Sonntag, 21. Mai 2017

Draußen vor der Tür (2)

Ein Jeep hielt neben uns, am Stand mit dem Merguez-Würstchen, in dem vier Kinder, ein Elternpaar und ein Opa saßen. Die Kinder schliefen tief und fest, aber wie man sehen kann, war das ganze Unterfangen auf born to be wild angelegt; jedenfalls hatte die Lagerung der Kinder es so gar nichts deutsches an sich, vielmehr zeigte sich eine grundpositive Haltung zum Leben, ein Leben, in dem keine unvorhergesehenen Bremsmanöver zu befürchten sind, aufgrund derer unangeschnallte, bis über den Rand des Vehikels hinaus schlummernde Kinder unversehens zu Wurfgeschossen transformieren könnten. 

Gechillte Kinder sorgloser Eltern

Ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Der Vater stieg aus, sehr netter Mensch, wie auch die Mutter und der offenbar den Bandidos oder eines ähnlichen Vereins angehörigen Opas einen extrem gelassenen Eindruck machten. 

Ich bat darum, ein Foto machen zu dürfen. "Mach das!", rief er und ich sagte, das komme aber in meinen Blog, "Kein Problem, kein Problem."

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Als wir im Café saßen, kam ein Passant vorbei, bückte sich runter zum Stuhl meiner Freundin und klaubte eine VISA-Card vom Boden. Ob die uns gehöre. Nein. Er ging weiter. 

Ich sah mich um und war erstaunt, dass er nicht etwa ins Café ging, um die Karte dort abzugeben, sondern einfach weiterlief. Flott, aber nicht auffällig hastig, entfernte er sich, wahrscheinlich sein Glück kaum fassend könnend; irgendein Kaufhaus würde sicher keine Unterschrift prüfen und wir überlegten, ob es unsere Bürgerpflicht sei, den Mann zu verfolgen. Wir konnten uns nicht einigen und irgendjemand hat jetzt die Arschkarte.

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Dann blieb ein anderer Mann bei uns stehen, recht gutaussehend, würdevoll runtergerockt, Amerikaner. Er sprach uns an, ob wir eine Zigarette für ihn hätten. Dann wollte er, dass wir ihm einen Kaffee ausgeben, er hätte noch keinen gehabt heute. 

Wir lehnten ab, worauf er uns wahrscheinlich mit einem Fluch belegte und mir dann sagte, ich sei nice, aber meine Freundin sei nicer (was mich an den Nicer Dicer erinnerte, den ich neulich auf QVC beinah bestellt hätte, aber in letzter Sekunde beschied, dass es soweit noch nicht mit mir gekommen sei). 

Er deutete auf meine nicer Freundin, "A look in her eyes, I know her" und dann sagte er in gebrochenem Deutsch "Also sprak Tscharatustra", lachte vielsagend und ging weiter. 

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Der Fluch tat seine Wirkung, ich kaufte mir gegen meinen Willen einen Ring, ich konnte nicht widerstehen. Eine kindliche Schwäche von mir, blassblaue Steine.

Fehlkauf => Auswirkungen des Fluchs

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Bei den Erdbeeren stand plötzlich Hajo Schumacher neben uns. Was sollte der nun von mir halten, mit diesem kindischen Ring? Ich wollte ihm gerne erklären, dass mich vorhin ein Amerikaner verflucht hat, da fiel mir Gottseidank wieder ein, dass er mich ja gar nicht kennt. Ich sah davon ab, ihm von meinem Zustand der Willenlosigkeit zu berichten. 

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Auf dem Nachhauseweg hielt an der Ampel neben mir ein schwarzer BMW mit vier testosterongeschwängerten Jungmännern der dritten Generation. Sie taxierten mich. "Schöne Haare!" Ich drehte mich zu ihnen, fixierte einen, lächelte und sagte: "Ich könnte eure Mutter sein." Gutmütiges Gelächter, die Ampel sprang auf grün, allgemeines Gewinke. Sommer in Berlin. 

