Sonntag, 8. Februar 2015

Die Kinder von Golzow

Kennt jemand diese Langzeitdokumentation?

http://www.kinder-von-golzow.de/

Früher wurde die ab und an mal die ganze Nacht auf RBB gezeigt und wann immer ich das Glück hatte, zufällig reinzuzappen, sind das schlaflose Nächte geworden, weil ich mich dem Sog der ungeschulten Sprecherstimme, den langen Einstellungen und den oft stockenden Erzählungen der Schüler und später jugendlichen und erwachsenen Protagonisten nicht entziehen konnte. Es wurde nichts kommentiert, nur gezeigt. So gut wie alle Lebensverläufe sind mehr oder weniger missglückt. 

Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung, auf der ich im Vorbeigehen den inzwischen uralten Regisseur Winfried Junge erkannte (ich hab ein umfassendes Gedächtnis für so einen Kram, während ich den Namen eines jeden, der mir vorgestellt wird, augenblicklich wieder vergesse). Praktisch im Affekt sprach ich ihn an und schwärmte in epischer Breite von meinen durchwachten Nächten. "Das ist aber ungewöhnlich für jemanden, der nicht aus dem Osten kommt." 

Und wie ungewöhnlich erst, dass im Osten sozialisierte Menschen auch heute noch jeden Wessi aus 20 Kilometer Entfernung riechen. Mir gelingt das nur, wenn er aus Sachsen kommt oder in den ersten fünf Sätzen irgendwas mit "Meine Mutti" zum Besten gibt. "Urst" sagt ja kein Mensch mehr.

Verkackt hab ich's trotzdem, als er erkennbar erfreut einen Mann zu sich winkte und ihn mir begeistert vorstellte "Das ist der Jürgen." Jürgen, Jürgen, brat mir 'nen Storch, muss ich den kennen? Offenbar, denn seine Gesichtszüge froren ein und Jürgen sah mich hilflos lächelnd an. Ich begriff, Jürgen war eins der Kinder von Golzow, aber so genau hatte ich die Mitwirkenden nun auch wieder nicht auf der Kappe. Ist mindestens schon 10 Jahre her, dass ich das letzte Mal beim Zappen Glück hatte. So herzlich ich dann Jürgen auch begrüßte, mein Fauxpas war nicht mehr gutzumachen.

Dass sich gewisse Animositäten zwischen Ost und West bis heute nicht aus der Welt räumen lassen, daran habe ich wohl meinen Anteil. Das Gegenteil von 'gut' ist und bleibt 'gut gemeint'.

Kommentare:

  1. Ich denke das mit der breiten epischen Schwärmerei war das Erkennungsmerkmal schlechthin. Eigentlich dachte ich, der Herr Jung hätte mit der Sache komplett abgeschlossen, vielleicht habe ich mich auch letztens bei der Sendung verhört. Es ist schon eine Weile her, als ich das gesehen habe, weil mich auch die letzten Aufnahmen interessierten. Ich erinnere mich nur schwammig daran und so was wie Hilflosigkeit blieb.

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    1. Da spricht die spröde Mecklenburgerin...

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  2. die kinder von golzow hab ich vor jahren mal gesehen und mir gedacht wie gut doch so eine filmkamera und ein haufen zeit sein kann in den richtigen händen manchmal.

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  3. Ohh, wer kennt ihn nicht, den Jürgen...

    1994 - "Das Leben des Jürgen von Golzow"
    (192 Minuten, Farbe und Schwarzweiß)
    Der erste, über die "Wende" hinaus weitergeführte Lebenslauf eines der "Kinder von Golzow" als eigenständiger Langmetragefilm... (siehe Website)

    Nee im Ernst, auch ich als schon lange im Westen domestizierter Ossi kenne zwar die Chronik, aber sicher keinen der Protagonisten. Also mach Dir ma keen Kopp. Spannend sind die Filme allemal, ich kann mich ihnen auch nur schwer entziehen. Aber es gibt meiner Erfahrung nach eben sehr wenige Westgeborene, die sich wirklich dafür interessieren, wie das Leben in der "Zone" früher war und warum daher die eine oder andere Denk- und Verhaltensweise entstanden ist.

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  4. Täusch dich nicht, ich kenn einige Wessis, die in Stase vor der Glotze verharrten, sobald Golzow gezeigt wurde. Eigentlich jeder, der es gesehen hat, es haben halt nur nicht viele gesehen, weil es immer nur von Mitternacht bis sechs Uhr früh gezeigt wurde.

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