Montag, 16. Februar 2015

Männerbekanntschaften 2

Als ich mich gerade so schön versenkt hatte in den sinnlichen Mund und mir immerzu Feuer geben ließ, in dieser menschenfreundlichen Kneipe, in der man rauchen darf, ging die Tür auf und ein weiterer Mann setzte sich an den Tisch. 

Ganz anderes Kaliber: groß, BMI suboptimal, längere Haare, aber auf eine unkleidsame Art, grimmiger Blick, wunderbar konterkariert durch je einen goldenen Armreifen an jedem Handgelenk. Solche Armreifen trug meine Mutter in den 70ern; ungewöhnlich für einen Mann seiner Statur im Jahre 2015 (Männer müssen zwecks Strahlkraft nicht zwangsläufig schön sein, aber wenn schon Schmuck, dann sollten sie sicheren Geschmack beweisen. Und natürlich gepflegte Hände).

Er begrüßte auch gleich die Frau, die neben ihm saß "Ah, die Nazi-Versteherin aus dem Osten!" Sie jammerte und erzählte, dass sie ein paar Tage zuvor hart angegangen wurde, weil sie die These vertrat, dass nicht jeder Pegida-Heini automatisch ein Nazi sei, nein, so könne man das nicht sagen, da seien auch ganz normale Leute drunter. "Fängste schon wieder an?" bellte er sie nieder. Sie wand sich und verstummte. 

Dann verstieg er sich mit dem sinnlichen Mund in eine Diskusssion über den Briefwechsel zwischen Wollschläger und Arno Schmidt und die "arme Alice" könne einem auch nur leid tun. Mein Blick ging von links nach rechts, als sähe ich einem Tennisspiel zu. Ich verstand nur Bahnhof. Die Frau fragte mich, ob ich wüsste, worüber die beiden reden, ich sagte, keinen Schimmer, was die zwei zum lachen brachte und der Goldjunge dröhnte "Wir machen das doch nur für euch!" 

Er wandte sich wieder an den sinnlichen Mund "Weißt du eigentlich, dass Karl May zur Hochliteratur gehört?" - "Unbedingt! Die haben doch seine ganzen Romane kindgerecht zusammengekürzt, bis nichts mehr von übrig war, wenn du die Originale liest..." - Sag ich doch!" - "Und dann kam dieses Schwein Rudolf Lebius und machte ihn fertig. Da hat er sich nie wieder von erholt." - "Genau. Zwingt der ihn vor Gericht, englisch zu sprechen, aber er konnte ja kein englisch." - "Furchtbare Sache. War der nun verrückt oder nicht?" - "Der war verrückt. Hat aber trotzdem gut geschrieben."

"Todesliste!" brüllte es von der anderen Seite des Tisches. "Romy Schneider, wenn ich das Stimmchen schon höre, dieses gewollt sanfte, kindliche. Grau-en-voll! Die kommt ganz oben auf die Todesliste!" Allgemeines Echauffieren über Romy Schneider schwappte zu uns rüber und die Frau gegenüber flüsterte "Sissi seh ich immer noch gerne." - "Und tot ist sie obendrein, ihr kann nichts mehr passieren", wisperte ich zurück. 

Der Goldjunge redete sich nun in Rage über seine finanziellen Verhältnisse "Ich hab ja Geld. Gebe ich gern zu. Hab ich kein Problem mit." und erzählte, wie er bei dem "berühmtesten Dingsbums der Welt", wohnhaft Central Park, Upper East Side, zu Gast war und im Fahrstuhl Dingens begegnete, die ihn freundlich fragte, ob er nachher auch auf der Party sei und da... da sei er schon beeindruckt gewesen, obwohl er eigentlich kaum noch zu beeindrucken sei. 

Inzwischen war ich mir sicher, dass ich das alles träume. 

Weiter ging die Tour de force zu Raumschiff Enterprise. Ich konnte auch mal punkten, weil ich den zweiten Vornamen von Capt'n Kirk wusste, Tiberius.Und als ich von der Anfangssequenz des Blade Runners schwafelte, da versprach mir der Goldjunge anerkennend, mich zum thanksgiving bei irgendeiner stinkreichen Erbin mitzunehmen, natürlich, natürlich, ich freu mich heute schon drauf, wie gut, dass ich den Blade Runner gut finde, lasst Männer meines Alters um mich sein!. Es sind die Kleinigkeiten, die entscheiden. Kurz darauf stand er auf und ging, er hätte zu arbeiten. 

Als ich gegen drei Uhr morgens an die Theke ging, um zu bezahlen, stellte sich raus, dass der Goldjunge bereits die gesamte Zeche übernommen hatte. Da freuten sich alle.

Männerbekanntschaften 1
Männerbekanntschaften 3

Kommentare:

  1. "Inzwischen war ich mir sicher, dass ich das alles träume."

    Wie sagst du so schön, abgeschminkt vor Lachen bei diesem Satz. Gerade vorher dachte ich noch, klingt wie ein schräger Traum.
    Aber klingt auch nach einer ungemein unterhaltsamen Nacht, angefüllt mit Skurilitäten!! Ich steh auf sowas. Aber seit ich nicht mehr in Berlin bin... Nimmste mich mal mit? ;)

    Und ich wüsste ja zu gerne wer Dingsbums und Dingens sind... ;)

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  2. PS: Danke für die wesentlich weniger schwierigen Captchas! :)

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  3. Soooo surreal ... du bist sicher, dass es kein Traum war?

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  4. Juhu ... Es klappt!!! Danke im Namen meiner alterschwachen Augen :-)

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  5. War kein Traum. Und ich habe längst nicht alles erzählt. Mehr geht leider nicht, wegen der Persönlichkeitsrechte. An dem Tisch hatte jeder seinen eigenen Wikipedia Eintrag, außer mir natürlich.
    @ dunklegassen: na klar nehme ich dich mit!

    Mal was anderes, Zebulon kann hier nicht kommentieren, könnt ihr ihm euer Geheimnis verraten? Rolle, jetzt funktioniert es sogar bei dir. Was macht ihr, was er nicht macht?

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  6. Mann kann hier nur kommentieren, wenn man kein Roboter ist. Muss ich jedesmal die Bestätigung vorzeigen. Vielleicht liegts daran? ;)

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  7. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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