Montag, 21. Mai 2018

Eisige Frauen

Um den Reiz asiatischer Frauen zu erleben, bleibt einem als Frau - wenn man privat keine kennt - eigentlich nur das Nagelstudio. 

Seit einiger Zeit sitze ich einmal im Monat in so einem Studio und lasse meine Hände aufhübschen. Es tut nur ein bisschen weh und ich brauche keine Narkose. 

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass sie nicht verstehen, was ich eigentlich will und dass speziell die Chefin sehr ungehalten wird, wenn man bemängelt, dass sie beispielsweise die Nägel in unterschiedlicher Länge gefeilt hat. Deshalb sorge ich möglichst immer dafür, bei einer ihrer Angestellten zu landen. 

Sie reden immer sehr laut mit mir - so, wie man allgemein mit Menschen laut spricht, die die eigene Sprache nicht sprechen. "Vone wei?" werde ich angeschrien. Ja, sage ich, french bitte. Vorne weiß.

Ich setze mich und mir gegenüber greift die Nagelkünstlerin nach meinen Händen. Sich zwei Stunden lang an den Händen zu fassen ist eigentlich ein ziemlich intimer Akt und ich achte immer darauf, sie nicht unnötig zu berühren, weil mir das übergriffig vorkommt. Hat zur Folge, dass auf meinen Fingern eine ziemliche Spannung ist, so wie in meinen Wangen beim Zahnarzt, wenn ich den Bohrern oder anderen Gerätschaften eigentlich ausweichen will, die Situation aber nur verschlimmere. So auch hier, aber sie sind nicht zimperlich, drehen die Finger in die Position, die sie brauchen. 

Auch sonst ist von Intimität keine Rede. Ist wahrscheinlich sowieso nur so ein europäischer Quatsch. Denn eigentlich werde ich die ganze Zeit komplett ignoriert. Sie reden nur miteinander und das in einer Tour, aber ihre Kundinnen scheinen praktisch nicht zu existieren. Egal, wie oft ich schon da war, ist auch nie ein Erkennen wahrzunehmen, von einem Lächeln ganz zu schweigen. Fast wie damals in Mecklenburg-Vorpommern, zu Zeiten der Vogelgrippe.

Rechts und links von dem Tisch, an dem wir uns gegenübersitzen, ist je eine Einbuchtung mit Wärmelampen, in die man immer die Hand reinlegen soll, die gerade nicht behandelt wird. Damit man den Zeitpunkt nicht verpasst, stößt sie jedes Mal meine Hand von ihr weg und befiehlt "Unte!" 

Ich schau die meiste Zeit aus dem Fenster, da ein Gespräch weder gewünscht noch möglich ist. Das ist mir recht so. Auch meine Friseurin ist daran gewöhnt, dass es mit mir keinen Smalltalk gibt. 

Als ich am Samstag früh die erste Kundin bin, weil ich um 11 Uhr lauter Royalistinnen bei mir erwartete, war leider nur die mürrische Chefin vor Ort. Pech für mich.

Aber dann passierte etwas Schauerliches. Mir wird ja schnell schauerlich und diesmal wusste ich die Ignoranz der Chefin direkt zu schätzen, ehrlich gesagt, bewunderte ich sie sogar. Es kam nämlich eine Kundin rein, die etwas atemlos fragte:

"Machen Sie auch Füße? Und was kostet das?"
"40 €", antworte die Chefin und ich wunderte mich über diesen Fantasiepreis. 
"Und Hände, was kosten Hände?" 
Wieder: "40€"
"Und Augen, machen Sie auch Augen?"
"50 €"
"Okay, ich warte."

Ich staunte nicht schlecht über diese ungewöhnliche Preispolitik und sah mich um. Die Frau lächelte mich freundlich an, aber auf eine ungute, durchdringende Art. Mir wurde ein wenig schwindelig; schon immer warnen mich auf diese Art irgendwelche Synapsen in meinem Hirn, wenn etwas nicht stimmt.

Sie blieb direkt hinter mir stehen, setzte sich nicht auf die Besucherstühle und ich dachte, jetzt ende ich hier wie Monica Seles, gleich rammt sie mir ein Messer in den Hals.Sie starrte auf uns nieder und mir wurde unbehaglich.

