal träume ich mich in irgendeine Senatsverwaltung, wo ich durch lange Flure mit trüben Öllampen wandere, eine uralte Holztür öffne, hinter dem sich mein muffiges Büro befindet, in dem lauter klapprige und potthässliche Möbel stehen, dann schließe ich die Tür mit einem lauten Knall und dann ist Ruhe, weil niemand was von mir verlangt und schnell schon gar nicht, weil ich damit die Preise verderben würde, ich würde assimiliert werden und in kürzester Zeit Applikationspullover tragen, mir eine praktische Kurzhaarfrisur zulegen und mit dieser entspannt der Rente entgegen dämmern.

Bald habe ich frei und wie ich mich kenne, werde ich nach diesem Höllenritt erst mal nichts mit mir anzufangen wissen, verlottert werde ich auf dem Sofa liegen, ungewaschen und Vera am Mittag Drei Haselnüsse für Aschenbrösel gucken, mehr wird nicht drin sein. Vorher werde ich mir vornehmen, ganz viel Sport zu machen und bei dem Vorsatz wird es bleiben, weil erstmal will ich nur liegen bleiben, stelle ich mir heute so vor, aber ganz schnell werde ich Rückenschmerzen bekommen, worüber ich ins sinnieren kommen werde, dass alles besser wäre, wenn ich jetzt doch mit dem Sport anfinge und dann ist der Tag auch schon wieder rum. 

Nur eins ist klar: dieses Jahr halte ich mich an's Gebot, "wir schenken uns nichts". Da werden die ganz schön gucken, nehme ich an.

Freitag, 9. Dezember 2016

Das bisschen Haushalt

Tja, sagte mein Kollege, dann kommst du aber nicht mehr an all diese Geheiminfos ran, wenn du ab Januar keine Sekretärin mehr bist. Du bist dann abgeschnitten von allem.

Ich erschrak. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Stimmt, als Tippse weiß man alles, lange, bevor es andere wissen und manchmal erfahren es andere nie. Man muss soviel schweigen und verschweigen können, manchmal ist man den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt, als Dinge zu verheimlichen.

Aber dann fiel mir ein, was ich zukünftig alles nicht mehr machen muss:
  • Post (cool, demnächst wird mir meine gebracht)
  • Telefondienst (boah, ich stelle jetzt meinen Apparat um, jawoll)
  • Terminplanung (Mäusemelken ist schöner, da nützt auch doodle nix)
  • Reisen buchen und abrechnen (die Hölle, wenn es nach Uganda Bugundi ging - am liebsten wollte Cheffe, dass ich auch noch für ihn zum impfen gehe)
  • Budgetplanung und -controlling (Quadratur des Kreises am lebendigen Leib)
  • Rechnungen kontieren und schreiben (und wehe du hast den richtigen Kostenräger aber die falsche Kostenart ausgewählt)
  • Kassenanweisungen (auch 50 Cent Parktickets müssen erstattet werden. Von nix kommt nix)
  • Evaluation von Prozessbeschreibungen (und in die Access-Datenbank der Hölle eintragen)
  • Handouts zusammenstellen (Cheffe kann nicht drucken)
  • Präsis basteln (Power Point auch nicht)
  • Tische reservieren (nichts sagen Chefs so gerne wie "Buch mir mal'nen Tisch im Dings.")
  • Weihnachtsfeiern planen (am Ende sind sich alle spinnefeind, weil nicht jeder nur einer klettern gehen will)
  • Geburtstagsgeschenke und Blumen besorgen (und immer Geschenkpapier auf Lager haben. Und Tempos, Tampons und Tabletten)
  • Wasserkästen für alle bestellen (wenn es geliefert wird, hat keiner Geld dabei)
  • Dokumente vorbereiten (und zwar so, dass Cheffe nur noch unterschreiben muss, egal um was es sich handelt)
  • Protokolle führen (verdammt zum zuhören)
  • Dienstpläne schreiben (sobald ich alles eingetragen habe, fängt das tauschen an)
  • Büromaterial bestellen (kein Schwein sagt Piep, wenn er die letzten Heftklammern gemopst hat)
  • Nie wieder "Denk bitte hier dran, vergiss das nicht."
  • Kein "Doch, ich hab dir die Unterlagen auf den Tisch gelegt. Sie liegen... Okay, ich druck's dir nochmal aus."

