Mittwoch, 10. August 2016

Zwei auf gleichem Weg


21 Uhr und es ist schon dunkel. Der Winter naht. Ach, wenn ich doch nur die Gabe hätte, im
Jetzt zu leben, anstatt mich die ganze Zeit auf etwas zu freuen oder zu bedauern, dass bald wieder etwas zuende ist. Ich bin krankhaft fokussiert auf Jahreszeiten. Dabei gibt es ja nur noch eine, mal länger hell, mal früher dunkel.

Jedenfalls gibt es nur einen Ort, an dem ich vollständig in der Gegenwart lebe. Alles fällt von mir ab, wenn ich auf dieses Pferd rauf muss. 

Ich werde längst nicht mehr geführt, sondern muss meine Wege alleine gehen, selbst in die überdachte Longierhalle, in die es nicht rein will, weil es dort dunkel ist und wegen der gefährlichen Raubtiere. Ich spüre seine Angst, es macht sich groß, hat die Ohren angelegt, kurz vorm scheuen ist es und ich sehe mich schon auf harten Beton fallen. Aber die Reitlehrerin C. hat kein Mitleid und legt auch noch Stangen hin, über die es stolpern könnte, damit ich mich daran gewöhne, dass es stolpert.

Bisher fast immer nur im engen Round Pen, musste ich heute auf den großen Platz. Schon eine Reithalle hat gigantische Ausmaße, der Platz draußen unter freiem Himmel jedoch scheint von ozeanischer Weite. Nur das Pferd und ich; C. kilometerweit entfernt. 


"Echt?", sage ich, "auf den großen Platz schon?" 
"Was denkst du denn? Reiten lernt man nur durch reiten."

Wie leicht das bei anderen aussieht. Ohne erkennbare Aktionen reiten Leute geradeaus, linksrum, rechtsrum. Kein Schwein weiß, wie schwer das ist, dieses Dominanz-Ding. Das Pferd geht nicht so gerne rechts rum, aber C. ist das natürlich egal.

Und dann wird man ja mit Worten zugetextet, deren Sinn sich mir nicht erschließt. Eine ganz eigene Sprache ist das. Inneres Bein, äußerer Zügel, Parade, halbe Parade, "„Es muss den inneren Schenkel annehmen und sich um ihn biegen, erst dann kann es an den äußeren Zügel herantreten.“ Versteht das hier irgendjemand (außer Madame Gaphisme?). Ich nicht. 

Hab auch genug damit zu tun, richtig zu sitzen, mitzuschwingen, zu treiben, anstatt mich nur tragen zu lassen, denn das ist auch streng verboten. "Du weißt schon, das reiten mit Sport zu tun hat?" Schwinge ich nicht mit, "begrenze" ich das Pferd, es wird immer langsamer, die Schritte werden kürzer und daran bin ich auch noch selber Schuld.

Die Zügel eng am Pferdehals lassen, damit es "Anlehnung" findet (was immer das ist), die Faust geschlossen, die Arme eng am Körper, die Schultern nach hinten und zusammen, damit ich aufrecht sitze. Reite ich eine Volte, kontrolliert der äußere Schenkel das Hinterbein, o.s.ä., der innere Schenkel begrenzt irgendwas anderes - ich bin komplett überfordert. 

Und stets zwingt mich C., das Pferd zu etwas zu zwingen, was es nicht will. Das will Feierabend und wenn ich in die Nähe des Ausgangs komme, geht es schnurstracks darauf zu und will am Rand des Platzes grasen. Immer wieder muss ich es antreiben, weg von dem Gras, weg vom Ausgang, rechts rum möglichst, weil es das nicht leiden kann und als ich ihm zuliebe aufgebe und es mit linksrum versuchen will, ist C. schnell wie der Blitz an meiner Seite und hält einen Vortrag, weshalb ich das auf keinen Fall erlauben darf und schickt mich sofort wieder in die Spur, es ist mörderisch anstrengend, "Ja, weil du dir selber im Weg stehst, mit deiner Angst dich durchzusetzen." 

Natürlich habe ich Angst, ich sitze auf 600 Kilo Dynamit und in Relation bin ich ein Fliegengewicht, ein wirres und irres Geschöpf, karusselig im Kopf vom Fachchinesisch, das keinen Weg findet von der Großhirnrinde in eine adäquate Umsetzung.

