Dienstag, 10. Februar 2015

Time is money

Jeden Abend, wenn ich das Büro verlasse, teste ich, ob Gott mich liebt. Ich hol mein Handy aus der Tasche und tippe auf die App "Drive now". Meistens habe ich Pech. Von allen Göttern verlassen gehe ich dann zur Bushaltestelle und ergebe mich in mein Schicksal. Schon fünf Monate habe ich kein Auto mehr und das ist länger, als alle Freunde und ich selbst mir zugetraut haben. 

Heute hatte ich Glück. 500 Meter entfernt steht eins. Ich könnte jetzt auf "reservieren" tippen, bin aber zu geizig, denn die Zeit, die ich dahin latsche, muss ich auch schon bezahlen. Es wird nicht nach Kilometern abgerechnet, sondern nach Zeit, die man den Wagen occupiert. Nachher bricht mir jemand ein Bein, ich werde vom Krankenwagen eingesammelt und habe hernach nichts mehr zu vererben, weil ich die Reservierung nicht mehr rückgängig machen konnte.

Nachteil: ich stand schon mal vor einem Wagen, fummelte umständlich die Chipkarte raus und da reserviert doch in der Sekunde jemand aus der Ferne, herzlichen Glückwunsch. Seitdem trage ich die Karte zwischen den Zähnen, sobald ich das Haus verlasse. Ich bin ja nicht blöd.

Ich komme an, der Himmel blieb mir gnädig. Ich steige ein und entspanne augenblicklich. Endlich mal wieder in meinem natürlichen Lebensraum. Ich fahre, also bin ich. Aber nur kurz, leider fahren ja auch andere und die sind immer im Weg und schleichen durch die Gegend. Ich werde arm wie eine Kirchenmaus wegen dieser Bekloppten, die seelenruhig die Straßen verstopfen.

Diese brandneuen Minis haben alles, was man sich wünscht, nur keine Uhr. Die Uhrzeit ist wichtig, weil ich dann die Centstücke vor meinem inneren Auge fallen sehe, direkt in die Portokasse der BMW Hauptzentrale.

Die erste Ampel ist geschafft, die zweite folgt sogleich, wen wundert's, wir sind in Berlin, zügig geht woanders, hier ist immer Stau. Vom Geiz zerfressen wechsel ich auf die Busspur, die ist wie für mich gemacht, ich rase über die dunkelgelbe Ampeln, was soll's, um die Zeit haben Kinder nichts auf der Straße verloren, Geschichte wird gemacht, es geht voran. 

Ich muss in die Eisen, weil ein Gehirnamputierter ausparkt, hab ich ihm das überhaupt erlaubt? Wieder so eine Blindschleiche vor mir und für Überholmanöver ist der Gegenverkehr zu ignorant, wo wollen die nur alle hin?

Endlich ruhigere Gefilde, kaum Ampeln, Zeit für Kontemplation, mein Atem wird gleichmäßiger, hm, die Rückenlehne hatte ich vergessen einzustellen, wo verdammich ist diese Kurbel? Ich sitze wie ein Affe auf dem Schleifstein, was sollen denn die Leute denken? Ich fummel hier, ich fummel da, mein Missempfinden steigert sich ins Unermessliche, scheiß der Hund drauf, da ist auch schon die letzte Ampel und nach dieser muss ich nur noch einen Parkplatz suchen. 

Die Ampelphase dauert. Und dauert. Und dauert. Ich werd verrückt, die überspringt eine Grünphase, ich werd mir bald nichts mehr zu essen kaufen können. Experimente beim Veganer? Nicht mehr drin.Tröpcheninfektionen beim Friseur? Nie wieder. Die gibt's nur noch gratis im Kollegenkreis.

Schweißgebadet steige ich aus, mein Handy macht pling, Guten Tag, danke, dass du Drive now benutzt hast, wir werden 9,83 € einziehen. Zeit gespart? Nö. Das Gelatsche zum Auto und von dort zur Wohnung (wohne ja außerhalb des Geschäftsbereich) dauert solange wie die Busfahrt. Ich bin ja wohl blöd. 

Kommentare:

  1. Das tut ja weh beim Lesen. Jetzt muss ich erst mal meditieren, um den Stresslevel zu senken, der sich bei der (wie immer lustigen) Lektüre eingestellt hat.
    Mich treibt's demnächst mal nach Potsdam, Roman-Recherche. Soll ich dich abholen und du fährst mich in meinem Auto da hin? Darfst auch ganz langsam fahren. Und bei nem Supermarkt halten. Auch bei roten Ampeln.
    Und heute Bus?

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  2. Unbedingt, ich bin dabei und dann werde ich sowas von schleichen, ich werde den Verkehr kollabieren lassen, wegen mir wird es Warnungen im Radio geben, Süd-Berlin weiträumig umfahren, eine carsharing-Geschädigte übt blutige Rache, Dixie-Toiletten werden am Straßenrand aufgestellt, Decken und heiße Getränke werden verteilt, gestresste Familienväter entleiben sich und ihre Brut, und schwupps hast du eine neue Roman-Idee.

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  3. Und den Kiezneurotiker nehmen wir mit. Er kann hinterher über die Sause schreiben. Wir müssen nur guten Whisky dabei haben.

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  4. Unbedingt. Das wird ein illustrer Ausflug. Die Rächerin der Straße, ein Neurotiker, eine Auftragsmörderin und eine Flasche Whiskey auf einer Kaffeefahrt. Klingt nach einem preisverdächtigen Kinofilm! Du fährst, der Kiezneurotiker schreibt den Blog und ich den Film!

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