Dienstag, 2. Februar 2016

Mittagspause der Extraklasse

Das Telefon klingelt. Ein Kollege ist dran, er müsse die Mittagspause absagen, es gehe ihm nicht gut. Was haste denn, frag ich. "So komische Schmerzen in der Brust und meine Hände sind taub." Nun, sage ich, rasch zum Arzt, lieber heute als morgen.

"Ja, ich werde jetzt mal die Straße entlanggehen und gucken, ob irgendwo ein Arzt ist."
"Sehr gute Idee, viel Glück! Quatsch, ich fahr dich."

Rufe meinen Internisten-Schwager an, der sagt, besser gleich ins Krankenhaus. Hört sich nicht gut an. Ich berichte meinem Kollegen. Er trägt es mit Fassung. "Sollen wir nicht doch lieber den Notarzt rufen?" Auf keinen Fall, natürlich, natürlich.

Wir treffen uns unten vor der Tür, stehen und gehen kann er noch. Eigentlich wirkt er wie immer. Er sieht nicht mal blass aus. Ich versuche einen Scherz. Er lacht nicht. Er hat schon das Locked in Syndrom. Verstehe, wenn ich Angst habe, werde ich auch mucksmäuschenstill. 

Ich denke, was mach ich hier? Sollte ich nicht lieber den Krankenwagen holen? Was ist, wenn er mir umkippt?

Schweigend sitzen wir im Auto, manchmal sehe ich ihn von der Seite an, er schaut stumm nach vorne. Lieber Gott, mach, dass ich ihn heile ins Krankenhaus kriege. 

Dann fragt er aus dem nichts, was mein Auto gekostet hat. Ich nenne ihm verwundert den Preis und referiere ein bisschen (Übersprungshandlung), dass ich bei der Marke bleiben werde, das nächste müsste nur mehr Schnick-Schnack haben, ein Tempomat zum Beispiel, weil... "Und im Namen müsste was mit Ferrari vorkommen" murmelt er. Aha, er kann doch noch scherzen. Er wechselt das Thema.

"Dirk Bach könnte heute noch leben, wenn er nicht Single gewesen wäre. Der ist einfach umgekippt und hat es nicht mehr zum Telefon geschafft. Das Los der Alleinlebenden." Bevor er mir in einem Moment der Schwäche vorschlägt, zukünftig eine Wohnung zu teilen, erzähle ich, dass mein Onkel im Bad umgefallen ist, während meine Tante im Wohnzimmer vor der Glotze schlief. Dem habe das Zusammenleben auch nicht geholfen. Ja ja, meint er, wenn es soweit ist, ist es soweit. 

Am Krankenhaus angekommen, geht er schon mal vor, während ich einen Parkplatz suche. Ich finde ihn in der Notfallaufnahme, die mich verdächtig an die KFZ-Zulassungstelle Friesenstraße erinnert,  mit einem Zettel in der Hand, darauf steht eine Wartenummer, 95. Aufgerufen wird Nr. 78. Die Patienten stehen vor kleinen Karbuffs und schildern der Person hinter der Glasscheibe ihre Beschwerden. Ist das überhaupt erlaubt? Die wollen sich doch kein Bahnticket kaufen.

Wir sind uns nicht so vertraut, dass ich jetzt Alarm mache. Und die Gesamtsituation sorgt auch nicht dafür, dass ich mich ihm plötzlich näher fühle, ich bin hier nur wegen meines Nachtschwester-Ingeborg-Gens, hadere aber insgeheim, ob ein bisschen Übergriffigkeit nicht doch Not täte. Hat man Schmerzen, ist man bar jeder Souveränität und braucht jemanden an seiner Seite, der das Kommando übernimmt. Mein Kollege bleibt still und verschlossen wie eine Auster und nach ein paar Minuten meint er, dass es zwecklos wäre, wenn ich noch länger bliebe, es würde sicher Stunden dauern. Ich habe keinen Schimmer, ob er das ernst meint, beschließe aber, ihn ernst zu nehmen.

Ich weiß nicht, was er den Ärzten alles mannhaft verschwiegen hat. Spät abends schreibt er mir eine Mail, dass er sieben(!) Stunden warten musste, bis sie ihn nach ein "paar Untersuchungen" wieder nach Hause geschickt haben, mit dem Weltklasse-Rat, doch mal zum Arzt zu gehen. "Dies schreibe ich dir mit tauben Händen."

Aha, so ist das heutzutage. Wartenummern, sieben Stunden ausharren und dann weggeschickt werden. Wie in Amerika. Wenn erst Trump Präsident ist, werden wir in zehn Jahren vor Krankenhäusern aus Kosten-Nutzen-Gründen der Einfachheit halber gleich niedergemäht.

Das nächste Mal rufe ich die Feuerwehr.

Kommentare:

  1. Ich weiß ja, dass die Ami's bekloppt sind. Aber sind die echt so dämlich, den Trump zum Präsidenten zu wählen? Ich hoffe immer noch....
    Und was den Kollegen betrifft: Kann er nicht zu Deinem internistischen Freund gehen? Zumindest DER scheint den Mann ernst zu nehmen!

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    1. Ich fürchte, die sind so dämlich.

      Zum Kollegen: klar kann er das. Ob er es auch macht? Keine Ahnung. Er ist ja schon groß.

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