Reiten ist eine Multi-Tasking-Angelegenheit. Sauanstrengend. Ungeeignet für Weicheier. 
Und nichts macht mich glücklicher. 

Sonntag, 7. August 2016

Müggelsee



Manchmal staune ich immer noch über die Wendungen, die mein Leben nimmt. Ich rede hier natürlich nur von hauchzarten Wendungen, die andere Leute gar nicht wahrnehmen, weil sie qualitativ und quantitativ ungleich mehr erleben. Auslandssemester, Bungee-jumping, Urlaub in der Mongolei, sowas halt.

Als ich nach Berlin zog, dachte ich fast jeden Tag "Ich bin hier mit lauter Leuten unterwegs, die ich vor zwei Monaten noch gar nicht kannte", und dann kam ich mir immer cosmopolitisch vor: das Kaff verlassen und in der Welt zuhause. 

Ich denk das nicht mehr jeden Tag, aber bestimmt immer noch einmal pro Jahr. Meine innere Zwanzigjährige ist sehr präsent. Das liegt wahrscheinlich an meiner Rückwärtsgewandtheit, oder der Idealisierung meiner Blütezeit (zu der ich allen Grund habe, weil sich mein gutes Karma damals nicht nur auf Parkplätze direkt vor der Tür beschränkte).

Ich war mit der DoKo-Gruppe auf dem Müggelsee. Wir mieteten uns ein Elektroboot für 12 Leute, wir waren aber Gottseidank nur sechs. Essen und Getränke für 20 Leute.

Viel mehr, als dass ich die meiste Zeit auf meinen dringenden Wunsch das Ruder übernahm, weil ich nicht in die Karten sondern lieber lächelnd und schweigend über das Wasser schauen wollte und meine liebe Not hatte, immer quer zu den Wellen (verursacht von größeren Schiffen) zu lenken, damit wir nicht wie in einer Nusssschale schaukelnd auf den Nudelsalat kotzen, gibt es eigentlich nicht zu erzählen. Nur noch, dass es einer der entspanntesten Tage dieses Sommers war - mit all diesen Fremden, die ich im Januar noch nicht kannte.


 Musik

Samstag, 6. August 2016

Wenn Frauen schwafeln

Auch bei Schietwetter gehe ich ins Freibad, weil es erstaunlich schön ist, im Regen zu schwimmen und weil ich hoffe, das Becken für mich zu haben. 

Kurz nach mir lassen sich zwei Frauen zu Wasser. Sie schwimmen nebeneinander und plappern in einer Tour. Sie sind genauso lahm wie ich und schwimmen ca 5 Meter hinter mir. Da es still ist bis auf die Regentropfen, die sanft auf's Wasser rieseln, muss ich jedes Wort mitanhören. Ich mache eine Kehrtwendung mitten in der Bahn, damit wir von nun an aufeinander zu schwimmen und ich nur einen kurzen Moment von diesem enervierenden Sprechdurchfall belästigt werde.

Es gibt einen Typus Frauen, den ich kaum ertragen kann. Scheinbar völlig aufeinander fokussiert, reden und reden und reden die und man weiß, sie belügen sich und ihr Gegenüber, denn vorrangig erzählen sie sich, was für einen Mann sie ihr eigen nennen und wie sie täglich scheitern an seiner halbwegs liebenswürdig dargestellten Blödigkeit. 

"Er will seit Jahren in das Alliierten Museum in der Clayallee. Jetzt sag ich ihm am Sonntag, lass uns hinfahren, es hat geöffnet. Und was sagt er? Keine Lust."
"Das kenne ich. Sag ihm einfach, dass du dir von ihm wünschst, dass er mit dir dahin geht. Dann macht er es bestimmt."


Kern-und Angelpunkt solcher Gespräche sind Eheprobleme, von denen aber nur die Spitze des Eisbergs geschildert wird. Kleine harmlose Sachen, die den Mann noch einigermaßen gut aussehen lassen, bzw. die Frau, bzw. die Ehe. Damit wird wird die unerträglich lieblose Hölle verschleiert, in der sie tatsächlich lebt.

Da wird verniedlicht und belächelt, aus dem Mann wird ein Spielzeug mit kleinen Defekten gemacht, die Freundin gibt Beziehungstipps, die sie in der Brigitte gelesen hat, beide reden aneinander vorbei und wissen das auch, die eine will nicht sagen, wie schlimm es wirklich ist und die andere will es nicht wissen. 