Draußen vor der Tür (1)

Montag, 15. Mai 2017

Die Frau als Bitch

Obwohl ich eine Frauen-Frau bin, also meine Freundinnen mit Attributen wie "liebste" und "Goldstück" belege und sie immer einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen, egal, ob ein Mann zur Hand ist oder nicht und ich grundsätzlich das Zusammensein mit ihnen als außerordentlich wohltuend empfinde, gibt es eine Version Frau, mit der ich nicht klar komme: die Frau als Cheffe.

Ich hatte zwei, die erste als "SS-Sabine" hier im Blog verewigt, die zweite wegen Unlust verschwiegen, habe ich jetzt die Dritte an der Backe. 

Und schon höre ich mich greinen, wie gerne ich sie eintauschen würde gegen die Toskana-Probleme, die ich mit dem letzten Cheffe hatte, über den ich so ausführlich wie inbrünstig das Blog vollgekotzt habe. Aber es geht ja immer noch schlimmer...

Eine Schönheit ist sie, ein kaltes Herz, messerscharf in der Kommunikation, auch nonverbal und vollkommen desinteressiert daran, dass ihre Jüngerschaft auch nur einen (und sei er noch so klein), Wohlfühlmoment pro Tag haben. 

Wie jede dieser neuen Generation von Vorgesetzten hat auch sie verinnerlicht, keinen Handschlag selbst zu tun, sondern 1 zu 1 alles auf''s Fußvolk runterzubrechen; am liebsten natürlich die Aufgaben, die originär einer Führungskraft zugewiesen sind.

Nein, es ist nicht so, dass wir nun führen. Wir taumeln eher führungslos gegen Tisch und Bänke und sie zetert, weshalb wir uns schon wieder das Knie aufgehauen haben. Sie lässt uns im unklaren darüber, was sie will und wenn wir es nicht erahnen, ist sie empört. Das ist ihre Vorstellung von Steuerung, nehme ich an.

Was auch immer wir versuchen an Leistungserbringung, wobei wir wie gesagt meist im Dunkeln tappen, sie zerfetzt alle Ergebnisse, ohne zu sagen, was sie stattdessen will. Oder sie krittelt an Formulierungen herum, diktiert neue Sätze, die haargenau dasselbe aussagen; nun ja, sie will sich also doch manchmal einbringen, schätze ich. 

Während alter Cheffe uns laufen ließ, weil er wusste, dass wir gut sind und sich mit unseren Ergebnissen die Orden umhängen ließ (was ich in der Nachbetrachtung jetzt durchaus als Anerkennung unserer Arbeit empfinde - soweit ist es schon mit mir gekommen; aber ich neige zeitlebens zur Vergangenheitsglorifizierung), ist es jetzt so, dass wir abgewatscht werden, als seien wir dahergelaufene Schwachmaten, die den Schuss nicht gehört haben und mit denen sie leider gezwungen ist zu arbeiten.

Und im Druck erhöhen, da ist sie Weltklasse. Das muss sie irgendwo gelernt haben: Druck machen um des Druck machens willen; was auch immer sie sich davon verspricht. 

Kommt jemand aus dem Urlaub zurück, ist ihre erste Frage "Wie weit sind Sie mit ihrem Prozess gekommen?" Tja. Äh. Im Urlaub? In der untersten Gehaltsgruppe?

Und was noch wichtig ist: Aufträge nicht einfach erfüllen zu lassen, sondern vor dem Whiteboard sitzen und darüber reden, wie man den Prozess modelliert. Wenn noch einmal jemand in meiner Gegenwart das Wort Prozess in den Mund nimmt, kann ich für nichts mehr garantieren.

