Sonntag, 29. Dezember 2019

Wo ich gerade bin


Weihnachten ist überstanden und nun bin ich an der Ostsee, in einem Haus, das ich nicht wieder verlassen möchte. Das schöne ist, dass ich wegen meiner nun bald einjährigen Nichtraucherei nicht mehr im halbstundentakt vor die Tür muss, die Temperaturen haben sich nämlich finally empfindlich der dazugehörigen Jahreszeit angenähert. Eisiger Ostwind weht von hüben nach drüben. 

Deshalb müssen wir weiterhin Speck ansetzen, was uns an dieser hübsch anzusehenden Tafel gar nicht mal so gut gelingt, denn die Stühle sind die reinste Katastrophe. 


Was mache ich statt der nikotinbedingten Auszeiten? Ich lese obsessiv, wie damals als ganz junges Mädchen, als lesen innere Kündigung von der Blutsverwandtschaft bedeutete, abtauchen in die Internatsmitternachtspartys im Kreise von Hanni und Nanni. In diesem Sessel. Hervorragendes Zeit rumkriegen neben all dem kollektiven Gewandere durch die mecklenburgische Flora und Fauna.


Oder dem Rumgeliege auf diesen Sofas, die es mir besonders schwer machen, wieder aufzustehen und mich dem Leben zu stellen (weitere Wanderungen).


Kurz und gut: ich bin im Glück und wünsche allen ähnliches zum Jahresausklang; ich denke, das haben wir alle verdient.


Samstag, 21. Dezember 2019

Bei Königs zuhause

Ach, jetzt haben wir es endlich wieder geschafft: die längste Nacht bricht heute heran und ab morgen geht es wieder aufwärts. Es ist aber auch sehr dunkel in diesem Jahr. Zum Ende hin spülte es mich in eine Millionärs... ach, was sage ich: Milliardärsvilla. 

Als ich neulich auf diesem Konzert war, wurde auch für einen Chor geworben. Keine großen Ansprüche, keine Aufführungen, nur zum Spaß halt. Ging gleich zum Dirigenten, der mir versprach, einen Kontakt herzustellen, denn der Chor würde bei einer Dame proben, die ihr Haus geöffnet habe für die Proben und sie möchte vorher wissen, wen sie da einlasse. Aha, nun ja, also nix Gemeindehaus irgendwo, sondern eher Salon, hach dachte ich, mal sehen, wie das wird. 

Zu dritt meldeten wir uns bei der Dame, die huldvoll zurückschrieb, wir seien ihr herzlich willkommen, es wäre allerdings schön, wenn eine von uns auch die Tenorstimme singen könne. Ich empfahl mich, denn wie sagte ich während meiner aktiven Chorzeit immer "Untenrum bin ich echt gut". 

Schon "Stille Nacht, Heilige Nacht" muss ich nach unten oktavieren, weil mir höhe Töne Stimmbandlähmungen verursachen. Ich bin praktisch das stimmliche Gegenteil von Marianne Rosenberg, die hoch singt und mit einer tiefen Sprechstimme überrascht, während ich eher wie Franziska Giffey spreche, aber singe wie russischer Domkosake. 

Wir fuhren in dieser Woche zur angegebenen Adresse und standen andächtig vor einem Trumm von Villa, und zwar genau die Art von Villa, zu der wir niemals Zutritt erlangen würden, normalerweise.  Ehrfucht nahm von mir Besitz, denn landpomeranzisch wie ich nun mal bin, bin ich nicht frei von Dünkeln in die umgekehrte Richtung. Will sagen: echter Geldadel merkt in der ersten Millisekunde, dass ich aus einem handfesten niedersächsischen Reihenhaus stamme, da kann ich noch so vermeintlich natürlich säuseln - es wird immer eine Leutseligkeit zu erkennen sein, die verrät, dass ich mitnichten meine Freizeit in gigantischen Gründerzeitvillen verbringe.

Nun ist schiere Größe durchaus beeindruckend; in dem "Salon", in dem wir geprobt haben, hätte meine Wohnung gleich zweimal reingepasst. Aber, und das beobachte ich nicht zum ersten Mal, sichtbarer Reichtum hat nicht unbedingt etwas mit Geschmack zu tun. Es will sich auch selten ein heimeliges Gefühl einstellen. Wenn das nicht wie in der Bibliothek von Downton Abbey aussieht, hat die Hausherrin meiner Meinung nach kein Talent für's Ambiente - da kann noch so viel gefällige, gegenstandslose Kunst im Original an den Wänden hängen. 

Wenn ich dafür auf seelenlosen Sofas (gelb-orange) und Stühlen (Kirschholz) sitzen muss, die farblich mit gar nichts korrespondieren, auch nicht mit den endlosen Vorhängen (schlammfarben), die wegen der bodentiefen Fenster angebracht sind, dann hat das alles sicher eine Menge Kohle gekostet und die Bilder wurden auch nicht selber in die Wand gedübelt, aber ich möchte gar nicht tauschen. Anders übrigens bei der Villa, die mal die Auftragsmörderin gehütet hat; da wäre ich sofort eingezogen und hätte nichts verändert.

Die ca. 25 Damen und drei Herren bevölkerten den Raum zwar; schon allein deshalb, weil uns der Chorleiter zum umhergehen während des singens aufforderte, aber ich dachte, wie wohl der Raum wirkt, wenn man hier mal ganz allein ein Buch liest? Man ist dann ja doch irgendwie verpflichtet, jeden Abend 30 Leute einzuladen, um sich nicht ganz verloren zu fühlen, oder? Schließlich waren wir nur in einem Raum zugange. Das Haus birgt ja noch viel mehr, auf mehreren Stockwerken, die wir gewiss nie zu Gesicht bekommen.

Die Hausherrin indes entsprach dem Klischee einer etwas überkandidelten Charity-Witwe, schmal wie Wallis Simpson, aus der Ferne leicht derangiert wirkend, aus der Nähe indes erkennt man Spuren früherer Schönheit, mit überbordender, huldvoller Freundlichkeit, die in nichts meiner eigenen, leicht gequälten Leutseligkeit nachstand, mit dem unbedingten Willen, sich zu amüsieren, sich zu bewegen (= wippen beim singen) und etwas zu bewegen, nämlich am liebsten 30 andere, vielleicht nicht ganz so reiche Menschen, zu beglücken mit temporärer Aufenthaltsgenehmigung in ihren heiligen Hallen. Ich will das gar nicht kleinreden; die meisten reichen Leute hätten da wohl keine Lust zu, nehme ich an. 

Alles in allem ein skurriler, dennoch schöner Abend, denn singen macht einfach Spaß, egal wo. Punkt.

Montag, 9. Dezember 2019

Wenn sich Hedonisten trennen

Zuerst wollte ich ja über meinen ersten Husten (seitdem ich nicht mehr rauche) schreiben und dass das echt einen Unterschied macht, aber dann musste ich umdisponieren, weil mein kleines Herz starr vor Schmerz ist, dabei bin ich gar nicht betroffen von dieser zweit-beschissensten Trennung in diesem an Trennungen nicht eben armen Jahr.