Meine Vermutung, dass es um diese Ehe viel besser stünde, wenn sie einfach nur aufhören würde, wie ein Wasserfall Nichtigkeiten von sich zu geben, behalte ich für mich, obwohl es auch um meinen Gemütszustand besser stünde, wenn die einfach mal die Klappe halten würden.

Denn alles wird übermäßig laut vorgetragen, mit schriller Stimme, damit auch jeder hört, dass ein Ehemann vorhanden hat, der so putzige Dinge macht, wie alle inner- und aushäusigen Aktivitäten rundherum abzulehnen. Es wird geschwafelt, um sich selbst zu beruhigen, weil sie ignorieren will, dass der nur leicht defizitär gezeichnete Ehemann in spätestens 20 Minuten drei Monaten endgültig seine Sachen packt. Womöglich wurden Trennungsmodalitäten bereits besprochen, was erst recht einen größeren Verdrängungs- und Leugnungsprozess nötig macht.

Denn solange der Mann noch zuhause lebt und schlechte Laune verbreitet, ist er ja immerhin noch da. Und das ist die Hauptsache. Es geht nicht um ihn und nicht um sie, es geht um den Status Quo, in dem sie sich geschützt fühlt, weil.... ja, warum eigentlich? 

"Sag ihm doch einfach, dass du dir mal einen Bummel mit ihm wünschst und wenn du dir das wünschst, dann kann er doch gar nicht anders, als dir das zu erfüllen. Wirklich, du musst ihm einfach nur sagen, dass du es dir wünschst."
"Ach, du kennst doch die Männer. Jetzt kommt Olympia, da krieg ich ihn gar nicht mehr vom Sofa runter."
"Weißt du, stell abends einfach mal ein paar Kerzen auf den Tisch und eine Flasche Rotwein und dann macht ihr euch einen romatischen Abend."

Schätze, auch ohne Olympia kriegt sie diesen Mann nicht mehr in ihre Richtung bewegt. Selbst ich, normalerweise eine loyale Schwester meiner Geschlechtsgenossinnen, die erst seit 20 Minuten zuhören muss, habe so starke Fluchttendenzen, dass ich mich weit vor Beendigung meines Pensums in die Dusche flüchte, weil ich sonst anfange zu schreien. 

Was mir nicht hilft, denn die zwei folgen mir drei Minuten später und verleiden mir das kontemplative duschen, das auf jede Stunde im Wasser folgt. Nach dem Duschen gehe ich sogar in eine Umkleidekabine, damit ich die beiden Desperados wenigstens nicht mehr sehen muss. Und immer wieder schrillt es aufmunternd "Du musst es dir einfach nur von ihm wünschen, dann macht er es bestimmt." 

Anstatt die sich in einem Café treffen und die eine sagt, ich halte es nicht mehr mit ihm aus, was soll ich nur tun? Und die andere sagt, erzähl, was ist passiert? Und die eine erzählt, was wirklich passiert ist und die andere sagt, das wird schwer, aber ich bin an deiner Seite.

Donnerstag, 4. August 2016

Die vergessliche Generation


Als ich so durch die Stadt fuhr und überlegte, wie ich doch eines Tages ganz viel Geld haben werde, fiel mir ein, dass ich vor Monaten ein Sparbuch eingerichtet habe. Total vergessen. Plötzlich war ich reich, das spürte ich. Zuhause suchte ich nach diesem Ding. Aber heutzutage bekommt man ja keine Sparbücher mehr, sondern läppische Kontoauszüge, die bei mir in einer Schublade landen und nur alle drei Jahre sortiert und eingeheftet werden. Ich suchte mich blöd nach diesem Auszug. Nix zu machen. Ich fuhr zur Bank. Dort sagte man mir immerhin, wieviel auf dem Konto ist, aber ohne den Auszug leider kein drankommen. @ Universum: unter einer Koinzidenz stelle ich mir was anderes vor.

Genauso erging es dem I-Tunes Gutschein, den ich vor drei Jahren meinem Patenkind schenken wollte. Ich habe ihn - vermute ich jedenfalls - an einem sicheren Ort geparkt, wo er ruckzuck wiederzufinden sein wird. Nicht. Am Tag des 13. Geburtstages stellte ich meine Wohnung auf den Kopf. Nichts zu machen. Ich musste einen neuen kaufen. Nicht mal dann fand ich ihn wieder, wie es doch sonst schöne Tradition ist.

