Dienstag, 29. März 2016

Strangers

Fahre spätnachts auf einen Zebrastreifen zu, schlurft ein Mann schon halb auf die Straße, den Blick nach unten gerichtet, Hände tief in den Taschen, sein Hund läuft vor ihm her. Ich halte an, er hebt müde den Kopf, hebt kurz und dankend eine Hand, wir sehen uns einen kurzen Moment an, dann trottet er weiter. Ich will am liebsten anhalten und fragen, was ihn so traurig macht. 

Dann fahre ich noch schnell zur Bank, brauche frisches Geld. Ich geh über die Straße, zurück zum Auto, sitzt eine Frau zusammengesunken auf einer Bank, ich tippe sie an, frage, ob alles okay ist, was macht diese Frau mit ihren Einkaufstüten mitten in der Nacht auf der Straße? 

Sie wacht auch, erschrickt, sie ist gut gekleidet. "Ich bin nur eingeschlafen." Dann, ich wende mich schon ab, "Hätten Sie vielleicht etwas Geld, ich bin leider obdachlos." Sie hat eine schöne Stimme, spricht wohlmoduliert. Sie ist in meinem Alter. Ich gebe ihr zwei Euro und gehe zum Auto.

Dann denke ich, zwei Euro, was soll der Scheiß, hab mir gerade 200 Euro geholt, gehe zurück. Sie schläft schon wieder, ich tippe sie noch mal an, sie erschrickt erneut, sie muss sehr erschöpft sein. Wäre ich auch, wenn ich auf dieser Bank sitzen müsste, nicht wissend wohin. Ich gebe ihr einen Zwanzig Euro Schein. "Können Sie das wirklich entbehren?" fragt sie, "Sind Sie sicher?"

Wissend, dass 20 Euro immer noch ein Scheiß sind, fahr ich nach Hause, schließ die Tür auf, setz mich auf den Stuhl im Flur, zieh mir die Stiefel aus und fang an zu heulen. 
Denke, was heulst DU denn? SIE sitzt auf dieser Bank.

Kommentare:

  1. Liebe Annika,
    genau das ist es aber, was uns Menschen ausmachen sollte: Mitgefühl. Solche Menschen nicht seelenlos übersehen, sondern wahrnehmen und das eigene Leben dann wieder in die richtige Relation rücken. Ich hätte genauso geheult!
    Lieben Gruß
    AnnJ

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    1. Ehrlich gesagt war meine Heulerei Ausdruck von etwas ganz anderem. Beide Menschen waren an diesem Abend ein Spiegel. Es gibt so Tage...

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  2. Ich heul auch grade. Es berührt mich sehr, was und wie du es schreibst.
    Ich fühl mich immer schlecht dabei, einem Bedürftigen mal einen Euro in den Hut fallen zu lassen. Ich hab noch nie darüber nachgedacht, woher das kommt.
    Es ist, weil ich weiß, dass es ein Fliegenschiss ist gegen das, was ich für mein Leben ausgebe. Weil es in den meisten Fällen von oben herab geschieht, derjenige sitzt, ich stehe und das das Gefälle noch sichtbarer macht. Und weil ich jedes Mal unbewusst denke - zum Glück bin ichs nicht.

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    1. Mich hatte dieses altmodische Wort "entbehren" gelöscht, also, dass sie die Kraft hatte, rückzufragen, ob ich es wirklich geben kann; damit überwand sie die Distanz zwischen der Stehenden (mir) und der Sitzenden (ihr). Ich fragte sie, ob ich noch was für sie tun kann und sie antwortete, nein, sie warte noch auf jemanden. Fand ich sehr beeindruckend, ihre Contenance

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    2. Ja, ich glaube das braucht viel (Courage u.a.) sich selbst als Empfangenden, trotzdem gleichwertig mit dem Gebenden zu empfinden und das auch so zum Ausdruck zu bringen.

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  3. Ich kenne auch diese situation, ähnlich selbst erlebt, und trotzdem ignoriere ich täglich die motzverkäufer. Hier läuft schon was falsch...

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