Montag, 20. Februar 2017

Mein wunderbares Privatleben

Gestern beschloss ich, endlich den Fokus auf mein Privatleben zu legen. Also, nicht nur davon zu reden, dass ich es tun müsste, sondern wirklich nach achtheinhalb Tagen Stunden das Büro zu verlassen, in der Hoffnung, dass ich mich langsam wieder daran gewöhne, wie ein normaler Mensch zu leben.

Heute früh sah ich auf meinem Kalender, dass ich den ersten Termin um 9 Uhr habe und den letzten, anderthalbstündigen ab 17 Uhr. Das ist natürlich höhere Gewalt. Ich schnappte mir meine Tasche und da passierte es: Hexenschuss. Ich nenne das extra verniedlichend Hexenschuss, weil ich keinen Bandscheibenvorfall haben will, wobei alle Symptome dafür sprechen. Ich kann nicht sitzen und noch schlimmer ist es, wenn ich versuche aufzustehen.

Aber anfangs war es noch nicht sooo schlimm. Das erste Meeting schaffte ich noch ohne gutturales Gestöhne. Beim zweiten, direkt im Anschluss, kam ich schon nicht mehr ohne fremde Hilfe vom Stuhl hoch. 


Ich humpelte in mein Büro und informierte alle, dass ich jetzt nach Hause fahre. Ich wurde bombardiert mit Ratschlägen. Arzt (no way), Spritze (never ever), Ibuprofen (seit ich bei der Grippe einen Kollaps 10 Minuten nach Einnahme bekam: nope), Kartoffeln kochen, quetschen und mit in den Rücken legen (sehr gerne) und: auf den Boden legen, die Beine im rechten Winkel auf's Sofa (hört sich gut an).

Die Kartoffeln hätte ich mal lieber essen sollen. Ich schlief ein bißchen auf dem Sofa ein, nachdem ich fünf Minuten gebraucht hatte, aus meinen Schuhen zu kommen. Als ich wach wurde, war draußen anscheinend der Frühling ausgebrochen und drinnen alles viel zu warm. Vorsichtig brachte ich mich zum stehen, nach ein paar Schritten ging es besser. Ich machte alle Heizungen aus und riss die Balkontür auf. 

Dann fuhr ich zur Apotheke, Wärmepflaster kaufen. Die Kartoffeln im Rücken waren auch schon kalt. Dann zum ReWe, ein paar Sachen einkaufen. Am Obststand griff ich mir eine.. na, wie heißt die, Pomelo, Pamela, dieses riesige gelbe Apfelsine. Mir kullerten dabei ein paar auf den Boden und ich sah ihnen verzweifelt hinterher. Da komme ich nie runter, das wusste ich und bei meinen Versuchen sprach mich eine Kundin an, ob alles okay mit mir sei. Sie hob mir die Dinger auf und ich humpelte weiter. 

Ich ging zu meinem Lieblingsjoghurt und starrte ihn sehnsüchtig an. Unerreichbar. Ich verrenkte mich, machte mehrere Anläufe, bis eine andere Kundin kam und ihn mir aus dem Fach holte. Sie kenne das, sie habe auch schon einen Bandscheibenvorfall gehabt. Psst, meinte ich, das ist nur ein Hexenschuss.

Nachdem ich den anderen Kram einigermaßen unfallfrei und ohne fremde Hilfe in der Hand hatte (einen Einkaufswagen sparte ich mir, da hätte ich mich nie runterbeugen können, um den Krempel aufs Kassenband zu leben), fuhr ich erleichtert nach Hause. 

Das Wärmepflaster angebracht, leider nicht punktgenau, aber egal. Dann also auf den Boden gelegt und die Füße auf's Sofa. Als ich endlich lag, wurde mir klar, dass ich nie wieder hochkomme. Also blieb ich einfach liegen. Tat dem Rücken wirklich gut. 

Um mir neuen Lebensmut zu geben, verabredete ich mich für Sonntag mit dem sinnlichen Mund. Man muss Ziele haben im Leben und solange das Handy in meiner Hand liegt, kann ich immer noch Pläne machen.

Nach einer Weile wurde mir kalt, an eine Decke hatte ich nicht gedacht und nun war es zu spät. Sie lag außer Reichweite. Als meine Füße Eisklötze waren, startete ich den Versuch, aufzustehen. Ich sah weißes Licht.