Was für eine Erleichterung! Ich werde ganz frohsinnig. Die arme Socke, die meine Nachfolgerin wird.

Ich frag mich, was ich den ganzen Tag machen werde. Doch, mir fällt's wieder ein. Whow. Nur noch Konzentration auf eine Sache. Ausgezeichnet.

Freitag, 2. Dezember 2016

Die Hobbys einsamer Kolleginnen

Sie sticht heraus, passt nicht ins Ganze. Ein Unikat. Ruht in sich selbst, trotz oder wegen ihrer Bi-Color-Frisur, die an eine Faschingsperücke erinnert, ihrem unerschöpflichen Vorrat an Lurex-und Pailletten-Kleidern in Size Zero, worauf sie besonders stolz ist. Bisher dachte ich, dass ihre vorrangige Freizeitbeschäftigung sei, ins Solarium zu gehen. Sie ist tief gebräunt und sieht - obwohl jünger als ich - wie eine sehr alte Frau aus, mit tiefen Schluchten im ledrigen Gesicht. 

Im Sommer überrascht sie täglich auf's Neue mit tiefdekolletierten oder hochgeschlitzten Kleidern à la Ivana Trump der Älteren, nur dass diese sich damit an der Cote d'Azur herumtreibt, während wir blind werden, wenn sie weithin glitzernd, stolz wie eine Pharaonin und so dünn wie Wallis Simpson an uns vorbeischreitet. Kurz gesagt trägt sie Abendmode von Harald Glööckler oder einem anderen Verkaufssender im Büro. 

Sie schwebt morgens in die Firma und lässt sich zunächst in männermordenden Posen (oder was sie dafür hält) vom Azubi fotografieren, sie dreht und wendet sich wie Christine Neubauer, nur dass sie keinen peruanischen oder chilenischen Fotografen aushält. 

Wann immer man sie trifft, erzählt sie ungefragt von ekstatisch durchtanzten Nächten im Café Keese und dann denke ich immer, sie ist jünger als ich, was muss passiert sein, dass sie solche Etablissements besucht, aber scheinbar hat sie dort einen Lauf und wird ständig per Tischtelefon zum tanzen aufgefordert. Wahrscheinlich ist sie der Burner mit ihren fantasievollen Bekleidungen. 

Als ich heute in ihr Büro kam, schien sie verändert. Für ihre Verhältnisse in gedeckten Farben (gelb-ocker-schwarz), mit einer fast normalen Gesichtsfarbe, erzählte sie mir eifrig von ihrem neuesten Hobby: irgendeine virtuelle Farm, die sie bestückt, aber nicht nur das: sie hackt diese Programme und sorgt dafür, dass ihre Community kostenlos(!) mit Wasser für die Farmtiere und Pflanzen versorgt werden. 

Ganz fremd ist mir das Thema nicht, weil ich eine Freundin habe, die sich, wo sie geht und steht, der Ernte, Fütterung und Bewässerung ihrer hayday Farm hingibt, sehr zum Ärger ihres Freundes, der ihr das Versprechen abgenommen hat, wenigstens kein echtes Geld für die Komplettierung ihres quietschbunt animierten Bauernhofes zu verjubeln. Soweit, so absurd, aber ich sach ja immer, leben und leben lassen.

Sie redete sich in einen Rausch und bot mir keine Gelegenheit zur Flucht. Sie hätte soviel Anfragen und würde andere trainieren, damit die ebenso kostenlos an Wasser kommen. 

"Ja", sagt sie mit heiligem Ernst, "die ganzen Anfragen arbeite ich dann am Wochenende ab. Ich geh nur noch Freitags tanzen. Dann sitze ich schon mal von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens vor dem Rechner und begieße 50 Farmen. Sie sind mir ja alle so dankbar."

Demnächst hat sie ein Treffen geplant, denn alle wollen diese Wohltäterin kennenlernen, sie hat einen Konferenzsaal gebucht "Stell dir vor, für unter 500 € habe ich einen gefunden, aber da nehme ich nichts für, nur auf Spendenbasis, verstehst du, da sitzen ja viele arme und alte Leute vor dem Rechner, manche im Rollstuhl, die können sich das gar nicht leisten, aber die wollen ja auch ein bisschen Spaß haben."