Das flirrende kleine Geschöpf aus der DoKo-Runde, unserem jüngsten Mitglied, das vor über einem Jahr ein Kind gebar, in diesen irre heißen Sommer hinein und wir uns wegen ihr fast jeden Tag trafen, weil sie so litt und beschäftigt werden musste und wir ebenfalls litten unter dieser affigen Hitze und abgelenkt werden mussten und mit weicher Matschbirne den schlimmsten Scheiß zusammenspielten, also damals jedenfalls freuten wir uns alle auf das neue kleine Wesen, das bald unter uns sein würde, und nur der ebenfalls entzückende Vater irritierte mich kurz, als er die große Baby-Überraschungsparty für sie gab und uns erklärte, "Ihr sollte alle kommen, damit sie weiß, dass sie nicht allein ist, falls ich mal nicht mehr da sein sollte, weil sie doch keine Familie mehr hat" - und ich knurrte nur "Was soll'n das heißen: falls du mal nicht mehr da bist? Planst du jetzt schon deinen Abgang?" und ein Schmerz durchzuckte mich, stellvertretend, denn natürlich war von dem Moment an klar, dass er gehen würde. 

Und nun erfahre ich, dass er vor ein paar Wochen morgens um 7 Uhr stinkbesoffen heimkam, "Hab dich nie richtig geliebt, aber das Kind wollte ich, Gespräche zwecklos, ich bin durch mit allem", seine Klamotten packte und jetzt 1-2 mal die Woche vorbeikommt und das Kind hütet, wenn sie arbeiten geht. 

Wenn sie dann weint, blockt er jedes Gespräch ab "Ach, das ist alles schon soweit weg von mir...". Sie isst nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie ist in der Hölle. Sie muss sich eine neue Wohnung suchen, denn ihre billige kleine Wohnung hatte sie aufgegeben, als sie mit ihm zusammengezogen ist. Sie wird natürlich gar keine andere finden, jedenfalls nicht dort, wo sie jetzt wohnt. 

Er, übrigens diplomierter Psychologe, hat nicht das geringste Mitgefühl mit seinem Kind, dem er eine stabile Mutter wünschen sollte, aber alles dafür tut, dass demnächst beide aus dem 5. OG springen. 

Eine andere entferntere Bekannte, verheiratet, drei Kinder, ihr Mann hat sich in eine andere verliebt. Kommt vor, macht ja niemand extra, sage ich immer. Aber er möchte, dass sie mit den drei Kindern auszieht, weil er mit der Neuen ins Haus ziehen will. Das Haus hat ihr Architektenvater erbaut und größtenteils finanziert, aber das ficht ihn nicht an.

Wieder eine andere findet im Handy ihres Mannes ein Selfie: er selbst mit erigiertem Schwanz, geschickt an eine Minderjährige aus der Nachbarschaft. Beides sogenannte Akademiker-Haushalte.

Welten können innerhalb Sekundenbruchteilen zusammenbrechen. 

Ich weiß nicht, waren Trennungen immer schon so brutal? Die Geschichten werden immer grausiger. 

Was noch? Lustige kleine Seite gefunden, via "A Grouchy German is a Sour Kraut!":
Regalgift


Edit 21.12.: Eine Leserin empfahl mir das Kursbuch 87 "Trennungen", erschienen März '87. Hab es mir gleich bestellt und allein der erste Text "Schnittmuster" von Keto von Waberer ist so ziemlich das Beste und Lustigste, was ich zum Thema gelesen habe. Sehr empfehlenswert.

Freitag, 29. November 2019

Alles muss raus



Und wieder schließt eine Buchhandlung. 

Die wunderbare, alteingesessene Philipp Wendland Buchhandlung schließt zum 24. Dezember und bis dahin bekommt man auf jedes Buch 30% Rabatt.

Auch wenn mir das wie Leichenfledderei vorkommt, bat mich die Buchhändlerin, die Werbetrommel zu rühren, denn "schließlich wollen wir am liebsten jedes Buch verkaufen." Kann ich gut verstehen, denn die Reste inventarisieren und remittieren ist ein Graus, psychisch wie physisch.

Da diese kleine und feine Buchhandlung sehr gut sortiert ist, kann ich nur jedem empfehlen, sich auf direkten Wege dorthin zu bewegen; so preiswert kommt man nie wieder an wunderbare Weihnachtsgeschenke bzw. die Aufstockung der eigenen Billy Regale und ganz nebenbei boykottiert man die großen Onlinehändler.



Buchhandlung Ulrich Wendland
Uhlandstraße 184 (zwischen Kantstraße und Ku'damm)
10623 Berlin

Mo-Fr 10-19 Uhr
Sa 10-16 Uhr

Adventssonnabende
10-18 Uhr

Adventssonntage 8.12. und 22.12.
13-18 Uhr

Heiligabend
10-14 Uhr

Montag, 25. November 2019

Mit Tosca kam die Zärtlichkeit

Gestern musste ich sehr viel weinen. Ich war auf einem Konzert eines Drei-Generationen-Orchesters. Winzig kleine achtjährige Geigerinnen neben 75 jährigen Rauschebärten und einer, ca. 55, sah sogar ein bissel wie Sting aus. Für jeden was dabei. Dieses Orchester lebt u.a. von schiefen Tönen und wilden Eigenkompositionen des Dirigenten, der eine 15minütige Neuinterpretation von "Alle meine Entchen" als Welturaufführung komponierte und darin alles verbraten hatte, was Rang und Namen hatte: Mozarts Requiem, Die Moldau von Smetana und den Bolero von Ravel. Es war toll! Mein Make up war schon ganz verwischt, weil ich bei konzertanten Aufführungen eigentlich immer heule. Im Gegensatz zu Opernaufführungen, aber da erzähle ich gleich von.

Jedenfalls war das Konzert zuende, und nun gab es auf einmal den "Überraschungsgast". Der Dirigent bat aus dem Publikum einen Thomas auf die Bühne, der aussah wie eine Mischung aus Borat (Gesicht & Haare) und Chaplin (Anzug und Habitus). Der schnappte sich das Mikro und brach schon beim ersten Satz in Tränen aus, weil er "so oft und schnell gerührt" sei, und weil er seine Maren so sehr liebe, wie noch nie jemanden zuvor in seinem Leben und wir drehten uns alle um zu dieser Maren, die so schön wie Dora Maar vier Reihen hinter uns saß und beide Hände an ihre Wangen gepresst hielt. 

Ich heulte auch gleich los, denn nun würden wir Zeugen eines Heiratsantrags in aller Öffentlichkeit werden, das habe ich bisher nur im Fernsehen oder auf Youtube gesehen und ich sank halb an die Schulter meiner Freundin, umschlang ihren Arm und flüsterte ogottogottogott - denn ich bin gerade sehr dünnhäutig, aber das ist wieder eine andere Geschichte, über die ich nicht berichten werde. 

Nun ja, Borat Chaplin stotterte also etwas von "Unsere Lieder sollen unser ganzes Leben erklingen" und ähnlich sinnloses Zeug und dann fing er an zu singen "L.O.V.E" von Nat King Cole. Er sah sie dabei die ganze Zeit an und warf ihr Kusshände zu und als er zuende gesungen hatte, kam sie zu ihm auf die Bühne und dann umhalsten sie sich innig und küssten sich ewig und wir klatschten und hatten was im Auge und dann sank er auf die Knie, holte den Ring raus und bat sie um ihre Hand. rannte er hinter die Bühne und kam wieder mit einem hässlichen Blumenstrauß und dann sank er auf die Knie, holte den Ring raus und bat sie um ihre Hand und dann passierte gar nichts. 

Er nahm ihre Hand und setze sich doch glatt wieder mit ihr ins Publikum. Gerade als wir uns fragten, ob der Mann noch ganz knusper ist, stand er noch mal auf und rief ganz laut: "Moment, ich hab noch was vergessen!" Wir drehten uns erleichtert um, weil er nun doch noch die Kurve kriegte, aber dann rief er weiter "Der Andreas (=Dirigent) hatte gestern Geburtstag!" Nun waren wir überzeugt, dass er einen schweren Dachschaden hat und seiner Maren fürderhin eine alsbaldige Trennung anzuraten sei für diesen Scheiß, den er ihr gerade angetan hatte.

