Dienstag, 19. September 2017

Gute Stühle, schlechte Stühle

Trump will Nord Korea kaputtmachen, ich muss das verdrängen und bleibe gedanklich streng in meinem Mikrokosmos.

Heute musste ich in eine Senatsverwaltung.

Ehrlich gesagt habe ich immer noch so eine Vision von mir, wie eine berufliche Veränderung mich in eine muckelige kleine Verwaltungsbude verschlägt, wo mein Büro in einem langen Gang hinter einer der zahlreichen und immer knallenden Holztüren versteckt liegt, drinnen möbliert aus Resten einer vorherigen imperialen Zeit, als Chefs noch Brillen trugen wie Jaruzelski und alles riecht nach Bohnerwachs und wenn ich hinter dieser Tür verschwände, würde keiner mehr was von mir wollen und ich könnte in Ruhe ein von der Welt unbehelligtes Faktotum mit einer Bi-Color-Frisur werden. 

Als ich den Raum betrat, mit zwei Kollegen, standen drei unterschiedliche Stühle um den Schreibtisch, zusammengeschleppt aus den Nachbarbüros, damit wir nicht stehen müssen.

Mich traf der Blitz.


Man sieht das auf dem Foto nicht so genau. Ein einladender Stuhl, groß und samtig und puristisch. Der muss mal im Büro eines Bezirksbürgermeisters, wenn nicht sogar eines Senators gestanden haben: seine besten Zeiten hinter sich, aber immer noch... glanzvoll.

Allein: es setzte sich sofort der Kollege drauf, der andere ergatterte sich den Drehstuhl und ich nahm auf einem klapprigen Holzstuhl Platz, obwohl ich mit dem Rad gekommen bin, wegen der Sonne und weil nichts soviel Spaß macht, als an einem warmen Herbsttag den 17. Juni runterzuradeln, durch das Brandenburger Tor und später dann auf der Leipziger Straße entlang (ab da macht es dann allerdings keinen Spaß mehr). 

Ich hätte es also verdient auf diesem Stuhl zu sitzen. Nachdem die Besprechung beendet war, fragte ich nach dem Stuhl, ob der wohl zu verkaufen wäre. Nein, sagte unser Gastgeber, der ist nur zu verschenken und es stehen noch drei Stühle nebenan, ob ich auch vier nehmen würde. Sprach's und rief sofort die Dame an, die für's Möbelverschenken zuständig ist. Glücklich kam sie angerast, Sie wollen die wirklich haben, aber gerne doch, alle vier, na klar, wir sind froh, wenn wir sie nicht entsorgen müssen, aber Sie müssen sie selber abholen. Deal, sagte ich zu ihr aufschauend, denn inzwischen saß ich festgeschmiegt auf dem Stuhl, der sich perfekt anfühlte. 

Perfekte Stühle werden allgemein unterschätzt, aber nicht von mir. Bequem sitzen ist so wichtig, ich sag das immer wieder, aber ich gebe zu, dass ich keinen anderen Menschen außer mir kenne, dem das so ein Herzensanliegen ist. Freunde behaupten, das habe bei mir pathologische Züge. Ich antworte denen, ich halte eine Menge aus, manchmal viel mehr, als andere auszuhalten bereit sind, aber bei Stühlen hört die Freundschaft aus. 

Mit sowas darf man mir nicht kommen

Euphorisch radelte ich zurück in mein Büro. Da sollen sie nämlich hin, um den Besprechungstisch drapiert. Mal sehen, was unser Facility Manager dazu sagt, bestenfalls hält er mich für bekloppt und lässt mich gewähren. Falls nicht, kommen zwei in meine Küche und die anderen zwei verschenke ich weiter, aber nur in gute Hände.

Mittwoch, 13. September 2017

Die Nacht der Nächte

Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass eine Nacht im Schlaflabor etwas heimeliges haben muss. Bedeutende Wissenschaftler wachen über meinen Schlaf, ein bisschen Verkabelung hie und da, schlummere ich im Land der Träume.

Weit gefehlt.

Ich soll um 20 Uhr dort sein. Vorher gehe ich nach Büroschluss was essen, denn der Infobrief deutet nicht darauf hin, dass ich gefüttert werde. Als ich ankomme, wird mir gesagt, dass ich um 21.45 Uhr verkabelt werde, bis dahin soll ich bettfertig sein. Ich bin ärgerlich, da hätte ich ja auch noch in eine 18 Uhr Vorstellung ins Kino gehen können.

So sitze ich bar jeder W-Lan Verbindung, Glotze und Zigaretten in einem schmucklosen Zimmer mit schlimmer Beleuchtung und lese ein Buch. Dann mache ich mich bettfein, ohne mich einzucremen, das ist wichtig, sonst halten die Pinöckel nicht. 

Die Studentin, die sich ein Zubrot damit verdient, mich und andere in eine Borg-Queen zu verwandeln, kommt pünktlich ins Zimmer und als sie beginnt, begreife ich, dass es ein Akt der Gnade war, mich als letzte zu verkabeln. So blieben mir ganze zwei Stunden erspart in diesem insgesamt doch recht unerquicklichen Zustand.