Jetzt rührt sie mich. Ich finde das alles hochgradig bekloppt, aber diese Form von Beklopptheit rührt mich, es grenzt ja an ehrenamtliches Engagement und wodurch Leute am Ende glücklich werden, ist letztlich wurscht. 

"Tja, nur Männer habe ich keine mehr und weißte, wahrscheinlich bin ich inzwischen auch viel zu eigen und ich hab am Wochenende echt genug zu tun mit den Anfragen und Trainings, weißte, ich produziere ja auch lauter Lehrfilme. Naja, nur mit dem einen, leider verheiratet, unglücklich, aber so'n Techtel-Mechtel ist schon drin." Sie lacht schallend. 

Ich fliehe zurück aus diesem Wurmloch in meine eigene Welt. Meine Hay-day-süchtige Freundin muss ich wohl stärker im Auge behalten, nicht dass die auch anfängt, Programme zu hacken und nachts anderer Leuts virtuelle Kühe melken.

Donnerstag, 3. November 2016

Infam

Es ist schon doll, wie schnell der Mensch sich gewöhnt oder verdrängt oder abspaltet oder wie man das sonst nennen soll.

Seit bald 10 Tagen bekomme ich einmal am Tag einen Herzinfarkt, weil sich der Antichrist auf mich eingeschossen hat und nicht locker lässt. Seine Freizeitbeschäftigung scheint zu sein, auf'm Sofa zu sitzen und darüber nachzudenken, was es noch alles über mich zu erfinden gäbe; ganz großes Kino ist das.

Erst habe ich nur geheult, inzwischen bin ich nur noch erschöpft. Nicht mal Doko oder Reitstall, nur Abgeschiedenheit ertrage ich und früh ins Bett gehen, denn wenn ich nicht mindestens sieben Stunden Schlaf bekomme, wache ich zerschlagen auf; was aber auch an den blutrünstigen Alpträumen liegen könnte, die mich jede Nacht hochschrecken lassen. 

Ich bin sauer, dass ein anderer in der Lage ist, mein Gleichgewicht außer Kraft zu setzen. So leicht und so schnell geht das? So schwach bin ich? Von einem Arsch lasse ich mich außer Gefecht setzen? Könnte ich nicht auch einfach denken, was kratzt es den Baum, wenn die Sau sich an ihm reibt? Oder ist das auch nur wieder naiv, denn er hat Macht und die nutzt er eifrig.

Was mir egal wäre, würde er nicht täglich die gesamte Chefetage damit penetrieren. Keine Ahnung, wie lange die sich das noch anhören, ohne am Ende auch zu denken, dass ich überflüssig bin (und sei es nur, damit endlich wieder Ruhe einkehrt), wo sich doch jetzt schon niemand dazu hinreißen lässt, dem Treiben ein Ende zu setzen. Es dauert nicht mehr allzu lange und ich glaube den kolportierten Scheiß noch selbst. 

Nein, soweit wird es nicht kommen, Serengeti darf nicht sterben, beruhige ich mich selbst.

Es ist perfide, was er alles zusammenlügt. Es wird mir im Vertrauen erzählt, aber ich wünschte, man würde mir nichts erzählen, denn mehr als einen weiteren Herzinfarkt, bei dem ich auch noch gefesselt bin, bringt es nicht. 

Andere sagen zum Trost, sein erbarmungsloses Zuschlagen zeige nur, dass er um sein Überleben kämpft. Mag sein. Aber ich bin zu alt für diesen Scheiss. 

Freitag, 28. Oktober 2016

sucked

Habe ich schon erwähnt, wie gut ich organisiert bin? 

Ich organisiere im Job und privat auch. Jahrestreffen. Veteranen aus früherer Zeit. Ist ja ganz leicht. Ein Lokal angerufen, Tisch reserviert, ein Mail an alle, fertig ist die Laube.

Eben klingelt das Telefon. "Wo bist'n du? Wir warten auf dich."

Vergessen, total vergessen. Ich fass es nicht. Ich bin so durch. Verficktes Change Management, seit einer Woche habe ich die Hölle auf Erden, weil ich eine Karte aus dem Kartenhaus gezogen habe. Ich wusste, das wird nicht schön für mich. Aber so schlimm? Nee.

