Mittwoch, 27. Januar 2016

Noch eine Trennung

Seit Menschengedenken bin ich in einem Lesekreis, Literaturzirkel, wie auch immer man das nennen will. 

Zwei sind schon weggestorben, eine ist untergetaucht, weil ihr Mann die "Ich-geh-mal-Zigaretten-holen"-Nummer gebracht hat, wofür sie sich so geschämt hat, dass wir sie nie wieder gesehen haben. Außerdem konnte sie ihrer besten Freundin nicht verzeihen - ebenfalls eine der Unsrigen - dass diese ihr all die Monate zuvor nichts davon erzählt hat, dass der Abtrünnige sich haufenweise Geld bei ihr geliehen hatte. Dann hätte sie eine Vorwarnung gehabt, dass was faul ist im Staate Dänemark. 

So stolperte sie blind in ihr persönliches Waterloo, als sie ihrem Mann freudig hinterher rief "Bis gleich", der kurz vor Antritt der Reise sagte, er müsse noch mal kurz zur Bank, frisches Geld holen. Dann stand sie da, mit den gepackten Koffern unten auf der Straße und er kam und kam nicht wieder. 

Das ist natürlich überhaupt nicht lustig. Das ist sogar richtig beschissen. Vierzehn Tage später (sie hatte mit der Polizei gesprochen, alle Krankenhäuser abgeklappert, erkannt, dass alle Konten bis weit über Anschlag leergeräumt und alle privaten Versicherungen längst gekündigt und an ihn ausgezahlt waren), bekam sie einen Brief von ihm, sie solle nicht nach ihm suchen, es tue ihm leid, er könne nicht anders. Wir hatten kollektive Mordphantasien. 

Ihre wohlhabende beste Freundin bot ihr weiteres Geld an, um über die Runden zu kommen und die schlimmsten Löcher zu stopfen, aber sie verweigerte das und verwies auf das Ende der Freundschaft. 

Wir haben dann aufgestockt. Erst kam eine Lehrerin dazu, die unauffällig blieb, oft waren wir zwei einer Meinung, was wir uns weitestgehend durch zustimmendes oder verneinendes Kopfnicken signalisierten. Sie trägt einen Pagenkopf und rollt bedächtig das R.

Dann kam eine Psychiaterin in unsere Runde, die sämtliche Romane nach massiven psychischen Störungen der Protagonisten und/oder des Schriftstellers durchforstete, außerdem schwurbelte sie dabei, dass mir ganz karusselig wurde. "Ja, natürlich, das ist das psychotische Element, das tief in ihm verborgen liegt. Eine lupenreine Externalisierung seiner eigenen kranken Anteile, auf einer unbewussten Ebene. Es hat mich in tiefster Seele berührt." Praktisch von allem wurde sie in tiefster Seele berührt - ging mir das auf den Zeiger!

Ein Jahr lang hörte ich mir das an, bis ich letzten Freitag die Faxen dicke hatte und spontan beschloss, dass ich genug gehört hatte. Ich verkündete meinen Abgang, aus Zeitnot, was zwar nicht die ganze Wahrheit ist, aber auch nicht direkt gelogen. Man bot mir an, ab jetzt ganz dünne Bücher zu lesen, die Lehrerin nickte mir aufmunternd zu. Ich lehnte ab, sie sollen bitte lesen, was immer ihnen beliebt.

Ungewohnt, dass ich kein Pflichtbuch mehr rumzuliegen habe. Jetzt muss ich wohl lesen, was ich lesen will.

Kommentare:

  1. Lesekreis. Damit varband ich immer die mindestens zwei Wochen alten Ausgaben irgendwelcher Wochenzeitschriften, die man sich in überfüllten Wartezimmern aus Langeweile antat. Da tut sich ja eine unfassbar bunte und große Welt auf im Netz. Und wie ich festgestellt habe, bin ich sogar Teil eines Lesekreises, gut, ich bekomme dafür einen Seminarschein ausgestellt und habe eine Prüfungsleistung erbringen müssen, aber im Grunde genommen war das genau so etwas.

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