Mittwoch, 22. Mai 2024

Der letzte Mensch der Erde

Als ich 15 Jahre alt war, schrieb ich diesen Aufsatz. Ist also schon sehr, sehr lange her. Ich habe keine Ahnung, woher all diese dystopischen Phantasien kamen. Naja, naturwissenschaftlich war ich minderbegabt, wie leicht zu erkennen ist und ich habe auch (schweren Herzens) alle ungelenken Formulierungen belassen. 

Unser Deutschlehrer gab uns als Aufsatzthema nur diesen einen Satz:

„Der letzte Mensch der Erde sitzt in einem Zimmer. Plötzlich klopft es an der Tür.“

Verstört sah er auf, viele Gedanken schossen ihm durch seinen Kopf. Sein ganzer Lebenslauf lief wie ein Film vor seinen Augen ab.

Vor 26 Jahren, im Jahre 1981, wurde er geboren. Er wuchs in geordneten Verhältnissen auf, litt keinen Mangel an materiellen Dingen – aber wer tat das schon zu dieser Zeit? Man hatte alles im Überfluss, alles war vollautomatisiert, die Menschheit litt unter etwas ganz anderem: die immer mehr verschwindende Natur, die immer größer werdende Fremdheit untereinander und vor allem unter Langeweile. Man war unzufrieden. Gewiss, es fehlte einem an nichts, aber aus diesem Grund hatte man auch nichts, wofür man lebte. 

Gut, zu Anfang gab es noch etwas: Liebe. Ein Gefühl, über das eine Menge geredet wurde. Aber je mehr darüber geredet wurde, desto weniger schien es ihm, desto weniger rechnete er damit, jemals so für einen Menschen empfinden zu können.

Er ging zur Schule, fing mit seinem Studium an: da alle Arbeiten automatisch ausgeführt wurden und nur noch selten die menschliche Hand gebraucht wurde, studierte man. Jeder Mensch hatte sich am Ende seiner Schulzeit auszusuchen, was er studieren will. Wenn er dieses Thema beendet hatte, musste er sich einen neuen Bereich aussuchen, der ihn interessierte.

So verhinderte man, dass die Menschen arbeitslos auf den Straßen herumlaufen – man beschäftige sie mit einem Studium, das ganze Leben lang. Nun, so ein Leben ist nicht allzu lang: durch die andauernde Unzufriedenheit sank die Sterblichkeitsquote rapide ab: das durchschnittliche Sterbealter war mit 40 Jahren erreicht. 

Er war mitten in dem Studium im Bereich der Botanik (er interessierte sich schon immer für die Pflanzen, die einmal auf der Erde existiert hatten), als er von der Hiobsbotschaft erfuhr: Die Erde war langsam am Vergiften, da sie völlig ausgebeutet worden war. Denn weil die Menschen alles zum Überleben benötigten, war sie nur noch eine Hülle, die langsam verfaulte. Es war damit zu rechnen, dass man nicht mehr lange auf der Erde leben kann. Sie war langsam am Zusammenstürzen.

Er nahm die Nachricht gelassen auf. Ihm lag denkbar wenig am Leben. Er hatte noch nie einen großen Sinn in seinem Dasein gesehen. Er beobachtete mit einer beängstigenden Gleichgültigkeit, wie die Erde um ihn herum in sich einfiel. Dieser Prozess spielte sich natürlich nicht innerhalb von ein paar Wochen ab. Er zog sich über zwei, drei Jahre hinweg. Darauf achtete er nicht so genau.

Es gab viele Todesfälle in dieser Zeit, ganze Städte stürzten zusammen. Die Zerstörung der Erde ging langsam, aber stetig voran.

Bis er eines Tages mit gemäßigtem Erstaunen beobachte, wie auch seine Umgebung immer mehr zusammenbrach. Es war ein einziges Chaos, aber alle Menschen nahmen dies ruhig und ohne Angst vor dem bevorstehenden Tod hin. Keiner bemühte sich, sich vor den zusammenstürzenden Häusern zu schützen – in dem jahrelangen Vegetieren, wo man zwar keinen Hunger leiden brauchte und auch sonst alles hatte, was man zu Leben braucht, hatte man den Willen zum Leben verloren. Man sah keinen Sinn, in dem was man tat, aber man nahm es auch hin, ohne zu fragen oder zu murren. 

