Donnerstag, 26. Oktober 2017

Botschaftsempfänge



Die Tschechische Botschaft in der Wilhemstraße ist ein Meisterwerk der pompösen Bauwerkskunst der 70er Jahre, innen wie außen. Die reinste Zeitmaschine. Ein Besuch dort katapultiert einen direkt in die Kindheit, jedenfalls, wenn man alt genug ist, obwohl ich gar nicht in einer Botschaft aufgewachsen bin; im Umkreis von 300 Kilometern stand keine einzige.

Hipsterläden würden dort alles raustragen und ihre eigene Bude vollstellen und beleuchten mit Lampen, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. 

Als ich mich auf den Weg machte, dachte ich freudig daran, dass ich Unmengen von Fotos machen werde, zum verbloggen, damit die Menschheit endlich erfährt, was sich in diesem Trumm an Schätzen verbirgt.


Ich war etwas zu spät und sehr verwundert, dass eine lange Schlange bis auf die Straße stand und auf Einlass wartete. Es waren lauter Grüppchen meist älterer, osteuropäischer Männer, die Leonid Breschnew ähnelten und Uniformen mit jeder Menge Lametta trugen. 

Ganz allein stand ich in der Menge und meine Träume von zig Fotos begrub ich; der Anlass war zu formell, als dass ich anfangen könnte, zu knipsen was das Zeug hält. Ich machte ja so schon einen verdächtigen Eindruck und das waren bestimmt alles Geheimdienstleute, mit denen nicht zu spaßen ist.

Die Schlange bewegte sich in Zeitlupe und nach 15 Minuten waren wir gerade mal 10 Meter vorgerrückt. Ich verließ den Ort, um mir ein Restaurant zu suchen, ich hatte Hunger und ich bin keine, die Hunger hinauszögern kann. Dann wird mir nur blümerant und am Ende kann ich gar nichts mehr essen. Direkt gegenüber war die "Peking-Ente", aber das hielt ich für übertrieben, also betrat ich die "Mall of Berlin" und dabei hasse ich Malls. 

Auf der Suche nach was Essbarem durchwanderte ich die Hallen, aufgebaut wie Ikea: will man was essen, muss man durch alle Gebäude und Stockwerke, grausig. Mein Laune verschlechterte sich, bis ich nach Stunden endlich einen Thai-Imbiss fand, an dem ich mir eine eklige Portion Nudeln holte. In Ermangelung von Fleisch unglücklicher Hühner ließ ich mir Erdnusssoße drüberkippen, ein fataler Fehler; denn direkt anschließend fiel ich in ein Koma, gegen das ich ankämpfte auf em Rückweg zur Botschaft.

Dort war keine Schlange mehr. Von oben waberten volkstümliche Weisen und Männergesang bis nach unten zur Garderobe. Life-Musik. Ich fragte, ob ich fotografieren darf. Das dürfte kein Problem sein, sagte man mir. 

Ich ging die Treppe hoch, die mir endlos schien mit dieser Pampe im Magen (mit Unmengen von Schokolade intus bin ich fit wie ein Turnschuh, jede normale Mahlzeit macht aus mir einen Pflegefall, wenn ich nicht in Ruhe verdauen kann). Oben angekommen hatte ich überhaupt keinen Sauerstoff mehr im Hirn und hatte alle Mühe, Eduard Schewardnadse nicht gleich ohnmächtig vor die Füße zu fallen. 

Noch mehr alte Männer, noch mehr Lametta. Kein einziger schaute auf sein Smartphone, nur die wenigsten werden eins besitzen, uralte Schule halt. Alle tranken und mampften, als ob sie daheim nichts bekämen. Mir ist das rätselhaft, ich geh auf solche Empfänge nicht, um zu essen, sondern um zu gucken. 

Es war unmöglich, mein Handy rauszuholen und zu fotografieren; ich wär sofort verhaftet und verschleppt worden. Ich sah sehnsüchtig zu den Lampen, eine schlimmer als die andere, in jedem Raum ein völlig anderes Lampenkonzept. Ich wurde immer trauriger, denn das würde nun niemand zu sehen bekommen außer mir und den anwesenden Kunstbanausen, die keinen Blick für das spektakuläre Interieur hatten.

Selbst das Buffet war eine Augenweide; die schwülstige Deko ließ keine Wünsche offen, wenn man denn an Außerirdische glaubt. Die Erfinder der Erlebnisgastronomie. Ich rührte keinen Bissen an; ich bin keine, die was essen kann, wenn sie satt ist.

Die Life-Combo in landesüblicher Tracht schrammelte Trinklieder, die Räume waren überhitzt und überfüllt und alle waren froh, nur ich nicht, weil ich nicht fotografieren konnte, ohne einen Polizeieinsatz zu riskieren. 

Recht schnell ging ich wieder und am Ausgang bekam ich ein Goody-Bag in die Hand gedrückt. Das wenigstens konnte ich fotografieren. Prospekte und ein Keks.

  


Wenn ich mal im Lotto gewinne, kaufe ich die Tschechische Botschaft und lade alle ein. 



P.S.  Bilder im Netz
                                     




Kommentare:

  1. schade, deine Bilder wären sehr viel interessanter gewesen als das war im netz zu finden ist!! bestümmt! ich hoffe, mittlerweile ist das essen verdaut - und ich nehme an, dort hätte es erst recht schwer im magen liegende speisen gegeben?

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    1. Ich habe nur aus der Ferne die Deko gesehen, mehr konnte ich mir nicht mehr zumuten.

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  2. Leide muss ich Dir mitteilen, dass ich schon seit Jahren eine Kaufoption auf die Botschaft habe. wenn es soweit sein sollte, würde ich sie aber sehr gerne mit Dir zusammen erwerben und eines Tages fluten wir dann den Eingangsbereich, um zwischen den Säulen hindurchtauchen zu können und nach unserere Kindheit zu suchen.
    (Im Ernst: ich beneide Dich, dass Du drin sein konntest. Ich liebe dieses Brutalismuskunstwerk!)

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    1. Das nächste Mal nehme ich dich einfach mit.

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  3. Ich war erst gestern wieder vor Ort. Tatsächlich ist die Zukunft des Gebäudes weiterhin fraglich. Spätestens seit dem Auszug der Slowaken ist es für die Botschaft-Belange wohl zu groß. Es gab ja auch bereits Umzugspläne (in die ehemalige US-Botschaft z.B.), woran die scheiterten, weiß ich nicht. Laut sosbrutalism.org könnte das Ding durch eine entsprechende Entscheidung jederzeit abgerissen werden, es ist schließlich tschechisches Hoheitsgebiet.

    Annika, es hilft nichts: Du musst herausfinden, wie der Hausmeister der Botschaft heißt, seine Geliebte werden und dich dort nachts einschleusen lassen. Alles weitere verabreden wir dann!

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    1. Großartige Idee! Und dann schreibt sie einen Roman darüber und wir sind alle glücklich. Hach. Fantastische Aussichten...

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    2. @ Radikale Heiterkeit: guter Plan, relativ gesehen. Wenn der Hausmeister in mein Beuteschema passt. Ansonsten müssen wir das Hoheitsgebiet annektieren.

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