Ich weiß ja, weshalb alle schweigen. Dass niemand den Mund aufmacht, weil es einer Selbstopferung gleichkommt. Dass sich die Bestimmer wie die Hyänen auf den stürzen, der blöd genug ist, laut zu sagen, so klappt das nicht. 

Wenn einer der Bosse sich wie irre auf eine Tippse stürzt, dann weiß ich zwar, dass er es aus Angst macht, weil ich mittel- bis langfristig weitaus gefährlicher für ihn bin, als er für mich. Aber mein angelesenes Psychokackehalbwissen nützt mir gar nichts, denn das Exempel, das kurzfristig an mir statuiert wird, zeigt allen anderen, dass Fresse halten in jeder Hinsicht alternativlos ist. 

Ich bin zu müde, um auch nur einem Menschen zu erzählen, was mir da gerade passiert. Viel zu anstrengend. Die Hintergründe zu schildern, ohne die man das Vordergründige nicht verstehen kann. Es wäre eine ellenlange langweilige Geschichte. 

Neulich schleppte mich jemand ins Kino, Bridget Jones Teil 3, bloß nichts anspruchvolles. Dieses zerstörte Gesicht von Renée Zellweger traf mich bis ins Mark, du meine Güte, wer weiß denn, was Leute denken, die mich 15 Jahre nicht gesehen haben. Wann immer ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein angestrengtes, um Fassung ringendes Gesicht, da kann ich noch soviel lächeln, Furcht und Erschöpfung springen mich an.

Ich habe zum ersten Mal Existenzängste. Nimmt mich Cheffe heute konspirativ zur Seite, schaut sanft auf mich runter: "Also, was ich dir mal sagen wollte, du bist so dermaßen gut in deinem Job, du würdest doch auch in einem anderen Laden einer super Karriere machen."

So so.

Mein Psychokackehalbwissen sagt mir, dass er keine Lust hat, sich für seine vorlaute Tippse zu verkämpfen. Da kann er mich noch so schätzen, mir in allen Punkten recht geben, aber der Chef einer unversehens an die Öffentlichkeit gezerrten und demontierten Mitarbeiterin zu sein, kann und will er sich nicht antun. Bei allem Einvernehmen, das ab jetzt keinen Pfifferling mehr wert ist. Ich kann mir allerdings nicht leisten, auf seine Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.

Ich schau ebenso sanft zurück: "Du weißt schon, wie alt ich bin? Ich mach nirgendwo mehr Karriere." 

Kein Wunder, dass ich schlimmer aussehe als Renée Zellweger.

Dienstag, 18. Oktober 2016

Wer noch niemals in lauschiger Nacht...

... ein Change Management mitgemacht.

Kein Stein bleibt auf dem anderen, das ist das erklärte Ziel. Was genau ist der Grund? 

Nun ja, der ist immer und überall auf der Welt derselbe. Ein paar Leute, die ganz nach oben wollen (genauer: dorthin, wo jetzt der sitzt, der schon ganz oben ist), und das nur zu schaffen glauben, indem sie inflationär mit Begriffen wie Diversity, Sustainability, Stakeholder Value und Key Performance Indicator um sich schmeißen, es leider nicht beim Mind fucking belassen, sondern den ganz oben davon überzeugen, dass all der hohle Quark auch umgesetzt werden muss. Der ganz oben hat - schätze ich - Angst, dass die ihn vor der Zeit plattmachen, wenn er nicht mitmacht. 

Also übt er nachts heimlich all diese Worte auswendig, so wie auch das verschreckte Volk (inklusive mir) beginnt, den Sinn dieser Worte in irgendeinem Wiki zu ergründen, man will ja irgendwie mithalten, aber das verhindert natürlich auch nicht, dass man zur Schlachtbank geführt wird. 

Als erstes wird einem jedem einmal mehr klar gemacht:
  • Es ist egal, was du kannst. Du bist nicht oben, also kann es nichts Besonderes sein
  • Du sträubst dich? Um so besser, genau so wird's gemacht
  • Die neue Software funktioniert nicht? Wahrscheinlich bist du nur zu blöd, sie zu bedienen 
  • Du denkst, du hast gute Argumente? Irrelevant, behalt sie für dich
  • Du bist richtig gut in deinem Job? Wie niedlich, jeder Idiot kann das besser als du
  • Du meinst, dein Wissen ist unverzichtbar? Glaub mir, dich kennt hier niemand  
Und dann werden Jobs und Abteilungen mit der Brechstange zerschlagen, wider besseren Wissens und ohne Aussicht, je wieder an einen Punkt zu gelangen, an dem der Job Sinn hat oder Spaß macht. 

