Montag, 9. Juli 2018

Wenn Frauen alleine verreisen

Dieses Jahr hatte ich mal was ganz Neues vor. Nachdem ich Urlaub mit Freunden nur in  Island, Italien oder in den USA hätte verbringen können, in Ländern also, die nur per Flugzeug oder mit der Queen Mary zu erreichen sind, beschloss ich, ein paar Tage allein ans Meer zu fahren. 

Als ich noch im Außendienst war, verbrachte ich wochenlang allein an der Mecklenburgischen Ostseeküste, ohne mir was dabei zu denken. Ich frühstückte entspannt im Hotel mit anderen Vertrieblern (jeder an seinem eigenen Tisch) und speiste allein wie eine Grande Dame zu Abend - nachdem ich mir tagsüber den Mund fusselig geredet hatte, war ich froh, mit niemandem mehr reden zu müssen. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, was wohl andere Leute denken, weil ich allein am Tisch saß.

Ich buchte für fünf Tage ein Wellness-Hotel mit eigener Therme direkt am Strand. Fünf Tage, dachte ich, werde ich wohl überleben. 

Außer mir wird blümerant; weil ich ja immer gleich mit dem Tode rechne. Da hatte ich schon ein bisschen Angst vor, dass ich unter Umständen ganz allein an der Ostsee mein Leben aushauchen muss.

Komme an, checke ein, geh auf's Zimmer, pralle zurück - kochendheiß, Südseite, keine Klimaanlage, gehe wieder zur Rezeption, möchte ein Zimmer zur anderen Seite. Personal ausschließlich aus Polen. Was mich nicht wundert, schon vor 10 Jahren bekamen die kaum noch Personal in den Hotels, wegen der Hungerlöhne, die gezahlt werden.

"Kostät 12 Euro mähr, wenn Sie wollen Määhr sähen, kostät 24 Euro pro Nacht."

Ich wollte gerne das Meer sehen, aber das war mir ein bissel happig. Wann werde ich letztlich im Zimmer sitzen und auf 's Meer schauen? Eben. Ich schaute also auf knorrige Fichten, hinter denen das Meer rauschte. *


Ich richtete mich ein, zog mein Reisekleid aus (ja, ich habe ein Reisekleid, schon damals hatte es mir gute Dienste geleistet, es ist schneeweiß und im Sommer sollte man längere Autofahrten bei kochender Hitze schon aus Selbstschutz nur in weißer Bekleidung antreten, auch wenn es einem überhaupt nicht steht), zog meinen Honolulu-Strandbikini an und ging ans Meer. Hm. Komisch, wenn niemand bei einem ist. 

Später schlenderte ich zur Seebrücke, Hölle Hölle, ein Sängerbarde mit E-Gitarre, "Smoke on the water" und so'n Zeug. Komisch, wenn man da allein sitzt inmitten kinderreicher Eltern und Großeltern. Ich habe keinen einzigen Hipster gesehen und ich sehe leider auch nicht aus wie eine Hipsterin, da nutzte auch der nachlässig gebundene Dutt nichts. Wenn ich mich so umschaute, sah ich total aus wie die. Das fand ich erschreckend. Und dann saß ich da auch noch allein in der Menge und hatte niemanden, mit dem ich hätte lästern können. Mir kamen erste Zweifel, ob ich die 5 Tage unbeschadet überstehen würde. 

Dann begab ich mich auf die Suche nach einem Restaurant. Es gab haufenweise davon. Rappelvoll mit den immergleichen Eltern und Großeltern kinderreicher Familien. Ich brachte es kaum über mich, mich an einen Tisch zu setzen und dachte, verdammt, das war doch früher kein Problem, warum ist es das jetzt? Ich wollte glatt ein bisschen weinen, dabei war ich erst sechs Stunden hier. Nun war ich sicher, dass ich fünf schreckliche Tage durchleiden werde. Ich hatte mich für den absolut falschen Ort zur falschen Zeit entschieden. 

Mir wurde klar, dass ich diverse Heiratsanträge hätte doch annehmen und einige Kinder produzieren sollen, dann hätte ich jetzt keine Probleme. Die Konsequenzen meiner ungezwungenen Planlosigkeit rächten sich hier und heute in Mecklenburg. 


Am nächsten Morgen verschwand ich vor dem Frühstück in der Therme. Im Wasser fiel kaum auf, dass ich keine Mehrfachmutter bin; es schwammen nämlich nur alte Öhmchen hin und her. Abgesehen von der Befürchtung, dass ich denen bereits ähnlicher bin, als mir lieb ist, fühlte ich mich in der warmen Brühe recht wohl. Vor allem die Massage-Düsen... ach du Scheiße - wann ist das passiert, da haben doch früher immer nur so Uralt-Weiblein vorgehockt und jetzt auch ich? Herrgott, rief ich mich zur Ordnung, du machst einen Wellness-Urlaub, da sitzt man halt vor Massagedüsen. 


Später am Strand schrieb ich ein paar sms und bekam Unterstützer-sms zurück, dass ich wirklich sehr tapfer bin und sie hätten das nie gemacht, allein ans Meer und das eine Mal, als sie es gemacht haben, war das Essen gehen das Allerschlimmste.

Im Internet schaute ich nach, ob ich irgendwie an Astronautennahrung komme und wenn ich nicht soviel Angst vor Ärzten hätte, wäre ich auf intravenöse Nährlösungen umgestiegen, um diese leidige Sache zu umschiffen. 

