Donnerstag, 15. Dezember 2016

Auf dem Zahnfleisch

In Hollywood wäre das jetzt ein Happy End: Das Change Management feiert seinen Höhepunkt mit einem Umzug. Alle Hühner werden von der Stange gescheucht und alle schauen zu, wo sie nach dem Geflattere wieder landen. Dabei beginnt jetzt der Horror, aber das verschweigt Hollywood ja auch immer.

Ich im dunkelsten Büro, das der Laden zu bieten hat, nicht direkt im Keller, aber aus ist es mit den spektakulären Sonnenuntergängen und dem Blick weit über Berlin. Kein Elfenbeinturm mehr. Abends keine Musikbeschallung mehr, ich sitze jetzt weit entfernt von meinen musikalischen Kollegen. (Memo an mich: so'n Dingens kaufen) Zukünftig sehe ich auf Fahrstühle. Nun ja.

Die letzten Tage geräumt, gepackt, weggeschmissen, nebenbei noch die neue Regierungsmannschaft in die Adressdatenbank eingehackt und die alten Haudegen deaktiviert. Alle fünf Jahre dasselbe Spiel. Und dann nennen sich die Senatsverwaltungen immer noch um, was die Mailadressen verändert, an die man auch erst kommen muss. Nicht zu vergessen, dass auch 97.000 Bezirksstadträte und Bezirksbürgermeister gewechselt haben. 

Jeden Morgen schicke ich mir aus dem E-Paper einer hiesigen Tageszeitung die wichtigen Artikel ins Büro, denn leider werden mir die Neuerungen nicht geliefert zum eintragen. Und zur Jahresanfangssause müssen die richtigen eingeladen werden, nicht dass ich noch im SPIEGEL lande, wie damals die arme Tippse, die irgendeinen Außenminister eingeladen hat, der seit 4 Tagen kein Außenminister mehr war. Was aus der wohl geworden ist? Ich hätte den Arsch, der so eine dumme Lappalie dem SPIEGEL steckt, gerne (beliebiges Kapitalverbrechen eintragen). 

Keinen Tag, den ich nicht mindestens 11 Stunden im Büro verbringe, seit Wochen, wegen der Sonderaufträge, die ich noch schnell erledigen soll, bevor ich keine Tippse mehr bin. Cheffe greint, wie soll ich nur ohne dich klarkommen? Das weiß ich auch nicht. Aber ich werde zumindest sehr gut ohne ihn klar kommen. Ich kann immer noch nicht fassen, was ich zukünftig alles nicht mehr machen muss. Das fühlt sich an wie Rehab.

Ich taumel jeden Abend hungrig und todmüde aus dem Laden, weiß kaum noch, wie ich meinen Namen buchstabieren soll und bin doch einigermaßen bewegt, wie tadellos ich mich halte, auch wenn mir ein Ticken zu oft gesagt wird, ich sähe angestrengt aus. Schnick Schnack, sowas darf man in der Nähe eines Hypochonders nicht mal denken. 

Manchmal träume ich mich in irgendeine Senatsverwaltung, wo ich durch lange Flure mit trüben Öllampen wandere, eine uralte Holztür öffne, hinter dem sich mein muffiges Büro befindet, in dem lauter klapprige und potthässliche Möbel stehen, dann schließe ich die Tür mit einem lauten Knall und dann ist Ruhe, weil niemand was von mir verlangt und schnell schon gar nicht, weil ich damit die Preise verderben würde, ich würde assimiliert werden und in kürzester Zeit Applikationspullover tragen, mir eine praktische Kurzhaarfrisur zulegen und mit dieser entspannt der Rente entgegen dämmern.

Bald habe ich frei und wie ich mich kenne, werde ich nach diesem Höllenritt erst mal nichts mit mir anzufangen wissen, verlottert werde ich auf dem Sofa liegen, ungewaschen und Vera am Mittag Drei Haselnüsse für Aschenbrösel gucken, mehr wird nicht drin sein. Vorher werde ich mir vornehmen, ganz viel Sport zu machen und bei dem Vorsatz wird es bleiben, weil erstmal will ich nur liegen bleiben, stelle ich mir heute so vor, aber ganz schnell werde ich Rückenschmerzen bekommen, worüber ich ins sinnieren kommen werde, dass alles besser wäre, wenn ich jetzt doch mit dem Sport anfinge und dann ist der Tag auch schon wieder rum. 

