Mittwoch, 13. September 2017

Die Nacht der Nächte

Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass eine Nacht im Schlaflabor etwas heimeliges haben muss. Bedeutende Wissenschaftler wachen über meinen Schlaf, ein bisschen Verkabelung hie und da, schlummere ich im Land der Träume.

Weit gefehlt.

Ich soll um 20 Uhr dort sein. Vorher gehe ich nach Büroschluss was essen, denn der Infobrief deutet nicht darauf hin, dass ich gefüttert werde. Als ich ankomme, wird mir gesagt, dass ich um 21.45 Uhr verkabelt werde, bis dahin soll ich bettfertig sein. Ich bin ärgerlich, da hätte ich ja auch noch in eine 18 Uhr Vorstellung ins Kino gehen können.

So sitze ich bar jeder W-Lan Verbindung, Glotze und Zigaretten in einem schmucklosen Zimmer mit schlimmer Beleuchtung und lese ein Buch. Dann mache ich mich bettfein, ohne mich einzucremen, das ist wichtig, sonst halten die Pinöckel nicht. 

Die Studentin, die sich ein Zubrot damit verdient, mich und andere in eine Borg-Queen zu verwandeln, kommt pünktlich ins Zimmer und als sie beginnt, begreife ich, dass es ein Akt der Gnade war, mich als letzte zu verkabeln. So blieben mir ganze zwei Stunden erspart in diesem insgesamt doch recht unerquicklichen Zustand.

Allein im Gesicht entlang des Haaransatzes und des Kinns klebt sie acht Elektroden, auf dem Kopf selbst schmiert sie mir an zig Stellen erst eine klebrige Paste und dann werden daran weitere Pinöckel gepappt, gefolgt von einer wirren Kabelage. Vielleicht ist es doch Zeit für einen pfiffigen Kurzhaarschnitt. Die Studentin schwärmt mir von einem Glücksfall vor: ein Mann mit Vollglatze; das war vielleicht schön. Rede du nur, dachte ich, ich werde nicht anfangen, mich wegen meines vollen Haupthaars zu schämen.

Höhepunkt: direkt auf den Kehlkopf wird auch eine Elektrode geklebt. Oh, sage ich, das geht nicht, beim besten Willen nicht. Sie seufzt, denn eben hatte sie mich noch gelobt, weil ich so still und ergeben bin. Sie rupft mir das Pflaster wieder ab und wählt eines mit einer leichteren Textur. Dann werden mir noch verschiedene Gerätschaften um den Oberkörper gebunden - inzwischen sehe ich aus wie Hannibal Lector.  


Schöner macht einen die ganze Prozedur nicht, was mich nicht hindert, ein Selfie zu machen und dieses an ausgewählte Menschen zu schicken, die mich so sehen dürfen und bedauern sollen. Aber das bedauern bekomme ich gar nicht mehr mit, denn das Handy muss ich ausschalten.

Ich darf noch bis 23 Uhr lesen, dann wird das Licht ausgemacht. Als ich mich an die Dunkelheit gewöhnt habe, nehme ich die Kamera direkt über dem Bett wahr, ihr blaues Licht, zusammen mit dem Geblinke auf meinem Oberkörper und dem roten Licht, das aus meinem eingeklemmten Finger leuchtet, fühle ich mich jetzt wie eine Christbaumkugel mit viel Lametta dran, aber wie eine, die sich Nachts nicht daneben benehmen darf, wegen der Kamera und der Studenten, die vor der Kamera sitzen. 

Ich schlafe direkt ein, um nach 30 Minuten wieder aufzuwachen. Ich denke an den Mann meiner besten Freundin, der zur gleichen Zeit bei 42 Grad in Florida aufräumen hilft. Da habe ich's doch gut. Okay, ich werde beobachtet, ich bin zugepflastert, ich bin fest eingegurtet an komischen Stellen, ich habe überall Pattex auf dem Kopf, so gesehen suboptimal, aber die Nacht kriege ich schon rum.

Gegen 1 Uhr bin ich völlig entnervt, bringe das wegen der Kamera aber nur durch verklausuliertes Schnauben zum Ausdruck. Bin kurz davor, nach der Studentin zu klingeln, um ihr zu sagen, dass ich jetzt ein für allemal nach Hause fahre. Ich schlafe ohnehin nicht, also können die auch nix feststellen. 

So geht das die ganze Nacht. Ich schaue halbstündlich auf die Uhr und in der Zwischenzeit falle ich in unruhigen Schlaf, falls man das so nennen möchte. Um 5.10 mache ich das Licht an und fange an zu lesen. Um 5.30 Uhr werde ich befreit, falls man das so nennen möchte. Denn dieses Moltofill in Gesicht und Haaren lässt sich zwar angeblich "ganz leicht mit warmen Wasser lösen", aber das bedeutet, dass ich mir auch die Haare waschen muss, wogegen ich prinzipiell nichts habe, allerdings nur in der Nähe eines Föhns. Duschen hat das Labor, aber keinen Föhn.

Ich stehe eine halbe Stunde unter der Dusche und nix von dem Zeug geht ab. Ich schrubbe und schrubbe und mir läuft die Zeit davon, um 6.30 Uhr müssen alle das Labor verlassen haben, die Studenten wollen auch mal Feierabend machen. 

Mit nassen Haaren und dreißig Prozent weniger Hautoberfläche fahre ich direkt ins Büro. Ich habe nicht mal eine Bürste dabei und so erscheine ich zwei Stunden später wie ein aufgeplatztes Sofakissen zum ersten Meeting des Tages. Vor Müdigkeit will mein Kopf auf die Tischplatte fallen, aber wegen all dieser eingangs beschriebenen Fehlannahmen über eine Nacht im Schlaflabor habe ich den anschließenden Tag nicht freigenommen. Ich kann nicht mal den Kopf in meine Hände stützen, weil alles klebt.

