Sonntag, 24. Juni 2018

Shopping Desaster

Wenn es nach mir ginge, hätte ich eine persönliche Schneiderin, die mich mit neuen Klamotten eindecken würde. Sie hätte meine Maße, wüsste um meine Vorlieben und alle paar Monate käme eine neue Lieferung nach Hause.

So aber muss ich selber einkaufen gehen. In einer Woche gehe ich wohin und habe nichts anzuziehen. Ich steh also unter Zeitdruck. Als ich nach meiner Tasche greife, finde ich das Portemonnaie nicht - sogleich erinnere ich, dass ich es in meiner Jacke im Büro vergessen habe. 

Rüber zu meiner Freundin, 100 € geliehen und in Ermangelung einer Geldbörse den Schein in den BH gesteckt. 

Komme gegen Mittag in so einem Kaufhaus an, in dem es praktischerweise alles gibt. Kleidung, Schuhe, Wäsche. Ich probiere und probiere und probiere. Ich finde kein Kleid, keinen Rock, keine Hose. Ach, denke ich, Schuhe brauchst du auch. Ich probiere und probiere und probiere. Ich finde nix. 

Eine Verkäuferin mit einem dämlichen Glitzer-Deutschland-Hütchen auf dem Kopf kommt auf mich zu und nimmt mich vertraulich zur Seite. "Wenn Sie was gefunden haben, kommen Sie dann bitte zu mir? Dann kann ich das abhaken und dann wissen die an der Kasse, dass ich Sie beraten habe." 

Die Höhe! Die mich beraten? Kein Mensch berät einen in Kaufhäusern. Die stehen nur im Pulk und quatschen und unsereiner muss sich allen Krempel selber anschleppen. Danke für nichts, du Schnepfe. 

Ach, denke ich, kaufst du dir wenigstens einen BH. Ich probiere und so weiter und so weiter. Ich finde nix. 

By the way: einen BH zu kaufen ist der Oberhorror. Erstmal muss man auf den Knien rutschen, um seine Größe zu finden, die maximal versteckt angebracht ist. BHs werden praktisch zu ebener Erde feilgeboten. Hat man welche ergattert, die man probieren möchte, sind diese Anti-Klau-Dinger direkt am Verschluss angebracht. Das BH-Business bräuchte mal eine Prozessmodellierung.

Mir wird auch langsam blümerant, weil es schon 15.30 Uhr ist und ich schon seit zweieinhalb Stunden ununterbrochen probiere und erst gefrühstückt habe. Ich wanke aus dem Kaufhaus, in Richtung Auto und da wird mir schon ein bissel schwindelig. Bin total unterzuckert und ich habe doch diese niedrige Hungerattacken-Toleranz. Hoffentlich schaffe ich noch den Weg zum Auto, ohne voher zu kollabieren. Das Ende ist nah.

Dann wird mir siedendheiß. Wo ist der 100€  Schein? Oh Gott. Ich haste zurück und bin erstaunt, welche Reserven in mir stecken. Fast könnte man sagen, ich renne. Und das mit Unterzuckerung. In mir steckt doch noch die gute alte Hochleistungssportlerin. Ich laufe die Rolltreppe hoch und da kommt mir oben das Glitzerhütchen entgegen.

"Ihich hahabe mein Geheld verlohoren, in der Uhmukleidekabihine" japse ich.
Die Schnepfe lächelt mich freundlich an. "Das habe ich gefunden, liegt an Kasse 2 im Untergeschos."

Ich will sie küssen, denn hätte ich einen 100€ Schein in einer Umkleidekabine gefunden... ich weiß nicht. Wir diskutieren abends beim Fußballgucken drüber. Die Meinungen waren fifty, fifty. Da meine Mutter nicht zugegen war (die auch einen 5 € Schein brav zurückbringen würde), nehme ich an, die eine Hälfte hat gelogen. 

Mein Problem hat sich indessen nicht gelöst. Ich muss wohin und habe nichts anzuziehen.



