Dienstag, 2. Januar 2018

Freunde zu Gast auf Usedom

Wenn sie sagt, wir fahren um 12 Uhr los, weiß ich, dass sie spätestens um 11.50 Uhr mit laufendem Motor vor meiner Tür steht und losfährt, sobald ich ein Bein ins Auto gesetzt habe. Deshalb heißt sie im allgemeinen "Der Galopper". 

Dieses Mal übertrifft sie sich selbst: um 11 Uhr ruft sie an, ob wir auch schon um halb zwölf losfahren könnten, was mir einen Schwächeanfall beschert, denn ich bin nicht mal geduscht. Ich musste ja packen für 5 Tage an der See. Bereue, dass ich nicht in einem der anderen zwei Autos mitfahre; die haben allesamt eine gemütlichere Konstitution. 

Mit nassen Haaren sitze ich 45 Minuten später im Auto, leider hinten, denn vorne sitzt ihr Kamerad. Mit den beiden im Auto zu sitzen, ist herausfordernd, denn er gibt ihr pausenlos Tipps, wie sie fahren soll und das gibt nach kürzester Zeit ein Inferno. Dieses Mal schaffen sie es, sich erst kurz vor Wolgast in die Haare zu kriegen. Für seine Verhältnisse eine außergewöhnlich lange Zeit, die er sich zusammenreißen konnte. 

Seine Ratschläge sind vollkommen überflüssig, denn sie ist eine der besten Autofahrerinnen, die ich kenne. Sehr zügig, mit Weitsicht. Mit ihm zu fahren erfordert ein gewisses Maß an Todessehnsucht und falls man gläubiger Katholik ist, einen Priester in der Nähe. 

Glücklich angekommen inspizieren wir unser Haus, das alles an Luxus hat, was man sich nur wünschen kann und wir uns nur deshalb leisten können, weil wir ziemlich viele Leute sind. Ich bin sogar sicher, dass es hier keine Spinnen gibt, weil das Haus innen wie außen blitzeblank aufgeräumt wirkt. Noch am ersten Abend wird mir ein riesiges Viech im Glas präsentiert, das sich in eins der Schlafzimmer mogeln konnte.

Das Beste aber sind die Betten. Nach der ersten Nacht wache ich glücklich auf und überlege, wie ich die Matratzen unauffällig nach Berlin transportieren kann, aber das scheitert daran, dass unfassbar viele Fressalien mitgenommen und, wie ich aus Erfahrung weiß, ebenso viele wieder zurück nach Berlin gekarrt werden. Nicht etwa, weil wir nichts gegessen hätten, sondern weil täglich neue Vorräte angeschleppt werden, was ich Jahr für Jahr kopfschüttelnd zur Kenntnis nehme. 

Jeden Tag werden ellenlange Wanderungen gemacht, von Karlshagen nach Zinnowitz, von Ahlbeck nach Heringsdorf und zurück, von Karlshagen nach Peenemünde und einige von uns laufen schon vor dem Frühstück 10 Kilometer. Deshalb sind auch alle schon nach dem Sandmännchen um 22 Uhr im Bett, was mir eine Zeit der inneren Einkehr und Kontemplation beschert, denn ich bin eine Nachteule, relativ gesehen in diesem Kreis der Früh-zu-Bett-Geher. 

Eine von uns verunfallt auf der Treppe, ein spitzer Schrei, das Knie ist verdreht, wir verharren sämtlich in einer Schrecksekunde, bis sich die Frauen in Bewegung setzen, während die Männer in Stase bleiben. Dem Osteopathen gebe ich einen Behandlungsauftrag, woraufhin er sich seines Berufes erinnert und Notfallmaßnahmen einleitet. Die Verunfallte ist kalkweiß und bringt keinen Ton mehr heraus, weshalb ich ein Glas Wasser bringe, das ihr eine andere reicht. 

Und dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Als Ostmädchen ist sie hart im Nehmen, bittet nach fünf Minuten um eine Kniemanschette und sagt, es nützt ja nichts, wir gehen jetzt los und reden kein Wort mehr drüber. Ich bin fasziniert. Zwei Ostmädchen, zwei Westmädchen. Letztere besprechen hsyterisch jedes Wehwechen, erstere machen weiter, als sei nix gewesen. Weltniveau!

