Tut mir leid, dass es schon wieder Hanni-und-Nanni-Content gibt, aber ich bin jetzt Pferdebesitzerin, für drei Wochen, das wollte ich mal erwähnt haben. Die eigentliche Besitzerin fährt in Urlaub und braucht jemanden, der das Pferd bespaßt.
Sie rief mich an, ob ich da nicht Lust zu habe. Natürlich habe ich Lust. Jedes Mal, wenn mich jemand fragt, was ich haben will, Pizza oder Nudeln, sage ich "Pizza. Und ein Pony."
Ich überlege ja schon, wie ich mit ihm zu mir nach Hause spaziere und es hinten in den Garten stelle. Es hätte viel Freilauf, es steht ja nur eine Tanne im Weg, da könnte es sich drunter stellen. Nachts würde ich es natürlich mit in die Wohnung nehmen, es ist ja ein Herdentier und nicht gern allein. Ich muss es nur vorher stubenrein kriegen.
Ich fuhr also direkt vom Büro in den Stall, ohne mich umzuziehen, weil ich dachte, es geht nur um die Schlüsselübergabe für den Schrank mit dem Putzzeug und so. Die
Besitzerin nahm auf meine Overdressedheit keine Rücksicht, sie wollte,
dass ich das ganze Procedere einmal durchspiele, ohne Hilfe. Ich war nur
allzu bereit, Klamotten kann man waschen.
Das Pferd hat sich echt gefreut, dass ich mal vernünftig angezogen war, als ich es aus dem Stall geholt habe, es zwinkerte mir anerkennend zu. Das kennt ja keine Menschen in Röcken und Schühchen. Immer nur dreckige Stiefel und praktische T-Shirts unter der schlammfarbenen Weste.
Ich habe natürlich einiges Aufsehen erregt, als ich im Business-Outfit die Hufen auskratzte und dann neben dem Pferd über den Feldweg stöckelte - also nicht wirklich stöckelte, aber in Relation zu den Stiefeln war das schon ein Geeiere.
Es fühlte sich sehr wohl mit mir. Das merkt man daran, dass es leise vor sich hinschnaubt. Das hört sich romantischer an, als es ist, denn der ganze Schnodder kommt dann mit raus und nach kurzer Zeit war ich von oben bis unten voller Pferde-Popel, so wohl hat es sich gefühlt, wie wir in die untergehende Sonne spazierten. Es muss Liebe sein, denn ich würde keinem anderen Lebewesen erlauben, mich derart einzusauen.
Dann durfte es grasen, ich setzte mich auf einen Baumstamm und hielt es lose an der Leine. Was will ich mehr? Nun ja, irgendwann mussten wir zurück in den Stall und dann hatte ich schon Angst davor, es zu verärgern, denn das Pferd ist so süchtig nach Gras, wie ich nach Zigaretten. Ich will ja, dass es ihm gut geht, aber dann dachte ich wieder an die Trainerin, die mir immer einbläut, dass Gehorsam das wichtigste ist, weil es sich dann an mir orientiert und sich am sichersten fühlt, wenn ich ihm Grenzen aufzeige.
In der Folge gestaltete es sich so, dass sich das Pferd auch ohne meine Grenzsetzung sicher fühlte und immer wieder den Kopf nach unten zum Gras beugte, während ich an dem Strick zog und mit strenger Stimme wiederholte "Denk nicht mal dran" und "Nix da" und "Fuck". Ich sag ja immer, das übt fürs Leben. Nicht aufgeben. Geht in diesem Fall auch nicht, ich kann nicht für immer auf der Wiese bleiben, leider erlaubt mein Arbeitgeber kein Homeoffice.
Spannend wird es immer noch mal, wenn es zurück in die Box geht. Eine echte Dominanzübung. Vor der Box muss es stehen bleiben. Ich geh vor dem Pferd rein und führe es dann links um mich herum. Dann muss es wieder stehen bleiben und darf nicht an den Trog, denn ich muss es erst abhalftern. Aber das kann ich schon ganz gut und ich habe keine Angst mehr, dass in diesem Moment die Gene seiner wilden Vorfahren durchbrechen und ich zu Tode getrampelt werde.
