Donnerstag, 4. Februar 2016

you can get it if you really want

Zu den wirklich schlimmen Dingen im Leben eines berufstätigen Menschen gehören Zielgespräche. Nur übertroffen von Jahresendgesprächen, in denen die Erreichung der Ziele bewertet wird. Ich weiß nicht, wer das erfunden hat, und schon gar nicht, weshalb sich diese Erfindung durchgesetzt hat. 

Zielgespräche sind sinnloser Mist, erstens, weil die Arbeit so oder so getan werden muss, zweitens weil der Arbeitnehmer vollends verarscht wird, weil ihm suggeriert wird, mit einer "Übererreichung" könne er seinen Bonus vergrößern, was aber vom direkten Vorgesetzten für gewöhnlich verhindert wird, weil ihm viele Dinge einfallen, weshalb das Ziel leider doch nicht erreicht wurde. Außerdem ist die Definition "Übererreichung" ein phantastisch weites Feld mit mannigfaltigen Interpretationsmöglichkeiten.

Es werden in den seltensten Fällen die Arbeitsergebnisse bewertet, sondern ob die Nase des Subalternen passt. Daher ist der Bonus auch unter dem Namen "Nasenprämie" bekannt.
  
Man ist also einem direkten Vorgesetzten ausgesetzt, der sich in der Regel am Ende des Jahres auslebt, und zwar in der Machtausübung. Er, nur er, entscheidet darüber, ob man sich die exorbitant hohe Zahnarzt- oder Nebenkostenabrechnung leisten kann oder nicht. Meistens ist er dafür, sich sein Mütchen zu kühlen und jeder, der ihm nicht ganzjährig das Gefühl gibt, er sei ein Gottesgeschenk, bekommt vor Weihnachten die Quittung für seine Minderbegabung, sich bis zur totalen Selbstaufgabe zu verleugnen. 

Nun bin ich in einer Gehaltsgruppe, in der ich keine Ziele machen muss. Niemand kann mich zwingen. Cheffe versucht es natürlich trotzdem. Früher habe ich das gutmütig gemacht. Ich wollte ja beweisen, dass ich zu Dingen fähig bin, die nicht in meiner Stellenbeschreibung stehen. Dass ich echt was drauf habe. Hat mir sogar Spaß gemacht. Bis zum Jahresendgespräch, in dem mir klar wurde, dass ich lediglich für die Erreichung seiner Ziele gearbeitet habe, denn die werden der Einfachheit halber auf uns runtergebrochen. Mir hat das gar nichts gebracht, ihm dafür um so mehr. Darum mache ich keine Ziele mehr. Punkt, aus, Amen. 

Nun war es wieder soweit. Er legte mir eine Vereinbarung vor, die ein komplexes, zentrales Ziel des gesamten Hauses beinhaltete. Am Arsch die Räuber, er schämt sich nicht, das seiner Sekretärin überzuhelfen. Die, die am wenigsten verdient und keinerlei Aufstiegschancen hat. Dafür muss man auch geboren sein. 

Er erklärt mir langatmig, was ich zu tun habe. Ich lächle still in mich hinein. "Schön und gut, aber ich weiß gar nicht, weshalb du mir das erzählst, ich mache keine Ziele mehr, weißte doch" antworte ich freundlich. "Aber du könntest deinen Bonus damit vergrößern" lockt er mich. Ich sage, dass mir kein Ziel jemals das erwünschte Ergebnis gebracht hat; ganz locker aus dem Handgelenk kommt mir dieser Satz über die Lippen. "Aber es ist auch mein Ziel und ich habe keine Zeit dafür." Ihm schwimmen die Felle weg, denn wenn ich den Job nicht wie erhofft mache übererfülle, wird sein Bonus kleiner. Sehr ärgerlich. 

Fazit: Es ist immer gut, Ziele zu haben.

Kommentare:

  1. Seufz. Gut geschrieben, gut pariert und "mein Beileid" für die Umstände. Im Pflegebereich läuft es irgendwie nicht viel anders ab, die Selbstaufgabe ist omnipräsent und auf den kleinen Mitarbeiter wird so allerhand herunter gebrochen, was Cheffe dann zugute kommt.
    Viele Grüße!

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    1. Pflege stelle ich mir noch aus anderen Gründen alptraumhaft vor. Mein Mitgefühl, unbekanterweise.

