Als ich diese Vogel-Schweine-tödlicher-Männerschnupfen-Grippe hatte, ging es mir zwar nicht so toll, aber ich war trotzdem nicht unglücklich, fast zwei Wochen in völliger Abgeschiedenheit vom Büro (und teilweise sogar abgeschnitten vom Netz, also praktisch Dalai Lama mäßig ((wegen fucking Vodafone)) darben zu können. Das wurde nämlich höchste Zeit und ich nahm mir vor, ganz viel für's Leben zu lernen.
Zum Beispiel, dass es idiotisch ist, so viel zu arbeiten, wie ich die letzten Monate. Ich werde ja wohl kaum auf dem Totenbett bereuen, dass ich nicht oft und lange genug im Büro war. Ich stellte mir vor, dass ich zukünftig wie jeder vernünftige Mensch von nine to five arbeiten werde. Vor meinem geistigen Auge breiteten sich Feierabende aus, die ich im Kino, mit Freunden, kochend, auf dem Pferd und was weiß denn ich, wo noch, verbringen werde. Abende, an denen ich nicht auf allen Vieren aus dem Büro zum Auto krauchen werde, sondern mit einer gewissen Rest-Vitalität meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkomme und diese nicht als zusätzliche Belastung empfinde. Das wird alles ganz fabelhaft, ganz bestimmt. Ganz fest nahm ich mir am Montag vor, spätestens um 17.30 Uhr die Stätte des Grauens zu verlassen, komme, was wolle. Und nicht nur am Montag, sondern jetzt und immerda. Mein neues Mantra: Auch ich habe ein Privatleben. Ich meine, vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mal eins. So schwer kann das nicht sein. Naja, Schwamm drüber. Träume darf man ja haben. Themawechsel. Der neue Praktikant. Es gibt ja sagenhaft gute Praktikanten, nix gegen zu sagen. Und es gibt die anderen. Die kommen immer zu uns (übrigens werden sie - zu Recht - ganz gut bezahlt und haben sehr gute Chancen, übernommen zu werden).
Dieser hier hält sehr viel von Networking. Will sagen, er feiert die Feste, wie sie fallen. Er geht zu jedem Abschied, Geburtstag, Babywatching und Einstand. Er ist der Erste vor Ort und der Letzte, der wieder geht. Erstaunlicherweise, denn er ist nirgends eingeladen, aber das ficht ihn nicht an. Er hört von irgendeiner Sause und schon strapst er los.
Es redet dort zwar niemand mit ihm, weil ihn keiner kennt, das stört ihn aber auch nicht. Er reckt den Hals weit vor, um kein Wort zu verpassen. Sitzt er am Tisch, beugt er sich bis über die Mitte zu den Leuten, die gegenüber sitzen, um an vertraulichen Gesprächen teilhaben zu können. Eigentlich hat man immer sein Gesicht sehr nah am eigenen Gesicht; das weckt natürlich meine Mordlust. Das schlimmste aber ist, dass er nicht zupackt, wenn mal anzupacken ist. Neulich bat ich ihn und eine Kollegin, mir beim umräumen eines Besprechungsraums zu helfen. Er sah uns dann zu, wie wir Tische rückten und Stühle schleppten. Mal legte er so halbherzig wie lahmarschig die Hand an einen Tisch, aber dann sprang sofort meine Kollegin hinzu, "Warte, ich mach schon", und der Tropf stand wieder erschlafft mit seinem ewig gleichen dümmlichen Lächeln sinnlos in der Gegend rum. Ich nenn ihn heimlich Mona Lisa.
27 jährige Männer, die zugucken, wie Frauen schwere Sachen heben, bringen mich an den Rand einer massiven Impulskontrollstörung.
Zwecks schnelleren Heilungsprozess habe ich mir einen Hund ausgeliehen, über Nacht sogar. Es ist ein großer, tiefschwarzer Hund mit irre vielen Zähnen. Das fällt mir auch sonst auf, bekommt aber noch mal eine andere Färbung, wenn man im Bett liegt und das Tier nicht zur Ruhe kommt. Es taperte endlos zwischen Schlaf- und Wohnzimmer hin und her. Ich bin gegen Tiere im Schlafzimmer, ja eigentlich haben sie meiner Meinung nach schon in der Wohnung nichts zu suchen, weil ich davon ausgehe, dass sie woanders lieber wären, wenn sie selbst entscheiden dürften. Wenn man also im Bett liegt und jemand mit riesigem Gebiss hin und her läuft, was auf eine gewisse Frustration hindeutet, kann ich ja nicht wissen, ob sich das nicht vorhandene Zeitgefühl (morgen bin ich wieder bei Frauchen) Bahn bricht in einer Zerfleischung der temporären Dosenöffnerin.
Irgendwann war ich es leid und schloss die Tür, damit wenigstens ich schlafen konnte. Damit konnte der Hund offenbar gut leben, denn ich hörte keinen Mucks mehr. Durch die geschlosseneTür allerdings merkte er, dass ich um halb sieben das erste Mal die Augen öffnete, dabei mache ich das geräuschlos.
Aber das ganze hat auch Vorteile. Ich habe gestern drei(!) ausführliche Spaziergänge gemacht, den letzten um 23 Uhr. So habe ich einen wahnsinnig schönen Sternenhimmel gesehen und ebenso schön war es, ohne Angst im dunklen zu laufen. Jeder Kettensägenmörder wäre massakriert worden, was mich mit selbstgewisser Befriedigung erfüllte. Mir begegnete aber kein Mensch, an dem ein Exempel hätte statuiert werden können. Heute früh um 7 Uhr war ich schon wieder draußen und habe den Sonnenaufgang gesehen; die viele klirrend kalte Luft sorgt für ein heilloses Durcheinander in meinen Körperzellen. Der Husten hat sich so erschreckt, dass er fast nicht mehr da ist. Alles fein.