Was soll ich sagen, nach 10 Minuten und Geräuschen, die nur Frauen machen, deren Gebärmuttermund acht Zentimeter geöffnet ist, stand ich wieder auf den Beinen, bleich und kotzübel war mir dazu. Aber dieser Höllenschmerz macht es mir jetzt einigermaßen leicht, am Rechner zu sitzen, auf einem harten Stuhl, ohne mich anzulehnen, und diese heiße Story aus meinem brandneuen Privatleben niederzuschreiben, oder zu teilen, wie man neudeutsch sagt. 

Immerhin war ich schon um 13 Uhr zuhause. Ein vielversprechender Anfang, wie ich finde.

Kommentare:

  1. Willkommen im Club. Ich kann die Schmerzen gut nachfühlen, seit 2002 kämpfe ich mit solchen Attacken, war schon zwei Mal zur Reha. Bei mir war und ist es kein Vorfall, nur eine Vorwölbung. Tut aber genauso weh, und es hilft nur Geduld ...
    Gute Besserung! Mir hilft da übrigens Thermacare, das wärmt ohne Chemie und ist daher viel angenehmer auf der Haut.

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    1. Was auch immer es bei mir ist...
      Statt thermacare nehme ich die wärmepulle.

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  2. Da gibt es kaum tröstende Worte, die den Schmerz erleichtern könnten.
    In diesem Sinne, von Liegend zu Sitzend:
    Immer schön warm halten.

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    1. Hast du immer noch die Grippe? Die ist in diesem Jahr kein Spaziergang...,

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    2. Ja, verdammichnocheins, die ist in diesem Jahr eine Zumutung. Und ja, die zieht sich länger hin.
      Wir können also noch dies und das beplaudern, in der Nacht.

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  3. Uh, das klingt... Nicht. Gut.
    Wünsche gute Besser- und baldigste Linderung!

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  4. Mach's wie ich: Verbringe dein Leben liegend, dann hast Du kaum Rückenprobleme.
    Konkret: Einen Schwenkarm für den Bildschirm am Bett oder Canape anbringen und nie sitzen. Immer alles liegend machen was man sonst sitzend gemacht hat.
    Im Büro geht das natürlich schwer, aber wenn man das wenigstens zuhause immer macht, wird's der Rücken einem danken.

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    1. Hm, das scheint mir ein etwas einseitiger Lebensstil ;)

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  5. „Überhaupt aber beruhen neun Zehntel unseres Glücks allein auf der Gesundheit.“

    „Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.“

    „Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“

    Arthur Schopenhauer

    ♥G U T E BESSERUNG !!! *tätschel*

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    1. Als Hypochonder habe ich diese Einsichten längst im Blut ;)

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  6. Oh. Gute Besserung. Ich empfehle immer eine klassische Schmerztherapie

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    1. Ich bin schon todesmutig bei 800 mg Ibu...

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  7. Ich wünsche Gute Besserung und rate dringendst beim Blog der Frau Nessy (Vanessa Giese) vorbeizuschauen und dort nach ihrer "Bildungsbandscheibe" zu suchen. Die hatte nämlich auch derbst Rücken und hat das hervorragend in den Griff bekommen. Nur so als Tipp. Lesen geht ja auch mit Rücken.

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  8. Ich hab mir vor ein, zwei Jahren für meinen vom Tennis manchmal etwas gebeutelten Rücken so ein TENS-Gerät gekauft und bin recht zufrieden was die Schmerzlinderung angeht. Andererseits wird das vermutlich bei einem akuten Bandscheibenvorfall, pardon, Hexenschuss, "zu wenig " sein und schon zu umständlich, die Elektroden selbst anzubringen.
    Ach, ich plappere schon wieder unnütz vor mich hin. Was ich eigentlich nur wünschen wollte: Gute und schnelle Besserung, hoffentlich!

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    1. Vielen Dank, lieber Captn.

      "Plappern" und "unnütz" sind zwei herrlich altmodische Worte. Aber weder das eine noch das andere habe ich je bei dir gelesen ;)

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    2. Ich kenn da jemanden, der Dir helfen kann.
      Hab´s Dir grad geschickt.

      Hoffe es geht besser heute?

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