In der Oper hingegen, eine Woche zuvor, tobte zwar auch die Liebe und der Irrsinn auf der Bühne, aber das war zuweilen unfreiwillig komisch, weil die beiden heißblütigen und glutäuigen Liebhaber derart übergewichtig waren, dass ich um ihre pyhsische Gesundheit fürchtete. 

Der eine musste immer  ein Gerüst hoch und runter klettern und dabei singen, der andere lehnte sich zur Entlastung stets an Tische und Bänke und wann immer sie die leichtfüßige Tosca küssen wollten, sah das eher aus, als wollten sie sie ihr in den Kopf beißen oder ihr diesen gleich ganz abreißen. Am Ende mussten beide Herren sterben und sich auf die Bretter fallen lassen und da gab es Gekichere im Publikum, obwohl wirklich nur ernsthafte ältliche Opernfans im Parkett saßen, aber die sind natürlich meistens leptosome Typen. Nun ja. 

War noch was? Ja. Ein schöner Text beim Pestarzt aka Kiezneurotiker

Mittwoch, 13. November 2019

Freitagstexter: And the winner is...



Ganze sieben Menschen (davon drei außer Konkurrenz) haben sich ihr Hirn zermartert, um der gemeinen Winkelspinne eine heiterkeitsauslösende Sprechblase in den Mund zu legen.

Gewonnen hat das Schalttagskind mit:

"Hans-Hermanns Welt war flach, schalldicht und windstill. Die Aussicht war ganz okay, allerdings vermisste er manchmal eine Gespielin oder auch nur jemanden, der ihm mal eine andere Meinung sagte als seine eigene. Wie groß war seine Verwunderung, als eines Tages Facebook ausfiel!"

Fast wäre es Dieter Schablonski geworden, aus Verbundenheit (weil er aus meinem alten Kaff kommt). Zudem bediente er mit seiner Antwort meine hypochondrischen Wesenszüge; dennoch möge er mir nicht übelnehmen, dass er einen guten 2. Platz gemacht hat. 

Meinen Glückwunsch an Shhh, der die Bronzemedaille gewonnen hat. Wenn ich einen Wintergarten hätte, würde ich auch nicht mit der Renovierung vorankommen.

Herrn Ackerbau konnte ich unmöglich nominieren, das versteht sich von selbst, aber natürlich ist es entzückend, dass er sich ob dieser ausweglosen Lage dennoch Gedanken gemacht hat. Sicherlich, um dem ganzen hier ein bissel Drive zu geben - lieben Dank dafür.

Allen anderen a.K. - Kommentaren: besten Dank.

Und nun, verehrtes Schalttagskind (das übrigens einen Blogvater hat: den Zeilensturm 
Bühne frei! Am Freitag muss ein schickes Foto bei dir veröffentlicht werden. 

Freitag, 8. November 2019

Freitagstexter




Beim lieben Ackerboy habe ich beim Freitagstexter mitgemacht, gewonnen und darf muss heute den nächsten Freitagstexter ausrichten. Ich kann ihm einfach nichts abschlagen, denn ich bin ihm auf Jahre hinaus verpflichtet, weil er mich mal zu Max Goldt geschickt hat, einfach so.

Zu dem Foto, das ich unten eingestellt habe, soll von euch ein Kommentar oder eine Bildunterschrift erfunden werden, über die ich möglichst lachen muss. Lachkrampf wäre sogar noch besser. Aber es darf auch traurig sein, dräuend und drohend. Oder ein Filmtitel,  ein Zitat für die Ewigkeit; etwas kafkaeskes oder was von Udo Jürgens - was immer euch einfällt.

Bis nächsten Dienstag (12.11.) bitte ich in den Kommentaren um eure Vorschläge. Am Mittwoch (13.11.) gebe ich den/die Gewinner/in bekannt und zur Strafe muss diese Person dann weitermachen am Freitag (15.11.). 

Die genauen Spielregeln: hier entlang



Und nun zum Foto.





Samstag, 2. November 2019

Cash Cow





Ist so ein kleines Kalb nicht herzallerliebst? Wie das so schaut aus langbewimperten Augen, so sanft, dass ich gleich den Weltfrieden ausrufen möchte.

Aber wie beginnt ein Kuhleben heutzutage, wenn sie Pech hat und auf einem Landwirtschaftsbetrieb zur Welt kommt, wie es ihn nicht geben sollte und auf dem die Dinge suboptimal geregelt sind. Nicht so, wie in den Hügelegigen Landschaften, auf dem Tiere im Glück ein beschauliches Leben haben, unbehelligt wiederkäuen und eigene Namen haben, wie Fred zum Beispiel, oder Klaus.

Wenn es schlecht läuft für das Kälbchen, kommt es direkt nach der Geburt in einen winzigen Einzelstall, in dem es sich einmal um sich selbst drehen kann. Es kann nicht nach draußen schauen, nur an der Stirnseite hängt eine Gummizitze mit Ersatzmilch, ein ganz und gar schlechter Ersatz für Mama Kuh. Wenn es Glück im Unglück hatte, durfte das Muttertier es noch trockenlecken, aber nicht selten erfolgt die sofortige Trennung von Mutter und Kind. 
Kälbchen-Einzelställe
 
Später, wenn die Kühe groß sind und Milch geben, wird's nicht leichter. Sie sehen kaum Tageslicht, haben wenig Bewegungsfreiheit, stehen und liegen in ihren Auscheidungen.


Ist die Kuh ambitioniert, darf sie sich auch länger melken lassen als 3-4 Jahre. Wenn sie eher Dienst nach Vorschrift Milch produziert oder auf so eine innerlich gekündigte Art, dann ist sie - klaro - vorher fällig.


Eigentlich könnten sie die Weltherrschaft übernehmen, wenn sie nur etwas mehr Temperament hätten oder einen ausgeprägteren Fluchtinstinkt, wie Pferde beispielsweise. Die wissen zwar in der Regel auch nicht, wieviel Kraft sie haben, aber ihre Feinnervigkeit sorgt für jede Menge Schreckmomente, denen sie hysterisch und mit viel Tam Tam aus dem Wege zu galoppieren suchen. 



  
Kühe könnten locker Zäune niedertrampeln, aber das sagt ihnen niemand. Und selbst wenn sie draußen sein dürfen, genügen nachlässigste Sicherheitsvorkehrungen, um eine Flucht von vornherein zu vereiteln. Was eventuell daran liegt, dass sie durch lebenslanges auf der Stelle stehen weder Kondition noch eine Vision von saftigen Wiesen haben, für die es sich lohnen würde, durchzubrennen. 

Supermoderne Ferrari-Kuh (knochige Hüfte, große Euter)

Meine Herrschaften, an mitunter unwirtlichen Orten wird "Bio-Milch" produziert. Beziehunsgweise wird die uns so verkauft. 

Aber weshalb darf die so etikettiert werden? Ganz einfach: weil die Tiere Bio-Futter bekommen. Hochleistungsfutter. Und fertig ist die Bio-Milch, die wir dann guten Gewissens kaufen. Für letzteres besteht keine Veranlassung. Wollt' ich nur mal gesagt haben.