Ich suchte Blickkontakt zur Cehfin, die stoisch meine Hände bearbeitete und offenbar keinerlei Gefahr witterte. Sie sah nur irgendwann auf und schrie die Frau an "Hinsesse", so wie sie jede anschreit, die nicht ihre Sprache spricht. 

Die Frau setzte sich aber nicht, sie wanderte nur unruhig im Laden herum und stellte sich dann wieder direkt hinter mich. Gottseidank war ich bald fertig und obwohl die Chefin saumäßig gearbeitet hatte, fing ich keine Diskussionen an, sondern verließ den Laden, heilfroh, dass ich lebend rausgekommen bin. 

Ob es hernach noch ein Massaker gegeben hat, weiß ich nicht; bin mir aber sicher, wer - in case of - überlebt hat. Wer einmal die obligatorische Handmassage einer philippinischen Nageldesignerin erlebt hat, weiß, dass in diesen hauchzarten Frauen eine eiserne Kraft steckt.

Kommentare:

  1. Muss sehr lachen. Geh mal zur Ganzkörpermassage. Glaub mir, Du fühlst Dich, als rissen sie Dich bei lebendigem Leib in Stücke. Unfucking unfassbar, vor allem die Tatsache, dass Du glaubst, Du müsstest mindestens wie ein Blaufleckenteppich ausschauen. Aber nix! Sie töten spurenlos 😂😂

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  2. Sehr sehr schön! 😂😂😂
    Ich war schon Jahre nicht mehr in so einem Studio, aber wenn, dann war es genau so. Außer, als ich eine Zeitlang eine männliche Nagelfee hatte. Er sprach höflich und in ganzen Sätzen. Bin mir nicht sicher, ob er das dort überlebt hat 🙈

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    1. Du meinst, es hat also gar keinen Sinn, mir ein anderes Studio zu suchen, in der Hoffnung, dass man dort freundlicher mit mir umgeht?
      Und ich dachte schon, es liegt an mir 😁

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    2. Same here im Sauerland.
      Unhygienisch und eisig, aber superschöne Nägel mit ohne Liftings! Ohne Liftings!! Das kriegt sonst keiner hin.

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    3. Wat sind denn Liftings???

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  3. Antworten
    1. Das war es auch. Ich glaube ja, die Chefin hat innerhalb 1 Sekunde erkannt, dass da eine Quartalsirre den Laden betreten hat, daher diese absurd hohen Preise. Leider hat es nichts genutzt.

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  4. Wenn ich an so einem magischen Fingergarten vorbeikomm, frag ich mich jedes Mal, was zum Himmel da drin los ist.. endlich seh ich klar. HINSESSE! UNTE! 50 $ GANZA KAKK! Köstlich!

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    1. Vielleicht gehen sie mit Männern ja anders um ;)

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    2. Nein, tun sie nicht. Der Mann war zur Massage immer dabei. Also ich meine, der hat immer mitgemacht.
      Hinlegen, Augen zu, dann sind sie auf seinen Rücken gestiegen und drauf rumgelaufen. Die haben ja so kleine Füße!
      Ihn haben sie zerlatscht, mich in Stücke gerissen, was soll nun besser sein? Der Preis war für uns beide derselbe.

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    3. Geht das nicht billiger? Du könntest doch den Mann zuhause auf den Teppich legen und latscht ein bissel auf ihm rum. Dann bist du noch unfreundlich und brüllst "Liege bleibe!" und schon hat er eine 1 A Thai Massage.
      Von dem Ersparten suchst du dir eine freundliche Masseurin.

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  5. Ich hab mir immer sagen lassen, diese Läden solle man wegen mangelnder Hygiene und so weiter, besser ganz meiden. Aber wie gesagt: nur ein Gerücht, bei uns gibt es diese Billigläden nicht und die nächsten wirkliche "Stadt" komme ich nur selten. Aber ich könnte mich wie immer kringeln lachen. Ich sehe es quasi live vor mir! Und mich gruselt auch, bissl....

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    1. Ehrlich gesagt: es ist schweinedreckig dort. Die Kittel, die sie tragen, sind das letzte Mal in den 90ern gereinigt worden. Und wenn ich mir die Gerätschaften ansehe, möchte ich gar nicht erst wissen, welche Keime mir da eingearbeitet werden...
      Beim ersten Mal habe ich die ganz verwundert gefragt, weshalb sie keine handschuhe tragen. Aber sie verstanden mich ja nicht und dann dachte ich, wird schon schief gehen...

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