Sonntag, 7. Mai 2017

Der Mann als Held

Ich latsche, wie fast jedes Wochenende, mit der Auftragsmörderin und ihrem Hund über das Tempelhofer Feld. Dem Hund zu Ehren habe ich ein Ballweitwurfgerät gekauft. Der ist außer sich vor Freude. Ich auch, weil ich kann aus eigener Kraft nur 2 Meter werfen, aber dieses Gerät lässt Robert Harting alt aussehen.

Aber erst mal müssen wir ja zu der Stelle kommen, an der der Hund von der Leine gelassen werden darf. Wir schlendern an so einer Art Garten vorbei, ich schau nach links beim gehen und renne voll gegen einen 2,50 Meter hohen Drahtzaun. Ich bleibe unverletzt, aber der Ball löst sich aus der Halterung, kullert unter dem Zaun durch und ist für alle Zeiten unerreichbar. 

Der Hund ist sterbensunglücklich. Ich auch. Gehe zu einem Tor, 20 Meter hinter uns, aber das ist natürlich abgeschlossen. Ein Mann steht inzwischen bei der Auftragsmörderin, hat seine Tasche auf den Boden gelegt und klettert an dem Zaun hoch. Ich bin voller Bewunderung und kurz darauf in Sorge. Oben angekommen hat er Schwierigkeiten, drüber zu kommen, denn er kann sich wegen der spitzen Stahlstäbe nicht abstützen. Irgendwie schafft er es rüber, und mir dreut, dass es auf dem Weg zurück zu einem Desaster kommen wird.

Bange Sekunden, als er wieder oben ist, aber keinen richtigen Halt bekommt, den es brauchen würde, um sich wieder drüber zu schwingen. Die Zeit vergeht quälend langsam, wir stehen unten und wissen nicht, was zu tun. Es geht nicht vor und nicht zurück. Er kann jetzt vornüber auf den Kopf fallen oder hinterrücks auf den Rücken. Irgendwann schafft er es und wir beginnen mit Lob, Preis und Anbetung.

Er ist leichenblass und holt ein Asthamspray raus. Wir bedanken uns überschwänglich und gehen weiter. Als ich mich noch mal umdrehe, sehe ich, dass er kurz vor dem umkippen ist, er geht mit dieser merkwürdigen Körperhaltung, die ich als Hypochonderin sofort erkenne, auf eine Art Straßenschild zu, an das er sich lehnt. Es gibt ja kaum Bänke auf diesem Feld.

"Du, dem geht's nicht gut." Wir gehen wieder zurück, ich lehne mich neben ihn an dieses Straßenschild und frage, ob er Hilfe braucht. Nein, sagt er, aschfahl, er habe nur gestern zuviel getrunken, sich etwas übernommen, es geht schon gleich wieder. Wir bleiben solange, bis er wieder Farbe im Gesicht hat. Ihm ist das unangenehm, was ich verstehen kann. Ich bin auch lieber allein, wenn ich denke, dass ich gleich sterben muss. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. 

Einen Mann, der für so einen bescheuerten Ball über einen 2,50 Meter hohen Zaun klettert sein Leben aufs Spiel setzt, hat all meine Fürsorge verdient, ob er die nun will oder nicht. Manchmal muss eine Frau tun, was eine Frau tun muss. Ich lass den doch nicht zurück, bevor ich nicht weiß, dass er wieder aus eigener Kraft gehen kann. Langsam kommt er wieder zu sich und dann verabschieden wir uns endgültig.

Wir gehen weiter, finden eine Bank und ich werfe diesen Ball in alle Richtungen; sagenhaft, der Hund war nie glücklicher. Ich ebenfalls, weil ich den angesabberten Ball nicht anfassen muss.

Später gehen wir was essen, der Hund bekommt eine Wasserschüssel zu unseren Füßen und trinkt gierig, kein Wunder, von dem Gerenne bekommt man eben Durst. Plötzlich werden meine Füße so komisch feucht. Wir schauen nach unten, der Hund hat alles ausgekotzt, leider nicht nur das Wasser, sondern auch matschiges Trockenfutter. Örgs. 

Die Auftragsmörderin muss alles allein wegmachen, denn mich würde das unnötig traumatisieren. Ich kann Kotze echt nicht ab. Selbst bei den allerniedlichsten kleinsten Babys kann ich das nicht ab. Schätze, eine frühkindliche Prägung. Kann man nix machen. 

Ich hoffe, unser Held ist wieder vollständig genesen.