Edit 3.11.:
  1. Film: "Das System Milch", 2017, 90 Min., auf Netflix und Amazon Prime 
  2. Höfe, auf denen Kälber nach der Geburt nicht von ihren Müttern getrennt werden, finden sich hier

Dienstag, 15. Oktober 2019

Hügelige Landschaften


Wann immer meine beste Freundin aus den USA nach Berlin kommt, verschwindet sie ein paar Tage auf dem Bauernhof eines Verwandten. Diesmal nahm sie mich mit, was mich sehr freute, denn ich bin ja gerade auf so einem zurück-zur-Natur-Trip. Wobei man in meinem Fall erwähnen muss, dass von "zurück" keine Rede sein kann, denn ich war noch nie dort, wenn man von in diversen Gärten rumliegen absieht.

Der Verwandte züchtet Galloway Rinder in der Holsteinischen Schweiz. Wenn man in dieser Art von Schweiz aus dem Badezimmer guckt, schaut man auf diese Ländereien. 



Insgesamt ein diesiges Bild und ich bin mir nicht sicher, ob das Hügelige und Weitläufige zur Geltung kommt, aber bei den Wetterverhältnissen (dreitägiger pommerscher Landregen) sieht eben alles irgendwie matschig aus. Selbst diese an sich auch im verblühen stolze Blume sah mitgenommen aus.

unpässlich

Jedenfalls rief ich ein ums andere Mal aus "Wie schön muss das erst sein, wenn die Sonne scheint!" und "Die Natur braucht's ja!". Damit wollte ich aber nur übertünchen, wie grässlich mir das Wetter die Stimmung ruinierte, denn meanwhile herrschten in Berlin Temperaturen um 23 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Mir hingegen wurden von der Bauersfrau Gummistiefel überlassen, mit denen ich immerhin folgenlos knietief im Matsch stehen konnte, denn die Galloways stehen ja nun auch nicht in der warmen Garderobe, um sich streicheln zu lassen.

Genauer gesagt lassen die sich überhaupt nicht streicheln außer vom beherzten Verwandten und meiner besten Freundin, die sich tollkühn über den Zaun schwang und ihm über die Weide folgte, er voran, laut "Schnuckiputzi, koooomm, komm, komm" rufend, mit einem Eimer voll altem Brot als Lockmittel. Das sind nämlich glückliche Tiere, die sich  ganzjährig selbst überlassen auf abgelegenen Weiden verlustieren, Kälbchen auf die Welt bringen und großziehen und nur ab und an wird eine Kuh zur Schlachtung abgeholt. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt...
...wirklich kein Brot mehr?

Während ich diesen Text schreibe, riecht es um mich herum stark nach Galloway-Salami, die ich natürlich erworben habe und nebenher schnabuliere im Gedenken ans letzte Wochenende und ich kann nur sagen, man wird halb ohnmächtig von diesem Duft. Das ist ja kein Mensch mehr gewohnt, dass Wurst nach Wurst riecht. 

Auf dem Rückweg gerieten wir in die Vollsperrung der A 24, die uns die Routenführung von Google Maps verheimlicht hatte und die wir natürlich ab Fehrbellin zu umfahren versuchten, aber da das auch alle anderen machten, brauchten wir für die letzten 90 Kilometer drei Stunden. Der Vollmond erhellte die Einöde, durch die wir fuhren und immer noch war es unverhältnismäßig warm. 

Wir trösteten uns mit der Aussicht auf's Vabali am nächsten Tag und was soll ich sagen? Ich habe noch nie nackich auf der Wiese inmitten von massig viel Herbstlaub gelegen - das Klima macht's möglich. Wir holten uns alle einen Sonnenbrand.

Samstag, 21. September 2019

Diverses



Herrje, der Sommer ist schon rum und ich habe genau 3 Posts geschrieben. Früher habe ich sowas in einer Woche zustande gebracht. Selbst den Geburtstag vom wunderbaren Glummi habe ich verpasst (Alles Liebe von mir an dieser Stelle, nachträglich). Dass ich aber auch so eine Blockade habe. So eine Wurschtichkeit meinem Blog gegenüber. Verdammt. Dabei ist so viel passiert. 
Ich bin unglaublich viel geschwommen, beispielsweise, dass ich am Ende sogar schneller als früher war. Viel hat nicht gefehlt und ich wäre ins kraulen gekommen, jaha. Ich bin auch immer in der Schnellschwimmer-Bahn geschwommen; jedenfalls solange keine Schnellschwimmer vor Ort waren. Was aber ein paar affige Spät-Väter nicht gehindert hat, mich anzupöbeln, weil sie sich selbst für geburtsschnell hielten, im Grunde aber nur aufgrund eines extrem unkonventionellen Schwimmstils (positiv ausgedrückt) unfassbar große Wellen verursacht haben. Bewaffnet mit Taucherflossen und Handschuhen mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern ließen sie sich mit tödlichem Ernst zu Wasser und machten sich zum Obst.


Schnellschwimmerbahn

Schwimmen macht braun, oder der Klimawandel mit dem vielen UV-Licht erledigt das. Ich blondes, blasses Geraffel hab eine Tiefenbräune wie noch nie. Seit drei Wochen ist Schietwetter und ich seh immer noch aus wie frisch vonne Bahamas. Der Biobauer erzählt, dass selbst die Beeren an den Sträuchern Sonnenbrand bekommen. 

Verdammt braune Beine

Der Klimawandel. Tja. Das ist nun wirklich eine üble Sache. Meine Prognose: wir haben noch fünf bis acht erträgliche Jahre auf unserem Planeten und dann geht's uns an den Kragen. Ich glaube nicht mehr, dass wir noch etwas retten, umkehren oder stoppen können. Es wird schneller noch heißer als berechnet, nix mit 2050 und dann erst wird's blöd. Nee, das passiert viel früher. Und leider bleibt es auch nicht bei trockener Hitze. Es wird feucht und damit hat es sich dann auch mit der Fähigkeit des Menschen zu kompensieren. Draußen vor der Tür wird es unwirtlich. 

Aber meine mobile Klimaanlage, die ich mir letztes Jahr am letzten Tag der großen Hitze gekauft habe, hatte ich diesen Sommer keine Sekunde eingeschaltet. Es reicht mir tatsächlich, dass sie da ist. Kaum zu vermitteln, aber ich find's wirklich gut, dass Neurosen auch mal zu was gut sind.

Was war noch? Ich war auf dem SPD Sommerfest und habe einen Veterinärmediziner kennengelernt, der im Zoo arbeitet und dem habe ich gesagt, dass ich gerne Tierpflegerin wäre, weil die immer so entspannt wirken, wenn ich "Panda, Gorilla und Co." schaue. Er meinte, die wären im wahren Leben aber nicht so entspannt, leider. Ich kann mir das kaum vorstellen. Immer Obst schnippeln und Brot schneiden und alles zusammen den Tieren zum fressen hinwerfen, das ist doch bestimmt ganz gemütlich und das eigene Seelenleben beruhigt sich unter diesen Arbeitsbedingungen von ganz allein, denke ich.  


Pott
Elphi


Dann war ich an der Elbe, die mir vor ein paar Jahren ein guter Freund ans Herz gelegt hat und den ich des öfteren besucht hatte und dann entwzeiten wir uns und nun war ich mit einer Freundin dort oben im Alten Land und sie verliebte sich Gottseidank auch sogleich in die Pötte auf der Elbe, so dass ich mit ihr stundenlang auf dem Anleger in Lühe und Hollen-Twielenfleth sitzen konnte. Das war herrlich, leider zu kalt. Ich musste mir ein Funktions-Jäckchen in Stade erwerben, um mit dem Wind zurandezukommen. Stade übrigens ist pittoresker als man vermuten würde, geradezu entzückend. 

