Montag, 14. August 2017

Ride Captain, Ride


Die Schönheit der Natur ebenso fest im Blick wie das Lenkrad unseres merkwürdig kastenförmigen Bootes, das wir relativ früh am Morgen mit 10 Personen betraten, um den ganzen Tag über den Müggelsee zu schippern und dabei Doko zu spielen, halt! - ich natürlich nicht, denn ich saß am Steuer, das hatte ich mir ausbedungen. Als beste Autofahrerin der Welt betrachtete ich das als mein Geburtsrecht und wie groß war die Freude, weil das Schiff eine weitaus luxuriösere Variante im Gegensatz zu dem Holzklasse-Modell aus dem letzten Jahr war.

Ledersessel. Lederbänke. Leder-Lenkrad. Nun gut, meine Arme waren zu kurz, um mich anzulehnen und gleichzeitig zu lenken; meist saß ich kerzengerade vorne auf dem Sitz, was mir nach vier Stunden ein schweres Schultersyndrom bescherte und da hatte ich noch weitere vier Stunden vor mir. 

Ich war auch ganz entnervt von dem Motorgeräusch, das einem das Gefühl vermittelte, mit einem Speedboot über den Atlantik zu jagen, aber ich wäre wohl schneller geschwommen und das soll was heißen, denn ich bin die lahmarschigste Schwimmerin der Welt. Und Musik hatten wir leider auch dabei. Abba. "You can dance, you can jive, having the time of your life" schepperte es harmonisch mit dem Dieselmotor.

Meine Nerven! Außerdem war ich völlig übermüdet, denn in der Nacht zuvor hatte ich Herrenbesuch und der hat mich morgens wachgeguckt.


Ich war zu Tode erschrocken, hatte aber keine Zeit mehr, mich davon zu erholen. Denn wir wollten was vom Tag haben, ergo trafen wir uns sehr früh, um dann in Kolonne den weiten Weg nach Köpenick anzutreten.

Während wir im letzten Sommer orientierungslos, aber glücklich über den Müggelsee schipperten, gab es dieses Jahr einen Plan. Ich sollte eine bestimmte Route fahren und bekam eine lächerliche Karte in die Hand gedrückt, auf der keine Sau ich nichts erkennen konnte. Wasserstraßen haben nicht mal Straßenschilder und so kurvte ich in engen Seitenarmen herum, vorbei an den herrlichsten Villen und pompösesten Yachten, was mir  schlimmen Sozialneid bescherte.

Gottseidank würde mein Elend bald ein Ende haben, denn am Tag zuvor hatten die Auftragsmörderin und ich hoffnungsvoll Lotto gespielt, das machen wir manchmal, und wir phantasierten von unserem eigenen Wassergrundstück. Gedanklich waren praktisch zwei Millionärinnen mit an Bord. 

Jedenfalls verfuhr ich mich oder war mir zumindest nicht mehr sicher, wo wir waren und wohin wir fuhren, also drehte ich um und dann plätscherten wir wieder über den großen See zurück, an der Marina vorbei, jetzt in die andere Richtung, aber da wurde es auch nicht besser. Nach weiteren anderthalb Stunden wurde ich erneut zur Umkehr aufgefordert und meine leisen Hilferufe, ob mal jemand anderes fahren möchte, wurden geflissentlich überhört. Die zockten an den beiden Tischen, einer hinter mir, einer vor mir, als ob es kein Morgen gäbe. 

Aus meinem Schultersyndrom war indessen ein Ganzkörpersyndrom geworden, denn Boot lenken ist nicht anders als Auto fahren und wer fährt schon gerne acht Stunden Auto mit nur einer Pinkelpause? Nur parken mit einem Boot ist anders als mit dem Auto. Ein Thriller!

Als wir ausstiegen, waren alle erholt und maximal entspannt und man beschloss, gleich in unsere Homebase zu fahren, um weiter Doko zu spielen. Ohne mich. Ich schlich zum Auto und fuhr mit letzter Kraft nach Hause. 

Im nächsten Jahr fährt jemand anders. Und dann nehmen wir wieder ein lautloses Elektroboot. Und kein Abba Medley. 

P.S: Zwei Dreier, ein Zweier. Keine Millionärin. Vorerst.