Sonntag, 31. Januar 2016

Alles hat ein Ende

Kürzlich haben Tikerscherk und der Kiezneurotiker über dasselbe Thema geschrieben: was passiert, wenn wir in die ewigen Jagdgründe gegangen sein werden? Zwei ganz unterschiedliche Texte. Die eine fragt sich, wer wird sich an mich erinnen und wie lange werde ich in den Gedanken und Herzen meiner beloved ones sein. Der andere schreibt, dass das alles ganz egal ist und genau das würde ihm gefallen; allerdings betreibt er keine melancholische Innenschau, sondern beschränkt sich (gewohnt fatalistisch) auf den Blogger-Nachruhm. 

Jedes Kind hat wohl schon mal den Tod aus Trotz phantasiert, wenn ich erst tot bin, wird sich Papa aber ärgern, dann merkt er, wie blöd das von ihm war, dass ich unbedingt Handschuhe anziehen sollte. 

Ich habe mir mal ausgrechnet, wie lange man sich meiner erinnern wird. Ich kam auf ein ernüchterndes Ergebnis. Da ich nicht in adeligen Kreisen geboren wurde und auf keinen Stammbaum bis ins 13 Jahrhundert verweisen kann, meine engere und weitere Familie gar bestürzend traditionslos und weit verstreut vor sich hinlebt; wir uns so selten sehen, dass uns nur eine Beerdigung an einen Tisch bringt, kenne ich in der Folge nicht mal die Namen meiner Urgroßeltern. Sie waren schon lange tot, als ich auf die Welt kam. Sie hatten wohl auch keine bemerkenswerten oder ulkigen Charakterzüge, die erzählenswert waren, denn es wurde schlichtweg nie über sie gesprochen. 

Wenn unsere Familientradion der Traditionslosigkeit aufrechterhalten wird - bis jetzt sieht alles danach aus - und ich nicht eines Tages doch noch weltberühmt werde, werden mich noch die Kinder meiner Nichten namentlich und persönlich kennen, aber dann werde auch ich dem endlosen Vergessen anheimfallen. Hm. So weit, so schlecht. 

Was ich am sterben so besonders blöde finde, ist, dass ich nicht weiterleben kann. Ich kann mir eine Welt ohne mich nicht vorstellen. Alles soll weitergehen, ohne mich? Ich soll nicht mehr dabei sein? Wer hat sich denn so einen Scheiß nur ausgedacht? Wer schmeißt uns ins Leben, nur um dann ein Leben lang der Angst vor dem Tod ausgesetzt zu sein? Okay, zwischendurch passieren mit etwas Glück auch ein paar spektakulär schöne Dinge, aber als Hintergundrauschen ist das Wissen um diesen einen durch nichts aufzuhaltenden Moment immer da. 

Man hört so vieles übers sterben. Was wohl alle eint, dass am Ende kein Bedürfnis, keine Kraft oder keine kognitiven Fähigkeiten mehr vorhanden sind, sich mitzuteilen. Eindringlich zu lesen bei Wolfgang Herrndorf, der sich so mitleidlos wie brillant mit seinem eigenen Sterben auseinandergesetzt hat. 

Dann habe ich einen Freund, der beinah mal ertrunken ist. Er beschrieb, dass er minutenlang gekämpft hat, dann verließen ihn die Kräfte und er spürte, dass es keinen Zweck mehr hat, er gab auf. Dann kam dieses Licht und der Frieden und als eine Welle ihn dann doch ans sichere Ufer spuckte, war er direkt sauer. Er habe seitdem keine Angst mehr vor dem Tod. 

Ich hab mal gelesen, dass genau diese Wahrnehmungen körpereigene Drogen sind, die das Gehirn ausschüttet, wenn es soweit ist. Eine gute Einrichtung, aber noch beruhigter wäre ich, wenn ich schon heute wüsste, dass ausnahmlos jeder Mensch in den Genuss so eines Trips kommt. 