Kommentare:

  1. Dieses Thema mit der Beratung... kenne ich. Allerdings habe ich das Glück, dass ich meine Lieferanten sehr gut kenne, die passende Klamotten für mich haben. 90% aller Bekleidung kaufe ich online. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Läden immer dann geöffnet haben, wenn ich im Büro bin. Auch so etwas, was ich nicht verstehe... egal...

    Ich hätte die 100 EUR eingesteckt...

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    1. Auf shoppen habe ich weder online noch analog Lust. Ich kann mir all diese Passworte nicht merken...

      Die 100 € hätte ich auch eingesteckt. Leider.

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  2. Interessant, dass es tatsächlich Frauen gibt, die mit Geld im BH durch die Stadt laufen, wie die Flintenweiber in alten Western-Filmen. Wenn ich demnächst im C&A unterwegs bin, kommt mir dieses Bild garantiert in den Sinn.

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    1. Da vergesse ich EINMAL mein Portemonnaie im Büro und schon bin ich ein Flintenweib. Gottseidank hast du nicht "alte Flintenweiber" geschrieben, sondern nur "alte Western".

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  3. Meine Liebe,

    den Schein hätte ich auch tapfer abgegeben.
    Zahlt sich in der "großen Rechnung" immer aus.

    Ansonsten kaufe ich meine Wäsche in der Nikolaistraße in Leipzig. Ich latsche rein, sage, was ich will und die Fachverkäuferin bringt mir ohne Abmessungen sofort die passende Größe. Super! Ich liebe Wäschegeschäfte. Und Leipzig ist immer eine Reise wert.

    Aber falls du hier ein kompetentes Wäschgeschäft kennst...
    Tipps kann man immer brauchen.

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    1. Du fährst extra nach Leipzig?
      Früher gab's "Schlüpper Nati" im Fliegerviertel, da wurde einem alles angeschleppt und am Ende ging man gut eingedeckt wieder raus, aber die ist auch schon lange Geschichte.

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  4. RRP hier … irgendwie kann ich nicht mit Blog-URL kommentieren, sorry. Tiefes Mitgefühl, liebe Annika! Und mit wachsender BH-Grösse wird der Einkauf zur Gymnastik … denn nur 70 und 75 sind bequem erreichbar, der Rest in Knie bis Bodenhöhe … und warum zum Teufel ist die Körbchengröße nicht deutlich ausgewiesen? Trotzdem gehe ich selten in das einzige Geschäft, das mit Service punkten kann … einfach des Preises halber. Für "Gelegenheitsbekleidung" habe ich inzwischen sowohl eine "Butike" als auch das Wissen, welche Marke in welcher Größe mir passt. Und wenn Zeit und Lust nicht für die Butike oder die Überraschungstrophy im Outlet des Vertrauens reichen, bestelle ich "verlässliche" Marken online. Funktioniert prächtig. Kaufhäuser übrigens meide ich inzwischen meist. Da gibt es eh nur noch die ewiggleichen Shop-in-Shop-Flickenteppiche und nichts wirklich ungewöhnliches mehr. Toi toi toi für deinen "Anlass" … und guck mal nach der Marke LaSalle … genial schöne Kleider.

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    1. Ich habe mir doch glatt gestern eins bestellt - ein Träumchen. Muss nur pünktlich ankommen.

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  5. Uh, das mit dem Schein ist toll.
    Bei P&C werde ich eigentlich immer grossflächig fündig. Hab aber auch eine dankbare Größe. Passt fast immer

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  6. Ich war in einem Laden, den ich vorher nicht kannte, auf anraten einer Freundin. Vorteil: tolle Beleuchtung in den Kabinen, die Klamotten mit viel Platz aufgehangen, aber die zwei Kleider, die ich sensationell fand, waren nur sehr viel kleiner und sehr viel größer vorhanden. Es hat nicht sollen sein...

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  7. Ich hätte die 100 Eu eingesteckt, wenn sie auf der Strasse liegen oder auf einer Bank und weit und breit niemand, dem sie gehören könnten. In dem Laden hätte ich sie aber abgegeben.
    Und ja, das Einkaufen ist wirklich mühsam, nicht zu vergessen, die kleinen Kabinen mit den Spiegeln, die irgendwie kaputt sind und alles verzerren und den Vorhängen, die nie richtig schliessen.