Ich blieb sogar noch ein bißchen stehen und lehnte mich mit geschlossenen Augen an seinen Hals. Es gibt nicht viel, was besser ist als das. Das Pferd fand das auch, denn es schnaubte wieder und frisch eingesaut stakste ich aus der Box.
Die Pferdebesitzerin war zufrieden mit mir, wir saßen noch auf der Bank, bis es ganz dunkel war und tranken jede Menge Cola, zig Pferde in den Ställen, die schnaubten und manchmal wieherten, gute Nacht John Boy, der totale Frieden.
"Ich glaube, wenn ich aus dem Urlaub zurück komme, setzt du dich mal drauf." - "Das glaube ich auch." Der Tag war mein Freund.
Samstag, 14. Mai 2016
Donnerstag, 12. Mai 2016
"Solange ich dir nicht alles wert bin, bist du mir gar nichts wert"
Ein Zitat aus "American Hustle".
Gut, Zitate sind wenig geeignet, den Fakten-Check zu bestehen, bzw. sie in den Alltag als gemeingültige Basics zu transformieren, die der potentielle oder aktuelle Begleiter möglichst zu verinnerlichen hat.
In der Wirklichkeit sieht die Sache ja oft ganz anders aus. Es wird so unheimlich viel probiert heutzutage.
Gut, Zitate sind wenig geeignet, den Fakten-Check zu bestehen, bzw. sie in den Alltag als gemeingültige Basics zu transformieren, die der potentielle oder aktuelle Begleiter möglichst zu verinnerlichen hat.
In der Wirklichkeit sieht die Sache ja oft ganz anders aus. Es wird so unheimlich viel probiert heutzutage.
Manche probieren, sich in Menschen zu verlieben, in die sie sich nie verlieben werden.
Manche probieren abzunehmen, damit sich andere in sie verlieben.
Manche starren auf Tinder und pflegen halbstündige Affairen.
Andere treffen sich nur mit Freunden und hoffen, dass mal jemand Jemanden mitbringt, mit dem man es probieren könnte.
Manche verfeinern ihre Frustrationstoleranz bis zum erbrechen auf Dating Seiten.
Manche sind Beziehungs-Anorektiker und probieren gar nix mehr.
Neuerdings haben manche Angst vor Höxter.
Manche probieren abzunehmen, damit sich andere in sie verlieben.
Manche starren auf Tinder und pflegen halbstündige Affairen.
Andere treffen sich nur mit Freunden und hoffen, dass mal jemand Jemanden mitbringt, mit dem man es probieren könnte.
Manche verfeinern ihre Frustrationstoleranz bis zum erbrechen auf Dating Seiten.
Manche sind Beziehungs-Anorektiker und probieren gar nix mehr.
Neuerdings haben manche Angst vor Höxter.
Nur ganz selten höre ich von Dingen, wie sie mir ein Freund erzählte. Er geht zu einem Essen, betritt die Wohnung und nur aus den Augenwinkeln bemerkt er eine Frau. Der Blitz schlägt ein, obwohl er sie noch nicht mal von vorn gesehen hatte. Ihr ging es genau so. Er ist so glücklich, ich erkenne ihn kaum wieder.
Ich finde, das ist die einzig richtige Art. Chemie.
Sonntag, 8. Mai 2016
Sieht aus wie Sommer, ist es aber nicht
Meine Vorfreude hätte nicht größer sein können, angesichts vier freier, sonniger Tage.
Donnerstag: Die Pferdebesitzerin schreibt mir, ob ich nicht allein mit dem Pferd spazieren gehen will, ein bißchen grasen und so, da freut es sich, ich muss es nur von der Koppel holen und acht geben, dass die anderen Pferde nicht stiften gehen, wenn ich das Gatter aufmache. Aha. Eine Lernaufgabe. Ich fahr hin, der Ostwind pfeift mir um die Ohren. Mir ist bang, denn bei Wind sind Pferde tricky, da erschrecken sie sich schnell, springen zur Seite, direkt auf mich drauf, schlimmstenfalls.