Stade

Als ich dann wieder zurück ins Büro kam, hatte sich dort der Wind auch gedreht: wir müssen uns jetzt alle duzen. Mit Alle meine ich Alle. Aber wir sind im Grunde ein sympathisches Völkchen: wir siezen uns weiterhin auf Deibel komm raus. Jedenfalls die, die jetzt geduzt werden wollen, wegen der Hippnes oder weil sie sich nicht trauen, den Agentur Heinis zu widersprechen und die im Grunde brechen müssen bei dem Gedanken, von wem sie sich jetzt alles duzen lassen müssen. So ein Du will doch kein Mensch!

Gelesen? Alles von Joachim Meyerhoff - unbedingt empfehlenswert. 

Und zum Schluss muss ich unbedingt mal auf diesen Blog hinweisen: Fliegende Bretter
Ist schon lange in meiner Blogroll, aber im Gegensatz zu mir hat dieser Mann keine dämliche Schreibblockade, sondern zu allem was zu sagen und immer so, wie ich es auch sagen wollen würde, wenn ich nur könnte. Ich lese ihn von Tag zu Tag lieber. 

Dienstag, 13. August 2019

Der feine Herr Stevenson

Sicher weiß schon alle Welt Bescheid, weil die liebe Tiker schon vor ein paar Tagen darauf hingewiesen hat. Keine Ahnung, wie sie's herausgefunden hat, aber der Ordnung halber sag ich's auch noch mal.

Er ist wieder da. Hier entlang: Pestarzt

Dienstag, 6. August 2019

Scrum ist Murcs

Beim Pantoufle gelesen und mein Blut ist gleich in Wallung.

Oh Mann... Ich fühle mich unterdessen wie kurz vorm durchdrehen, weil ich diese KPI, Scrummaster, New Work, Design Thinking, Product Owner, Agiles Arbeiten, Working out loud-Scheiße einfach nicht mehr ertragen kann. Aber wenn ich eines Tages anfange zu schreien, kann ich nie wieder aufhören, soviel steht fest. Ich bin ganz erschöpft vom nicht losschreien.

Irgendein Masterplan muss doch dahinterstecken, irgendwas müssen die doch vorhaben mit uns - alles in allem eine konzertierte Aktion aller vereinigter Schwachmaten dieser Welt, dieser sogenannte Kulturwandel in der Arbeit, dem wir uns angeblich nicht entziehen können, wegen der Digitalisierung, sagt man, und ich denke: unterschätzt uns Subalterne nicht. Ab unter den Tisch und dabei stille zusehen, wie die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird und am Ende bleibt doch alles beim Alten - was schon an den Cheffes dieser Welt liegt, die natürlich kein ernsthaftes Interesse an einem Wandel haben, sie wären ja auch bescheuert, so gut, wie es für die läuft.


Ich bin erschlagen von soviel Brummsdummheit um mich herum. Wie soll ich denn da im Alter (endlich) gelassener werden, kann mir das mal jemand erklären? Dieses Buzzword-Bingo, mit dem du die Königin bist, so du es beherrschst. Du musst allen Ernstes nur noch diese Scheiße labern können, um Heldin der Arbeit zu sein. 

Neulich habe ich einen Biobauern kennengelernt, bei Freunden, die aufs Land gezogen sind. Den habe ich besucht und da gerade Erntezeit ist, hat er mich mitgenommen auf so eine LPG, wo er alle drei Stunden einen Anhänger mit Roggen hingekippt bekommt, bis tief in die Nacht geht das so und dann muss das Getreide mit einem kleinen Bagger in eine Grube gekarrt werden und von dort wird der automatisch in Silos transportiert, naja, das ist jetzt langweilig und ich erzähle es sicher auch nicht richtig. 

Was ich sagen will: ich sah ihm so zu, wie er da mit dem ganzen Gehuddel fertig wurde und überlegte, mein Heil in der Landwirtschaft zu suchen. Keine Prozessimplementierung, kein Projektmanagement, keine blutleeren Geschöpfe, einfach nur 'operative' Arbeit. Mein Roggenbrot esse ich seitdem mit Respekt. 

Aber dann: auch in der Landwirtschaft sind die Prozesse optimiert. Gegenüber waren Kuhställe, die durfte ich mir ansehen. Tja, Bio-Milch heißt nur deshalb Bio-Milch, weil die Kühe nicht etwa menschenwürdig behandelt werden, sondern weil sie allerfeinstes Biofutter bekommen. Ferrari-Kühe, mit extrem knochigen Hüften und riesigen Eutern, deren Bänder auch schon mal reißen und dann hängt die eine Seite tiefer als die andere - bekommt die Kuh einen rosa Klecks auf die Stirn gemalt - ich hoffe für den Tierarzt, als Erkennunsgzeichen. Die Kälbchen werden ihnen spätestens einen Tag nach der Geburt weggenommen, wegen der Rentabilität, sitzen die auch in kleinen Babyställen und schauen einen mit großen Augen an. Nix Weide, nix Auslauf, keine Mama weit und breit.

Du meine Güte, jetzt bin ich aber abgeschwiffen...



Montag, 15. Juli 2019

Anderer Leuts Texte

Nachdem ich heute bei Herrn Ackerbau gelesen habe, dass sein Blog acht Jahre alt geworden ist, habe ich ihm zunächst höflich gratuliert und dann ein Foto angeboten, das ich kürzlich von einem Baum in Zehlendorf gemacht habe. Das ist ein pornöser Baum, der mir die Schamesröte ins Gesicht treibt - aber Ackerboy hätte ich zugetraut, mit der richtigen Betitelung etwas sehr Lustiges draus zu machen (für mich ist er ja der Meister der Foto-Betitelung - oder nennt man das anders?), aber er lehnte dankend ab, weil er "keine Anklage wegen unzüchtigem Umgang mit Koniferen" provozieren möchte. Ich versteh das gut, manches führt zu weit. 

Dann las ich weiter im Magazin für Radikale Heiterkeit und da wurde mir ganz warm ums Herz, weil der Text so schön dahergeschlendert kommt und ich mir wünschte, ich wäre im Waschsalon bzw. im Café nebenan dabeigewesen, weil dann hätten wir uns gemeinsam über die bekloppte Mutter lustig machen können, womöglich hätten wir Kilian-Alexander entführt und zum Jugendamt gebracht und ihm dort eine weniger bescheuerte Mutter besorgt und aus Dankbarkeit würde er uns später von seinem üppigen Hedgefond-Manager-Gehalt je einen Heimplatz unserer Wahl finanzieren, in irgendsoeinem Luxus-Stift, wo man am Ende nicht verkloppt wird von unterbezahlten und überforderten Pflegekräften.... Naja, jetzt geht mir die Phantasie ein bischen durch. 

Aus der Seele schrob mir aber auch der Blog, den ich erst kürzlich auf meine Blogroll genommen habe und zwar stellte die Inhaberin die Frage, wer eigentlich Büros braucht. Ach, so kluge Anmerkungen, ich selbst hätt's nicht schöner schreiben können. Bei mir im Büro ist jetzt auch der neue heiße Scheiß das Großraumbüro, was, wie jeder weiß, nur die Suizidalität der Insassen in die Höhe treibt und sonst rein gar nichts bewirkt, schon mal gar nicht die angeblich erwünschte "Bessere Kommunikation untereinander". Mittlerweile komme ich zu der Erkenntnis, dass alle Bosse dieser Welt nur noch ein Ziel haben: die Subalternen in größtmögliches Unglück zu stürzen. 