Um 15 Uhr fahre ich nachhause und schlafe sofort ein. Jetzt könnte ich astreine Ergebnisse liefern. 

Einen Tag später ruft das Schlaflabor an. Leider haben sie keine Ergebnisse, da ich offenkundig nicht geschlafen habe. Keine REM-Phasen, kein gar nichts. Ich bekomme einen neuen Termin und kotze im Strahl.

Aber ich bin jetzt schlauer: Die Nacht zuvor mache ich durch und nehme einen Föhn mit. Und Terpentin.


Kommentare:

  1. Ich kenne ja Deine Trinkgewohnheiten nicht – aber zusätzlich zum Terpentin würde ich ja noch einen Schlafeschnappes mitnehmen. Mit einem manierlichen Hine-Cognac kann man sich die blödsinnigsten Elektroden schönsaufen. Und eine Trillerpfeife! Immer, wenn was ist, trillern statt klingeln. Warum sollen die anderen schlafen, wenn Du’s nicht kannst!
    Hörst Du auch so gerne Metal-Musik zum Einschlafen? Den passenden Ghetto-Blaster würde ich Dir leihen.
    Wenn die Motörhead-Cassette alle ist, kann man in Dauerschleife die Geräusche eines Schiffsdiesels in Originallautstärke damit abspielen – wer dabei nicht einschläft, dem hilft auch kein Labor mehr. Außerdem brauchst Du keine Bürste (die natürlich auch), sondern in erster Linie Bedienpersonal für solcherlei Gerätschaften. Miete Dir ruhig so jemanden, der Dich vor aller Augen am Morgen aufarbeitet. Ein wenig Sozialneid der anderen ist ein guter Start in den Tag!

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    1. Das habe ich mir natürlich schon immer gewünscht: am Morgen vor aller Augen aufgearbeitet werden, nachdem ich am Abend zuvor Metal gehört habe. Da gibst du mir ja lauter gute Ideen an die Hand. Du solltest Coach werden.

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  2. Du lässt es ja richtig krachen. Und es tut mir ehrlich leid. Ich habe dich auch so bedauert, da braucht's keine Bilder zu. Drücke fest die Daumen, dass es beim zweiten Mal besser läuft und vor allem, dass alles in Ordnung ist.

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    1. Ob es ein zweites Mal geben wird, das überlege ich mir noch mal ganz genau. Denn wenn man mich nicht mit einem Holzhammer k.o. schlägt, werde ich auch die zweite Nacht nicht schlafen.

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  3. Ich könnte mir auch nicht vorstellen entspannt zu schlafen, während ich von wer-weiß-wem beobachtet und analysiert werde.....gibt es nicht einen krankenschein für the-day-after? sonst würde ich das nicht nochmal tun wollen. Ich leide mit dir!!!

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    1. The day after..., was habe ich da gut geschlafen. Das war ganz schlecht geplant von mir.

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  4. Bruhahahahahahahaha!!!
    Tschuldigung. Was musst du auch immer so witzig schreiben, du aufgeplatztes Sofakissen. Auf der kognitiven Ebene registriere ich natürlich die Tragik der Situation. Muss dringend meinen Emotions-Chip neu kalibrieren.
    Übrigens: Frauen haben keinen Adams(!)apfel, es sei denn, mit dem Hormonhaushalt stimmt seit der Pubertät was nicht. Sag das mal der Studentin vom Labor.
    Schlimm auch: Immer, wenn jemand Bürste schreibt, lese ich erst mal Brüste.

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    1. Bruhahahahahahahaha!!!Schlimm auch: Immer wenn jemand wattenstadt schreibt, lese ich ganz kleiner Schwanz.
      Bruhahahahahahahaha!!!
      Muß dringend mal meinen Humor-Chip neu kalibrieren.

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    2. Aber wie nennt man das bei Frauen? Muss mal googeln.
      Ich bin ja froh, dass du wenigstens auf kognitiver Ebene die Tragik erfasst hast - gleichwohl, so richtig Mitgefühl erkenne ich nicht. Gemeinheit.

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  5. Habe gerade gelernt dass Frauen auch einen Adamsapfel haben, halt nicht sichtbar. Dachte bisher die hätten keinen.
    Oder ist die Borg-Queen doch trans?

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  6. @ Pantoufle: Kann man mal sehen. Ich hielt das eher für selbstironisch, und nun stehe ich mit reduziertem Genital da. Mea culpa, wenn ich Ihre Gefühle und/oder Intelligenz verletzt habe. Nicht alles, was ich im Rausch einer frischen Annika-Lektüre kommentiere, übersteht den Test der ersten 5 Sekunden. Kann dann auch gerne gelöscht werden.

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    1. Nö, hier wird nüscht gelöscht ;)


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    2. @wattenstadt
      Tja, ich fands halt nicht ganz so witzig und das wollte ich doch zu gerne laut sagen statt mich still zu ärgern.

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  7. Es gibt auch die Möglichkeit das zu Hause zu machen, mit WESENTLICH weniger Christbaumschmuck und Dings ... Oder hattest du das schon?
    Frag mal bei einem Lungenfacharzt nach.

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  8. da hilft nur sleeping on the Job.

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    1. Wenn das nur gönge...

      Übrigens: Herzlichen Glückwunsch nachträglich ;)

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  9. Hätten sie nicht nur dein Alkhoven konneckten müssen... ?

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