Dann wurde es wieder stiller und er war allein, langsam ging er in den Trümmern umher und ihm überkam eine große, stumpfsinnige Traurigkeit: warum musste gerade er überleben? Er ging in irgendein Haus, dass noch erhalten war und fand das Zimmer, in dem er nun saß. Er hielt immer noch das Messer in der Hand, mit dem er sich vorhin seine Pulsadern aufgeschnitten hatte, um seinem Leben endgültig ein Ende zu setzen.

Plötzlich klopft es an der Tür.

Mittwoch, 1. Mai 2024

Harvard und MIT

Ich hatte als Ausflugsziel den Harvard Campus auf dem Zettel. Ich wollte mir sogar einen Harvard Sweater kaufen. Ich wollte unbedingt über den Campus schlendern, ich kann nicht mal richtig erklären, weshalb eigentlich; wahrscheinlich wegen all der Bücher und Filme, die ich gelesen und gesehen habe und die an diesem magischen Ort gespielt haben. Die kleine Landpommeranze ist einfach nicht aus mir herauszubekommen.

Als wir ankamen, waren alle Eingänge geschlossen, weil der Campus besetzt war von Studierenden, die für Palästina protestierten. Ich war untröstlich und fotografierte durch die Zäune. 

Erst jetzt, ein paar Tage später, ist mir klar geworden, dass ich immerhin zu einem historischen Zeitpunkt vor den Zäunen von Harvard stand, da offensichtlich auf der ganzen Welt junge Menschen für Palästina ihren Campus besetzen und dies mittlerweile schwer bewaffnete Sondereinheiten auf den Plan ruft. Eine weitere Zeitenwende. 

Meine Haltung dazu: man soll immer gegen Kriege und Gewalt demonstrieren können, müssen, dürfen. Durch dieses Schlupfloch jedoch Antisemitismus zu etablieren, verwechselt etwas, hat nichts verstanden und soll sich gehackt legen. Gerade wir Deutschen müssen das kapieren, denn by the way: ohne uns gäbe es dieses „Palästina Problem“ gar nicht. 




Anyway, wir sind also direkt weiter zum MIT gefahren und dort über den Campus gelaufen, der eine ganz andere Sache ist als Harvard. Kühle und puristische Architektur, die darauf aus ist, Eindruck zu schinden. Ich konnte mir hier Sheldon Cooper überhaupt gar nicht vorstellen. Man sah auch keine Menschenseele. Der Wind pfiff über den Platz und zum Ausgleich kaufte ich mir im MIT Museumsshop ein Mitbringsel. 




Und wo wir unter anderem natürlich auch waren:


Sidekick: ich werde niemals wieder über die Berliner U-Bahn meckern. Das sind die reinsten Prachtbauten. In Boston hingegen: düstere Orte der Verdammnis. 





Mit Amish People nach Boston

Als wir in den Bus steigen und in den Reihen vor uns eine Amish Familie saß, die schon in der Warteschlange vor dem einsteigen hinter uns stand, war ich sehr beeindruckt, Menschen einer Religionsgemeinschaft zu sehen, die direkt dem Mittelalter entsprungen schienen. Und von denen ich natürlich ein klares Bild aus dem Film „Der einzige Zeuge“ hatte. 

In dem Film waren das alle durch die Bank hochattraktive Menschen, in der Realität war es für mich erschütternd zu sehen, dass sich die alte Frau vor mir, als sie sich umdrehte, als höchstens 18-jähriges Mädchen entpuppte. Der dazugehörige Sohn war dann natürlich nicht ihr Sohn, sondern offenkundig ihr Mann. Alle Männer hatten einen Topfschnitt: Die Haare waren knapp unter den Ohren gerade abgeschnitten und als ob das nicht schon gereicht hätte, hatte man jedem Mann auch noch einen ganz kurzen Pony verpasst. 

Der verheiratete Mann hatte ausufernde Koteletten und einen schrecklichen Fusselbart. Ab und an flüsterte er seiner Frau sehr leise etwas zu, diese reagierte überhaupt gar nicht. Wahrscheinlich zwangsverheiratet und daher passiv aggressiv. 

(Um ehrlich zu sein, erscheinen wie meine Witzchen an dieser Stelle vollkommen unangebracht, ich bin nämlich nicht überheblich gestimmt, sondern ehrlich beeindruckt von dieser vollkommen anderen Welt, die mir da gerade vor die Füße gefallen ist)

Direkt vor mir saßen zwei Teenager Jungen, die die gesamte zweistündige Fahrt kein einziges Wort miteinander sprachen, aber jedes Mal sehr interessiert die Hälse reckten, wenn wir an einer Auto Firma vorbei fuhren. 