Zum Schluss noch mal zu unserer Kanzlerin, die ich inständig bitten möchte, zum Arzt zu gehen, denn wenn ich Hypochonderin noch einmal sehen muss, wie sie zittert, bekomme ich das auch.

Mittwoch, 26. Juni 2019

The hottest Rettungsschwimmer in town

Das Freibad, das ich seit Jahren frequentiere, liegt sehr hübsch. Für attraktive, freundliche Bademeister war es bisher nicht bekannt, aber das hat sich gründlich geändert.

Jetzt arbeitet dort Andy Garcia. Eine Augenweide, der Mann. Braungebrannt, kakifarbene Shorts samt passend farbiger Sneaker, dazu ein lachsrotes T-Shirt, auf dem "Rettungsschwimmer" steht. So sind jetzt alle Angestellten eingekleidet.

Wenn ich ehrlich bin, irritiert mich das mit den Sneakern. Wenn ich nun vor seinen Augen in Seenot geraten sollte, wäre er nicht so behende im Wasser, wie erforderlich. Alle anderen haben auch Flip Flops an, aus denen ist man ja schnell raus in case of absaufen.

Apropos absaufen: las ich doch vor ein paar Tagen im Tagesspiegel, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man ein Kind vor dem ertrinken rettet. Weil? Ja, weil das Kind riesige Kräfte entwickelt und dem Retter an die Kehle geht. Ja, genau so stand das in dem Artikel. An die Kehle geht und dann keiner von beiden überlebt. Und dass man das Kind erst absaufen lassen und sich ihm erst dann nähern soll, wenn's also nicht mehr zappelt und dies auch möglichst nur von hinten, damit es einen nicht sieht und einem nicht vor Angst die Gurgel zudrückt. Ich habe das mehrmals gelesen und dachte, was soll das denn für ein komischer Reflex sein, von dem habe ich ja noch nie gehört? 

Aber zurück zu Andy Garcia. Er ist ein Frauenbeglücker. Jede einzelne der um diese Zeit eintrudelnden alten Schachteln, inklusive mir, begrüßt er mit einem strahlendem Lächeln, so als ob er genau auf sie (und nur auf sie) gewartet hat. Und wenn mal um 7.20 Uhr auch eine jüngere Frau kommt, ist er nicht charmanter als sonst auch. Neutral wie die Schweiz, quasi.

Jede Frau steigt geschmeichelt in die Fluten, nachdem sie ihr Frühbucher-Ticket bei ihm bezahlt hat. Um die Zeit ist das Kassenhäuschen nämlich nicht besetzt, das macht er alles persönlich, direkt am Beckenrand.

Er verbreitet derart gute Stimmung, dass wir Frauen in der Dusche inzwischen dazu übergangen sind, uns herzlich zu begrüßen, zu verabschieden und gestern bat mich sogar eine Frau darum, ihr den BH schließen; was eine ungewöhnlich intime Angelegenheit ist, um die ich bisher im öffentlichen Raum noch nie gebeten wurde und ehrlich gesagt wünsche ich mir, dass derlei nicht einreißt.

Heute sprachen wir sogar über unseren attraktiven Bademeister, und eine Frau wusste zu erzählen, dass er der neue Geschäftsführer ist (daher die Sneaker) und sehr glücklich verheiratet ist, ein sehr schönes Paar sei das, tja, das glaubten wir alle sofort. Falls seine Gattin mal an seinen Qualitäten zweifelt, muss sie einfach nur morgens schwimmen gehen und dann weiß sie gleich, dass sie ein begehrtes Goldstück zuhause hat.

Und obwohl während der zurückliegenden Jahre um 7 Uhr das Freibad menschenleer war, ist jetzt Hochbetrieb mit erbitterten Machtkämpfen um die Wasserbahn-Hoheit. Ob die Überfüllung nun an Andy Garcia liegt oder an der Klimakatastrophe oder an den immer fitter werdenen Rentner*innen, die den hitzebedingt zu erwartenden Kinderhorden frühmorgens auszuweichen versuchen - Fakt ist, ich muss mir einen neuen Badeanzug kaufen. Und womöglich über Permanent-Make up nachdenken. Man wird als Frau nicht schöner im Chlorbecken.

Mittwoch, 19. Juni 2019

Die einsame Kanzlerin

Als ich gestern Abend das Video der Kanzlerin gesehen hatte, wie sie da stand und zitterte (nicht nur zitterte, sondern allergrößte Mühe hatte, stehen zu bleiben und ihre Extremitäten unter Kontrolle zu behalten, was ihr genau so wenig gelang wie Joe Cocker in den 80er Jahren), wie sie da also stand und so offenkundig neurologische Probleme unbekannter Herkunft hatte, war das erschütterndste für mich, dass ihr niemand zur Seite gesprungen ist. 

Kein Sanitäter kam angelaufen, kein Personenschützer, kein Mitarbeiter und nicht mal der neben ihr stehende ukrainische Präsident reichte ihr auch nur den Arm; ja er starrte angestrengt geradeaus, als ob er sich und der Welt weismachen wollte, dass er ihre Notsituation einfach nicht bemerkt.

Da steht sie und hält sich mit eisernem Willen auf den schwankenden Beinen und keine Sau eilt ihr zu Hilfe. Vor aller Augen, in sengender Hitze, die Kameras auf sie gerichtet und kein einziger Mensch fühlt sich berufen, das Protokoll zu missachten und mal schnell zu ihr rüber zu laufen.


In den Berichten hieß es, sie hätte unmittelbar danach wieder "normal laufen" können. So ein Bullshit! Ja, sie konnte laufen, aber das war's auch schon. Flüssiges Gangbild ist was anderes. Sie eilte zur Pressekonferenz, sie war immer noch fahrig (kein Wunder) und jeder, der Augen im Kopf hat, konnte sehen, dass sie mit letzter Kraft - und daher eilig, wie jeder, der Panik hat - unterwegs war. 

Warum man sie nicht aus dem Verkehr und sofort ins Krankenhaus gebracht hat, verstehe ich nicht. 

Die Wirkung, die sicherlich vermieden werden sollte (ein Politiker darf keine Schwäche zeigen, etc. blabla), ist so viel verheerender. Alles wäre okay gewesen, wenn sie umgekippt wäre oder ihr der Präsident wenigstens seine Hand auf ihren Rücken gelegt hätte - das wären dann Bilder gewesen, die nie gesendet worden wären, man hätte nur von einem Schwächeanfall in Gluthitze gelesen und niemand hätte sich tiefergehende Gedanken gemacht.

So aber, die Kamera draufgehalten, haben sich zumindest mir diese Bilder unauslöschlich ins Hirn gebrannt: ein schrecklich anzusehendes Symptom, eine sichtlich panische wie stoische Kanzlerin, die im Stehen zusammenbricht und niemand hilft.

Und heute kraucht sie schon wieder in Gluthitze in Goslar rum. Sie muss doch gar keine Wahlen mehr gewinnen...

Montag, 17. Juni 2019

Wie ich mich neulich auf den ersten Blick verliebte

Umstände spülten mich auf das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters. Ich war mit einer Kollegin dort, die mich irgendwann an den Stand von Eisern Union zerrte. "Mein Mann ist so ein Fan, dem bringe ich ein paar give aways mit." 

Während sie sich Schlüsselanhänger geben ließ, sah ich drei Meter von mir entfernt einen schwitzenden, erschöpften Mann. 

"Du, kucke mal, das ist der Präsident von Eisern Union, ich frag den mal, ob ich dich mit ihm fotografieren kann, dann freut sich dein Mann noch mehr." raunte ich meiner Kollegin zu. "Das traust du dich?"

