Mittwoch, 21. Dezember 2016

Berlin

Der erste Tag im neuen Büro, alles ausgepackt, eingeräumt und plötzlich merke ich, dass ich allein bin. Ups.

Im Elfenbeinturm waren wir lange vor Ort und zum Abend hin wurde es stets muckelig. Irgendwer machte Musik an, einer verteilte Bier und Cola aus dem Kühlschrank, Türen standen offen, jeder wurschtelte maximal entspannt vor sich hin.

Am letzten Tag schickte einer einen kleinen Zusammenschnitt der schönsten Sonnenuntergänge und Begebenheiten unserer kleinen Peergroup rum. Ab jetzt eingemeindet in eine weit größere Abteilung und prophylaktisch melancholisch.

Hier denke ich, was denn, wo sind denn alle hin? Gehen die aber früh. Okay, wir kamen kaum vor 10 Uhr, dann bleibt man halt bis 19 Uhr, jedenfalls im Winter, da ist es sowieso immer dunkel. Socialising im Büro, jedoch ohne Privates zu erzählen. Wir sitzen jetzt weit auseinander. 

Die, mit denen ich jetzt zusammengewürfelt bin, verschwinden ab 16 Uhr. Hammer, das ist ja fast ein halber freier Tag. 

Dann werde ich traurig. Haben die etwa ein spektakuläres Privatleben, zu dem sie kaum erwarten können, zurückzukehren? Und ist meins ein Desaster, weil ich immer noch hier sitze? Und auch noch gerne? Stimmt was nicht mit mir?

Okay, ich saufe immer noch in Arbeit ab (vor allem, weil noch drei neue Sekretärinnen eingestellt werden müssen und ich solange drei Chefs verarzten muss, neben allem anderen), aber die bestimmt auch und trotzdem gehen sie. Kann ich was lernen von denen? Ist es egal, ob ich versuche, heute soviel wie möglich zu schaffen und was passiert eigentlch, wenn ich es nicht schaffe? Womöglich überhaupt nichts? 

Ich beschließe, dass ich auch ein Privatleben habe und simse die Doko-Gruppe um 19.40 Uhr an, ob denn genug da sind, denn ausnahmweise haben sie am Wochenende gespielt und das Weihnachtsfeier genannt, während ich im Kaff zu einem bedeutendem Geburtstag war. Ich packe meinen Kram und geh durch dunkle Flure.

Auf Höhe Bahnhof Zoo bekomme ich Antwort, ja es sind genug da. Gerade noch rechtzeitig biege ich nach links auf den Kudamm, fahre an der Gedächtniskirche vorbei. Ich höre ein unangenehmes Geräusch, das ich nicht einordnen kann, weil ich nichts passendes dazu sehe, fahre weiter und vergesse es sofort wieder.

Gegen 22 Uhr hole ich mein Handy raus und wundere mich. 23 Whatsapp-Nachrichten, was ist denn hier los? Alle sind besorgt um mich, selbst meine Cousine aus Hamburg, aber warum? Ich scrolle runter, lese "Anschlag", hole tief Luft, die anderen werden sauer, ey, pack mal das Ding weg und nimm deine Karten, Solo, wir spielen die Könige. Moment, sage ich, da ist was passiert. 

Die Polizei rät, zuhause zu bleiben. Ich bin recht weit weg von zuhause. Ich fahre los. Berlin ist wie immer. Fußgänger schlendern über Ampeln, die Straßen sind voller Autos. Alles wie immer. Berliner befolgen keine Ratschläge.

Zuhause mache ich den Fernseher an, seh die ewig gleichen Bilder, bekomme sms, schreibe welche, aber ich fühl mich merkwürdig fern von allem, überfüttert und unbeteiligt. Es ist passiert, was alle erwartet haben. So weit, so schlecht.

Irgendwann geh ich ins Bett, schlaflos, dann fällt es mir wieder ein, das Geräusch. Keinen Schimmer, ob es das war oder irgendwas anderes, völlig belangloses, es ist auch egal und letztlich uninteressant, aber ich beschließe, dass ich mich um mein Privatleben kümmern werde, denn nah dran war ich, zeitlich und räumlich. Eine kurze Zeitspanne und ein paar Meter haben mich bewahrt.