So wie vor einiger Zeit, als ich aus der Tür ging, ohne einen Schlüssel mizunehmen. Mein Nachbar half mir, die Tür aufzubrechen und baute mir freundlicherweise das Ersatzschloss ein, das ich klugerweise im Haus hatte. Nachdem alles eingebaut war, fand ich den Schlüssel wieder, in meiner Jackentasche, und zwar in der Jacke, die ich die ganze Zeit trug. Das habe ich ihm aber verschwiegen, sonst wäre es das erste und letzte Mal gewesen, dass er mir beim einbrechen in meine eigene Wohnung behilflich ist.

Ich horte auch potentielle Weihnachtsgeschenke, über das Jahr liebevoll erworben, um im Dezember nicht gestresst durch das Geblinke und Geschalle rennen zu müssen. Darauf bin ich verständlicherweise sehr stolz. Nur habe ich im Dezember längst vergessen, dass ich schon alles besorgt habe. Im Februar finde ich dann den Krempel und schüttel bedauernd den Kopf. In diesem Jahr ist mal wieder eingeläutet worden, dass wir uns nichts schenken. Ha ha. Nur den Kindern. Aber sind wir nicht alle Kinder, genau genommen? 

Ich hatte lange Zeit im Flur einen kleinen hübschen Tisch stehen, auf dem ein Behältnis für Schlüssel aller Art stand. Gestern fiel mir auf, dass er dort nicht mehr steht. Ich überlegte, wo er sein könnte. Geklaut? Wer klaut kleine Tische aus meiner Wohnung? Das gibt's doch gar nicht. Das kann nicht sein. Das Ding war weg. Mich überkam leichte Panik. Es kann doch nicht sein, dass ein Tisch verschwindet, ein Geschenk eines Freundes, der ihn widerum selbst geschenkt bekam, so ein 7€ Ikea Tisch, von einer 'lieben Patientin' mit Serviettentechnik beklebt in ansprechenden Grüntönen, ein Unikat, was wohl der Hauptgrund für seine freundliche Gabe gewesen sein dürfte, dabei ist er wirklich sehr hübsch. Ich rannte durch die Wohnung und fahndete nach dem grünen Dingelchen. Im Schlafzimmer wurde ich fündig. Seit Monaten steht da meine kleine Schlafzimmer-Glotze drauf. Ich atmete erleichtert aus und verdrängte meine Besorgnis über meinen Geisteszustand. Solange ich noch merke, dass ich ulkig werde, ist es noch nicht so schlimm.

Wenn ich nach dem Urlaub ins Büro komme, erinnere ich weder mein Passwort, noch den Ort, an dem ich den Schlüssel für den Geheimschrank deponiert habe. Und ich habe auch vergessen, dass ich diesbezüglich einen Post it mit verklausulierten Hinweisen am Bildschirm hinterlassen habe. Nach zwanzig Minuten hektischer Sucherei und dem verzweifelten Versuch, mich zu erinnern, bin ich schon wieder urlaubsreif. Dann mach ich immer schnell den Alzheimertest und prüfe, ob ich noch in der Lage bin, ein Ziffernblatt zu malen. Gleich danach bringe ich mich bei meinen Kollegen ins Gespräch, indem ich sie verdächtige, meinen Tacker geklaut zu haben. Der natürlich genau dort steht, wo er immer steht, nur konnte ich das so schnell nicht erkennen. 

Es gibt auch zwei Worte, die ich mir partout nicht merken kann. Das eine ist "Holunderbeersirup", das andere... warte, gleich fällt es mir ein...ach ja...nee, schon wieder weg...ko...ko...verdammt....ko...Minuten vergehen.... "Konsolidierung". Immer wenn ich die zwei Worte brauche, sind sie nicht da. 

Neulich war ich sicher, dass ich auf dem Reiterhof beklaut wurde, mein Portemonnaie war weg. Und das Handy auch. Ich wollte schon das SEK anrufen. Aber nein, ich hatte beides im Handschuhfach gelassen, damit es mir eben nicht geklaut wird, vorausschauend wie ich nun mal bin. Nach nur einer Stunde schon hatte ich das nicht mehr auf dem Schirm.

Meine Nerven Hormone!

Plumpsi on the horse

Dritte Reitstunde. 