Als wir in Boston ankamen, ging die gesamte Familie, ein Großeltern Paar war auch noch dabei, eine Weile vor uns her. Jeder einzelne schleppte schwere Koffer, die mindestens 100 Jahre auf dem Buckel hatten. Ich fragte mich, woher sie kamen und wohin sie wollten. Ich hätte sie unglaublich gerne angesprochen, aber ich hab mich nicht getraut. 







Mittwoch, 24. April 2024

Annika in Amerika

Ja, ihr Lieben, die ihr mich womöglich noch kennt und euch jetzt hierher verirrt: ich habe meine Flugangst überwunden und bin an der Ostküste, bei meiner besten Freundin. 



Diesen ersten großen Flug über den Teich haben wir gemeinsam bestritten, denn sie war zuvor in Berlin. Ich allerdings habe mir Business Class gegönnt und habe dann tatsächlich in Dublin beim umsteigen nach Boston für sie ein kostenloses Upgrade erwirken können. Das war ein Fest! Wir wollten gar nicht mehr aussteigen. Die Stewardess, die uns das möglich gemacht hat, wollte ich heiraten. 

Mir hat sie praktisch das Leben gerettet, denn um ehrlich zu sein: ich werde wohl meinen Lebtag keine Frau mehr werden, die entspannt um die Welt fliegt. Schon in Dublin war ich fix und fertig. Ich musste ein wenig weinen bei dem Gedanken, dass ich jetzt wieder einsteigen und noch siebeneinhalb Stunden nach Boston fliegen muss. Aber da hatte ich ja noch keine Ahnung, wie schön die Business Class ist. 




Alles andere ist eigentlich gegen die Menschenwürde. So sollte ein jeder reisen können und dürfen, ach was sage ich: sollen und müssen. Wunderbares Essen auf feinsten Porzellan, der Sitz zu einem Bett ausziehbar, Kissen und Decke bekommt man auch, ein zauberhaftes kleines Reisenessecaire ebenfalls - wenn es nach mir gönge, flöge unsereiner jetzt alle halbe Jahre rüber, aber es scheint sich um ein einmaliges Angebot gehandelt zu haben, denn ich suchte heute nach neuen Flügen im nächsten Jahr, aber nicht mal ansatzweise wurde der Preis angeboten, den ich jetzt bezahlt hatte. Schluchz. 

So, aber wie ist es nun hier in Amerika? Grob gesagt, hier ist alles anders. Hier sind vor allem Reichtum und Armut nicht getrennt voneinander untergebracht. Bei Walmart arbeiten Menschen, die kaum Zähne im Mund haben und die noch schlechter gekleidet sind, als die Obdachlosen am Bahnhof Zoo. Eine Hoffnungslosigkeit und Resignation in den Gesichtern, die mir gezeigt haben, wie sehr ich in Berlin separiert von Armut bin. Bei uns liegen ganz arme Menschen auf der Straße und ich bestimme den Abstand, mit dem ich an ihnen vorbeilaufe.

In der Straße, in der meine Freundin lebt, sind die Häuser in so unterschiedlichen Sanierungs- und Renovierungszustand; da gibt es auf 100 m alles dicht nebeneinander, was auf gehobenen Wohlstand, gar Reichtum als auch vollkommene Verwahrlosung und Messitum hindeutet. Armut kriegt man hier in die Fresse gehauen, anders kann ich es gar nicht beschreiben. Und auf meinen Spaziergängen bin ich immer wieder aufs Neue bestürzt. 


Natürlich, wenn man nach Kennebunkport fährt, zum Sommersitz der Familie Bush, da gibt es nur Reichtum, riesige Häuser auf Klippen, aber auch diese Riesen kommen mir fragil vor und dem Atlantik hilflos ausgeliefert: Hier ist alles nur aus Holz gebaut. 



Was ich auch nicht wusste: wie teuer hier alles ist. Wenn ich zurückkomme, werde ich demütig genießen, dass mir, wenn ich aus dem Rewe rauskomme, immer noch genug Geld für den restlichen Monat bleibt. Das billigste Deo 9 $. Klopapier 10 $. ZEWA 17 $. Von Lebensmitteln oder im Restaurant essen gehen, will ich gar nicht erst anfangen. Ach es gibt so vieles her, ich werde weiter berichten.

Das Klischee vom freundlichen Amerikaner stimmt im übrigen. Sie sind unfassbar freundlich. 