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  2. "Bis zum Jahresendgespräch, in dem mir klar wurde, dass ich lediglich für die Erreichung seiner Ziele gearbeitet habe, denn die werden der Einfachheit halber auf uns runtergebrochen."

    Letztlich (auch wenn man sowas nicht hören/lesen will) arbeitet man immer für die Ziele des Chefs/Unternehmens/Kapitals. Man ist ein Werkzeug, ein Instrument, eine Ware, die dazu dient, den Profit zu erhöhen. Denn sobald das Werkzeug nicht mehr richtig funktioniert (beispielsweise chronisch krank wird oder aufmuckt), wird es weg geworfen und durch ein neues ersetzt. Alles andere ist "Personalführung", Psycho-Gequatsche, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten.

    Dessen sollten wir uns stets bewusst sein, um uns zu vergegenwärtigen, dass die Lohnarbeit keinen Sinn- und Glückssegen verspricht. Das findet man nach wie vor primär bei Freunden, der Familie, in der Liebe, beim Nachwuchs, bei Hobbys und Leidenschaften sowie sonstigen eigenen Interessen. Bestes Beispiel sind für mich ältere Menschen. Die reden wenig von ihrer vergangenen Lohnarbeit, sondern stets von den alten Zeiten mit der Familie, Beziehungen, Reisen, Hobbys. Das ist das, was am Ende wirklich zählt und "hängen" bleibt.

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    1. Ja,es hat wohl noch keiner auf dem Totenbett bereut, dass er zu selten im Büro war...

      Ich habe kein Problem für die Ziele eines Unternehmens zu arbeiten. Dafür haben die mich eingekauft, dafür werde ich bezahlt. Aber dass man heutzutage kein "Weihnachtsgeld" mehr bekommt, sondern einen "leistungsabhängigen" Bonus, über dessen Höhe man jmd. bestimmen lässt, der MEINE Leistung nach oben als SEINE Leistung und MIR meine Leistung als minderwertig verkauft, DAS macht mich so wütend, dass ich irgendwo einmarschieren könnte.

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  3. Die Dummheit "der Massas" dieser Welt sehr schön dargelegt!Von denen kenn ich - leider - viele. Ein kleiner Trost: dann wann findet Sekretärin ein(e)n, der/die über positive Führungsqualitäten verfügt.
    Die Sekretärin

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    1. Ehrlich gesagt zeigt sich hier nicht Dummheit, sondern blasierte Empathie- und Gewissenlosigkeit.

      die Hoffnung stirbt zuletzt, vieleicht kommt ja noch mal ein Guter des Weges:-)

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  4. Oje - was fuer ein Scheiss-System. Bin ich froh, dass ich selbststaendig bin. Ich adressiere meine Zieluebererreichung selber und schreiben dafuer Rechnungen, die dann den Bonus - versteckt - erhalten...
    Gibt's denn nur Idioten als Chef?

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    1. Wie schon eben kommentiert: ich halte diese Chefs nicht für Idioten, sondern für Soziopathen. Ansonsten: Scheiß-System, indeed...

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  5. Hallo Annika, danke für diesen Text. Hast du gut auf den Punkt gebracht. "Freu" mich auch schon auf mein nächstes Zielvereinbarungsgespräch. Bei uns ist die Soziopathendichte nicht so hoch, diese "Gespräche" mit dem Vorgesetzten sind dennoch alles andere als "zielführend" ... *seufz*

    Lieber Gruss, Anne

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  6. Überall so Kram, und es wird offenbar immer schlimmer...
    Vor nicht allzu langer Zeit konnte ich verhindern, für die Ziele einer gleichrangigen und doch besser bezahlten Kollegin zu arbeiten... Bei uns müssen die Außertariflichen Manager durch besonders hohe Boni motiviert werden; das arbeitende Fußvolk geht leer aus (wir haben ja immerhin die tarifliche Gehaltserhöhung).
    Ich habe schon angekündigt, dass ich mir nicht mehr den Kopf anderer Leute zerbrechen werden - egal ob sie in der Hierarchie neben oder über mir stehen. Ändert ja nichts, außer den Seelenfrieden zu gefährden. Bin auf die Konsequenzen gespannt...
    Lieben Gruß
    frau_vonundzu

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    1. Kluge Einstellung, außer, dass die einen nicht mögen, was sie vorher auch schon nicht taten, passiert nichts, was nicht ohnehin schon passiert ist. Viel hat man nicht zu verlieren, dort, wo man nichts mehr gewinnen kann. Nur die Fronten werden klarer.

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