Ich habe Glück, keine Pferde, die ich vom Gatter verscheuchen muss und meins kommt gleich angetrabt. Führstrick angebappt, Gatter auf, das Pferd hinter mir raus, ich dreh es um, lasse das Gatter wie befohlen nicht los, aber da ist Gras in der Nähe und schon stehe ich im Spagat. An der einen Hand das äußere Ende des Führstricks mit einem Pferd im Glück, an der anderen Hand mit nur noch zwei Fingern das Gatter.
Die anderen Pferde nähern sich neugierig, ich überschlage im Geiste, ob meine Haftpflichtversicherung dafür aufkommt, wenn jetzt sieben Gäule ausbüxen, über die Wiese bis zur Schnellstraße und 27 Autos ineinander rasen.
Da steh ich nun, mit Puls 200 und Stressinkontinenz. Ich muss eine Entscheidung treffen, lass das Gatter los, ziehe mit aller Kraft am Führstrick und dreh das Pferd wieder da hin, wo es stehen soll. Schnell das Gatter zu, aber nun bin ich außer Balance. Mit zitternden Knien und Schnappatmung gehe ich los. Es hält keinen Sicherheitsabstand zu mir, es hat wirklich alles verlernt, du meine Güte, wir waren doch schon viel weiter. Meine Dominanz ist gefragt.
Ich greife zur Methode 'Fake it till you make it', aber das Pferd ist ja nicht doof; obwohl es ein winzig kleines Gehirn hat, reicht es locker, eine Bekloppte von einer Respektsperson zu unterscheiden. Fazit: für Ausflüge zu zweit bin ich nicht dominant genug, da können meine Schwestern hundertmal Domina zu mir sagen.
Freitag: DoKo bei mir im Garten. Ich schleppe die Gartenmöbel aus dem Keller, drapiere sie im geschändeten Garten inmitten von abgeholzten Sträuchern, die riesige Tanne immerhin hat der Mörder stehen lassen, decke den Tisch, freue mich, denke, is'n bissel windig, macht nüscht. Als alle kommen, ziehen sie sich pflichtbewusst aus, also untenrum, die nackten Füße ins Gras, es ist sommerlich, jedenfalls sieht es so aus, Kaiserwetter. Nach 15 Minuten ziehen sich alle wieder an, der Wind, es ist huschig. Karten spielen draußen unmöglich, also rein in die Bude. Bald denken die Nachbarn, wir haben einen neuen Pabst gewählt, fünf Raucher bei offener Balkontür.
Samstag: Spargel und Schnitzel in einem anderen Garten. Wir kommen an und ziehen uns aus, untenrum, wie schon gesagt, der Wind, wir essen schlotternd den Spargel, das Eis, die Erdbeeren, ich sehne mich nach Winterstiefeln, einer Kürbissuppe und einer Wärmeflasche im Rücken, der Hausherr versorgt uns mit Fließ, um 23 Uhr gebe ich auf, mit eisig kalten Füßen, man muss sein Schicksal nicht herausfordern.
Sonntag: Ich eröffne die Freibadsaison. Wie schön, das ganze Becken für mich, schau neugierig zur Anzeigetafel, auf der die Außen- und die Wassertemperatur steht. Letztere wird heute verheimlicht, als ich ins Wasser gehe, befürchte ich ernsthaft, einen Herzinfarkt zu erleiden. Höchstens 17 Grad, wenn überhaupt.
Ich schwebe praktisch gelähmt im Wasser, der Wind schubst mich sachte von der einen Seite zur anderen, ich kann meine Finger nicht mehr zur Faust machen, auch nach 50 Minuten ist mir immer noch arschkalt und als ich aus dem Wasser steige, gehe ich gefällt von der Erdanziehungskraft und steif wie ein Roboter zur Dusche, um wieder Leben in die Glieder zu bekommen.
Dann lege ich mich auf die Wiese, aber es ist kein Frieden zu bekommen. Orkanböen verleiden mir mein Ritual (duschen, essen, lesen, schlafen), denk ich, okay, ich hab doch einen Garten und da werde ich jetzt den letzten freien Tag in aller Ruhe ausklingen lassen, komme, was wolle.