Das denke ich ohne jede Hysterie, es ist nur ein Fakt. Schon wenn ich es hätte mit ansehen müssen, wäre ich auf Jahre in Bonnies Ranch eingefahren und man kann Sanitätern und Polizisten nicht genug dafür bezahlen, dass sie schreckliches zu sehen, zu bergen und zu verdrängen bekommen. 

Heute morgen fahre ich sehr früh ins Büro, um den erwarteten Staus zuvor zu kommen, aber das war nicht nötig. Alles fließt und sieht aus wie immer. Im Büro wird so gut wie gar nicht drüber gesprochen. Die Üblichen, die drüber sprechen, kennen alle jemanden beim LKA, na klar, und plustern sich auf. Niemand will ihnen zuhören und schnell stehen sie wieder allein.

Ist das nun typisch Berlin oder typisch Mensch?

Kommentare:

  1. »Ist das nun typisch Berlin oder typisch Mensch?«

    Ein Indikator, würde ich sagen. Es gab keine Pogrome. Interessierte Kreise versuchen sie zwar mit aller Macht herbeizureden, aber bislang noch ohne Erfolg. Das klapperige Exoskelett der Zivilisation hält noch.
    Eine andere Frage, die sich mir stellt, ist die der tatsächlichen Wahrnehmung. Die Berichterstattung der Medien egalisiert Entfernungen. Ob in Paris, London oder Ankara eine Bombe explodiert oder in Berlin. Das Geräusch an der Gedächtniskirche ist am Prenzlauer Berg nicht zu hören, aber das Ereignis erscheint auf dem mobilen Empfangsgerät direkt neben der Meldung des Attentates in Kabul. Wer fliegt deswegen noch nach Kabul? Die Flaneure werden beim nächsten Weihnachtsmarkt nach Betonklötzen aus Bundeswehrbeständen Ausschau halten – was gegen Panzer hilft, stoppt auch einen LKW…, typisch menschlich eben. Schulterzuckend weitermachen ist eine Reaktion der Restvernunft. Es passierte das Erwartbare.
    Gefährlich wird es, wenn jemandem auffällt, daß man solcherlei Verbrechen auch mit Sprengstoffwesten, Macheten oder Verstößen gegen das deutsche Reinheitsgebot begehen kann. Wenn die allumfassende, globale Angst einsetzt wie vor der entsetzlichen Gülen-Bewegung, die auch noch im Kühlschrank lauert (nebenbei ein viel zu wenig beachteter Taschenspielertrick Erdoğans: Er gab dem anonymen »Terror« Namen und Gesicht!) Dann bewahre uns vor den Beschützern!

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    1. Das hast du schön analysiert. Normalerweise ist es ja so, dass man immer mehr davon berührt ist, wenn etwas passiert, was sehr nah ist. Aber diesmal ist es nicht so und ich frage mich, weshalb das so ist. Ob das womöglich schon ein Gewöhnungseffekt ist.

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  2. Überall "in den Medien" war zu lesen, Berlin stehe unter Schock. Davon hab' ick nüscht bemerkt. Dafür hat hier keiner die Zeit.
    Das einzige, was ich herausfiltern konnte, war die Verwunderung darüber, dass es nicht schon längst viel lauter geknallt hat.

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    1. Ich weiß nicht, ob es eine Zeitfrage ist, schockiert oder nicht schockiert zu sein. Ich bin ja schockiert. Aber die Hysterie fehlt. Was nur gut sein kann.

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  3. Das war knapp! Schön, dass dir nichts passiert ist. Vielleicht machen die anderen im Büro deswegen keine Überstunden, denn das Leben ist zwar schön, aber zu kurz für Heldentaten am Schreibtisch. Hast du zwischen den Jahren frei? Dann kannst du dich von dem Schreck erholen.

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    1. Das habe ich. Aber ich muss mich nicht von dem Schrecken erholen. Das kommt gar nicht richtig bei mir an, wie schon beschrieben.

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  4. Bei Spon las ich heute morgen die Titelzeile: "Berlin nach dem Terror. Maximal unbeeindruckt."

    Dit is Berlin!

    Schöne Weihnachten für Dich und die, die Dir am Herzen liegen, liebe Annika ☆☆☆

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    1. Für dich ebenso! wenn ich nur so gut kochen könnte wie du ;))

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