Freitag, 22. Juli 2016

Skurrile Eheprobleme

Schon wieder ein Geburtstag. Unsere Eltern haben vor einem halben Jahrhundert vorzugsweise im Oktober Fakten geschaffen. Ich weiß nicht, war da ein Stromausfall? Ein besonders früher Wintereinbruch? Oder beides?

Treffpunkt Rüdesheimer Platz. Aber gleich unten im Park, oben auf dem Weinfest wird man per Ordre de Mufti (= Anwohner, die geklagt und gewonnen haben) bereits um 22 Uhr des Feldes verwiesen. Unten in den Rabatten kann man sitzen bis zum Morgengrauen. 

Als das erste Paar verschwindet, bei dem ich mich wunderte, dass sie sich jede einzelne Sekunde ignorierten, wurde mir zugeraunt, dass die in einer schweren Krise stecken. Das war kaum zu übersehen, woran liegt's denn, fragte ich. Ich bekam eine originelle Antwort. 

"Ja weißt du, sie ist Ästhetin."
"Sie ist was?"
"Er ist ihr zu dick."

Ich war fassungslos. 

Sie war eine außergewöhnlich unansehnliche Frau, tut mir leid, dass ich das so sagen muss. Zudem gewandet in schlumpigen, formlosen Batikklamotten, Birkenstock inkl. ungepflegter Füße und weit vor der Zeit extrem-verfaltet.
Er war im Business-Outfit, weißes Hemd, schwarze Hose, graue Haare, schöne Zähne, sinnlicher Mund, charmant, mit einem kleinen Bäuchlein. 

Aber nicht nur das nimmt sie übel, sondern auch, dass er als steter Alleinverdiener (ich wusset gar nicht, dass es sowas überhaupt noch gibt) mit einer absurd hohen Abfindung ausgemustert, zunächst mal die Wonnen einer bezahlten Freistellung genießen möchte. Weil, das macht ihr Existenzängste. 

Jetzt frag ich mich, was kann die für Kunststücke? 

Aber am Rüdesheimer Platz hält sich nicht nur mittelalte Mittelklasse mit Eheproblemen auf, sondern auch rührend wohlerzogene Mittelklasse Jugend. Plötzlich horchte ich auf, ich hörte einen Chor, höchstens 10 Stimmen, die sangen eins der schönsten Lieder überhaupt, das 'Abendlied' von Rheinberger. 

Ich war entzückt. Durch die Dunkelheit ging ich zu dem Grüppchen und fragte, ob sie auch meinen all time favourite 'Locus iste' von Bruckner singen könnten, was sie sofort taten. Ich blieb einige Meter entfernt stehen und hörte ergriffen zu. 

Sommernacht, noch von der Tageshitze warme Steine, Vollmond. Der perfekte Moment.

Kommentare:

  1. Erzwungene, arbeitsmarktbedingte Alleinverdiener gibt es schon noch, aber als Lebenseinstellung ist mir so etwas in meiner und der nachfolgenden Generation nicht untergekommen. Mit Schaudern denke ich an meinen Onkel, der einst erklärt hat, seine Frau habe ab der Hochzeit nicht mehr arbeiten zu gehen. Was sie auch durchgehalten hat. Ich frage mich nur immer wieder, was diese jahrzehntelangen Hausfrauen so den ganzen Tag machen, außer die mit Nippes vollgestellte Wohnung zu putzen. Hobbys wären mir da nämlich auch nicht bekannt.

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    1. Nun ja, Kinder sind auch vorhanden.
      Ich sag's mal so, sie hatte Jahrzehnte lang den Luxus, den ihr ihr Mann durch kluge Berufswahl ermöglicht hat. Wenn er mal verschnaufen will, ist das dein gutes Recht. Wenn sie Angst hat, dass ihr Lebensstandard sinkt, dann soll sie eben selber arbeiten gehen und glücklich darüber sein, dass sie es Jahrzehnte lang nicht tun musste.

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    3. Im übrigen stelle ich mir mittlerweile so ein Hausfrauenleben mit Kindern gar nicht mehr so schlecht vor. Wenn ich an meine Kindheit denke, da haben die Mütter alle nicht gearbeitet, und die waren nachbarschaftlich gut vernetzt, im Sommer sind immer größere Horden an den See gegangen, die Frauen quatschten und retteten ab und an mal das ein oder andere Kind vor dem absaufen, die hart gekochten Eier wurden aus den Tupper Boxen geholt, ich hab das alles sehr lauschig in Erinnerung. Würde ich heute sofort gegen mein Berufsleben tauschen. Muss ich leider zugeben.

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  2. Wenn er verdient und sie nicht, sind das Konstellationen, die jedes Paar für sich selbst entscheiden muss. Umgekehrt gibts das ja auch, weniger vielleicht, aber das gibts.

    Aber auch mir stellt sich die Frage: Was kann sie für Kunststücke?
    Ein solches oder ähnliches Szenario begegnete mir früher bei meinen Streifzügen durch die Innenstadt in L. Frauen, die so gar nichts mehr auf sich geben oder vielleicht auch der Auffassung sind: Er hat mich so gewollt, nun bekommt er mich so. Es gibt doch recht viele Paare, bei deren Betrachten ich mich nicht umhin kam zu fragen: "Was hält die beiden eigentlich zusammen? Wie kann es sein, dass einer den anderen so dominiert, ohne es selbst überhaupt auch nur einen Millimeter besser zu machen?"
    Aber an diesem Punkt denke ich dann immer wieder an meine Ehe. 15 Jahre Mistkackehe. Weil es immer einen gibt, der schwächer ist als der andere und deshalb umso mehr den anderen erniedrigt, um sich selbst *höher* zu fühlen. Und weil es immer einen gibt, der stärker ist als er je von sich dachte und das alles zulässt. Bis er entweder passt oder passt.

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    1. Was manche Paare zusammenhält, würde für eine Doktorarbeit reichen. In der Forensik.

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  3. manchmal muss man einfach fragen, schon wird für dich gesungen, an diesem ort.

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    1. Ach, lieber Herr Glumm, da spricht der Lateiner. Beinahe hätte ich den Post so beendet, "Der perfekte Moment, an diesem Ort", aber ich dachte, das versteht niemand. Man soll eben niemals seine Leser unterschätzen...

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  4. viele menschen sind in ihrem (geistigen) mikrokosmos gefangen. tendenziell ist das extremer je weniger interaktion mit verschiedenen menschen und orten passiert.
    verwandtenmäßig aufem dorf gibts ein ehepaar, dass 2 kinder hat (beide gehen auf die 30 zu) und vom rollenbild exakt obigem "mann alleinverdiener, frau ist ab ehe nur noch hausfrau" entspricht.
    in deinem fall wird speziell die dame wahrscheinlich echt davon überzeugt sein, dass sie das geilste ist, was ihrem mann passieren konnte, sie dementsprechend ansprüche stellen kann und das sowas wie "Freistellung genießen" sich nicht gehört.

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