Vor genau einem Jahr schrieb ich über den letzten Sommerabend (wir erinnern uns, es war der beste September aller Zeiten) und obwohl dieser Sommer zu wünschen übrig ließ, hat sich der letzte Tag im Monat doch noch zusammengerissen.
Wir fuhren auf's Land, die Auftragsmörderin, ihr frisch entmannter operierter Hund und ich, zur Dezemberaffaire, die sich ja auf ein Gestüt zurückgezogen hat und außerdem eine so große Sonnenterasse hat, dass auch noch locker ihr Pferd (und meins, wenn ich eins hätte) mit draufpassen würde und ein klein wenig Auslauf hätte.
Die Sonne schien uns mitten ins Gesicht, der Käse zerlief, der Hund blieb nah bei uns und wir sprachen darüber, was wir mit all dem Geld machen, dass wir später am Abend im Lotto gewinnen werden. Ein traumhaftes Leben würde das sein (ich beispielsweise würde in aller Ruhe einen Schlüsselroman schreiben) und immer wenn wir so ins schwärmen kommen, rennen wir auch jedes Mal los und spielen. Ungefähr dreimal im Jahr. Allein würde ich auf solche Gedanken nicht kommen; Lottoannahmestellen sind meine Sache nicht.
Die beiden fuhren rasch los, ich blieb bei dem Rekonvaleszenten und ließ ihn ausnahmsweise zu mir auf den Loungesessel. Das darf er normalerweise nicht, weil es wohl sehr wichtig für die Beziehungshygiene zwischen Mensch und Tier ist, dass der Hund zu Füßen des Menschen liegt. Ich finde das ehrlich gesagt auch noch aus anderen Gründen hygienischer, aber in diesem Fall, so frisch vom OP, muss man mal eine Ausnahme machen.
Jedenfalls, ich blinzelte in die Sonne und der Hund konnte endlich mal bequem liegen. Ob wir nun im Lotto gewinnen oder nicht ist eigentlich völlig egal, uns geht's ja gold.
P.S: Wir hatten einen 2er und sechs 1er.
Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich eines Tages erfahren werde, dass mein alter Herr nicht mehr unter uns weilt, wahrscheinlich einige Wochen nach seiner Beerdigung, ohne die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Das liegt an Maike Kohl-Richter seiner Frau.
Abseits dessen ist es gelebte Familientradition, dass man auf keinen Fall Nachricht bekommt, um "niemanden zu beunruhigen". Und so habe ich einige meiner Altvorderen um Stunden oder Tage verpasst; es wäre noch Zeit gewesen, sich schnell ins Auto zu setzen, aber andere entschieden, die innerfamiliäre Tradition nicht zu brechen. Schon einige Male war ich weiß vor Wut, dass mir diese Entscheidung abgenommen wurde.
Anyway, ich wusste also immer, der Tag wird kommen und vorher werde ich ihn nicht mehr sehen, weil schon immer alles recht schwierig war mit ihm und im letzten Jahr um diese Zeit ein Telefonat der Schlusspunkt war (obwohl ich mich lange nicht entscheiden konnte, ob das nun eine beginnende Demenz gewesen ist oder doch nur altersbedingte Unlust, aus seinem Herzen weiterhin eine Mördergrube zu machen).
Aber wie reagiert man, wenn ein Anruf kommt, der von einem äußerst dramatisch auftretenden Krankheitsgeschehen berichtet; nicht von ihm selbst natürlich, denn - ganz alte Schule - hatte er eine Nachrichtensperre verhängt.
Die hat er nun aufgehoben und ich erfuhr aus informierten Kreisen, dass er in den letzten Wochen einen Leidensweg hinter sich gebracht hat, den vorzustellen mir das Herz bricht - vor allem deshalb, weil er so nüchtern wie mitleidlos mit sich selbst darauf bestand, das allein mit seiner Frau durchzustehen. Offenbar war er aber überzeugt, dass es ihm wieder besser gehen würde, der Tag also kommen wird, an dem er das Informationsverbot höchstpersönlich wieder aufhebt - was dann auch wieder typisch für ihn ist.
Ich brauchte über eine Woche zur Entscheidungsfindung: nehme ich Kontakt auf oder nicht? Wieviel Zeit bleibt mir noch? Und wie wird er reagieren? Tu ich das für mich oder für ihn? Sollte ich nicht einfach aufgeben, loslassen, akzeptieren, kapitulieren? Kapieren, dass es manchmal keine Antworten gibt und auch keinen Abschied?
Am Ende stellte ich mir nur noch eine Frage. Wie werde ich damit klarkommen, wenn es zu spät ist und ich keinen Versuch gemacht habe, ihn zu sprechen?
Ich rief ihn an, ängstlich, was mich erwarten würde.
Er hat sich echt gefreut und nun höre ich die Geschichte aus seinem Mund. Mein ewig berufsjugendlicher Vater, der auch mit knapp 80 keinen Tag älter als 65 aussieht, auf seine alten Tage behinderten Kindern das Schwimmen beibringt (während er uns seinerzeit ins Wasser geschmissen hat, weil er davon ausging, dass wir schon nicht untergehen würden) und noch im Sommer meiner Nichte vorführte, wie man mit Köpper ins Wasser springt und das gesamte Becken durchtaucht (obwohl es ihm schon reichlich dreckig gegangen sein muss), dieser unverwüstliche und von jeglicher Selbstreflektion, Reue und Schuldgefühlen befreite Mann hat nun drei Bypässe und eine neue Aortenklappe.
Er ist ganz plötzlich herzkrank geworden. Sozusagen ein Zufallsbefund, denn er lag auf dem OP Tisch wegen einer anderen Sache, als sein Herz ernstlich schlappmachte, genauer gesagt, den Dienst einstellte. Und dann ging die Scheiße erst richtig los.
Er wollte nach dem aufwachen gleich nach Hause, klar, aber das konnten sie ihm ausreden. Der Kardiologe sagte, er muss in spätestens vier Stunden operiert werden, die ihn aufpäppelnden Ärzte sagten, frühestens in vier Wochen. Man einigte sich auf acht Tage. Er hat's überstanden.
Unkraut vergeht nicht, sagte er mir. Da hätte ich gerne ein bisschen mehr von ihm.