Montag, 7. Mai 2018

Augenblick verweile...

Am Samstag bin ich also aus Trotz mit den Öffentlichen durch Berlin, zur Strandbar im Monbijou Park, dort, wo lauter Menschen Tango tanzen, am hellichten Tag, im gleißenden Sonnenschein, ach du meine Güte, nicht mal umsteigen musste ich, ganz schnell ging das, ich war versöhnt.

Manchmal sah das aus wie Schränke schieben, aber je später es wurde, desto bessere Tänzer erschienen, aber allen war gemein, dass sie sich aneinanderschmiegten, die Köpfe eng aneinander gelegt, die Augen geschlossen und sie tanzten, wie ich punktierte Noten singen muss, mitten in der Bewegung einfrierend, konzentriert wartend und dann mit Schwung wieder los.  

Am erstaunlichsten war, wer da mit wem tanzte. Alt und jung, dick und dünn und manche sahen so abgerissen aus, als ob sie eben von einer Suppenküche kommend ihrer geheimen Samstagabendbeschäftigung nachgingen, und auch an diese wurde sich geschmiegt, wie es inniger im öffentlichen Raum kaum zu sehen ist.

Die Tänzer wechselten häufig ihre Partner, manch einer verabschiedete sich mit leisem Lächeln und einem leichthin gehauchten Kuss auf die Handinnenfläche und bald schien mir jeder einzelne Tanz wie eine komplette Liebesgeschichte vom Anfang bis zum Ende.  

Es waren viele alte Herren in Nadelstreif um die 75 unterwegs, denen die Damen hingebungsvoll die Arme um die Schultern legten, sehr steif und dennoch symbiotisch - Alter und Leibesumfang spielten keine Rolle, nirgendwo ein Mauerblümchen oder -blumerich zu entdecken, alle, alle tanzten unentwegt.

Ich sage oft über meine Bürosituation, dass man gut erkennen kann, wie sich Diktaturen entwickeln, aber an diesem Abend erkannte ich, dass, wenn man alle Menschen zwönge, Tango zu lernen, der Weltfrieden kaum zu verhindern sei.

Kommentare:

  1. "alle Menschen zwönge" - sehr schön!

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  2. Danke für diesen wunderbaren Bericht- die Freude darüber, dass auch dieses Tanzevent so möglich ist veröhnt mich mit manchem.

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  3. bin spontan vom Schreibtisch aufgestanden, mich zu einem löckeren Tangoschritt zwöngend.

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  4. Du bist bestimmt begabt, öch söh döch förmlöch vör mör

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  5. öch dönke. öch meine, öch denke nöcht, dass öch begöbt bön, nö. nöcht begöbt. bön öhör stöf öm knö.

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