Kommentare:

  1. Moin Annika

    In Schleswig-Hollstein rettet Daniel Günther den Martin Chulz vor dem Bundeskanzleramt, Macron Frankreich, Frankreich die EU, Steinmeier die tote Hose Gabriel und Le Pen die fragwürdige Ehre ihrer Partei.
    Und Du bist einem Helden begegnet, der lebensmutig einen Todesgraben mit Schießbefehl überwand. Alle für den Hund! Dann seid Ihr vermutlich dem einzigen wahren Helden des des Tages begegnet. Was sage ich? Vermutlich nicht, sondern absolut sicher. Ein Hund glücklich, zwei Damen der Gesellschaft ganz die Fürsorge und was zu essen gab’s auch noch. Verzeiht dem Tiere: Das ist ja auch entsetzlich viel Aufregung an einem einzigen Nachmittag. Da unterscheidet sich der Hund nicht vom Menschenwelpen – eigene, bittere Erfahrung.
    Wir hatten ja mal… Der Erstgeborene hatte Geburtstag. Ein herrliches Fest! Die Geschenke fanden weitgehend Wohlwollen, der Spielplatz war kotlos, die Luftballons dicht und es gab Schokopudding satt. Satt! Weißt Du, woher der Begriff »Strahl kotzen« stammt? Das ist kein Euphemismus oder so etwas. Das ist die physikalisch exakte Beschreibung eines Phänomens auf Kindergeburtstagen.
    Aber das nur nebenbei.

    Was mich als Kamerad des Hundes natürlich wahnsinnig interessiert, ist diese Wurfmaschine. Wie sieht die aus, wie ist die gebaut? Transportabel? Sowas wie ein Tontaubenweitwurf nur mit Bällen? Und – ohne dem Asthmatiker zu nahe treten zu wollen -, kann die auch Stöckchen? So könnte man ruhig mal etwas über den Zaun schießen ohne Lebensgefahr bei der Rückholung. Oder durch eine geschlossene Fensterscheibe. Dann sollte sie allerdings sehr transportabel sein oder mit Anti-Fingerabdruckfarbe… aber das sind konstruktive Details, mit denen ich Dich nicht langweilen will.

    Ich weiß, ich weiß! Eigentlich sollte ich ja etwas zum Helden und seinen beiden Krankenschwestern sagen, aber diese Maschine weckt mein ungehemmtes Interesse! Was kann die noch alles werfen? Katzen? Wenigstens kleine Katzen wird sie ja wohl können! Dann ist es dann auch nicht so wild, wenn die hinter einem Zaun landen und der Hund auf der anderen Seite und es ist zufällig gerade kein Held zur Hand.
    [Jetzt kriegt Euch wieder ein!! Man kann ihnen ja kleine Fallschirme verpassen!! Da nimmt man einfach ein Taschentuch, bindet vier Fäden dran und befestigt die dann möglichst weit hinten wegen der Ballistik!]

    Ja, das wollte ich noch loswerden bevor Du mir erzählst, wo man dieses Wunderwerk erstehen kann!

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    1. Mein Lieber, ich hatte das Ding ja verlinkt (siehe oben - ich hab's allerdings für 5.99 € gekauft)), aber nun, nachdem Nelly schrob, dass das ein Hunde-Umbring-Dings ist, habe ich ein ganz schlechtes Gewissen. Werf lieber selbst, mit der Kraft der zwei Herzen.

      Aber der Held... er war wirklich ein Held.

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  2. *räusper Achtung Klugscheisser Modus
    Ballwurfmaschinen, in Hundefachkreisen Rentnerkellen genannt sind Garanten für volle Tierarztpraxen. Selbst wenn die Knochen und Bänder die Belastung ertragen, gibt es ja gerne noch Herz-Kreislauf-Probleme und/oder eine schöne Magendrehung aufgrund des vielen Wassers nach der Belastung.
    Seid froh, dass der Hund es ausgekotzt hat ;-)
    Diese "glücklichen" Augen sind übrigens Augen, die völlig gaga im trieblichen Endziel "Jagd" über jede eigene Belastungsgrenze gehen würd...also im Zweifelsfall bis zum umkippen
    Sorry, musst sein :-)

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    1. Ach je, besten Dank für deinen Kommentar. Ich hatte ja keinen Schimmer. Ich werde das Ding nur noch in homöopathischen Dosen einsetzen. Vielleicht gehe ich mal bei dir in die Lehre.

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    2. Ergänzend zu Nelly:
      Direkt nach dem Workout sollte man noch ein bisserl warten bis der Kreislauf wieder zur Ruhe gekommen ist. Oder/zusätzlich in kleinen Portionen/Etappen Wasser/Futter verabreichen. Besonders, wenn das Tier im Labrador-Style eher wegatmet als frisst.

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    3. Das Gleiche dachte ich leider auch bei Deinem Text. Hände weg von den Ballwurfgeräten. Eine Magendrehungendet idR tödlich und all die anderen Folgen, die Nelly aufführt, möchte man auch nicht erleben.

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  3. Ach was!! Ich weiß ja nicht was Ihr für psychopathische Hunde habt. Redaktionskampfhund Oskar hat zwar großes Herz, aber nicht Kreislauf – sowas braucht und will er auch gar nicht. Die Bänder und Knochen tragen ihn aufrecht und stützen seine edle Haltung. Das aristokratische Gesicht mit der furchterregenden Schnauze im Wind: Ein freies Tier mit einem freien Willen, ein tiefer Denker! Nicht so eine Handtaschenhupe die an ihrem eigenen Gebelle erstickt.