Samstag, 13. Mai 2017

Embrace

Wann immer ich Fotos von mir sehe, die älter als 10 Jahre sind, sehe ich eine hübsche Frau, an der Grenze zu objektiv wirklich richtig hübsch. Als ich neulich einem Freund ein Foto aus meinen Zwanzigern zeigte, lachte er auf und rief "Oh mein Gott, ich liebe dich!".

Was sich in meinem ganzen Leben nie verändert hat, dass ich im heute stets denke, dass ich optimierbar bin und zwar hurtig. Erstmal will ich immer 10 Kilo abnehmen. Mit 10 Kilo weniger, stelle ich mir vor, könnte ich sofort in eine Lebensphase eintreten, die das Attribut perfekt verdienen würde. Selbst in Phasen, in denen angebracht gewesen wäre, 10 Kilo zuzunehmen, war ich überzeugt, dass 10 Kilo weniger mein Leben in etwas umwandeln würde, worum mich jede beneiden würde.

Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, verbrachte ich einen ganzen Samstag heulend im Bett, weil es abends zum bowlen ging. Und in dem Moment, wo ich diese Kugel versuchen würde, unfallfrei über die Bahn zu bekommen, würde jeder meinen unglaublich fetten Arsch sehen. Ich war des Todes, mein Leben verwirkt, wenn erst alle gesehen hätten, wie schrecklich ich von hinten aussehe, mit meinen unfassbaren 49 Kilo.

Egal, wie dünn ich war, wie jung und wie hübsch - es nützte nichts. Ich war am hadern. Und bin es bis heute. Immer nur in der Nachbetrachtung denke ich, ob ich wohl damals mit dem Klammerbeutel gepudert war oder einen Hirnschaden hatte. Vielleicht werde ich das in 10 Jahren auch denken, wenn ich Bilder von heute betrachte (ich glaube aber nicht).

Leider bin ich oberflächlich genug, das an manchen Tagen belastend zu finden, vor allem, wenn ich in Umkleidekabinen bin, die sadistische Innenarchitekten traditionell mit fürchterlichsten Licht ausstatten. Ich kapituliere, wenn ich mich dort im Spiegel sehe und wanke als gebrochene Frau nach Hause, mit dem Vorsatz, die Wohnung nie wieder zu verlassen.

Am Donnerstag lief bundesweit (und nur an diesem Tag) der Film Embrace. Da reist eine Australierin durch die ganze Welt, um Frauen zu treffen, die auch hadern. Das ist nichts Neues, wir alle kennen Frauen, die sich mit den gefotoshopten Aliens vergleichen, die uns überall anspringen. Es hadern offenbar 90% aller Frauen und die meisten haben keine Vorstellung davon, wie ihr Leben wäre, wenn sie sich über ihr Aussehen keine Gedanken machen würden. 

Augenscheinlich wird das immer wichtiger; bereits Siebenjährige beklagen, dass ihre Beine zu dick sind. Als ich sieben war, wusste ich nicht mal, dass ich Beine habe.

Es kostet eine Menge Energie, sich nicht ausreichend gut zu finden. Energie, die man für nichts und wieder nichts verpulvert. Der Film hat nicht dafür gesorgt, dass ich rausgehüpft bin, mit dem jetzt für alle Zeiten unverrückbar verinnerlichtem Selbstbild "Ich bin schön". Aber die Absurdität, sich mit so einem überflüssigen Scheiß zu herumzuschlagen, hat's bis ins Großhirn geschafft. Immerhin.

Sonntag, 7. Mai 2017

Der Mann als Held

Ich latsche, wie fast jedes Wochenende, mit der Auftragsmörderin und ihrem Hund über das Tempelhofer Feld. Dem Hund zu Ehren habe ich ein Ballweitwurfgerät gekauft. Der ist außer sich vor Freude. Ich auch, weil ich kann aus eigener Kraft nur 2 Meter werfen, aber dieses Gerät lässt Robert Harting alt aussehen.

