Mittwoch, 13. Juni 2018

Homo Avarus

Geburtstagseinladung bei Bling-Bling, meiner überaus großzügigen Kollegin. Ich kenne niemanden sonst, der so ausschweifend feiert und dabei keine Kosten scheut. Ein jeder wird gebeten, sich genau das auszusuchen, was er essen und trinken mag, ohne Limit.

Seit Jahren nehme ich entsetzt zur Kenntnis, wie sie und ihr Mann ausgenommen werden wie die Weihnachtsgänse. Ob es sich um Verwandte, Freunde oder Kollegen handelt - in jeder Peergroup ist mindestens eine Person dabei, die stets das teuerste Gericht bestellt, sich ungeniert vollstopft, Cocktails säuft und sich nicht zu schade ist, beleidigende Geschenke auf den Gabentisch zu legen.

Gestern war einer dabei, ein recht bekannter Autor, von dem ich sogar ein Buch im Regal zu stehen habe, weit länger schon, als ich ihn kenne, der brachte allen Ernstes einen vergilbten Chagall Bildband aus seinem eigenen Fundus mit, lieblos eingeschlagen in so etwas ähnlichem wie Wurstpapier. Er schlug sich den Magen voll und mit dem letzten Bissen vom Dessert stand er auf und sagte, er müsse nun gehen, da er frühmorgens einen Termin habe. Ich hätte ihm gerne die alte Chagall-Schwarte auf den Kopf gehauen.

Der Schlimmste von allen, ein Doktor der Physik, brachte eines Tages tatsächlich ein von ihm selbstgemaltes Bild seiner Katze mit, das seit 20 Jahren an seiner Wand hing. Ich starrte diesen Heini fassungslos an und bewunderte die Gastgeber ob ihrer Haltung. Sie steckten diesen beleidigenden Schlag ohne jede Regung weg. Ferner sitzt dieser Holzkopf stets regungs- und wortlos mit Hackfresse am Tisch - ich habe keine Ahnung, weshalb sie diese Napfsülze immer einladen. 

Eine Cousine ist auch immer mit dabei, die Übelgelaunt nur Augen für das Essen hat, dass sie sich ununterbrochen einverleibt; wenn sie überhaupt etwas sagt, dann ist es ein Gezeter, dass der Heimweg ja sehr beschwerlich sein wird mit dem Bus - ein Wink mit dem Holzzaun an den Gastgeber, der sie dann nach Hause zu fahren hat. 

Ihr alter Studienfreund stellt immer schon vorher Bedingungen, er fröstele leicht, man möge doch einen Tisch fern vom Fenster reservieren. Kaum ist das Essen auf den Tisch, bemängelt er, dass sein Fleisch leider etwas "zu" durch ist. Und das Dessert leider etwas "zu" üppig. Ein Mensch, der leider neben mir sitzt und den ganzen Abend klagt, dass er keine Freunde habe und ob ich nicht mal zusammen mit den Gastgebern zum Raclette kommen möge. Ich fange auch an zu frösteln.

Wenn da nicht immer ein paar Kollegen dabei wären, würde ich mich in einem Parallel-Universum wähnen. Aber selbst in unserem Kreis ist eine dabei, die reich geerbt hat und von daher mit dem angemessenem Understatement, aber erkennbar ausgesucht gekleidet und mit dem dazugehörigem Perlenschmuck behangen ist. Leider kann sie kaum mehr als 9,80 € für ein läppisches Taschenbuch erübrigen. Gestern kam sie reingerauscht "Es tut mir leid, ich habe gar nichts für dich, es war einfach zu stressig die letzten Tage." Setzt sich an Tisch und bestellt Champagner. Sie ist grandios dünkelhaft.

Sie folgt mir zum Rauchen nach draußen und ich sage scheinheilig (und um Bling Bling zu rächen) "Du siehst irgendwie anders aus." Natürlich ist mir gleich aufgefallen, dass sie eine OP hatte, die offenkundig schief gegangen ist. Die Frau ist fast nicht wiederzuerkennen. Sie beeilt sich zu erklären, dass medizinische Gründe vorlagen, natürlich. "Aber so schlimm seh ich doch nicht aus, oder?" Aber nein, lüge ich. ("Nimm dies, du Schnepfe", denke ich)  Ihre Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. 

Andere Möglichkeiten zur Satisfaktion des entehrten Geburtstagskindes ergaben sich leider nicht.

