Sonntag, 10. September 2017

The Land Of The Brave

Meine beste Freundin schrieb mir Donnerstag, dass ihr Mann als freiwilliger Rot-Kreuz-Helfer von Maine nach Orlando fliegt, und obwohl kaum eine Woche vergeht, in der ich mir nicht wünsche, dass sie eines Tages vielleicht doch wieder zurück nach Berlin zieht, bin ich strikt dagegen, dass sie frühverwitwet in Tegel landet. 

Ich rief sie gleich an und trötete ins Telefon "Waaaaaas macht er? Und warum hast Du's nicht verhindert?" Aber so darf man ihr nicht kommen. So tickt sie nicht. Von Druck hält sie nichts (ich auch nicht, aber in dem Fall hätte ich wohl eine Ausnahme gemacht). 

Amerikaner, erklärt sie mir, sind aufgrund eines fehlenden Sozialstaats, wie wir ihn kennen kannten, seit jeher "Jetzt-helfe-ich-mir-und-dir-selbst"-Geschöpfe. Er war in den letzten Tagen nur noch damit beschäftigt, wie er helfen könne; traf eine Entscheidung, reichte 14 Tage Urlaub ein, kaufte auf eigene Kosten ein Ticket und flog Freitag früh los (Ich würde mich nicht wundern, wenn ihm sein Boss für den Fall, dass er es nicht schafft, in 14 Tagen zurückzukommen, das Gehalt kürzt für die ausgefallenen Tage. Plus Abmahnung für unentschuldigtes Fehlen).

Ich schrieb ihm rasch eine sms, dass ich hoffe, dass er heil zurückkommt, ihn für gleichermaßen verrückt und mutig halte und dann noch etwas pathetisches, das mir sonst im Traum nicht über die Lippen kommt, wie ich ihm erklärte, nämlich "God bless you". Seine Antwort war gewohnt humorig: "I am so impressed I could inspire you to invoke God!"

Zuvor bekam er einen eintägigen Kurs, was zu tun sei, wenn man mit drei(!) anderen freiwilligen Helfern eine Grundschule als Auffangbecken für 150 Menschen betreut. Man dürfe zum Beispiel nicht sagen "Sie sind traurig, dass Sie ihr Haus verloren haben? Schauen Sie, Bob hat seinen Sohn verloren." Der Mensch will immer bechwichtigen, sagte die Psychologin, aber das sei kontraproduktiv. (By the way, dafür hätte ich keinen Kurs gebraucht, aber das tut jetzt nichts zur Sache). 

Er ist nun den ganzen Tag beschäftigt mit schleppen und beschwichtigen, nachdem zunächst mal eine andere Schule gesucht wurde, denn die eigentlich dafür vorgesehene hatte viel zu große Fenster und war nicht aus Stein gebaut. Man suchte hektisch ein Gebäude, das ein Fundament aus Beton hat, alles andere fliegt einem ja gleich um die Ohren. Man fand auch eins und richtete sich dort ein. Es seien zwar ungeheuer viel Lebensmittel und Wasser vorhanden, aber in Relation zu 150 Menschen verbraucht sich das wahrscheinlich schneller als gedacht.

Inzwischen - erzählte er seiner Frau heute Nacht - bereue er in jeder ruhigen Minute (von denen es nicht allzuviele gibt), dass er sich auf diesen Höllentrip begeben hat. Die Stimmung in dem Shelter sei gedrückt, latent aggressiv und unruhig. 

Der Kontakt ist unterdessen abgebrochen, jetzt heißt es abwarten.

Kommentare:

  1. Dürfte eine Erfahrung werden/ sein, die alle Beteiligten verändern wird. In welcher Art? Das dürte spannend werden.

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    1. Darüber mache ich mir auch Gedanken.

      Noch ein Hinweis: den Blog Titel will ich nicht als Verherrlichung Amerikas verstanden wissen. Er ist nur eine Reminiszenz an den Altruismus vieler Amerikaner.

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  2. Du hast mit dem Hinweis auf die Verantwortlichkeit Gottes doch alles richtig gemacht. Irgend so ein Gouverneur in Florida hat sich vor die Kameras gestellt und als wichtigste Regierungsmaßnahme dazu aufgerufen, dass nun alle bitte kräftig für sie beten sollten.
    Das hilft sicher auch dabei, sich nicht von der Einflüsterung des Teufels verleiten zu lassen, dies habe womöglich irgendwas mit Klimawandel zu tun.
    Ich weiß nicht, ich bewundere einerseits die Hilfsbereitschaft vieler Amerikaner. Andererseits sind ebenso viele echt naive Dödel, und wenn sie das nicht wären, wäre viel von ihrer Hilfsbereitschaft nicht mal notwendig. Aber warum einfach, wenn's auch umständlich geht.

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    1. Na ja, hätten wir hier eine Irma käme es auf jede helfende Hand an, egal ob Dödel oder Professor Schlauchen.

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  3. Antworten
    1. Nein, aber ich schick dir was. Er wurde heute interviewt.

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