Der zweite Tag verlief ansonsten wie der Erste. Strand, lesen, Spazierengehen, Kurkonzert (Dire Straits - der Barde hatte wohl keinen Abend frei). Ich zählte die Stunden bis zur Abreise. Meine Weinerlichkeit über meine Ehemann- und Kinderlosigkeit war inzwischen einer reaktiven Depression gewichen und ich hatte keinen Schimmer, wie ich weitere drei Tage bewältigen sollte. Ich hatte ja nicht mal ein Zimmer mit Seeblick. Was zur Hölle hatte ich mir dabei nur gedacht? Ich saufe ja auch leider nicht, obwohl das bestimmt geholfen hätte.

Am dritten Tag änderte sich alles, dank Whatsapp, über das ich nie wieder etwas Böses sagen werde. Eine frühere Kollegin hatte in ihren Status ein paar Fotos gestellt und die Gegend kam mir so bekannt vor. "Wo bist du denn?" schrieb ich ihr. "Auf Usedom, zusammen mit Katrin" 

Schlagartig fühlte ich mich besser. "Ach, ich bin auch hier." 

Den vierten und fünften Tag verbrachten wir zusammen. Die gute alte Kiepert-Connection. Ich fiel den beiden in die Arme und rief "Ohne euch hätte ich mich eigenhändig im Meer ersäuft!" Wir lagen am Strand von Heringsdorf und sahen Fußball, lästerten, erzählten von den hanebüchenen Umstrukturierungen unserer Arbeitgeber, aßen unglaublich guten Fisch und ich war heilfroh, dass ich keine Kinder habe, die hätten in der Therme an den Massagedüsen auch echt gestört.

P.S. Mir war kein einziges Mal blümerant. Bombige Konstitution.

* Beim auschecken stellte sich raus, dass mir "versehentlich" die Preise für zwei Personen genannt wurden - aber da war es zu spät. So wurde ich von einer kaltherzigen Rezeptionistin um den Meerblick gebracht, den ich wirklich gut hätte gebrauchen können. Es dauert sich so viel schöner mit Blick auf Wasser. Ich hoffe, die Kuh wird vom Universum dafür bestraft.




Kommentare:

  1. Mmmh... also wenn ich allein gereits bin, und ich bin viel alleine gereist, auch in Deutschland, habe ich nie Probleme als Einzelperson in Restaurants gehabt.

    AntwortenLöschen
  2. Antworten
    1. Noch eine Glückliche. Aber was macht es so liebenswert?

      Löschen
  3. Ich hab mich am Wochenende mit meiner Bekannten auch übers Alleinreisen unterhalten, das erste, was sie sagte war ebenfalls, dass sie es liebe. Allerdings hat sie es auch schon seit Jahren nicht mehr getan...

    Ich denke, dass was es so liebenswert macht, ist die Illusion, die man davon hat. Man ist verknallt in die Vorstellung komplett selbstbestimmt zu sein, Zeit zu haben, die man nicht teilen muss. Das was man sich im hektischen Berufsalltag so oft erträumt und phantasiert. Kaum jemand ist - so denke ich - dann vorbereitet auf die Leere, die aufkommen kann und die Ernüchterung.

    Mitgeführte Hunde sind dabei allerdings nicht zu unterschätzen, so ein Tier kompensiert etliches an Ansprache und Körperkontakt und bringt einen fast schon zwangsläufig mit anderen ins Gespräch. Alleine nur mit sich selbst zu verreisen ist da nochmal eine andere Hausnummer.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich denke, es gibt Leute, die lieben es und es gibt die anderen... Mir fehlte jemand zum vertrauten rumdösen, Gespräche hatte ich eigentlich genug. Man lernt ja immer Leute kennen, mit denen man kurz spricht. Mit manchen sogar länger, aber das ist nicht dasselbe, wie mit Freunden vor Ort sein. Meistens bin ich die, die sich dann oft separiert, weil ich gerne allein bin. Aber die ganze Zeit keine persönliche Andockstation zu haben, das war hart.

      Ja, der Hund! Den hätte ich mitnehmen sollen. Bin ich gar nicht drauf gekommen.

      Löschen
  4. Da ich es generell hasse zur verreisen, tut es gut zu lesen, was mir da so alles entgangen ist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn du deine Frau mitnimmst, kann es ganz nett werden.

      Im Hotel war ein Paar, das saß stundenlang in der Lobby und beide starrten in ihr Handy. Die hätte nun wirklich zuhause bleiben können.

      Und als ich mal am Fahrstuhl wartete, brüllte ein Mann seine Frau an der offenen Zimmertür an, sie solle endlich zu Potte kommen. Diese Frau hätte auf jeden Fall lieber alleine verreisen sollen, als mit ihrem ungehobelten Brüllaffen.

      Und im Frühstücksraum saß ein Paar stumm nebeneinander. Sie starrten blicklos und geduckt vor sich hin und taten mir beide leid. Hier schien mir eine Trennung angeraten.

      Ein Sohn (in den 50ern) war mit seiner Mutter vor Ort und der textete die arme Frau ununterbrochen voll. Auch eine merkwürdige Konstellation.

      Löschen
  5. Antworten
    1. In der Tat! Ich fuhr recht vergnügt nach Hause.

      Löschen
  6. nachdem ich erst einmal alleine verreist bin, behaupte ich dennoch zu sagen: ja, ich kann das. Und ich würde es wieder machen statt jahrelang zu hause zu bleiben. natürlich tut sich der erwachsene gemeinhin schwerer neue kontakte zu knüpfen und ja, mit freunden erlebnisse teilen, ist etwas ganz anderes als alleine im sonnenuntergang zu sitzen. aber wenn die option wäre gar nicht mehr weg oder alleine, nehme ich letzeres.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also, ich hab das jetzt einmal gemacht und das reicht für den Rest meines Lebens. Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten.

      Löschen