Es fing nicht gut an, denn das Pferd hatte so eine Attitüde. Es war sehr glücklich, bis ich kam, denn es bekam gerade sein Mittagessen und wollte nicht aus der Box. Konnte ich nachvollziehen, aber die Reitlehrerin verbot mir sofort das vermenschlichen. Es hätte zu tun, was ich von ihm will, dann wäre es auch sehr glücklich. Wahrscheinlich. Vielleicht. Aber schnickschnack, das hätte mich nicht zu kümmern.

Ich traute mich trotzdem nicht in die Box, denn es hatte so geschickt eingeparkt, dass ich mich an der Wand hätte an ihm vorbeiquetschen müssen, was bedeutet, dass das Pferd zwischen mir und dem Ausgang steht. Für solche Sperenzchen bin ich nicht zu haben. Zur Verdeutlichung fehlender Motivation legte es die Ohren an; auf deutsch: 'Geh mir besser aus dem Weg'. 

Die Reitlehrerin zeigte mir, wie man das Problem löst. Aber das reichte ihr nicht, ich sollte es nachmachen, dabei hatte sie es schon gehalftert, alle waren glücklich. Aber nein, sie fummelte alles wieder runter und dann hatte ich meine Domina-Qualitäten zu beweisen. 

Draußen auf dem Hof blieb es stehen, beugte sich zu einem dreijährigem Kind runter und starrte es in Grund und Boden. Es hypnotisierte das Kind. Das war natürlich ein geschicktes Ablenkungsmanöver. Die Show war nur für mich. Ich kugelte mir bald die Schulter aus, beim Versuch, das Pferd zu bewegen. Aber heute wollte es ein Reiterstandbild sein, nur ohne Reiter.

Ich bezweifelte, dass ich mich draufsetzen würde. Wer weiß denn schon, wie sauer es wirklich ist, weil ich es in der heiligen Mittagspause gestört habe. Die Reitlehrerin hatte hingegen keine Zweifel. Natürlich nicht. Die hat ja nie Zweifel. 

Als wir in der Halle waren, führte sie mich 20 Sekunden, übergab mir die Zügel, lief noch eine Minute neben mir her und entfernte sich dann unauffällig. 40x20 Meter sind eine unendliche Prärie, man ist sehr allein in so einer riesige Halle. Und man darf ja nie hinreiten, wohin das Pferd will, sondern bekommt in einer Tour Befehle.

"Bei E wendest du nach links und bei C hältst du an. Ganz in die Ecken rein, lass dich nicht verarschen."

Du meine Güte, natürlich werde ich verarscht, selbst das dümmste, zuschanden gerittene Wachkoma-Schulpferd merkt, wenn es einen Tölpel auf seinem Rücken hat und dann kürzt es eben ab. Ich hingegen sitze auf einem gut ausgebildeten Privatpferd, das auf leichte Hilfen reagiert - aber nur, wenn man weiß, wie man leichte Hilfen gibt. 

Ich hingegen bin noch im Modus der sich widersprechenden Doppelbotschaften, das Wort 'Hilfen' kann ich gerade mal buchstabieren; kein Wunder, dass es denkt, ich bin zu alt für diesen Scheiß.

Während ich versuchte, dem Pferd begreiflich zu machen, wohin ich will (und zwar ohne am Zügel zu zerren, sondern allein durch Blicke zum Zielbuchstaben, einer leichten Bewegung der Schulter, einer fast unmerklichen Verlagerung des Gesäßes), filmte mich die Reitlehrerin. 

Und da war sie wieder, die Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Ich dachte ja, dass ich mich geschmeidig den Bewegungen des Pferdes anpasse und mein Becken vorbildlich bewege. Es stellte sich heraus, dass ich es praktisch gar nicht bewege oder nur in homöopathischer Dosis, die keine Kamera der Welt einfangen kann. Ich sitze zwar kerzengerade, aber auf eine verschreckt paralysierte Weise. Und das mit der Eleganz habe ich immer noch nicht raus.

Montag, 1. August 2016

Ungünstige Fotos

Bin bei hellrot über die Ampel gefahren und geblitzt worden. Jetzt kam der Bußgeldbescheid, bzw. ein Formular, auf dem ich mich  schuldig bekennen sollte. Mit dem Hinweis, dass ich das auch online machen kann, außerdem könne ich dann auch das Foto sehen.

Ganz ehrlich? Das Foto ist Strafe genug. Ich hab jetzt eine Scheisslaune.