Mittwoch, 7. Dezember 2016

The more medicated, the more dedicated

Ich hab ja nun schon öfter erwähnt, dass meine Drogenkarriere nie begonnen wurde und daher vollständig ausgefallen ist. Das heißt aber nicht, dass um mich herum nicht gesoffen und anderes wird, bis der Arzt kommt, ich scheine Menschen mit dieser Disposition anzuziehen wie Motten das Licht.

Es geht immer so: erst werde ich bestaunt wie eine urzeitliche Ausgrabung, dann werde ich bewundert, als würde ich täglich einen unermesslichen Kraftakt vollführen (ein Freund doziert an der Humboldt-Uni über Sucht und überführt die Adoleszenz-Gruppendruck-Theorie anhand meiner Person als unwirksam). Einigen gehe ich später auf die Nerven, weil sie sich wohler fühlen, wenn ich mitsaufen würde und ganz am Ende werde ich verdächtigt, dass ich mitzählen würde, was sich andere hinter die Binde kippen, dabei ist es mir völlig gleich, was andere Erwachsene tun; sie sind ja schon groß und entscheiden das bitte für sich alleine. Not my circus, not my monkeys.

Tikerscherk will alles über meine Zeit in Neukölln wissen. Also noch dies.

Ich wohnte nun also am Reuterplatz im vierten Stock und bekam Besuch von einem Ex, der schon zu Jugendzeiten kokste, was das Zeug hielt. Er kam aus Niedersachsen angereist, eine Frischgetrennte besucht man gern, womöglich lässt sie sich trösten. Gleich als er zur Tür reinkam, erzählte er stolz, dass er vom Koks ganz weg sei; er ging mir aber verdächtig oft aufs Klo und klang verschnupft, ohne Schnupfen zu haben.

Später am Abend meinte er, er hätte was im Auto vergessen. Natürlich. Kurze Zeit später kam er wieder hoch, sein Auto sei geklaut worden. Ich rief nach der Bombe also schon wieder die Polizei. Er wurde sehr nervös. Ich meinte, er soll sich nicht so haben, der Wagen sei doch versichert. 

Er druckste herum. "Was ist denn los mit dir?"

Es kam, wie es kommen musste, das ganze Auto voller Koks. Für den Privatgebrauch. Für einen Freund. Für einen Bekannten des Freundes. 

Als die Polizisten kamen, bewunderte ich deren Menschenkenntnis, denn nachdem er harmlos schilderte, dass er erst vor ein paar Stunden in Berlin angekommen sei, fragten die gleich, ob Drogen im Auto sind. Ich starrte sie fasziniert an. Woher wussten die das? (Ich Dummerchen) Er stritt das lahm ab, sie glaubten ihm nicht.

Dann wurde ich sauer. Weil ich doch jetzt bestimmt auch auf so einer Verdächtigen-Liste landete, wahrscheinlich würde ich jetzt observiert, erst die Bombendrohung, jetzt ein Junkie in meinen vier Wänden. Muss sowas immer mir passieren, der geburtscleansten Frau der Welt?

Ob sich Drogen in der Wohnung befinden? 

Das wurde immer bunter, aber Gottseidank hatte er sich schon alles auf dem Klo einverleibt, drum musste er ja auch runter zum Auto, wegen des Nachschubs. Diese Frage konnten wir beide mit Festigkeit in der Stimme verneinen. 

Sie zogen wieder ab, ohne weitere Maßnahmen zu ergreifen, kein Wunder, mir quoll die Harmlosigkeit aus allen Poren und wahrscheinlich bescheinigten sie ihm deshalb eine günstige Sozialprognose, aber als sie weg waren, hatte es sich gründlich ausgetröstet.

Kommentare:

  1. Ich finde Du schreibst wie Eine, die die Welt gesehen und schon so manchen Rausch erlebt hat. Das meine ich als großes Kompliment. Echt.
    Nach dem Einblick in die Neuköllner Zeit (danke!) interessiere ich mich jetzt für den Fortgang der Geschichte mit dem Kokser. Hast Du ihn rausgeschmissen?

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    1. Na klar. Und nie wieder von ihm gehört. Ende der Geschichte.

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    2. P.S. Und Danke für das Kompliment;)

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  2. der hornochse hätte natürlich seinen gesamten koks-vorrat mit hoch in die wohnung nehmen müssen, dieser elende kleine anfänger, man lässt sein pulver nicht irgendwo im auto rumliegen, wo langfinger zugriff darauf haben. was ein loser.

    p.s. mich interessiert natürlich die andere seite des fortgangs der geschichte: was wurde denn aus dem äh auto?

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