Samstag, 2. November 2019

Cash Cow





Ist so ein kleines Kalb nicht herzallerliebst? Wie das so schaut aus langbewimperten Augen, so sanft, dass ich gleich den Weltfrieden ausrufen möchte.

Aber wie beginnt ein Kuhleben heutzutage, wenn sie Pech hat und auf einem Landwirtschaftsbetrieb zur Welt kommt, wie es ihn nicht geben sollte und auf dem die Dinge suboptimal geregelt sind. Nicht so, wie in den Hügelegigen Landschaften, auf dem Tiere im Glück ein beschauliches Leben haben, unbehelligt wiederkäuen und eigene Namen haben, wie Fred zum Beispiel, oder Klaus.

Wenn es schlecht läuft für das Kälbchen, kommt es direkt nach der Geburt in einen winzigen Einzelstall, in dem es sich einmal um sich selbst drehen kann. Es kann nicht nach draußen schauen, nur an der Stirnseite hängt eine Gummizitze mit Ersatzmilch, ein ganz und gar schlechter Ersatz für Mama Kuh. Wenn es Glück im Unglück hatte, durfte das Muttertier es noch trockenlecken, aber nicht selten erfolgt die sofortige Trennung von Mutter und Kind. 
Kälbchen-Einzelställe
 
Später, wenn die Kühe groß sind und Milch geben, wird's nicht leichter. Sie sehen kaum Tageslicht, haben wenig Bewegungsfreiheit, stehen und liegen in ihren Auscheidungen.


Ist die Kuh ambitioniert, darf sie sich auch länger melken lassen als 3-4 Jahre. Wenn sie eher Dienst nach Vorschrift Milch produziert oder auf so eine innerlich gekündigte Art, dann ist sie - klaro - vorher fällig.


Eigentlich könnten sie die Weltherrschaft übernehmen, wenn sie nur etwas mehr Temperament hätten oder einen ausgeprägteren Fluchtinstinkt, wie Pferde beispielsweise. Die wissen zwar in der Regel auch nicht, wieviel Kraft sie haben, aber ihre Feinnervigkeit sorgt für jede Menge Schreckmomente, denen sie hysterisch und mit viel Tam Tam aus dem Wege zu galoppieren suchen. 



  
Kühe könnten locker Zäune niedertrampeln, aber das sagt ihnen niemand. Und selbst wenn sie draußen sein dürfen, genügen nachlässigste Sicherheitsvorkehrungen, um eine Flucht von vornherein zu vereiteln. Was eventuell daran liegt, dass sie durch lebenslanges auf der Stelle stehen weder Kondition noch eine Vision von saftigen Wiesen haben, für die es sich lohnen würde, durchzubrennen. 

Supermoderne Ferrari-Kuh (knochige Hüfte, große Euter)

Meine Herrschaften, an mitunter unwirtlichen Orten wird "Bio-Milch" produziert. Beziehunsgweise wird die uns so verkauft. 

Aber weshalb darf die so etikettiert werden? Ganz einfach: weil die Tiere Bio-Futter bekommen. Hochleistungsfutter. Und fertig ist die Bio-Milch, die wir dann guten Gewissens kaufen. Für letzteres besteht keine Veranlassung. Wollt' ich nur mal gesagt haben.

Edit 3.11.:
  1. Film: "Das System Milch", 2017, 90 Min., auf Netflix und Amazon Prime 
  2. Höfe, auf denen Kälber nach der Geburt nicht von ihren Müttern getrennt werden, finden sich hier

Kommentare:

  1. Liebe Annika, dass Bio eben nicht immer Bio ist, ist längst durchgesickert 😉 Grad deshalb regt mich diese Scheinheiligkeit so auf. Und die Preise sowieso - bei diesem Beschiss.
    Bei mir gibt es schon lange keine Kuhmilch mehr, ich kaufe nur Mandelmilch. Die ohne Zucker.
    Rindfleisch ess ich eh nicht, Fleisch und Wurst auch nur noch wenig. Den Vegetarismus schaff ich vielleicht doch noch 😇

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    1. Liebe Helma, der Beschiss war mir vorher auch klar, aber es ist noch mal eindrücklicher, das Elend mit eigenen Augen zu sehen. Man kann recht ungehindert an solche Orte fahren und sich umsehen; wenn man weiß, wo sie sind.