Es geht nur um eins: Machtzuwachs durch potemkische Dörfer. 

Die Anzahl der Meetings steigt ins Unermessliche. Dabei ist gar nicht erwünscht, dass man irgendwas zum besten gibt, in einer der zahllosen und gleichermaßen absurden Besprechungen. Abnicken oder nicht abnicken, das ist hier die Frage. Kein Schwein kommt mehr zum operativen Geschäft, was den Druck erhöht. 

Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass die sogenannten High Potentials den Frust der 75%, die den Laden in Wahrheit schmeißen, nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern willentlich potenzieren. Vielleicht weil sie die ganze Zeit die Hosen voll haben, dass ihnen die Bude um die Ohren fliegt, denn bei all dem Mist, den sie entscheiden, können sie nichts anderes als Panik haben. Also, ich hätte Tag und Nacht eine Scheißangst, wenn ich mich aus Karrieregründen gezwungen sähe, derlei Hara Kiri zu erfinden und dann auch noch zu implementieren. 

Also ist es ihnen lieber, wir haben Angst. Besser eine innerlich gekündigte Belegschaft ohne Rückrat, als eine, die noch Kraft und Mut aufbringt, sich diesem Wahnsinn entgegenzustemmen.

Und schneller, als ich es je für möglich gehalten habe, ist mein erklärtes und einziges, leider noch in Ferne liegendes Ziel, zu einer neuen inneren Haltung zu gelangen: es ist nur ein Job.

Samstag, 10. September 2016

Betriebsausflug

Es ist jedes Jahr dasselbe: die immer gleichen Typen stehen den ganzen Abend neben Obermufti und kauen ihm ein Ohr ab. Sie sehen nur anders aus, weil sie keinen Anzug tragen. Die meisten erkennt man gar nicht auf den ersten Blick, so verändert sehen sie in Jeans und Hoodie aus.

Die, die immer bei Cheffe stehen, tun das nicht mal, weil es ihnen Spaß macht, sondern um nicht zu merken, dass sonst niemand bei ihnen stehen würde. So ein Boss und seine Unterbosse haben es auch nicht immer leicht, deshalb stützen sie sich gegenseitig, bleiben unter sich, weil sonst gar niemand da ist, der freiwillig seine Zeit mit ihnen verbringen wollte. 

Es gibt einen, vor dem zittert das ganze Haus. Es wird gekuscht und beklatscht, was immer er sagt, befiehlt oder sich neues ausdenkt. Unser ganz persönlicher Kim Jong-Un. Jeder hört ihm jederzeit zu und ganz schlimm trifft es die, mit denen er sich privat zum Bier treffen will, das kommt vor. An ihm kann man exemplarisch studieren, wie Diktaturen entstehen. 

Aber auf dem Betriebsausflug, da ist er am Arsch. Weil sich niemand in seine Richtung bequemt, kein einziges Schwein will mit ihm reden. Da nützt auch nicht die Freizeit-Maskerade, in der er eigentlich ganz sympathisch aussieht, aber jeder weiß ja, dass er es nicht ist. Deshalb klammert er sich an Ober-Mufti wie ein Krake. 

Schlimm wird es, wenn Ober-Mufti die Tanzfläche stürmt, denn der ist lässig genug, das zu tun. Dann steht Westentaschen-Kim ganz allein am Rand und weiß nicht, wohin mit sich. Er könnte einem fast leid tun, mit Betonung auf könnte.

Dann gibt es noch die Abteilungsleiter, die sich affenartig schnell betankt und ekstatisch zu den Backstreet Boys ins Getümmel werfen. Everbody, yeah, yeah! Ab jetzt ist kaum noch eine Frau sicher. Machen wir uns nichts vor, Antanzen ist von der mittleren Führungsebene erfunden worden. 

Besonders zwei sind dafür bekannt, dass sie trotz Frau und Kindern, nun... sagen wir: ergebnisoffen sind, was den Verlauf des Abends betrifft. Und zwar so ergebnisoffen, dass sie nicht mal zielorientiert sind. Stieren Blickes ist ihnen eine Jede recht. 