Ich trau mich fast alles, wenn es nicht um mich geht und wenn's mir völlig gleich ist, ob ich es bekomme oder nicht. Das ist ja das Blöde mit mir. Wenn der Mann mir also gefallen hätte oder ich schon langjähriger Fan gewesen wäre, wäre mir nur die eine Reaktion möglich gewesen, an der - in meinem Fall - jeder Mann erkennen kann, dass ich in Flammen stehe: vollkommene Ignoranz gepaart mit null Blickkontakt.

So aber hatte ich zwar ein paar Tage zuvor gelesen, dass der Verein gerade in die 1.Bundesliga aufgestiegen ist, die Fans ganz aus dem Häuschensind und dass das alles überhaupt eine ganz dolle Sache sei, weil die alle so erdverbunden und sturmerprobt (ach nee, das sind ja die Niedersachsen), anyway, der ganze Verein, samt Stadion und Präsident und der Weihnachtssingerei der ultimative heiße Scheiß ist. Der übliche Medienhype halt. 

Ich war nicht infiziert vom Eisern-Bazillus, also ging ich entspannt auf den Mann zu und sprach ihn an. Erklärte ihm, der Mann meiner Freundin, ein großer Fan, ob man ein Foto... und dann war's um mich geschehen, binnen einer Sekunde. 

Er neigte sich mir zu und in seinem Gesicht war Milde, Erschöpfung, Güte und ein bisschen Traurigkeit. Da war ich gleich hinüber. Außerdem sieht er ein klein bisschen aus wie Guy Ritchie, was auch nicht schadet.

Freundlich stellte er sich neben meine Freundin, ich fotografierte, ein anderer Vereinsmeier sagte zu mir, dass ich doch bestimmt auch ein Foto mit ihm haben möchte, nahm mir mein Handy aus der Hand und nun habe ich ein Foto mit der Liebe meines Lebens, auf dem ich total bescheuert aussehe, ja leider, ich sehe so dümmlich-Honikuchenpferdartig aus der Wäsche, dass mir gleich wieder einfiel, weshalb meine private Appeasement-Politik ("to ignore") die bessere Alternative für alle Beteiligten ist. 

Natürlich war dieses Foto auch schon gleich der Höhe- und Endpunkt dieser doch reichlich kurzen Affaire, von der sogar nur ich etwas wusste und der andere Beteiligte nie erfahren wird, dass er mal für einen Moment beinah in etwas verwickelt war. Hach.

 ***

Meiner Kollegin gab ich den Tipp, sich ihr Foto mit ihm groß auf Leinwand auszudrucken und es ihrem Mann zu Weihnachten zu schenken, da würde die Freude doch groß sein. Auf keinen Fall, meinte sie, der hängt das auf und dann muss ich für immer auf dieses Foto glotzen.



Donnerstag, 13. Juni 2019

Das schlimme Blinddate


Schon als er mich in eine Bäckerei in Lichterfelde bestellte, wusste ich, dass das nix wird und als ich angeradelt kam und diesen merkwürdigen Schrat in Ballonseide sah, wäre ich am liebsten weitergefahren und nach den ersten Sätzen, die wir sprachen, wollte ich mich bereits entleiben.

Ich hab doch so ein gutes Bauchgefühl für Dinge, die nicht gehen, weshalb höre ich nur so selten auf mich?

Steht da also ein Mann vor mir, früh vergreist, eine Mischung aus George und Buster Bluth aus Arrested Development, meiner neuen Lieblingsserie. Wir gehen in die Bäckerei, die in einem Nebenraum ein kleines Café eingerichtet hat, das vollständig leer ist. Selbstbedienung. Er kauft sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen. "Ich geh schon mal nach nebenan". Du meine Güte, ich bin wahrlich kein Luxusweibchen, aber in so einem Schrottladen hätte man mich durchaus zu einem Tee einladen können. 

Aber dass hier ein Mann vor mir steht, der nicht den geringsten Schimmer davon hat, wie man eine Frau für sich interessieren könnte, war ja klar. Und er toppt sogar noch alle voreiligen Vorurteile, die ich in den ersten Sekunden über ihn gefasst hatte. 

Er wohnt noch bei Mutti "Weshalb soll ich denn ausziehen, wenn es mich doch nichts kostet, bei ihr zu wohnen. Ja klar macht sie meine Wäsche, warum auch nicht?"

Er hat Hobbies. Er schob mir ein Foto eine Farbkopie von einem älteren BVG Bus rüber. "Den fahre ich manchmal am Wochenende. Im Verein. Kostet mich nichts." Dann eine Kopie eines Segelbootes. "Ich trainiere eine Rudermannschaft. Das ist das Begleitboot. Kostet mich nichts."

Und er hatte natürlich Pech mit Frauen. "Es gibt ja keine Frauen mehr, die Kompromisse machen können. Die Letzte war immer sauer, weil ich am Wochenende die Rudermannschaft trainiere." Er empört sich: "Was soll ich machen, ich kann die Jungs doch nicht im Stich lassen? Die hat immer nur gemeckert, weil ich keine Zeit hatte."

Ich denke, aber sie hat doch Kompromisse gemacht, und zwar jedes Wochenende, aber für so ein selbstgerechtes Muttersöhnchen ist die Frauenwelt an sich natürlich kein Ort der Verheißung. Alles Schlampen außer Mutti.

Schnell holt er eine weitere Farbkopie raus, er geht nun aufs Ganze und zeigt mir sein Elternhaus, aus dem er ja nie ausgezogen ist. Es steht in einer Siedlung um die Ecke und das einzige, was ihn stört, sind die Nachbarn, die immer Gäste im Garten haben und Lärm machen, vor allem wenn Fußball-WM ist. Schlafen sei dann unmöglich und deshalb habe er auch schon öfter die Polizei gerufen, aber kaum seien die weg, lachen sie nebenan einfach weiter.

Mein Blick ist schon vollends leer, es sind knapp 20 Minuten vergangen und das ist lang genug. Ich breche diese sinnlose Zeitverschwendung ab und wünsche ihm viel Fortune. Verdutzt bleibt er sitzen mit seinen Farbkopien und ich radel glücklich in den Sonnenuntergang.

Dienstag, 4. Juni 2019

Mütter, Nichten und Andrea Nahles

+++ Spooky +++

Geheimnisvolle Dinge gehen vor die letzten Tage. Zuerst enttaute der Kühlschrank sich selbst, was durchaus ein sinnvoller Versuch zur Eigenrettung war. Leider zu spät, denn seitdem schafft er nur noch 12 Grad Kühle. Dann schaltete sich die Geschirrspülmaschine mitten im Waschvorgang ab. Nachdem ich den Stecker zog und neu startete, rumpelte sie zwar brav weiter, aber am nächsten Tag funktionierte der Eierkocher nicht. 

Nun korrelierten diese Dinge mit der Anwesenheit meiner Mutter in Berlin, was an sich schon verdächtig ist. Sie drückt gern Knöpfe und räumt Dinge weg, die einen festen Platz haben oder einfach von mir irgendwo hingelegt werden, aber dank meiner Rüstigkeit wiedergefunden werden. Jedenfalls solange der Optimierungsdrang meiner Mutter nicht andere Orte für geeigneter hält.

Sie hat sich noch was Neues angewöhnt: sie folgt mir in meiner Wohnung wie ein Schoßhündchen und vor allem in der Küche beäugt sie, schräg hinter mir stehend, alles was ich tue mit großer Besorgnis. Am liebsten will sie das Kommando übernehmen, ich bin ja nicht blöd und merke das natürlich.