Neben meinen Phantasien, wie die Welt wohl ohne mich wäre, wieviele Menschen traurig wären und wie lange sie wohl an mich denken werden, treibt mich vor allem ein Gedanke um und den kann und kann ich nicht abstrahieren, so gerne ich mein eigenes Sterben gelassen in eine höhere Allgemeingültigkeit einbetten würde (es sind schon so viele Menschen vor mir gestorben und so viele werden nach mir sterben, dann werde ich das wohl auch schaffen): wie wird sich der Moment selbst anfühlen? 

Werde ich wissen, dass es soweit ist? (dessen bin ich mir sicher, außer mir fällt ein Blumentopf auf den Kopf) Woran werde ich es erkennen? Wird mir kalt? Oder warm? Werde ich ausflippen vor Angst? Werde ich in meinen letzten Momenten irre darüber, dass es jetzt vorbei ist? Wird es weh tun? Werde ich mich sehr wehren? Wird es alptraumhaft oder werde ich ganz ruhig sein? Werde ich traurig sein über die Dinge, die mir nicht gelungen sind? Werde ich zufrieden sein mit dem Leben, das ich hatte? Werde ich das Gefühl haben, alles ist getan, alles ist gesagt?

Man weiß es nicht. Aber man wird's erfahren.

Kommentare:

  1. Als ich vor 16 Monaten in meiner Küche umkippte und dann direkt in den Nahtod und das schöne Erlebnis hineinglitt, wusste ich nicht, dass ich gerade sterbe. Nachdem die Feuerwehrleute mich reanimiert hatten, mit allem drum und dran, kam ich zurück ins Leben und dachte ich hätte einen ungewöhnlichen, wunderschönen und sehr intensiven Traum gehabt.
    Das Sterben selbst erscheint mir inzwischen einfach. Die Angst davor bleibt ein schwarzer Abgrund, vor den man sich möglichst bunte Wände aufstellen sollte. Ich tue das und versuche alles aus meinem Leben zu holen.

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    1. Liebe tikerscherk, das ist ein guter Plan.

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  2. Seit meine Lebenspartnerin letztes Jahr verunglueckte denke ich darueber nach, ob es wissenswert ist, den Zeitpunkt zu erkennen. SIE hatte ihn nicht erkannt, da alles zu ploetzlich kam.
    Wenn man es vorher weiss, kann man sich dann selber noch verabschieden, sich ins Reine bringen?
    Ich komme zu dem Ergebnis, dass es fuer mich selber egal waere. Nicht aber fuer meine Familie. So schlimm Tod auch immer ist, ich denke fuer meine Kids und mich waere es leichter gewesen, wenn wir noch haetten Abschied nehmen koennen...

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    1. Kann ich gut verstehen. Abschiede sind wichtig.

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  3. Wer den natürlichen Tod abwartet, hat kaum eine Chance, bis zum letzten Moment ein genießbares Leben zu führen. Deshalb werde ich mein Leben im Alter auf eigene Faust beenden, wenn Krankheit oder Demenz an meine Türe klopfen. Die verdammte Pflegeindustrie wird an mir keinen Cent verdienen.

    Den Tod selbst halte ich für harmlos. Es ist ja nur die Rückkehr in den Zustand völliger Schmerz- und Sorglosigkeit, der in den Jahrmilliarden vor meiner Geburt geherrscht hat. Wo liegt das Problem?

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    1. Ich gäbe was drum, es auch so sehen zu können. Beneidenswert.

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  4. Guten Morgen,



    Mein Empfinden! Ich habe so gar keine Lust NICHT mehr zu leben und über meinen Zenit dürfte ich schon leider hinaus sein. Ich frage mich oft, ob der Lebenshunger im hohen Alter nachlässt und man etwas entspannter der eigenen Endlichkeit gegenüber wird?!

    LG
    Britta

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    1. In der Lücke sollte ein Zitat aus deinem Text stehen - keine Ahnung, warum das verschwunden ist. Ich versuche es nochmal:
      --> was ich am Sterben so besonders blöde finde, ist, dass ich nicht weiterleben kann.

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