Aber erst mal müssen wir ja zu der Stelle kommen, an der der Hund von der Leine gelassen werden darf. Wir schlendern an so einer Art Garten vorbei, ich schau nach links beim gehen und renne voll gegen einen 2,50 Meter hohen Drahtzaun. Ich bleibe unverletzt, aber der Ball löst sich aus der Halterung, kullert unter dem Zaun durch und ist für alle Zeiten unerreichbar. 

Der Hund ist sterbensunglücklich. Ich auch. Gehe zu einem Tor, 20 Meter hinter uns, aber das ist natürlich abgeschlossen. Ein Mann steht inzwischen bei der Auftragsmörderin, hat seine Tasche auf den Boden gelegt und klettert an dem Zaun hoch. Ich bin voller Bewunderung und kurz darauf in Sorge. Oben angekommen hat er Schwierigkeiten, drüber zu kommen, denn er kann sich wegen der spitzen Stahlstäbe nicht abstützen. Irgendwie schafft er es rüber, und mir dreut, dass es auf dem Weg zurück zu einem Desaster kommen wird.

Bange Sekunden, als er wieder oben ist, aber keinen richtigen Halt bekommt, den es brauchen würde, um sich wieder drüber zu schwingen. Die Zeit vergeht quälend langsam, wir stehen unten und wissen nicht, was zu tun. Es geht nicht vor und nicht zurück. Er kann jetzt vornüber auf den Kopf fallen oder hinterrücks auf den Rücken. Irgendwann schafft er es und wir beginnen mit Lob, Preis und Anbetung.

Er ist leichenblass und holt ein Asthamspray raus. Wir bedanken uns überschwänglich und gehen weiter. Als ich mich noch mal umdrehe, sehe ich, dass er kurz vor dem umkippen ist, er geht mit dieser merkwürdigen Körperhaltung, die ich als Hypochonderin sofort erkenne, auf eine Art Straßenschild zu, an das er sich lehnt. Es gibt ja kaum Bänke auf diesem Feld.

"Du, dem geht's nicht gut." Wir gehen wieder zurück, ich lehne mich neben ihn an dieses Straßenschild und frage, ob er Hilfe braucht. Nein, sagt er, aschfahl, er habe nur gestern zuviel getrunken, sich etwas übernommen, es geht schon gleich wieder. Wir bleiben solange, bis er wieder Farbe im Gesicht hat. Ihm ist das unangenehm, was ich verstehen kann. Ich bin auch lieber allein, wenn ich denke, dass ich gleich sterben muss. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. 

Einen Mann, der für so einen bescheuerten Ball über einen 2,50 Meter hohen Zaun klettert sein Leben aufs Spiel setzt, hat all meine Fürsorge verdient, ob er die nun will oder nicht. Manchmal muss eine Frau tun, was eine Frau tun muss. Ich lass den doch nicht zurück, bevor ich nicht weiß, dass er wieder aus eigener Kraft gehen kann. Langsam kommt er wieder zu sich und dann verabschieden wir uns endgültig.

Wir gehen weiter, finden eine Bank und ich werfe diesen Ball in alle Richtungen; sagenhaft, der Hund war nie glücklicher. Ich ebenfalls, weil ich den angesabberten Ball nicht anfassen muss.

Später gehen wir was essen, der Hund bekommt eine Wasserschüssel zu unseren Füßen und trinkt gierig, kein Wunder, von dem Gerenne bekommt man eben Durst. Plötzlich werden meine Füße so komisch feucht. Wir schauen nach unten, der Hund hat alles ausgekotzt, leider nicht nur das Wasser, sondern auch matschiges Trockenfutter. Örgs. 

Die Auftragsmörderin muss alles allein wegmachen, denn mich würde das unnötig traumatisieren. Ich kann Kotze echt nicht ab. Selbst bei den allerniedlichsten kleinsten Babys kann ich das nicht ab. Schätze, eine frühkindliche Prägung. Kann man nix machen. 

Ich hoffe, unser Held ist wieder vollständig genesen.