Kommentare:

  1. Das Geburtstagskind ist offenbar die Mutter Teresa des professionellen Schmarotzertums. Eines Tages wird sie heilig gesprochen werden. Habe ich das richtig verstanden, dass der Physiker eine Katze hat, die Bilder malt? ;-)

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    1. Ick hab‘s ja schon verbessert 😤

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    2. Das war gar nicht nötig. Ein Selbstporträt der Katze hätte mir eindeutig besser gefallen. Dem Geburtstagskind wahrscheinlich auch … ;-)

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  2. Weiss sie bzw. merkt sie das eigentlich? Falls nicht - dann lieber nichts sagen, sonst wird sie noch traurig. Achja - und cool, wie Du die Eine angemacht hast :)

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    1. Sie merkt es ganz genau. Und ich verstehe wirklich nicht, weshalb sie sich das antut.

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  3. Nun... ich finde es ein bisschen schräg. Mir stellt sich die Frage, ob dieses Paar diese Zusammenkunft so zelebriert. Ich meine, es wird ja einen Grund haben, es so übig zu gestalten, dass man die Parasiten augenscheinlich bewusst ignoriert.

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    1. Dahinter steckt wohl die Güte und das nötige Kleingeld, Schmarotzer eher zu bemitleiden, als sich von ihrem Tun kränken zu lassen.

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  4. Du hast dein bestes gegeben, Annika, an Geiz und Dünkel geht die Welt zugrunde. Gut, vielleicht hätte man unterm Tisch noch den ein oder anderen Tritt gegen das Schienbein austeilen und heißen Kaffee in den Schritt schütten können - aber nein, schon in Ordnung.

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    1. Das nächste Mal werde ich vorher einen Masterplan entwerfen ;)

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  5. Herrlich. Beim letzten Abendmahl war vermutlich bessere Stimmung. Mein Favorit ist das Katzenbild. Könntest Du beim nächsten Mal bitte heimlich Fotos machen?

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    1. Ich weiß nur noch, er gab dem Ganzen einen leicht surrealen Anstrich. Die Katze war rot, der Hintergrund gelb.

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  6. Verzeih dem recht bekannten Autor. Seine Bücher sind nicht nur in Deinem Regal, sondern auch auf »Google Dein Buch« oder wie das heißt. Da kann man die Einleitung bis zum ersten … lesen und dann müßte man es sich kaufen. Das macht aber niemand und so unterhalten sich die Leute über die Einleitung bis zum … . »Hast Du etwa nicht die Kernaussage des Werkes verstanden?« Hat aber niemand weil bis zum »Die Seiten 24 – 789 werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt.« Bei Amazon für nur 56,43$ + Versand + eventueller Mehrwertsteuer.
    Da steht er nun, der arme Poet und der Magen sagt »Nimm, was Du auf der Party von Bling-Bling bekommen kannst. Friss auch das in dich hinein!« Das Jahr hat 365 Tage, aber sie hat nur einen davon Geburtstag. Den Rest des Jahres nimmt der recht bekannte Autor jede leere Pfandflasche abwägend in die Hand und denkt an richtig berühmte Autoren, die beim Auftreten von leeren Behältern sofort eine neue Champain-Buddel in die Hand gedrückt bekamen. Neulich erst hat er ein Portemonnaie gefunden. 123 Euro in Scheinen, davon 7,50 in Münzen. Wer kann diese Qualen nachvollziehen! Die einen beten neunzehn Rosenkränze deswegen, die anderen schreiben darob einen Roman. Ist es das Buch, was bei Dir im Regal vermodert?
    Denk mal drüber nach!

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    1. Schon, schon... Aber, die mit den wenigsten Geld am Tisch haben die herzlichsten, und soweit ich das beurteilen kann, auch die großzügigsten Geschenke gemacht

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  7. Nur in Filmen eskalieren solche abgründigen "Wertschätzungen" erfrischend, jedoch zerstörend. Vielleicht war die Katze sogar tatsächlich ein Herzensgeschenk eines etwas verdrehten Physikers in völlig absurden Denkstrukuren? Ich mag eigentlich so ein skurriles Gemenge (und habe sofort Comics als Kopfkino). Im realen Leben gönnt man sich wissend die milde Großzügigkeit auf allen Ebenen und hier scheint Geld die Schmerzgrenze zu erhöhen (vielleicht wie bei einer Familie, deren unangenehme Angehörige wie "Phantom- Schmerzen" wirken). Frag doch mal Deine Kollegin. Vielleicht will sie die Gewohnheiten bewusst nicht ändern, oder spielt selbst ein amüsantes Spiel damit, bzw. wird durch Deine Frage (es ist ja ehrliches Interesse) wach... Ach ja: der Text ist wieder köstlich (und mitfühlend) zu lesen- DANKE

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    1. Zumindest bietet solch ein skurriles Gemenge Material für den Blog ;))
      Ansonsten hast du glaube ich den Nagel auf den Kopf getroffen.

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    2. P.S. Danke für deine freundlichen Worte.

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