Die große Tanne, das einzige Ding, was noch rauschen kann, rauscht sich einen Wolf mit zig Dezibel, ist direkt eine Lärmbelästigung, sie biegt sich zudem gefährlich, ohne die Sträucher liege ich voll im Durchzug, da nützt die schönste Sonne nichts, wenn der Polarwind braust.
Gut, denke ich, das halbe Jahr ist fast rum, bald steht Weihnachten vor der Tür, gewöhne ich mich schon mal dran, geh rein, Wärmflasche in den Rücken, ab unter die Decke auf's Sofa, nur Kerzen habe ich nicht angemacht, aber beinah.
Donnerstag: Die Pferdebesitzerin schreibt mir, ob ich nicht allein mit dem Pferd spazieren gehen will, ein bißchen grasen und so, da freut es sich, ich muss es nur von der Koppel holen und acht geben, dass die anderen Pferde nicht stiften gehen, wenn ich das Gatter aufmache. Aha. Eine Lernaufgabe. Ich fahr hin, der Ostwind pfeift mir um die Ohren. Mir ist bang, denn bei Wind sind Pferde tricky, da erschrecken sie sich schnell, springen zur Seite, direkt auf mich drauf, schlimmstenfalls.
Ich habe Glück, keine Pferde, die ich vom Gatter verscheuchen muss und meins kommt gleich angetrabt. Führstrick angebappt, Gatter auf, das Pferd hinter mir raus, ich dreh es um, lasse das Gatter wie befohlen nicht los, aber da ist Gras in der Nähe und schon stehe ich im Spagat. An der einen Hand das äußere Ende des Führstricks mit einem Pferd im Glück, an der anderen Hand mit nur noch zwei Fingern das Gatter.
Die anderen Pferde nähern sich neugierig, ich überschlage im Geiste, ob meine Haftpflichtversicherung dafür aufkommt, wenn jetzt sieben Gäule ausbüxen, über die Wiese bis zur Schnellstraße und 27 Autos ineinander rasen.
Da steh ich nun, mit Puls 200 und Stressinkontinenz. Ich muss eine Entscheidung treffen, lass das Gatter los, ziehe mit aller Kraft am Führstrick und dreh das Pferd wieder da hin, wo es stehen soll. Schnell das Gatter zu, aber nun bin ich außer Balance. Mit zitternden Knien und Schnappatmung gehe ich los. Es hält keinen Sicherheitsabstand zu mir, es hat wirklich alles verlernt, du meine Güte, wir waren doch schon viel weiter. Meine Dominanz ist gefragt.
Ich greife zur Methode 'Fake it till you make it', aber das Pferd ist ja nicht doof; obwohl es ein winzig kleines Gehirn hat, reicht es locker, eine Bekloppte von einer Respektsperson zu unterscheiden. Fazit: für Ausflüge zu zweit bin ich nicht dominant genug, da können meine Schwestern hundertmal Domina zu mir sagen.
Freitag: DoKo bei mir im Garten. Ich schleppe die Gartenmöbel aus dem Keller, drapiere sie im geschändeten Garten inmitten von abgeholzten Sträuchern, die riesige Tanne immerhin hat der Mörder stehen lassen, decke den Tisch, freue mich, denke, is'n bissel windig, macht nüscht. Als alle kommen, ziehen sie sich pflichtbewusst aus, also untenrum, die nackten Füße ins Gras, es ist sommerlich, jedenfalls sieht es so aus, Kaiserwetter. Nach 15 Minuten ziehen sich alle wieder an, der Wind, es ist huschig. Karten spielen draußen unmöglich, also rein in die Bude. Bald denken die Nachbarn, wir haben einen neuen Pabst gewählt, fünf Raucher bei offener Balkontür.
Samstag: Spargel und Schnitzel in einem anderen Garten. Wir kommen an und ziehen uns aus, untenrum, wie schon gesagt, der Wind, wir essen schlotternd den Spargel, das Eis, die Erdbeeren, ich sehne mich nach Winterstiefeln, einer Kürbissuppe und einer Wärmeflasche im Rücken, der Hausherr versorgt uns mit Fließ, um 23 Uhr gebe ich auf, mit eisig kalten Füßen, man muss sein Schicksal nicht herausfordern.