    Für alle, die noch am zweifeln sind: Hier die Proaktiv Hyperfetch&Feed® Handeballweitwurfmaschine im Praxistest:

    »Boss! Lena war hier. Ist noch gar nicht so lange her. Vier Stunden. Höchstens!«
    Lena steht mit Frauchen am Waldrand und sieht interessiert zu, wie ich 12 AA-Batterien in die Proaktiv Hyperfetch&Feed® drösel und die dazugehörige App auf dem Smartphone installiere.
    »Außerdem war das impertinente Reh wieder da, das nie wegläuft wenn ich es jagen will. Nie! Das nächste Mal, Boss – ich sach nur: Das nächste Mal! Dann nimmst Du mir die Leine ab, zeigst mir die ungefähre Richtung und dann gibt’s Braten und ich bekomme die Knochen.«

    Der Proaktiv Hyperfetch&Feed® wird mit einem Ball geliefert. Weitere Bälle können dazugekauft werden. Bei der Benutzung von Stöckchen, Wurststücken oder Katzen erlischt die Garantie. Vor Ballauswurf wird eine Lichteranimation gestartet und eine Fanfare ertönt, damit der Hund und sein Besitzer gewarnt werden. Achtung: Dann sofortiger Ballauswurf!
    »Boss: Das ist eine sehr, sehr schöne Maschine, die Du da gekauft hast, aber ich habe gerade die wohlriechende Lena und ihr Frauchen gesehen. Du weißt: Die mit den Leckerchen in der Tasche!«
    Die Garantie erlischt auch, wenn das edle Tier sein Bein daran hebt. Den Rest kann ich nicht mehr lesen weil Lena und Frauchen gekommen sind und die Maschine beschnüffeln. Also Lena. Ausschließlich Lena. Oskar hat schon und Frauchen will nicht.
    Besitzerstolz. Lichtanimation, eine Fanfare ertönt und ein kleiner Ball wird ca. drei Meter weit gespuckt.
    Stille.
    »Boss! Du hast da was verloren. Ich sach nur. Nur falls Dir das nicht aufgefallen ist.«
    Lena drückt sich an mich. Will gestreichelt werden. Das schöne Frauchen nicht. Sucht Pilze und läßt mir ihren Hund da. Typisch.
    »Bohoooss! Wenn Du das Ding nicht wieder einsammelst, werden es die Rehe finden und Du kriegst das nie wieder!«
    Ich habe einen wackeligen Schiebeschalter gefunden, mit dem die Wurfweite auf neun Meter erhöht werden kann. Neuer Versuch. Animation, Fanfare, jetzt allerdings schon dunkler und leiser.
    »Wie ich bereits bemerkte: Eine sehr, sehr schöne Maschine hast Du da. Und sie kann sogar „bröööps“ machen und dann kullert die Kugel ganz langsam raus. Bestimmt war sie sehr teuer! Aber wenn es Dir solchen Spaß macht…«
    Der Schwanz des Redaktionskampfhundes zeigt in Richtung Maschine, die Schnauze zur Lena, die heute sehr, sehr gut riecht. Die Proaktiv Hyperfetch&Feed® ist designt für mittelgroße bis große Hunde lese ich weiter, wobei der große Hund gerade versucht auf die mittelgroße Hündin zu klettern. Niiiicht! Sonst muß Annika noch eine jugendliche Warnung an ihren Blog heften.
    »Kommt, Oskar und Lena! Wir gehen mal weiter, bevor Ihr Euch vermehrt. Die Maschine lassen wir mal ganz unauffällig da stehen. Da freut sich der nächste.«
    Die Proaktiv Hyperfetch&Feed® sendet ein akustisches Warnsignal aus, bevor ihre Batterien leer sind. Wechseln Sie dann bitte umgehend den Batteriesatz, bevor die auslaufenden Batterien die Proaktiv Hyperfetch&Feed® beschädigen können, was mit dem Verlust der Garantie einherginge.

    Redaktionskampfhund Oskar hat einen Stock gefunden, den er mit einer eleganten Drehung seiner Schnauze beinahe zwei Meter wegwirft.
    »Lauf, Boss! Hol das Stöckchen! Na renn schon, das machst Du doch so gerne!«
    Aus dem Wald tönt der Paarungsschrei eines brünftigen Eichhörnchenbullens. Die Batterien! Jetzt aber nix wie wech!

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    1. Ach liebes Pantoufle, wat'ne wunderschöne Geschichte habe ich da aus dir rausanimiert. Ich werde mich ab heute deine Muse nennen. ;)
      Herrlich, du krönst meine Heldengeschichte. Jawohl.

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    2. Ich bin Dein Muser! Ein wenig Gendergerechtigkeit muß sein.

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  4. Die Geschichte hat alles, was es braucht: einen Ritter, einen Hund, ein Asthmaspray zur rechten Zeit und einen Satz, der in Richtung Evergreen tendiert: "Ich bin auch lieber allein, wenn ich denke, dass ich gleich sterben muss." Möchte noch hinzufügen, dass ich sogar dann lieber allein bin, wenn ich weiß, dass ich gleich weiterleben muss.

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    1. Made my day! Hab so gelacht. Wurde mal Zeit, heute.
      Gestern habe ich auch sehr gelacht, wegen der Ballistik und der Katzen.

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