Sonntag, 24. April 2016

Die Wohnungen alleinlebender Männer

Es soll nicht um schlechten oder guten Geschmack gehen. Das auch, aber nicht nur. Was mich fasziniert, ist, wie wenig Wert Männer darauf legen, sich eine Hier-bin-ich-gern-Atmosphäre zu schaffen. Vielleicht sind sie selbst sehr wohl gerne bei sich zuhause, aber damit stehen sie ziemlich alleine da.

In meinem ganzen Leben habe ich nur zwei Männer kennengelernt, denen ich Geld geben würde mit dem Auftrag, meine Wohnung einzurichten. 

Die, mit denen ich lebte, hielten sich aus Einrichtungsfragen weitgehend und gutmütig heraus (auch so ein Phänomen); bis auf einen, der unheimlich gerne Podeste baute (die Hälfte des Zimmers wurde auf Fensterhöhe mit einem Podest versehen, auf dem die Matratze lag, was ich englisch fand; allerdings hatten wir keinen Blick in einen weitläufigen Park, sondern in einen Moabiter Hinterhof, in dem eine riesige Kastanie vor jägergrünen Hauswänden stand. Es war also eher ein Urwaldblick, was auch seinen Charme hatte, enervierend konterkariert durch die Dauerbeschallung mit Unterschichtenfernsehen - ein ewig besinnungslos besoffener Nachbar ließ seinen Lieblingssender RTL Tag und Nacht auf maximaler Lautstärke laufen).

Was ich gesehen habe, war so atemberaubend wie unvorhersehbar. Hier meine Top Ten:

  1. Bilder an den Wänden sind schön und gut, aber es sollten keine selbstgemalten Machwerke (Malen nach Zahlen) von Rambo und dem Terminator - in Anlehnung an Andy Warhol - sein. Ebenso verbieten sich Verlegenheitskäufe vom Praktiker-Markt.
  2. Bettwäsche. Ein weites Feld. Geometrische Muster, chinesische Schriftzeichen, zerschlissen seit der Konfirmation. Merke: eine Autodecke für den Kofferraum über das Bett drapiert eignet sich nicht, ein Schlafzimmer ansprechender zu gestalten. 
  3. Badezimmer, ein neuralgischer Punkt, der einen hohen Verliebtheitsgrad samt einhergehender Blindheit der Frau erfordert, falls der Mann noch nicht erkannt hat, dass man Zahnbürsten wechselt und Klodeckel auch von unten geputzt werden sollten. Da muss er ein sehr begabter Liebhaber sein, um diese Nachlässigkeit wenigstens temporär vergessen zu machen. Ein Mann hat mich mal sehr erschrocken mit seiner Batterie an Duschgels und Körperlotions mit der Duftrichtung Schokolade, Erdbeere, Kirsch-Banane und Kokos-Vanille.  
  4. Gardinen. Schlimm. Einige Männer hängen sich Lappen an die Fenster, vorzugsweise aus Plastikseide und in dunkelrot, in verschärften Fällen haben sie die stets zugezogen. Offensichtlich möchten sie gerne in einer Höhle leben; aber wenn man schon gerne in Fort Knox lebt, gibt es bessere Varianten, die die Behausung in wohltemperiertes und gütiges Licht setzt, vor allem bei Sonnenschein: cremefarbener Baumwollstoff. Unerreicht. 
  5. Motorräder in Wohnzimmern. Das gibt es wirklich. Einmal habe ich das mit 16 erlebt, mein Freund hatte sein Moped in sein Zimmer geschleppt in den zweiten Stock, weil er was umbauen musste, eine ziemlich ölige Sache, was einen Nervenzusammenbruch seiner Mutter zur Folge hatte. Ein anderer hatte eine Wohnung zu ebener Erde; selbst die Terasse schien ihm nicht sicher genug; er lebte in der ständigen Angst, man könne ihm seine Gefährtin klauen. Drum stand seine wichtigste Bezugsperson zwischen offener Küche und Wohnbereich. 
  6. Licht. Bis auf einen, der ein ähnliches Talent wie ich hatte, eine Wohnung wohlig zu illuminieren (der damit aber leider Rambo und den Terminator entsprechend ins Licht setzte), habe ich auch hier viele schlimme Deckenlampen gesehen, wobei ich fairerweise sagen muss, das Allerschlimmste habe ich bei einer Frau erlebt: von einer hohen Altbaudecke hing im Wohnzimmer eine nackte Glühbirne als einzige Lichtquelle. Eine gestandene, bildhübsche alleinerziehende Mutter mit wechselnden Liebhabern, die entzückt waren von ihrem kastanienbraunen Lockenschopf, der wie eine Kaskade weit runter auf ihren anmutigen Rücken fiel. Ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung von ihrer Wohnung, bevor ich sie das erste Mal betrat. Daran zeigt sich wieder, dass man Menschen nie nach ihrem Aussehen beurteilen sollte.
  7. Mannshohe, konzertreife Boxen in 16 qm Zimmern sind entschieden überdimensioniert; vor allem, wenn sie mit der Glotze verbunden sind. Ohrenbetäubende Dolby Surround Erlebnisse haben mich frühzeitig ertauben lassen, vor allem seit der Fußball WM, als die Vuvuzelas modern wurden.
  8. Der Flur fungiert oftmals als privater BSR-Ableger. Das ist falsch verstandene Re-Kommunalisierung.
  9. Kabel - ein Steckenpferd vieler Männer. Sie sammeln Kabel, als ob sie mit dem Verkauf später ihre Rente aufstocken wollten. Manche haben ein eigenes Zimmer für Kabel. Vielleicht sind sie uns Frauen damit weit voraus, man weiß es nicht. Ich muss auch zugeben, dass mir schon mancher Mann mit einem passenden Kabel ausgeholfen hat; insofern ist ihr Mantra "kann ich bestimmt noch mal gebrauchen" nicht ganz von der Hand zu weisen.
  10. Deko - ganz allgemein lässt sich vermuten: wenn ein Mann mutwillig verteilte Rumsteherchen sein Eigen nennt, sind das Überbleibsel seiner letzten Beziehung. Auch hier kann ich nicht unerwähnt lassen, dass nicht jede Frau ein sicheres Händchen hat.