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    1. Und die Beleuchtung in den Kabinen, die von Sadisten angedübelt wurden...

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  8. …habe nichts zum anziehen… überhaupt rein gar nichts! Wie ich diesen Satz hasse! Arbeite ich nicht seit Jahren (leider vergeblich) an einem Verfahren (auf das die Welt wartet), um Containerschiffe, Jumbo-Jets und Kreuzfahrt-Rentnerbusse aus Zellstoff zu bauen, gewebt, gepresst und mit Pattex gebunden als Baustoff? Aus 40 BH’s ließe sich eine Stoßstange für einen Panzerspähwagen kleistern, 700 Socken ergäben ein Rad für ein Flugzeug und 78 Mäntel eine Schiffsschraube. Recycleter Wertstoff für Millionen Menschen. Das Material ist billig und reichlich verfügbar: Es döst vergessen und ungebraucht in Millionen von Schlaf- und Ankleidezimmern, ein Tagebau ungenutzter Rohstoffe, terraforming aus Lacoste, Polo Ralph Lauren, The North Face und Nicholas Kirkwood.
    Ich habe nichts zum anziehen!
    Der Schlonz, den Du beim Aussprechen dieses Satzes um Dich wirfst, reicht zum Bau eines Carports. Soll ich aufs Thema Schuhe zu sprechen kommen? Soll ich? Willst Du anfangen oder soll ich?

    Meine Tochter (die kleinere) ist im Besitz eines Teppichs. Pfünpf mal sex Meter groß und etwa 45- 76cm dick, je nach dem. Die Tür geht so gerade auf. Nach außen! Es müffelt auch fast gar nicht – verglichen mit dem Hund -, ist aber genau so weich und kuschelig. Das ist der Humus des Satze »ich habe rein gar nichts zum Anziehen!« Leider wächst es nicht, auch nicht, wenn man es gießt. Ich weiß das! Es blüht und gedeiht nicht, trägt kein Früchte von Armani oder sonstigen Goldgruben. Und wenn man sich eine Schaufel nimmt (was ich natürlich niemals tun würde) und es zur Altkleidersammlung bringt, kriegt man einen geradezu absurden Kilopreis dafür. Und der Hammer: Sie bemerkt diesen Verlußt nicht einmal!

    Durchforste Deine BH-Sammlung, die Schuhe, Handtaschen und Socken. Vergiss nicht die Hosen, Rockverstecke und Hemden… ja, da oben links im Regal und auch da nach rechts, da, wo es zur Tür hinausgeht und hoch in die zweite Etage. Nicht die Kellerschränke und den Anbau im Garten. Such das Geld, was da noch irgendwo verborgen ist und dann gehe in die große Stadt und kauf Dir endlich einen Rock oder ein paar Hosen, Strümpfe, einen Regenschirm und die dazu passende Handschuhe. Steck Deine Beute in eine Plastiktüte und dann stell Dich in die Küche. Und dann sprich ihn aus , diesen Satz: »Ich hab rein überhaupt nichts zum Anziehen! Meine Freunde werden mich auslachen! Ich werde die Treppe herunterkommen und sie werden gröhlend auf dem Fußboden liegen und sagen: Sie hat nichts mehr zum anziehen!«

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    1. Du triffst die Falsche, liebes Pantoufle. Ich bin eine geborene Wegschmeißerin. Ich liebe es, wegzuschmeißen. Kein überflüssiger Tand, nirgends.
      Obgleich, wenn ich sage, ich habe nix anzuziehen, dann meine ich "für diesen Anlass" nichts anzuziehen. Ich geb's ja zu. Und wenn du wüsstest, wo ich hingehe. Und es ist so schlimm, sich underdressed zu fühlen. Das ist meine mangelnde Charakterfestigkeit, ich weiß das ja, besser als jeder andere. Ich bin eine selbstreflektierte Lusche, was das betrifft.

      Was deine Tochter betrifft, sie wird den Verlust bemerken. Schwöre!

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