Samstag, 5. August 2017

Egozentrische Töchter

Nachdem wir kürzlich berieten, ob wir nun besser eine Unfallversicherung abschließen, weil das wirklich sinnvoll erscheint, jedenfalls bei der verunfallten Freundin, die nun alle zahnmedizinischen Behandlungen ersetzt bekommt, plus Krankenhaustagegeld plus einfach so Schmerzensgeld, sagte einer von uns, dass er so eine Versicherung längst habe, aber bei jedem Unfall vergesse, dort anzurufen. 

Er wollte offenkundig mit Gewalt in den Genuss von Ausschüttungen kommen. 

Hierzu legte er sich heute ebenfalls mit dem Rad auf die Straße, nicht ohne vorher seinen Vordermann zu touchieren, dem aber nichts passiert ist. Erneut bekamen wir Fotos von spektakulären Verletzungen und ich schrieb zurück, dass er bloß nicht vergessen soll, seine Versicherung anzurufen. 

Ich selbst ergriff auch Maßnahmen, rief meinen Versicherungsfritzen an und erbat ein Angebot, was mir auch zwei Stunden später gemailt wurde. Nun überlege ich, ob ich damit das Schicksal nicht heraufbeschwöre (so, wie ich mich auch nicht entschließen kann, eine Sterbegeldversicherung abzuschließen, deren Angebote mir empörenderweise vierteljährlich ins Haus flattern, neben den Angeboten für Gebisse und Stiftzähne - irgendwie denke ich, nachher sterbe ich dann gleich nachdem abgesichert ist, wie ich unter die Erde komme).

Über all diese Aufregungen ist mir doch eine Nachricht meiner Mutter durchgerutscht, die mir gestern whatsappte, dass sie sich einen Rosendorn in den Handrücken gejagt hat, und ihre Hand nun wie eine Bärentatze aussehe, woraufhin sie Kortison und Antibiotika erhalten habe.

Ich ließ das unbeantwortet, denn als ihre Nachricht kam, ging gerade eine Klimakatastrophe über den Berliner Süden runter, die ich eifrig filmte, weil doch sehr faszinierend war, wie aus meiner Straße ein reißender Fluss wurde, was ich dann rasch in meinen WA-Status einer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung stellte und natürlich auch exklusiv meiner Mutter, die mit den Statusmeldungen noch nicht bekannt ist, aber großes Interesse an Wetterphänomenen hat.

Vorhin schrieb sie mir, dass sie sich ganz schwummerig fühlt und letzte Nacht war ganz furchtbar, sie vertrage einfach kein Antibiotikum, aber die Hand wäre schon wieder abgeschwollen.

Ich schrieb zurück, ob ich was verpasst habe, weshalb sie denn ein Antibiotikum nehme und was denn mit ihrer Hand sei? Dann scrollte ich im Verlauf zurück und ein überwältigendesTsunami-Schuldgefühl überrollte mich; what the hell ist nur mit mir, dass ich so etwas überlese und Starkregen aufregender ist als mein armes Mütterle, die zwar nicht vom Rad gefallen ist, aber doch immerhin eine schlimme Hand und allergische Reaktionen auf das Medikament hat? Liegt's etwa daran, dass sie mir kein Foto mitgeschickt hat? Brauche ich starke visuelle Anreize, um zu reagieren? 

Oder lag es etwa daran, dass ich mit mir selbst beschäftigt war, da ich mich gestern abend komplett verkabeln musste, weil wegen meines nächtlichen Herzrasens getestet wird, ob ich womöglich unter Schlafapnoe leide? Und weil der ganze Tag gestern so aufregend war, weil ich dachte, ich hol mir nur das Gerät ab, aber dann wurde mir der Blutdruck gemessen (Hallo?), Blut abgenommen (Verdammt!), Blutgaswerte getestet (Ich glaub, es hackt) und last but not least sollte ich auch noch ein Lungenfunktionstest machen (Nur über meine Leiche), auf den ich seelisch nun überhaupt nicht vorbereitet war und ihn deshalb natürlich ablehnte, denn die Diagnose COPD im Endstadium ist weit mehr, als ich zu verkraften in der Lage bin. Ich meine, es waren ja auch noch 30 Grad stickige Schwüle, da kann ich eigentlich nur sitzen und atmen, auf meiner Couch, aber gewiss nicht in einer überhitzten Arztpraxis. 