Kommentare:

  1. Aaaalso, in meiner Eigenschaft als Onlinedatejägerin in den letzten 3 Jahren, muss ich widersprechen.
    Mich wurmt es mittlerweile tatsächlich, dass die Männer, die ich date geschmackvoller eingerichtet sind, als ich!
    Ich kenne ja deine Zielgruppe nicht, aber"meine" geschiedenen Endvierziger haben sich stilvoll eingerichtet und zwar allesamt bei Ikea!
    Stilvoll und Ikea - das musste erstmal hinkriegen!
    Fun fact: fast jeder dieser Kerle hat diese indirekte Lichtleiste, der eine rund ums Bett, der andere hinterm Sofa oder rund um den Flachbildschirm, Farbwechsel per Fernbedienung. Die will ich auch :-)

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    1. Nun ja, ich habe die Negativbeispiele genommen, das ist ja auch viel lustiger :-)

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  2. Nr. 10 kann ich so unterschreiben. Zu Erstens hab ich zwei Dali-Drucke in Baumarkt-Rahmen zu bieten und ein selbstgemaltes ähm... Bild im Wohnzimmer, welches zu Kategorie 10 zählte, und welches ich inzwischen durch Geschmackvolleres meines Gustos ersetzt habe. ;)

    Der Rest: keine Gardinen sondern Holzjalousien, unifarbene Bettwäsche in gedeckten Farben und Leuchten und Einrichtung im Industriechic, eher minimalistisch aber viele Bücher, gute.. ;) Ich bin zufrieden.

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  3. Wer keinen Platz für einen Billard hat stellt sich einen Tischfußball in die Bude.
    Und nein, Wir sind keine großen Kinder.
    Und wer bedauerlicherweise auch dafür keinen Platz hat nimmt eine Darts-Scheibe.
    Motorrad im Wohnzimmer ist in der Tat grenzwertig, vor allem wenn es sich um eine Harley handelt.
    Mieses Badezimmer geht gar nicht.
    Liegt aber daran, daß die meisten Männer eben doch keine Ahnung von Hammer und Kelle sowie Rohrzange haben.
    Ich behaupte sogar, daß überhaupt nur 10-15% der Männer in der Lage sind, Ihr eigenes Bad zu bauen. Tragisch.
    Ansonsten entspreche ich allen Vorurteilen, da ich am liebsten in einer Werkstatt mit Espressomaschine und offenem Kamin leben würde.
    Aber meine Bude das einfach nicht hergibt.
    Schade........