Allein im Gesicht entlang des Haaransatzes und des Kinns klebt sie acht Elektroden, auf dem Kopf selbst schmiert sie mir an zig Stellen erst eine klebrige Paste und dann werden daran weitere Pinöckel gepappt, gefolgt von einer wirren Kabelage. Vielleicht ist es doch Zeit für einen pfiffigen Kurzhaarschnitt. Die Studentin schwärmt mir von einem Glücksfall vor: ein Mann mit Vollglatze; das war vielleicht schön. Rede du nur, dachte ich, ich werde nicht anfangen, mich wegen meines vollen Haupthaars zu schämen.

Höhepunkt: direkt auf den Kehlkopf wird auch eine Elektrode geklebt. Oh, sage ich, das geht nicht, beim besten Willen nicht. Sie seufzt, denn eben hatte sie mich noch gelobt, weil ich so still und ergeben bin. Sie rupft mir das Pflaster wieder ab und wählt eines mit einer leichteren Textur. Dann werden mir noch verschiedene Gerätschaften um den Oberkörper gebunden - inzwischen sehe ich aus wie Hannibal Lector.  


Schöner macht einen die ganze Prozedur nicht, was mich nicht hindert, ein Selfie zu machen und dieses an ausgewählte Menschen zu schicken, die mich so sehen dürfen und bedauern sollen. Aber das bedauern bekomme ich gar nicht mehr mit, denn das Handy muss ich ausschalten.

Ich darf noch bis 23 Uhr lesen, dann wird das Licht ausgemacht. Als ich mich an die Dunkelheit gewöhnt habe, nehme ich die Kamera direkt über dem Bett wahr, ihr blaues Licht, zusammen mit dem Geblinke auf meinem Oberkörper und dem roten Licht, das aus meinem eingeklemmten Finger leuchtet, fühle ich mich jetzt wie eine Christbaumkugel mit viel Lametta dran, aber wie eine, die sich Nachts nicht daneben benehmen darf, wegen der Kamera und der Studenten, die vor der Kamera sitzen. 

Ich schlafe direkt ein, um nach 30 Minuten wieder aufzuwachen. Ich denke an den Mann meiner besten Freundin, der zur gleichen Zeit bei 42 Grad in Florida aufräumen hilft. Da habe ich's doch gut. Okay, ich werde beobachtet, ich bin zugepflastert, ich bin fest eingegurtet an komischen Stellen, ich habe überall Pattex auf dem Kopf, so gesehen suboptimal, aber die Nacht kriege ich schon rum.

Gegen 1 Uhr bin ich völlig entnervt, bringe das wegen der Kamera aber nur durch verklausuliertes Schnauben zum Ausdruck. Bin kurz davor, nach der Studentin zu klingeln, um ihr zu sagen, dass ich jetzt ein für allemal nach Hause fahre. Ich schlafe ohnehin nicht, also können die auch nix feststellen. 

So geht das die ganze Nacht. Ich schaue halbstündlich auf die Uhr und in der Zwischenzeit falle ich in unruhigen Schlaf, falls man das so nennen möchte. Um 5.10 mache ich das Licht an und fange an zu lesen. Um 5.30 Uhr werde ich befreit, falls man das so nennen möchte. Denn dieses Moltofill in Gesicht und Haaren lässt sich zwar angeblich "ganz leicht mit warmen Wasser lösen", aber das bedeutet, dass ich mir auch die Haare waschen muss, wogegen ich prinzipiell nichts habe, allerdings nur in der Nähe eines Föhns. Duschen hat das Labor, aber keinen Föhn.

Ich stehe eine halbe Stunde unter der Dusche und nix von dem Zeug geht ab. Ich schrubbe und schrubbe und mir läuft die Zeit davon, um 6.30 Uhr müssen alle das Labor verlassen haben, die Studenten wollen auch mal Feierabend machen. 

Mit nassen Haaren und dreißig Prozent weniger Hautoberfläche fahre ich direkt ins Büro. Ich habe nicht mal eine Bürste dabei und so erscheine ich zwei Stunden später wie ein aufgeplatztes Sofakissen zum ersten Meeting des Tages. Vor Müdigkeit will mein Kopf auf die Tischplatte fallen, aber wegen all dieser eingangs beschriebenen Fehlannahmen über eine Nacht im Schlaflabor habe ich den anschließenden Tag nicht freigenommen. Ich kann nicht mal den Kopf in meine Hände stützen, weil alles klebt.

Um 15 Uhr fahre ich nachhause und schlafe sofort ein. Jetzt könnte ich astreine Ergebnisse liefern. 

Einen Tag später ruft das Schlaflabor an. Leider haben sie keine Ergebnisse, da ich offenkundig nicht geschlafen habe. Keine REM-Phasen, kein gar nichts. Ich bekomme einen neuen Termin und kotze im Strahl.

Aber ich bin jetzt schlauer: Die Nacht zuvor mache ich durch und nehme einen Föhn mit. Und Terpentin.