Sonntag: Ich eröffne die Freibadsaison. Wie schön, das ganze Becken für mich, schau neugierig zur Anzeigetafel, auf der die Außen- und die Wassertemperatur steht. Letztere wird heute verheimlicht, als ich ins Wasser gehe, befürchte ich ernsthaft, einen Herzinfarkt zu erleiden. Höchstens 17 Grad, wenn überhaupt.
Ich schwebe praktisch gelähmt im Wasser, der Wind schubst mich sachte von der einen Seite zur anderen, ich kann meine Finger nicht mehr zur Faust machen, auch nach 50 Minuten ist mir immer noch arschkalt und als ich aus dem Wasser steige, gehe ich gefällt von der Erdanziehungskraft und steif wie ein Roboter zur Dusche, um wieder Leben in die Glieder zu bekommen.
Dann lege ich mich auf die Wiese, aber es ist kein Frieden zu bekommen. Orkanböen verleiden mir mein Ritual (duschen, essen, lesen, schlafen), denk ich, okay, ich hab doch einen Garten und da werde ich jetzt den letzten freien Tag in aller Ruhe ausklingen lassen, komme, was wolle.
Die große Tanne, das einzige Ding, was noch rauschen kann, rauscht sich einen Wolf mit zig Dezibel, ist direkt eine Lärmbelästigung, sie biegt sich zudem gefährlich, ohne die Sträucher liege ich voll im Durchzug, da nützt die schönste Sonne nichts, wenn der Polarwind braust.
Gut, denke ich, das halbe Jahr ist fast rum, bald steht Weihnachten vor der Tür, gewöhne ich mich schon mal dran, geh rein, Wärmflasche in den Rücken, ab unter die Decke auf's Sofa, nur Kerzen habe ich nicht angemacht, aber beinah.
Freitag, 6. Mai 2016
Verzaubert
Über Oma Gisela habe ich im März 2015 schon mal geschrieben. Da war sie noch fit genug für rasante Autofahrten, aber in den letzten Monaten verzauberte sie zunehmend, womit ihre Tochter liebenswürdig umschrieb, dass ihre Mutter dement wird.
Kurz vor Weihnachten traf ich sie, sie erkannte mich noch problemlos; ich war wie immer entzückt, sie zu sehen. Ich hab ja dieses Faible für alte Leute, die nicht wie alte Leute sprechen.
Heute sah ich sie wieder, auf einer Geburtstagsfeier. Sie lebt seit einigen Tagen im Altenheim, zuhause ging nicht mehr, weil sie immer "von diesen vielen Leuten eingeschlossen" wird; überhaupt "diese Fremden" in ihrer Wohnung, eine Belastung.
Ich ging auf sie zu, besorgt, was mich erwarten würde. Sie sah aus wie immer, eine gepflegte, zarte Frau, die mich prophylaktisch freudig begrüßte. Ich fragte "Weißt du, wer ich bin?" - "Wenn ich ehrlich bin, nein." - "Hab ich mir gedacht, ich bin ..." - "Ah, jetzt weiß ich wieder, die Erinnerung kommt. So ist es viel einfacher für mich."
Keine Ahnung, ob das auch nur gut gelogen war, denn demente Menschen sind Meister im Verbergen, wenn die Scheiße los geht.
Später am Abend setze ich mich zu ihr. Sie zeigt wieder helle Freude, sicherheitshalber stelle ich mich noch mal vor. "Ich weiß, du fährst doch immer mit nach Hiddensee." Diesmal bin ich sicher, dass sie sich erinnert.
Wir schauen uns ein Album an, in dem das Leben ihrer Tochter (dem Geburtstagskind) ausgebreitet wird, wie in so einer Hochzeitszeitung. Sie erkennt ihre Töchter, aber nicht mehr ihren verstorbenen Mann. Sie deutet auf ein Foto ihrer Enkelin und deren Freund "Der Mann, der meine Enkelin geschwängert hat, ist mir nicht unbekannt." Das ist natürlich erfreulich.