+++ Niedliche Verwandte +++

Das Kind meiner Nichte übrigens, inzwischen drei Jahre alt, kommt ganz nach ihr. Als meine Mutter ins Bad wollte, sprang die Kleine auf und sagte "Ich begleite dich". Womit sie widerum die elegante Ausdrucksweise ihrer eigenen Mutter (meiner Nichte) kopierte, die ebenfalls im Alter zwischen 3-4 Jahren Dinge sagte wie "Wer klingelte da?" Das nennt man transgenerationale Weitergabe.

Den schönsten Satz sagte sie allerdings zu ihrem Vater "Papa, du bist auch eine gute Mutter!" Ein wertschätzendes und warmherziges kleines Ding ist sie.


+++ Andrea Nahles +++

So, und jetzt noch zu Andrea Nahles. Ist ja populär, sie schrecklich und peinlich zu finden. Ich weiß auch nicht, weshalb sie diese kreischige Hemdsärmeligkeit gepaart mit überbordendem "Ich-will-dass-ein-Ruck-durch-die-SPD-geht"-Modus für geglückt hält, ist mir auch egal. Nach allem, was man so hört, ist sie sonst ganz okay. Ihr Abgang ist jedenfalls aller Ehren wert.

Weshalb sich aber stattdessen niemand mit den blasierten Hackfressen Alice Weidel und Beatrix von Storch in ähnlicher Weise aufhält, die neben ihrer weitaus unattraktiveren Gesamterscheinung (nur noch übertroffen von Gaulands fauligen Zähnen) auch noch grausige Inhalte zu Markte tragen - das kapiere ich nicht. Mit aller Lust an der Zerfleischung werden die immer gleichen Bilder von Nahles mit rudernden Armen, Bätschi rufend, etc. in die Wohnzimmer penetriert, allein die zwei güllespritzenden Schreckensweiber von der AfD werden mit diskreter Rücksicht behandelt, als hätte ihnen eine unbekannte Macht Welpenschutz verpasst.

Was soll mir das sagen?


Sonntag, 26. Mai 2019

Heul doch, Nichtraucherin!

Während unterdessen sowohl Niki Lauda als auch Wiglaf Droste gestorben sind, schlage ich mich mit den Auswirkungen meiner Nichtraucherei plus Schokoladenentzug herum.

Früher habe ich immer gesagt, das Gute am Rauchen ist doch, dass man weder ausfällig wird noch lila Sonnen sieht, sondern einfach nur still in einer zugigen Ecke steht und niemandem auf den Geist geht.

Nun, da ich selber gedetoxt bin, wird mir klar, dass ich vor allem mir selber nicht auf den Geist gegangen bin mit irgendwelchen Befindlichkeiten. Das hat sich jetzt geändert. Nikotin ist ein Nervengift, das hab ich nie bestritten. Aber die Auswirkungen - außer hochgradige Gefahr von Lungenkrebs - hielt ich für vernachlässigenswert. Ich spürte keine Auswirkungen, echt jetzt, manchmal Kopfschmerz, wenn ich übertrieben hatte, aber ansonsten: alles roger.

Naja. Jetzt, nach über 4 Monaten nichtrauchens und fast 8 Monaten ohne Schokolade stelle ich fest, dass ich eine tickende Zeitbombe bin, die sich ausnahmslos dysfunktionale Beziehungsgeflechte diagnostiziert, ja, sogar so weit geht, zu vermuten, alle langjährigen Begleiter und -innen sind überhaupt nur deshalb in meinem Leben, weil ich mir alle weniger liebenswerten Eigenheiten meiner beloved ones weggeraucht und/oder hübsch in Milka Vollmilch ersoffen habe. 

Also: ich fühle jetzt immerzu alles. Ich, die ich noch Anfang des Jahres ungerührt von allerschlimmsten Kümmernissen berichtet habe, als sprüche ich über eine andere, muss jetzt wegen jedem Scheiß heulen und alles am lebendigen Leib empfinden. Ist das scheiß anstrengend!

Und da fast alle meine Freunde (m/w/d) saufen wie die Löcher, ertragen die umgekehrt womöglich auch mich nur, weil sie zwar tagsüber alle einer geregelten Arbeit in hoffentlich nüchternem Zustand nachgehen, sich aber am Abend, wenn wir uns für gewöhnlich treffen, sofort rosa Cremant hinter die Binde gießen. Aber gut, das ist deren Problem. War nur so'n Gedanke. 

Anyway, ich habe Vollbeschäftigung mit all diesen Gefühlen und den daraus resultierenden Fragen, ob die eine oder andere verwandschaftliche oder freundschaftliche Beziehung im Grunde nicht längst auf den Misthaufen meiner Vita gehört. 

Neulich war ich über eine Sache so verstört, dass ich mich mit zwei landesweit bekannten Bloggerinnen extra in Leipzig getroffen habe, um mich mit ihnen darüber zu unterhalten. Ich versprach mir von unserer virtuellen Freundschaft (die aufgrund höchst seltener persönlicher Treffen noch keine Alltagsabnutzungserscheinungen hat) eine sehr objektive Sicht auf mein Dilemma und da hatte ich mich auch nicht getäuscht. Kluge Bloggerinnen sind auch in echt kluge Frauen und so saßen wir fünf Stunden an einem verregneten Samstag im Cafe Central und dann fuhr eine jede wieder heim. 

War das schön, Zeit mit Menschen zu verbringen, denen ich noch rein gar nichts übel nehmen konnte, weshalb ich auch nicht heulen musste bei der Erinnerung an frühere Verletzungen, weil sich ja bisher schlicht keine Gelegenheit für auch nur die kleinste Verfehlung gegen diverse Freundinnen-Kodexe ergab - bei dem nunmehr dritten Treffen in sieben Jahren (und die eine lernte ich an diesem Regentag sogar erst kennen.) Blütenreine Freundschaften - eine Labsal für meine entzündeten Nerven, die jetzt immerzu gekränkt sind, auch retrospektiv. Ich muss die beiden jetzt öfter treffen, es war zu schön!

Mir hat mal jmd. vor Jahren gesagt, keiner müsse sich einbilden, dass alles einfacher werde mit einem ehemaligen Suchtkranken, nur weil er nicht mehr trinke oder fresse oder sonstwas. Nein, wenn das alles weg sei, komme sein wahres Ich zum Vorschein und da wünscht sich manche/r das stets hackedichte Gegenüber zurück. 

Schätze, dass meine neue Überempfindlichkeit und meine dramatischen Ausrufe "Ich fühle jetzt andauernd alles, ist das ätzend!" viel Gleichmut erfordert von denen, die mit mir zu tun haben.

Dieser kleine Exkurs nur mal so als Warnung an alle, die aufhören wollen zu rauchen: Macht euch auf etwas gefasst! 


P.S. Die schönsten Nachrufe zu Wiglaf Droste gibt es hier


PPS: Ich bin jetzt doch eine ekelhaft militante Ex-Raucherin geworden. Noch halte ich zwar keine Volksreden über die Gefahren und das habe ich auch nicht vor, aber natürlich darf kein Mensch mehr in meiner Wohnung rauchen. Und ich bin sogar soweit gegangen, dass ich dreiviertel meiner Bücher im Laufe von 14 Tagen in so eine Bücher-Telefonzelle geschleppt habe - weil die einfach nach 30 Jahren Zugequalme so dermaßen stinken, dass ich's jetzt, mit meiner neuen Intoleranz einfach nicht mehr ertragen kann. Und ich bin sehr stolz, dass meine Bücher am jeweils nächsten Tag fast immer komplett weg waren. Kein Wunder, war ja Qualitätsware...