Nur eins ist klar: dieses Jahr halte ich mich an's Gebot, "wir schenken uns nichts". Da werden die ganz schön gucken, nehme ich an.

Kommentare:

  1. Du bist auf der Ziellinie. Die paar Tage schaffst du auch noch. Ich bin so stolz auf dich, in meinem Freundeskreis ist noch nie irgendjemand befördert worden. Alle haben einen Job und dann geht es eben weiter bis zur Rente oder in die Grube. Kauf dir doch jetzt schon mal ein Fläschchen Veuve Cliquot und Valrhona-Schokolade für den Tag nach dem Sekretariatsjob.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Veuve Cliquot ist in meinem Fall Perlen vor die Säue und für Stolz besteht kein Anlass. Ich bleib hübsch in meiner Gehaltsgruppe, also ziemlich weit unten. Wenn man allerdings "weniger Aufgaben" als Beförderung betrachten will, knalle ich karrieremäßig direkt durch die Decke ;)

      Löschen
  2. ich kann die alten folgen two and a half man empfehlen. ob die mit richter hold und auf streife mithalten können weiß ich nicht :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaub, ich schaff mir netflix an.

      Löschen
    2. da kann ich timo schuster nur aufs wärmste beipflichten. nichts entspannt mehr, als mit zwei alten two and a half man-episoden in den tag zu starten.

      Löschen
  3. Hm, also ich finde wenige Aufgaben zu haben gut, da fällt keinem auf, wenn ich nebenbei an meinem Roman bastel (natürlich schön analog im Notizheftchen (schön flach und unauffällig auf dem Schreibtisch...), einen Brief schreibe, Kreuzworträtsel löse, einen Umbauplan zur Gartengestaltung male, To-do-Listen anfertige und wieder streiche, meditiere... Gehe immer sehr entspannt nach Hause, denn ich habe den gesamten Arbeitstag Zeit, meine Freizeit perfekt zu strukturieren. Seit ich arbeite, habe ich mehr Freizeit, ein Genuss! So, think outside the box!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dem würde ich beipflichten. Annika soll einen Roman schreiben!

      Löschen
    2. Das werde ich mir merken :-)

      Löschen
  4. Irgendwo auf dem unterhaltsamen Weg hier hab ich gar nicht mitbekommen, was ab demnächst deine Aufgabe ist - oder auch nicht..in welchem Artikel hier hab ich das überlesen? Kack auf die Aussicht...ich hatte jahrelang keine...dafür eine keifende Kollegin, gott was h#tte ich für eine noch beschissenere Aussicht gegeben (nämlich die meines winzigen 1-Mann-Büros...das waren noch Zeiten...aber nachdem der Chef gefeuert wurde, brauchte es halt keine Chefarztsekretöse mehr...obwohl ich mich noch ein Jahr als solche gehalten habe...), egal, meine Aussicht ist jetzt bombig, aber ich sitz mit dem Rücken zu ihr - schließlich soll a) die Kundschaft selbige bewundern und b) wäre es auch nicht angebracht 90% des Tages sinnierend aus dem Fenster zu starren...aber ich freu mich schon ein bissl. Darauf hab ich aber fast 20 Jahre gewartet..ups...so lange....
    Du bist toll, was du alles kannst, konnte ich nie und werde es nie können. Deine Zeit kommt und überhaupt, schreib ein Buch!
    Ich kauf das als Geschenk nächstes Jahr für alle, egal über was du schreibst!!!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Hedi, meine Aufgaben werden nur weniger, weil das ist hier so: die Tippsen haben am meisten zu tun und werden am schlechtesten bezahlt und alle anderen sind viel mehr "wert", weil sie keine Tippsen sind, dabei sind das eierlegende Wollmilchsäue, die sich dem Nervenkostüm des jeweiligen Chef bis zur völligen Selbstverleugung anpassen müssen, was eine unterschätzte wie hohe Kunst ist.

      Ich mach jetzt nur noch das, was ich am liebsten mache. Auch schön.

      Und Danke für die Blumen. *knicks*

      Löschen