Das Paar neben uns küsst sich. Gisela flüstert erschrocken "Was machen die denn da?" - "Sie küssen sich." Das ist ihr unheimlich und als der Mann zu einem anderen Tisch geht, wird mir klar, weshalb. Sie fragt die Frau "Kennen Sie den Mann überhaupt?" Wir lachen, es ist ja auch zu komisch, die zwei sind seit Jahren zusammen und er kommt ungefähr einmal pro Woche zu ihr und richtet ihr den Fernseher wieder ein, den sie verstellt bei ihren Versuchen, ihn einzuschalten. Neulich stand sie plötzlich hinter ihm, mit einem Föhn in der Hand. "Kannst du den gebrauchen?"
"Ich hab mein Handy verbummelt, ich suche es seit Tagen." erzählt sie mir. Dann "Ich zieh übrigens bald um." Ihr Schwiegersohn zu meiner Seite, weist sie idiotischerweise darauf hin, dass sie ja schon umgezogen ist. Sie schaut mich verstört an. Es arbeitet in ihr. Sie tut mir unendlich leid. Ich lege den Arm um sie und sage "Altwerden ist nichts für Feiglinge. hm?" - "Ja, und wer ist das überhaupt? Ich bin doch gar nicht umgezogen. Da reden wir doch erst noch mal drüber." - "Genau. Willst du einen Eierlikör?" Soweit man einen Eierlikör auf Ex kippen kann, kippt sie ihn auf Ex.
"Sag mal, diese Leute dahinten an dem Tisch, gehören die auch zu uns?" - "Ja, das ist die Flötengruppe, weißt du, die vorhin gespielt haben." - "So hören die sich auch an." Wo sie Recht hat, hat sie Recht.
"Und guck mal, wie der isst", kichert sie. Stimmt, der Mann hat keine Tischmanieren. Was allerdings an einer Krankheit liegt. "Mensch, das ist Ihnen aber gut gelungen, Sie haben gar nicht gekleckert, gerade noch mal gutgegangen, was?" Ihr Neffe zieht es vor, nicht zu antworten.
Eine Stunde später wird sie nach Hause gefahren, ich verabschiede mich von ihr. Da weiß sie schon nicht mehr, wer ich bin. "Es war schön, Sie kennengelernt zu haben. Besuchen Sie mich doch mal, ich würde mich sehr freuen. Aber ich zieh wahrscheinlich demnächst um."
Aufrecht und grazil verschwindet sie auf dem dunklen Weg zum Auto, am Arm ihrer Tochter und ich schau ihr nachdenklich hinterher, bis ich sie nicht mehr sehe. Besser wird's nicht mehr.
Kurz vor Weihnachten traf ich sie, sie erkannte mich noch problemlos; ich war wie immer entzückt, sie zu sehen. Ich hab ja dieses Faible für alte Leute, die nicht wie alte Leute sprechen.
Heute sah ich sie wieder, auf einer Geburtstagsfeier. Sie lebt seit einigen Tagen im Altenheim, zuhause ging nicht mehr, weil sie immer "von diesen vielen Leuten eingeschlossen" wird; überhaupt "diese Fremden" in ihrer Wohnung, eine Belastung.
Ich ging auf sie zu, besorgt, was mich erwarten würde. Sie sah aus wie immer, eine gepflegte, zarte Frau, die mich prophylaktisch freudig begrüßte. Ich fragte "Weißt du, wer ich bin?" - "Wenn ich ehrlich bin, nein." - "Hab ich mir gedacht, ich bin ..." - "Ah, jetzt weiß ich wieder, die Erinnerung kommt. So ist es viel einfacher für mich."
Keine Ahnung, ob das auch nur gut gelogen war, denn demente Menschen sind Meister im Verbergen, wenn die Scheiße los geht.
Später am Abend setze ich mich zu ihr. Sie zeigt wieder helle Freude, sicherheitshalber stelle ich mich noch mal vor. "Ich weiß, du fährst doch immer mit nach Hiddensee." Diesmal bin ich sicher, dass sie sich erinnert.