Silvester ist Raclette geplant. Morgens laufen wir nach Peenemünde, weil ich unbedingt zum U-Boot will, das mich immer wieder begeistert, wie es da so rostend und düster im Wasser liegt. Ebenso die morbide Ruine des Wasserwerks, in und aus dem riesige Bäume wachsen und das unheimliche Geräusche macht, wenn es stürmt. Peenemünde ist schauerlich, ich mag's trotzdem. 

Mittags kommen wir zurück und dann wird geschlafen. Ich kann einfach nicht genug von diesem Bett bekommen. Gegen 18 Uhr fangen wir mit dem schnippeln an, um 19.30 sitzen wir am Tisch, in Schlumperklamotten, nachdem wir zuvor beraten haben, ob wir uns schick machen sollten, was aber niemand wollte, Gottseidank. Um 21 Uhr sind wir mit dem Essen fertig, Unmengen sind übrig, um 22 Uhr ist die Küche aufgeräumt. Allgemeines Bedauern über unseren gründlichen Pragmatismus, aber es hilft ja nix. Anscheinend sind wir langweilige Trantüten mit Sauberkeitsfimmel geworden, ohne dass wir es gemerkt haben.

Die Männer verdauen schnarchend auf dem Sofa, wir Frauen spielen Karten und wegen meiner hätte es immer so weiter gehen können, aber es gab noch einen Programmpunkt, den bis auf zwei Personen niemand wollte: um Mitternacht an den Strand, weil Feuerwerk am Meer sei toll. Wenn es nicht so regnen würde, hätte das bestimmt Charme, aber die zwei hartgesottenen Ostmädchen setzen sich durch. Es hat keinen Sinn, sich ihnen in den Weg zu stellen. Wenn sie etwas wollen, dann kriegen sie es auch. Wie die DDR zugrunde gehen konnte, ist mir ein Rätsel.

Um 23.30 Uhr werden die Männer wiederbelebt, über unsere Bollerhosen die Mäntel gezogen und mit zwei Flaschen Champagner stemmen wir uns größtenteils missmutig Wind und Sprühregen entgegen. 

Ehrlich gesagt: Feuerwerk am Strand ist doch nicht so schlecht. Nicht gefangen in Häuserschluchten, in denen man mit Böllern beworfen wird, entwickelt sich ein taghelles Panorama, das nur entfernt an Beirut erinnert. Man steht inmitten der Silvesterraketen, hautnah am Geschehen und fühlt sich dennoch relativ sicher, denn hier zündeln nur verantwortungsvolle Väter, die das nötige Kleingeld  für ansehnliche Pyrotechnik haben.

Auf der Rückfahrt nach Berlin sehe ich in den Wolken zwar kein Gesicht, aber ein Auto, ich schätze, es handelt sich um einen Golf. Ich mache darauf aufmerksam, seht doch mal, ein Auto, und dann wird mir geantwortet, es sei wirklich an der Zeit, dass man meine Medikamente absetze. Dabei nehme ich gar keine.


  P.S.:

 

Bei mir: Freizeit, Schokolade, Sex.
Läuft.

Montag, 1. Januar 2018

Bloggeburtstag

Bloggeburtstag. Drei Jahre. 

Beliebtester Beitrag: Männer, die sich plötzlich wieder melden.
An sich ein harmlos unauffälliger Post, der sich durch zig Google-Anfragen verzweifelter Frauen, die sich wünschen, er würde sich wieder melden, zu einem Dauerbrenner mit absurd hohen Klickzahlen entwickelt hat.

Viel lieber wäre mir hingegen dieser hier: Nichtrauchen - ein Selbstversuch
Oder der hier: Sachsen is calling
Oder SS-Sabine

Was gibt es noch zu sagen? 

Mir fehlt der Kiezneurotiker immer noch. Ich fürchte, er schreibt längst woanders, aber mir sagt keiner Bescheid. 

Dass Celebrity Jane in 2017 nur zwei Texte geschrieben hat, ist mir entschieden zu wenig bekümmert mich. 

"Annika reitet" nicht mehr; mein leicht dahingeschriebener Satz "Sie weiß noch nicht, dass ich nie wiederkomme" ist unversehens wahr geworden, was zunächst an schlimmen Rücken zu Saisonbeginn lag und anschließend an unterschiedlichen Aufassungen zur geopolitischen Weltlage zwischen meiner Reitlehrerin und mir scheiterte. Mit dem Pferd bin ich aber immer noch befreundet. 

In 2018 hoffe ich, wieder mehr zu schreiben, oder sagen wir, dass es weniger (oder bessere) Gründe gibt, die mich vom schreiben abhalten. 2017 war so mittel...