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    2. Liebe Helma,

      sorry, wenn ich hier den Advocatus diaboli spiele, aber Mandelmilch muss man leider ebenfalls äußerst kritisch sehen. Mandelbäume gedeihen nur in ohnehin schon sehr trockenen Gegenden und verbrauchen extrem viel Wasser: 4 Liter pro Mandel! Und sie werden in großen Monokulturen angbaut und haben lange Transportwege.
      Hier in Deutschland dürfte daher Hafermilch mit deutlichem Abstand die nachhaltigste Alternative sein. Wenn man sie selber macht, sogar ohne Verbundkartons

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    3. Danke für den Tipp. Aber wie macht man Hafermilch selber?

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    4. Das ist einfach:

      https://eatsmarter.de/ernaehrung/news/hafermilch-selber-machen

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  2. Es gibt gottseidank immer noch Bio-Label, die diesen Namen auch verdienen, zum Beispiel Demeter. Deren Vorschriften für Tierhaltung sind sehr streng, zum Beispiel ist Weidegang vorgeschrieben. Allerdings haben Demeter-Landwirte oft auch andere Rinderrassen, die sich mit den bedauernswerten Hochleistungsrindern nicht vergleichen lassen.
    Die Rinder auf den Fotos sind auch noch enthornt, das ist bei Demeter ebenfalls nicht zulässig.
    Bio-Futter alleine macht noch keinen Bio-Betrieb, da hab ich konventionelle Landwirte gesehen, die ihre Rinder besser halten.
    Aber Milch ist so oder so ein Problem - ich habe den kompletten Umstieg noch nicht geschafft, Mandelmilch oder Hafermilch findet sich bei mir aber auch schon.

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    1. Ja, Demeter wurde mir auch als das non plus ultra genannt, wenn man als Konsument verantwortlich handeln möchte.

      Biofutter macht keinen Biobetrieb, aber diesem Betrieb ist es gelungen, seine Milch als Bio-Milch labeln zu dürfen.

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  3. In eigener Sache: seit ich nicht mehr per Handy bei mir selbst oder auf anderen Blogs kommentieren kann (der Himmel weiß, weshalb das nicht mehr funktioniert), erwecke ich womöglich den Eindruck, Kommentare interessieren mich nicht, weil oft Tage vergehen, bis ich antworte. Dem ist nicht so, es dauert nur Tage, bis ich abends mal Zeit oder Lust habe, den Rechner hochzufahren.

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    1. Liebe Annika, hast du mal einen anderen Browser probiert? Ich habe auf meinem Handy jetzt Chrome nur für Blogverwaltung, weil das Kommentieren über andere Browser nicht mehr funktioniert.

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    2. Ich versuch's mal, danke für den Tipp!

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  4. Man kann auch Bio-Weidemilch oder Alpenmilch kaufen, da ist neben des Futters auch die Haltung besser. (Grundproblem ist, dass die Milchpreise für Bauern kaum auskömmlich sind.)

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  5. Mir ist zwar schon länger klar, dass die sogenannten "Bio" Produkte aus dem Supermarkt nur die Marge der Händler erhöhen und das der Konsument sich gut fühlen kann, aber herzlichen Dank für die eindrückliche Visualisierung.

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    1. Gerne. Es ist herzzerreißend, so etwas mit eigenen Augen zu sehen, aber ich bin froh drum, dass es mir gezeigt wurde.

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  6. https://www.stiftung-fuer-tierschutz.de/
    Hof Butenland..
    gerne dort mal reinschauen.
    Hafermilch kann man selbst machen - hab ich bisher auch nicht gemacht, aber ginge mit Haferflocken, Wasser und bissl Öl im Thermi...öhöm.
    Es ist so gemein, dass die armen Kälber nie die für sie vorgesehene Muttermilch bekommen und dass es immer noch Menschen gibt, die wirklich glauben, die Kuh gäbe eh immer Milch...(ja sicher...örgs). Eine Kuh im Stall und unter Milchproduktion wird ja nicht alt. Die Kuh als solches schon. Sie könnte 30 Jahre alt werden.. kann man gerne auf der Seite von Hof Butenland unter der Rubik "Kuhaltersheim" nachlesen.

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