Wir schauen uns ein Album an, in dem das Leben ihrer Tochter (dem Geburtstagskind) ausgebreitet wird, wie in so einer Hochzeitszeitung. Sie erkennt ihre Töchter, aber nicht mehr ihren verstorbenen Mann. Sie deutet auf ein Foto ihrer Enkelin und deren Freund "Der Mann, der meine Enkelin geschwängert hat, ist mir nicht unbekannt." Das ist natürlich erfreulich.
Das Paar neben uns küsst sich. Gisela flüstert erschrocken "Was machen die denn da?" - "Sie küssen sich." Das ist ihr unheimlich und als der Mann zu einem anderen Tisch geht, wird mir klar, weshalb. Sie fragt die Frau "Kennen Sie den Mann überhaupt?" Wir lachen, es ist ja auch zu komisch, die zwei sind seit Jahren zusammen und er kommt ungefähr einmal pro Woche zu ihr und richtet ihr den Fernseher wieder ein, den sie verstellt bei ihren Versuchen, ihn einzuschalten. Neulich stand sie plötzlich hinter ihm, mit einem Föhn in der Hand. "Kannst du den gebrauchen?"
"Ich hab mein Handy verbummelt, ich suche es seit Tagen." erzählt sie mir. Dann "Ich zieh übrigens bald um." Ihr Schwiegersohn zu meiner Seite, weist sie idiotischerweise darauf hin, dass sie ja schon umgezogen ist. Sie schaut mich verstört an. Es arbeitet in ihr. Sie tut mir unendlich leid. Ich lege den Arm um sie und sage "Altwerden ist nichts für Feiglinge. hm?" - "Ja, und wer ist das überhaupt? Ich bin doch gar nicht umgezogen. Da reden wir doch erst noch mal drüber." - "Genau. Willst du einen Eierlikör?" Soweit man einen Eierlikör auf Ex kippen kann, kippt sie ihn auf Ex.
"Sag mal, diese Leute dahinten an dem Tisch, gehören die auch zu uns?" - "Ja, das ist die Flötengruppe, weißt du, die vorhin gespielt haben." - "So hören die sich auch an." Wo sie Recht hat, hat sie Recht.
"Und guck mal, wie der isst", kichert sie. Stimmt, der Mann hat keine Tischmanieren. Was allerdings an einer Krankheit liegt. "Mensch, das ist Ihnen aber gut gelungen, Sie haben gar nicht gekleckert, gerade noch mal gutgegangen, was?" Ihr Neffe zieht es vor, nicht zu antworten.
Eine Stunde später wird sie nach Hause gefahren, ich verabschiede mich von ihr. Da weiß sie schon nicht mehr, wer ich bin. "Es war schön, Sie kennengelernt zu haben. Besuchen Sie mich doch mal, ich würde mich sehr freuen. Aber ich zieh wahrscheinlich demnächst um."
Aufrecht und grazil verschwindet sie auf dem dunklen Weg zum Auto, am Arm ihrer Tochter und ich schau ihr nachdenklich hinterher, bis ich sie nicht mehr sehe. Besser wird's nicht mehr.
Dienstag, 3. Mai 2016
Als Hypochonder beim Zahnarzt
Heute beim Zahnarzt, herrje. Auf dem Weg hypnotisiere ich mich selbst, um die kleine Spritze, die mir droht, als das zu sehen, was sie ist: schmerzverhindernd, eine Wohltat der Schulmedizin, etwas, das mir gut tut.
Aber ich kann mich nicht überlisten. Ich betrete die Praxis und bekomme Malaria. Ich liege auf dem Stuhl, warte auf den Arzt, schau an die Decke und überlege, nochmal aufzustehen, um ein Foto vom Deckenbild zu knipsen, wie neulich Tikerscherk. Ich seh auf einen Strand, der hilft mir aber auch nicht weiter, denn wer weiß, ob ich nicht doch umkippe von der Spritze und dann weiß der Arzt nicht, was er machen soll und ruft den Rettungshubschrauber, der irgendwie auf der Bergmannstraße landen muss, das dauert natürlich seine Zeit, bis dahin falle ich ins Koma und wache als Gemüse auf.