Mittwoch, 27. Dezember 2017

Die Rente ist sicher. Nicht.

Kurz bevor ich mich auf den Weg ans Meer mache, möchte ich auf die kenntnisreichen Tipps vom Soulweeper hinweisen - die zugegebenermaßen das Blut in den Adern gefrieren lassen, dennoch oder gerade deshalb unbedingt lesenswert sind. 

Vorsorge 1
Vorsorge 2
Vorsorge 3
Vorsorge 4
Vorsorge 5
Vorsorge 6
Vorsorge 7 
Vorsorge 8

Dienstag, 26. Dezember 2017

Wir schenken uns nichts

Eindringlich, ernsthaft und mit aller Konsequenz beschlossen wir im September, uns dieses Jahr nichts zu schenken. Ausgenommen die Kinder. 

Ich weiß natürlich aus Erfahrung, wer sich an die innerfamiliäre Parole hält und wer nicht. 

Meiner niedersächsischen Schwester habe ich schon mal das Herz gebrochen, weil ich mich daran gehalten habe, also ist es völlig ausgeschlossen, ihr nichts zu schenken. Vor allem, weil sie und ihr Kind uns seit Jahren hochprofessionell benähen mit Kissen, Taschen, Socken und betrickten Wärmflaschen. Die beiden könnten ein Imperium damit aufbauen und in Saus und Braus leben, denn sie sind überaus begabt. 

Derlei bringe ich im Traum nicht zustande, ich kann auch nur Malen nach Zahlen. Weiterhin erschwert ist die Geschenkesuche, weil sie ein Händchen für Interieur hat. Mit wenigen Mitteln schafft sie stets eine Schöner-Wohnen-Atmosphäre und mein Highlight war im letzten Jahr, als ich ihr ein Foto von einem Sofa schickte, das sie umgehend bestellte. Seitdem habe ich an Selbstbewusstsein gewonnen und so erwarb ich zwei elegante Rumsteherchen plus ein bissel kleines aber feines. 

Ihr Kind ist Gottseidank leichter zu beschenken, denn sie ist seit Monaten im Einhorn-Fieber gefangen. Zu ihrem Geburtstag erwarb ich u.a. sogar vierlagiges Hakle-Einhorn-Klopapier, in der 24er Rolle. Sie hat ihre Mutter beauftragt, zwei Rollen bis zu ihrem 18. Lebensjahr aufzubewahren und ihr zum Auszug mitzugeben.

Meine berliner Schwester und deren Kind würden sich eisern an das Geschenkverbot halten, ebenso meine Mutter, da war ich auf der sicheren Seite.

Die Bescherung wurde partiell vorgezogen, denn neulich trafen wir uns alle zum Geburtstag meiner Mutter.

Meine niedersächsische Schwester kam wie vorausgesehen mit Päckchen über Päckchen beladen an und ihr Kind wollte sehen, wie wir uns freuen. Ich holte rasch meine Geschenke und sie, ihr Kind und ich packten aus. Die anderen schauten kariert aus der Wäsche und in Ermangelung von Gegengeschenken meinten sie, sie möchten lieber erst unterm Weihnachtsbaum auspacken. 

Nun ja, wir drei freuten uns. Meine Rumsteherchen trafen erneut den unbestechlichen Geschmack meiner niedersächsischen Schwester, weshalb ich verständlicherweise eine neue Karriere als Innenarchitektin anstrebe.

Zurück in Berlin wurden vom Kind meiner berliner Schwester hektisch Geschenke gekauft und in allerletzer Minute verschickt. Die Schwester selbst hielt sich eisern an die Direktive. Sie ging sogar soweit, sich über die Geschenke meiner niedersächsischen Schwester nicht so recht zu freuen und blaffte sie Heiligabend am Telefon an. 

"Wir haben doch gesagt, wir schenken uns nichts!"
"Seit wann halten wir uns denn daran?"

Ich besorgte noch rasch eine Kleinigkeit für meine Mutter und meine Berliner Nichte. Kurz bevor ich mich Heiligabend auf den Weg zur Grauen Eminenz machte und dabei einen kurzen Stopp bei meiner Nichte machte, um das Geschenk für ihr Kind vorbeizubringen, rief mich meine eiserne Schwester an. "Kannst du noch ein Tütchen bei uns abholen, für's Kind?"

Nichts leichter als das.