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    1. Es muss ja keiner ein Bad bauen können, nur ab und an Biff benutzen.

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    2. Das macht man dann automatisch, so wie man auch ein schönes Auto/Motorrad/Fahrrad/Hund gerne putzt.

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    3. Oh, ein Höhlenmemsch.
      Kaffee, Feuer, Handwerk - ruf mich an, wenn's soweit ist.

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  4. Schön, wenn man wenigstens weiß, wie der Liebste eingerichtet ist.
    Manche wollen einem ihre Bude erst gar nicht zeigen, weil sie befürchten, dass sie nicht den Erwartungen entspricht.

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  5. Es wundert mich, dass du das Thema "Hygiene in der gesamten Wohnung" (also nicht nur die dunkle Seite des Klomonds) nicht aufgegriffen hast. Wollnashörner statt Wollmäuse, verkrustete Herde, leere Flaschen und Bierkästen in der Küche, zugemüllte und dreckige Schreibtische usw. - und ich rede hier nur von meinem engsten Freundeskreis!

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    1. Hört sich vielversprechend an, du solltest drüber schreiben :)

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    2. In meinem Arbeitszimmer blicke ich auf ein Plakat vom englischen Formel 1-Grand Prix 1984, den ich besucht habe, und eine Weltkarte, auf der es noch die DDR und Jugoslawien gibt.

      Gibt es für Männer den Begriff "Peter-Pan-Syndrom" (i.e. die Weigerung zu altern)? Wenn nicht, gehört das Copyright mir. Meine These: Frauen haben IMMER Kinder, egal was sie machen.

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  6. Ein paar gute Einrichtungsanregungen. Bezugsadressen wären aber hilfreich..

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    1. Schrott gibt es überall, man muss nur die Augen offen halten.

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  7. Männerwohnungen ... Widerstand ist zwecklos, gelle?
    Hochregallager, Kitschdeponie, blaue Periode und Geisterhäuser ... und gerade einen Tonmischraum ... als Wohnzimmer ... das wären meine Erfahrungen ... die ausführliche Variante berichte ich dann woanders ...

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    1. Schon gelesen... Und ich dachte, ich sei die einzige

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  8. Ich gebe zu, ich fühle mich ein wenig ertappt. Meine Wände sind weiß und weitgehend ungeschmückt. Allerdings habe ich auch nur ein Zimmer und brauche den Platz für Bücherregale.

    Andererseits habe ich keinen Platz für Motor- oder sonstige Räder. Mein Vormieter hatte allerdings ein Mischpult hier rumstehen.

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    1. Ich kenne einen, der in seiner eigentlich top eingerichteten Behausung ein Schlagzeug zu stehen hat, mitten im Wohnzimmer. Er hat seit 20 Jahren nicht mehr darauf gespielt, aber seine Frau schafft es nicht, das Ding zu entfernen, weil er sich dann augenblicklich scheiden lassen würde.

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    2. Wenn das ein Miethaus ist, sollte sie sich darüber freuen, dass ihm kein Nachbar den Schädel einschlägt.

      Wobei sich so das Schlagzeugproblem lösen würde ...

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  9. "Was hat der denn für Oma-Bettwäsche?" dachte die Gräfin, als sie zum ersten Mal bei mir auf dem Bett saß. (Wie sie mir Jahre später erzählte.) Tatsächlich handelte es sich um ausgemusterte Bettwäsche und Bezüge, die ich beim Auszug aus dem Elternhaus mitgenommen und über die Jahre ständig mitgeschleppt habe, ohne je auf die Idee zu kommen, mir selbst welche zu kaufen. Es gibt Dinge im Leben eines Mannes, die haben Priorität. Betwäsche gehört nicht dazu.

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    1. Konstatiere: du hast die Gräfin anders überzeugt :)

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