Mittwoch, 10. Januar 2024

Hochzeit in der Schwarzwaldklinik

Wer mal so richtig herzhaft lachen möchte, so dass einem die Tränen kommen, die Schminke verläuft und der Wunsch aufkommt, man hätte Tena Lady im Haus, beziehungsweise Reue aufkommt, dass man Beckenbodengymnastik bisher nie in Erwägung gezogen hat, muss das hier lesen:

https://herzbruch.me/09-01-2024/

Dienstag, 2. Januar 2024

Silvester mit Peter Maffay und Philipp Amthor

 

Wie jedes Jahr: die ersten drei Worte, die du erkennst, beschreiben dein Jahr 2024.
Ich hatte Neuanfang, Liebe, Leidenschaft. Käme keine Minute zu früh. Ich hätt's verdient. Bin gespannt. 

Gestern habe ich Silvester gefeiert wie eine Zwanzigjährige. Und darauf hatte ich wirklich keinen Bock. Tanzen gehen mit einer Freundin. 80er Jahre Party. Wann hört das auf, frage ich mich? 

Dann wurde es aber doch erfreulich, weil die Location mit Menschen meiner Altersklasse gefüllt war und alle strahlten alle an und das mag ich ja schon mal. An unserem Tisch saßen zwei Paare, die sich aber auch erst 30 Minuten zuvor kennengelernt hatten. 

Das eine Paar bestand aus Stevie-Nicks und Peter-Maffay-Look-alikes, die waren einander sehr zugewandt, lässig und herzlich zu jederman. Sie tanzte in einer Tour, sehr gekonnt und überhaupt nicht peinlich und als sie uns ihr Alter verriet, schrien wir auf "nicht möööglich", denn wir hatten sie jünger als uns geschätzt, aber sie war 70. Also, wenn ich so mit 70 unterwegs bin, habe ich alles richtig gemacht.

Das andere Paar der Knaller: Er stockschwul, im hellgoldenen Satin Anzug, mit Schmuck behangen, Philipp-Amthor-look-alike, grässlich, jedoch ebenfalls sehr freundlich. Sie: aufgespritzte Lippen, dramatisch tätowierte Augenbrauen, von Hacke bis Nacke in Lurex gekleidet und eine der gutmütigsten Frauen, die ich je kennengelernt habe. Sie ging nämlich geduldig auf sämtliche seiner klemmigen Versuche, ihr den Latin Lover zu geben, ein und lächelte unentwegt, küsste ihn gar, beide spitzten ihre Lippen maximal dabei - sie rettete sich nur oft aus der Situation, in dem sie rauchen ging. 

Ich konnte sie verstehen und ich meine, sie war sein Escort für diese Nacht, in der er sich offenbar einen heterosexuellen Anstrich geben wollte, warum auch immer. Ich hoffte für sie, dass er in dieser Nacht nicht noch zum äußersten würde gehen wollen, denn auch so schien mir das schon hart verdientes Geld zu sein. Mir sagte er pausenlos, dass er sich doch sehr wünschen würde, dass endlich mal Depeche Mode gespielt werde, aber natürlich wurde nur so Zeugs wie West End Girl und Le Freak gespielt.

Zwischen uns sechs Fremden entwickelte sich über die Stunden eine herzliche Verbindung, fast nur durch Blickkontakt, weil die Musik derart laut war, dass ich mir die gegen die mitternächtliche Knallerei mitgebrachten Ohrstöpsel schon viel früher in die Ohren stopfte, aber das tat unserer aufkeimenden temporären Freundschaft keinen Abbruch. Wir waren alle bereit, uns zu amüsieren, aber keiner war drüber.

Vertraulich fassten wir uns an den Händen auf dem Weg zur Tanzfläche und als Mitternacht war, nahmen wir Frauen uns derart fest in die Arme, also, wie soll ich das sagen, wir legten alles in diese Umarmungen, unser ganzes Wissen über das Leben, unsere Erfahrungen, wir trösteten uns wortlos - ich kann's nicht besser beschreiben. Wie dieser Wissensautausch bei Mr. Spock. Man kann ja eine Menge in eine Umarmung legen und ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals fremde Frauen so innig umarmt, sie ließen gar nicht mehr los und ich auch nicht.

Ja, so war mein Silvester. Man kann schlechter ins neue Jahr kommen.

Tipp:
Netflix, German Genius
ARD Mediathek: Weihnachten in Familie (Fortsetzung von "Das Begräbnis")