Dann rufe ich mich zur Ordnung und verbiete mir das denken. Ich denke trotzdem ununterbrochen weiter. Im Hintergrund läuft gerade das hier. Ha ha, sehr witzig. Der Radio-Gott hat'nen Clown gefrühstückt, neulich in der Oper habe ich das live gehört und war entzückt. Aber hier kann das nur ein schlechtes Omen sein.
Der Arzt kommt. Er ist gütig, liebenswürdig und weiß Bescheid. Er geht vorsichtig zu Werke, er macht alles richtig, was ein Arzt richtig machen kann, wenn er eine übergeschnappte Neurotikerin vor sich hat. Mir dreht sich trotzdem der Magen um. Nachdem die Betäubung gesetzt ist und ich wider Erwarten nicht kollabiert bin, entspanne ich mich augenblicklich.
"Ich bin in drei Minuten wieder da", sagt er. Ein guter Moment, ein Nickerchen zu halten, jetzt, wo alles gut und der Rest ein Klacks ist. Aber seine Helferin bleibt im Raum und will reden. Sie steht links hinter mir und ich bin gezwungen, mich zu ihr umzudrehen. Meine ganze schöne Entspannung kann sich gar nicht ausbreiten, weil ich ganz verrenkt auf diesem Stuhl liege. Ich fühle mich verpflichtet, eben hat sie mir noch die Hand gehalten und in case of hätte sie die Straße geräumt für den Hubschrauber. Die kann ich jetzt nicht einfach so ignorieren.
Sie redet nicht übers Wetter, sondern will alles über mich wissen, die ganze Wahrheit. Woher meine Angst kommt, ob ich genug gegessen habe, und getrunken, das sei wichtig, manche kommen und haben nichts gegessen und dann kippen die um, ich soll also immer genügend essen und ich denke, ist sie blind? Dass ich genügend esse, ist unübersehbar, viel besser wäre, ich würde nichts mehr essen, bis ich zehn Kilo abgenommen habe, weil, egal, wieviel ich wiege, ich will immer zehn Kilo abnehmen, aber das geht sie nun wirklich nichts an.
Am Essen hapert's also nicht, jetzt will sie wissen, ob ich Stress habe. Ja, allerdings, weil ich zur Unzeit in Gespräche verwickelt werde, mir wird ganz schwindelig von dieser verrenkten Haltung und ganz kurz denke ich, ob ich jetzt doch noch einen anaphylaktischen Schock kriege, verzögert zwar, aber auch das soll's geben.
Sie rätselt weiter, verirrt sich in den Tiefen meiner armen Seele. Ich lass mich aber von Fremden prinzipiell nicht ergründen, wo kämen wir hin? Wenn sie vor der Spritze gekommen wäre, wäre ich offen für ein Gespräch unter Hobbypsychologen gewesen, aber jetzt, wo ich Ruhe und Gelassenheit verströme, eins mit mir und der Welt bin - weshalb redet sie sich nur in so einen Rausch?
Ich kann die Rückkehr des Arztes kaum erwarten, noch eine Minute und ich erleide einen ernsthaften Rückenschaden, und dann muss Tamme Hanken kommen, um mich wieder einzurenken; von der Re-Traumatisierung ganz zu schweigen, sie lässt nicht locker, obwohl ich keine verwertbaren Anknüpfungspunkte gebe für ein gedeihliches Anamnese-Gespräch; ich bin eine Sphinx und halte mich demonstrativ bedeckt.
Meine Einsilbigkeit erfüllt sie mit Sorge, sie bietet mir ein Glas Wasser an. Sehe ich aus, als bräuchte ich ein Glas Wasser? Ihr Redefluss wird erst gestoppt, als der Arzt zurück kommt.
Ich fürchte, in meiner Krankenakte ist irgendwas vermerkt, was sie in den falschen Hals bekommen hat.
Samstag, 30. April 2016
Abonnieren
Posts (Atom)