Ich verschob den Test auf heute früh, was auch nicht wirklich half, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so beschäftigten sich meine Träume mit unmittelbaren Siechtum, der mir dann ja in der Frühe diagnostiziert werden würde. (Ja, Herr Rain, auch ich werde gerade durch die Mühlen gedreht). Um es kurz zu machen: Testergebnis völlig unauffällig. Ich war euphorisch wie schon lange nicht mehr und zündete mir im Auto dann gleich eine Zigarette an, obwohl ich dem lieben Gott zuvor versprochen hatte, dass ich sofort aufhöre zu rauchen, wenn ich wider Erwarten dem Tod doch noch mal von der Schippe springe. 

Und während ich das hier schreibe, greife ich nach meiner Buttermilch und als ich das Glas zum Mund führe, krabbelt mir was komisches über die Hand, weshalb ich das Glas fallen lassen musste, direkt auf meine Tastatur - ein riesiger Grashüpfer hatte sich verirrt und ich warte jetzt darauf, dass sich mein Rechner verabschiedet, denn es war wirklich eine Menge Buttermilch. 

Das ganze Geschwafel nützt ja nix. Ich bin eine egomane, neurotische Tochter. :-(
Ich muss meiner Mutter jetzt ein Diadem kaufen.

Immer noch besser als eine Spinne




Mittwoch, 2. August 2017

Die Ruhe vor dem Sturm

Im Garten, das iPad auf dem Schoß, mag nicht in die Wohnung gehen,  die jetzt, nach ein paar Tagen Hitze, so aufgewärmt ist, dass ich mich nicht überreden kann, den Rechner hochzufahren. Draußen bleiben, solange es geht und Autan wirkt.

Es ist, als fiele mir der Himmel auf den Kopf. Ich will gar nichts sagen zu den hohen Temperaturen, seitdem ich beim Doppelkopf Schimpfe bekommen habe ("Hömma, uns ist allen heiß und wir haben alle Kreislauf, aber du, du hast selber schuld. Du trinkst nicht genug. Und deshalb ist dein Blut dick. Deshalb wird dir schwummerig. Du musst trinken. Du hast es in der Hand."), also seitdem mir diese weisen Worte um die Ohren gehauen worden, trinke ich genug. Siehe da: es lässt sich aushalten. Sogar sehr gut. Wie einfach doch die Dinge manchmal liegen.

Aber dennoch ist's eine komische Stimmung, jeden Abend ist  "Ruhe vor dem Sturm"-Wetter. Es wird ganz still, kein Vogel macht noch einen Pieps, die Wolken sehen aus wie im schönsten November. Und das ist natürlich fatal, denn an November will ich gar nicht denken, der kommt ja leider früh genug. Nichts, was in meiner Hand liegt.

Wenn nicht manchmal das Baby von nebenan schreien würde (allerdings nicht auf so eine rührend klägliche Weise, die jede Frau mit Milcheinschuss versorgt, sondern mit Wut und Schmackes), man würde hier gar nichts hören. Naja, bis auf den Rasen-Roboter von gegenüber, der leise brummend seine Kurven dreht.

Ich werde selbst ganz still, innen wie außen, schaue Löcher in den Himmel und das reicht mir dann auch schon als Freizeitbeschäftigung. Nur manchmal denke ich, das Leben lebt so vor sich hin, vergeht, und sollte ich nicht was Sinnvolleres tun, irgendwas spektakulär aufregendes, solange ich noch kann? Der Unfall meiner Freundin hat mir gezeigt, mal wieder, wie innert einer Sekunde allzu viel Aufregung ins Leben kommen kann, auf eine ungute Art, die kein Mensch braucht.

Diese Gewitterluft, der kein Gewitter folgt, nur ein paar lustlose Tropfen, spiegelt aufs Trefflichste meine Feierabendstimmung. Es liegt was in der Luft, ich weiß nur noch nicht, was. Und bis dahin halte ich still, erschöpft von den hysterischen Dramen im Büro, den aufgeregten Gesprächen, den immer wiederkehrende Fragen, wie geht es jetzt weiter, wo schon wieder ein Cheffe weg ist, ist das denn die Möglichkeit?

So gesehen ist mein Leben aufregend, es flirrt, es surrt, nur leider in dem Bereich, wo ich es am wenigsten gebrauchen kann. 

Andere haben andere Jobs und mit denen möchte ich auch nicht tauschen.

 



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