Die Frauen handeln klug, bleiben ausweichend, dabei charmant, denn ab Montag geht alles wieder den gewohnten Gang. Keine will ihren Ruf schrotten und - was wohl noch wichtiger ist - sich eine Nacht mit einem Mann ans Bein binden, der seiner kognitiven und feinmotorischen Fähigkeiten zur Gänze beraubt ist. 

Die Azubinen sind rührend aufgerüscht, weil sie noch nicht begriffen haben, dass bei uns aufrüschen eben nicht angesagt ist. Im Gegenteil, alle sehen erfrischend unangestrengt und unaufgebrezelt aus, was ich tatsächlich sehr schätze, wenn es im Grunde auch nur ein anderer Dresscode ist, den man tunlichst beherrschen sollte.

Sonst noch was? Der DJ war ein beratungsresistenter Reinfall. Ein Ausnahmetalent im leeren der Tanzfläche. Nun ist meine Kollegenschaft die tanzwütigste, die ich in meinem Berufsleben je erlebt habe. Die spielen auch Saturday Night Fever nach, weil drei Weltklasse-Talente so eine Show abziehen, dass der Rest applaudierend drumherum steht. Sie lassen sich also nicht so schnell von ihrem Programm, die Nacht durchzutanzen, abbringen. 

Aber dieser macht ihnen das Leben außergewöhnlich schwer. Viele gehen zu ihm und tragen ihre Wünsche vor, die er ausnahmslos nicht erfüllt. Manche überlegen, ob man ihn einfach nach Hause schicken soll, um die eigene Playlist runterdudeln zu können. Die Juristen beraten, ob Lynchjustiz nicht vielleicht doch angebracht wäre. 

Getanzt wird trotzdem, denn einmal im Jahr wollen alle zeigen, dass sie ganz anders sind.  

Mittwoch, 31. August 2016

Gott würfelt nicht. CEOs aber schon.

Im Auto höre ich Radio und da wird erzählt, dass vor allem DJs und Musiker unter Depressionen leiden. Wegen der Nachtarbeit undsoweiter. Der arme Moby hat sogar ein Lied drüber komponiert. Ich hing so meinen Gedanken nach.

Man sollte mal lieber erforschen, ob Tippsen unter Depressionen leiden. In Relation zur Weltbevölkerung. Von uns gibt's viel mehr. Aber wir haben nicht soviel Glamour. Ich vermute, dass es sich nicht so sehr um Depressionen handelt, unter denen wir leiden, sondern um Verbitterung. Genauer gesagt, leide ich aktuell unter einer ziemlich manifesten Verbitterung, seit sechs Wochen schon. Ich mache mir schon einige Sorgen, dass ich bald aussehe wie Angela Merkel, nur mit einer anderen Frisur halt.

Hat eigentlich schon mal jemand davon gehört, dass irgendjemand von einem sogenannten Change Mangement profitiert hat, außer den paar Hanseln, die alles ausgeheckt haben?

Die einzige Umstrukturierung, die ich bisher erlebt habe, war aus der Not geboren, diente dem Überleben und endete in einer Insolvenz, aber da hatte ich das sinkende Schiff längst verlassen. 

Jetzt erlebe ich das bei lebendigem Leib, ohne Exit Strategie und auch wenn ich als eher hysterischer Mensch durchaus Gefallen an ups and downs habe, ist mir das im Moment doch ein bissel zuviel Theater, vor allem, weil es keinen Grund gibt, außer dem sinnlosem Spieltrieb einiger Hardcore-Narzissten. No reason, just for fun. 

Und ich Dummerchen dachte immer, dass ich es zu einer gewissen Unersetzlichkeit in meinem Tanzbereich gebracht habe. Was ja auch eine Form des Narzissmus ist. Da hab ick mir aba jetäuscht. 

Ja, den Alten gibt's nicht mehr. Mich aber auch nicht; jedenfalls nicht mehr dort, wo ich sein will. Ich hab jetzt eine tolle Saftschubsen-Karriere vor mir. Der Spaß ist vorbei. 

Der poetische Auspacker in der vorherigen Firma war mir an Gelassenheit meilenweit voraus. Er hatte an die Wand ein Stück Pappe geklebt, auf dem stand:


Kisten.
Wo kommt ihr her? Wo geht ihr hin?
Wo ist der Sinn? 
Kisten.