Donnerstag, 19. Juli 2018

Verzauberte Mütter

Zwei meiner Freundinnen haben Mütter, die verzaubert dement geworden sind. Und beide erzählen außerordentlich unterhaltsame Geschichten - unterhaltsam sind sie natürlich nur für uns, aber die Freundinnen selbst geben sich auch alle Mühe, dem ganzen mit Humor zu begegnen.

Was so berührend ist, dass sich die charakterliche Grundausrichtung der beiden alten Damen auch in der Demenz nicht verändert hat.

Die eine, Zeit ihres Lebens eine hinreißend liebenswürdige und lebensfrohe Frau, ruft nun täglich abends ihre Tochter an, um sie zu informieren, dass sie sich überlegt hat, heute doch erst mal im Pflegeheim zu schlafen.

"Du, ich schlafe heute abend erst mal hier."
"Das ist eine gute Idee."
"Haben die überhaupt ein Bett für mich?"
"Aber sicher, du hast dein eigenes Bett."
"Aber woher weißt du das so genau?"

Noch trinkt sie jeden Tag ein Piccolöchen, für den Kreislauf und manchmal, wenn ihre Tochter zu Besuch kommt, sagte sie "Schön, dass Sie kommen, aber ich habe zu tun." Spricht's und verschwindet im Garten, zum Damenkränzchen. 

Neulich allerdings ist sie nachts ausgebüxt; niemand weiß, wie sie es geschafft hat, aber sie stand nachts um 3 Uhr vor der Tür ihrer alten Wohnung. Gottseidank wurden die Nachmieter wach von ihrem klingeln. "Guten Abend, ich will zu Norbert."

Die andere, Zeit ihres Lebens ein eher kapriziöses Geschöpf, ist nun mit Macht ihrer ungebrochen vitalen Libido ausgeliefert, beziehungsweise Pfleger Mario ist ihr ausgeliefert. Sie phantasiert sich eine überaus leidenschaftliche Affaire zusammen und vergisst auch nicht, der Leidenschaft Futter zu geben, in dem sie Mario "eifersüchtig" macht. Neulich war eine Tanzcombo im Pflegeheim und der Sänger habe ihr immer tief in die Augen geschaut und sie hat zurückgeschaut und das soll Mario eine Lehre sein, sie habe noch jede Menge Chancen.

Allerdings ist sie auch auf anderen Gebieten tätig; sie rettet andere Patienten vor dem Tode, weil sie die Ärzte ins Gefängnis bringt, wegen falscher Medikation an Frau Brunse. Sie habe der Ärztin ausführlich klar gemacht, dass sie keine Ahnung von ihrem Beruf hat und Frau Brunse völlig falsch behandelt. Und dafür sei die Ärztin jetzt auch in den Knast gegangen. 

Abendlicher Anruf: "Die Ärztin will mich umbringen."
"Aber Mama, die Ärztin hast du doch ins Gefängnis gebracht, da kann sie doch gar nicht raus."
"Ach so."
"Und sie würde ja auch gar nicht mehr ins Heim kommen, unten ist doch der Wachdienst. Die lassen die nie mehr ins Haus."
"Gottseidank. Stimmt."


Ich frage mich, was ich mir später mal einbilde.


Kommentare:

  1. Ja, ich habe das damals bei Mutter gesehen. Manche Situationen mit einem Demenzkranken sind... sagen wir... besser als jede Unterhaltungssendung im Fernsehen.

    Die letzten Strecke des Weges bei der Krankheit ist es nicht.

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    1. Und für die Dementen selber ist es zu keiner Zeit spaßig...

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  2. Habe ich mir auch überlegt. Ich hoffe ich lasse den Pfleger in Ruhe

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  3. Meine Liebe, du wirst dir natürlich treu bleiben und ähnlich, wie die Oma meines Freundes (über 100 übrigens) überall Gefahr wittern. Pizzatellergroße Spinnen, die bösartige Pfleger extra in dein Zimmer gebracht haben um dich umzubringen. Giftgasattacken im Zimmer (was die hervorgebracht haben könnten ist unklar...evtl. eine leichte Form von Flatulenz), die dich dazu bringen deine Nichte anzurufen und darum zu betteln dich sofort dort raus zu holen..abgesehen von den 100 Krankheiten, die du gemäß Einbildung von "Mitinsassen" übertragen bekommen hast.....
    Oder aber du sitzt gechillt im Kreise deiner Freudinnen, spielst Karten und alle Enkel, die ins Pflegeheim kommen müssen um widerwillig ihre senilen Großeltern besuchen zu müssen, schielen begeistert zu dir hin, wie du mit einer grandezza und amerikanisch anmutender Riesenbrille, die Haare natürlich immer noch blond um wild gefönt, im Kreise einer nicht gerade klein zu nennenden Schar Bewunderer (männlich wie weiblich)am größten Tisch sitzt, Geschichten erzählst und nebenbei deine Tischnachbarn beim Pokern abzockst....
    Letztere Vorstellung gefällt mir persönlich besser

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    1. Ach Hedi, ich hab' so gelacht! Eine schöne Zukunft malst du mir da aus :))

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  4. So, wie Sie das jetzt geschrieben haben, klingt es gar nicht so schlimm (verzaubert ist übrigens ein sehr schönes Wort dafür). Ich hoffe sehr, dass ich das, sollte es mich erwischen, einfach nicht merken werde - und ich meiner Umwelt keinen Kummer mache.

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    1. Den Begriff "verzaubert" finde ich auch sehr schön, erfunden von der Freundin, deren Mutter zuerst betroffen war. Eines Tages seufzte sie "Meine Mutter verzaubert immer mehr" und seitdem ist das der gängige Begriff. Sogar meine eigene Mutter hat ihn bereits übernommen, die immer hofft, dass sie nicht verzaubert.

      Und doch, schlimm ist es auf jeden Fall. Wenn man auch nach zwei Jahren nicht begriffen hat, dass man jetzt im Heim lebt und jeden Abend auf's Neue tapfer beschließen muss, es erst mal "für heute" über Nacht zu probieren. Was für Ängste diese armen Menschen aushalten müssen.

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