Freitag, 6. Mai 2016

Verzaubert

Über Oma Gisela habe ich im März 2015 schon mal geschrieben. Da war sie noch fit genug für rasante Autofahrten, aber in den letzten Monaten verzauberte sie zunehmend, womit ihre Tochter liebenswürdig umschrieb, dass ihre Mutter dement wird.

Kurz vor Weihnachten traf ich sie, sie erkannte mich noch problemlos; ich war wie immer entzückt, sie zu sehen. Ich hab ja dieses Faible für alte Leute, die nicht wie alte Leute sprechen. 

Heute sah ich sie wieder, auf einer Geburtstagsfeier. Sie lebt seit einigen Tagen im Altenheim, zuhause ging nicht mehr, weil sie immer "von diesen vielen Leuten eingeschlossen" wird; überhaupt "diese Fremden" in ihrer Wohnung, eine Belastung. 

Ich ging auf sie zu, besorgt, was mich erwarten würde. Sie sah aus wie immer, eine gepflegte, zarte Frau, die mich prophylaktisch freudig begrüßte. Ich fragte "Weißt du, wer ich bin?" - "Wenn ich ehrlich bin, nein." - "Hab ich mir gedacht, ich bin ..." - "Ah, jetzt weiß ich wieder, die Erinnerung kommt. So ist es viel einfacher für mich."

Keine Ahnung, ob das auch nur gut gelogen war, denn demente Menschen sind Meister im Verbergen, wenn die Scheiße los geht. 

Später am Abend setze ich mich zu ihr. Sie zeigt wieder helle Freude, sicherheitshalber stelle ich mich noch mal vor. "Ich weiß, du fährst doch immer mit nach Hiddensee." Diesmal bin ich sicher, dass sie sich erinnert. 

Wir schauen uns ein Album an, in dem das Leben ihrer Tochter (dem Geburtstagskind) ausgebreitet wird, wie in so einer Hochzeitszeitung. Sie erkennt ihre Töchter, aber nicht mehr ihren verstorbenen Mann. Sie deutet auf ein Foto ihrer Enkelin und deren Freund "Der Mann, der meine Enkelin geschwängert hat, ist mir nicht unbekannt." Das ist natürlich erfreulich.

Das Paar neben uns küsst sich. Gisela flüstert erschrocken "Was machen die denn da?" - "Sie küssen sich." Das ist ihr unheimlich und als der Mann zu einem anderen Tisch geht, wird mir klar, weshalb. Sie fragt die Frau "Kennen Sie den Mann überhaupt?" Wir lachen, es ist ja auch zu komisch, die zwei sind seit Jahren zusammen und er kommt ungefähr einmal pro Woche zu ihr und richtet ihr den Fernseher wieder ein, den sie verstellt bei ihren Versuchen, ihn einzuschalten. Neulich stand sie plötzlich hinter ihm, mit einem Föhn in der Hand. "Kannst du den gebrauchen?" 

"Ich hab mein Handy verbummelt, ich suche es seit Tagen." erzählt sie mir. Dann "Ich zieh übrigens bald um." Ihr Schwiegersohn zu meiner Seite, weist sie idiotischerweise darauf hin, dass sie ja schon umgezogen ist. Sie schaut mich verstört an. Es arbeitet in ihr. Sie tut mir unendlich leid. Ich lege den Arm um sie und sage "Altwerden ist nichts für Feiglinge. hm?" - "Ja, und wer ist das überhaupt? Ich bin doch gar nicht umgezogen. Da reden wir doch erst noch mal drüber." - "Genau. Willst du einen Eierlikör?" Soweit man einen Eierlikör auf Ex kippen kann, kippt sie ihn auf Ex. 

"Sag mal, diese Leute dahinten an dem Tisch, gehören die auch zu uns?" - "Ja, das ist die Flötengruppe, weißt du, die vorhin gespielt haben." - "So hören die sich auch an." Wo sie Recht hat, hat sie Recht. 

"Und guck mal, wie der isst", kichert sie. Stimmt, der Mann hat keine Tischmanieren. Was allerdings an einer Krankheit liegt. "Mensch, das ist Ihnen aber gut gelungen, Sie haben gar nicht gekleckert, gerade noch mal gutgegangen, was?" Ihr Neffe zieht es vor, nicht zu antworten. 

Eine Stunde später wird sie nach Hause gefahren, ich verabschiede mich von ihr. Da weiß sie schon nicht mehr, wer ich bin. "Es war schön, Sie kennengelernt zu haben. Besuchen Sie mich doch mal, ich würde mich sehr freuen. Aber ich zieh wahrscheinlich demnächst um." 

Aufrecht und grazil verschwindet sie auf dem dunklen Weg zum Auto, am Arm ihrer Tochter und ich schau ihr nachdenklich hinterher, bis ich sie nicht mehr sehe. Besser wird's nicht mehr.

Kommentare:

  1. Unsere Tante, die zehn Jahre bei uns lebte,war in ihrer Demenz am Anfang noch witzig. Wir saßen vor einer Gaststätte, drinnen lachten laut die Männer. Ich sagte, ich möchte wissen, worüber sie so lachen. Hedwig sagte spontan:"Die lachen, weil sie Männer sind!"
    Sie, Jahrgang 1907, hatte nie geheiratet, weil sie als Haushälterin Geld verdienen konnte, sagte sie. Einmal wollte sie sogar schöne Wolken "käuflich erwerben"!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Allerliebst! Aber eben nur für die Zuhörenden :-(

      Löschen
  2. Schön erzählt, aber mich macht das sehr traurig, wenn Menschen sich selbst so verloren gehen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es ist auch traurig. Sie verschwinden, obwohl sie noch da sind.

      Löschen
    2. Wir hatten zehn Jahre Zeit, und wir haben viel gelernt. Nicht die Traurigkeit gewann Oberhand, sondern die Wirklichkeit, die wir täglich und stündlich gemeinsam lebten. Zum Leben gehört Lachen, manchmal trotz-alledem! Niemand kann diese Erkrankung verhindern, aber sie konnte geborgen und mit den Spielklötzen unserer Enkel Zeiten erleben, in denen sie froh war.Sie konnte ihre Leibspeisen essen, wenn sie daran dachte. Unser Freund mit der gleichen Erkrankung hatte im Heim eine schreckliche Zeit, so ausgeliefert, überlastetes Personal im Schichtdienst, niemand kannte seine Vorlieben.

      Löschen
  3. Die Momente des Erkennens werden immer seltener ...
    Doch umso kostbarer sind sie !

    AntwortenLöschen