Sonntag, 11. November 2018

Das Leben mit Hund

"Nein!", sage ich, "Ich hätte Sie glatt 20 Jahre jünger geschätzt."
Die Dame wird von ihrer 77 jährigen Freundin begleitet, die eben noch energisch Stöckchen geworfen hat. Was soll ich sagen, viel weiter kann ich auch nicht werfen.  
"Im März werde ich 100."
"Und da laufen Sie noch munter draußen herum. Das ist ja toll. Sie sehen keinen Tag älter aus als 80."
"Ja, aber ich werde langsam vergesslich und ein bischen taub." 
"Aber wir genießen unser Leben, nicht wahr Gertrud?" wirft die andere ein, deren volles blondes Haar zu einem Zopf gebunden ist und deren braungebranntes Gesicht von früherer umwerfender Schönheit zeugt.
80 ist das neue 50.

Bin mal wieder mit dem Hund unterwegs und mit Hund lernt man Land und Leute kennen. Hundebesitzer ziehen sich an wie Motten das Licht. Alle auf der Suche nach Spielkameraden für den eigenen Hund. Wenn man Glück hat, findet man zwei, drei Hunde, mit denen der eigene wie bekloppt durch den Wald rast. Da hat man das Gefühl, die powern sich richtig aus und Spaß haben sie auch dabei, mit ihresgleichen Hochgeschwindigkeitsrekorde aufzustellen.

Am schnellsten sind drei Möpse. In Lichtgeschwindigkeit hetzen sie zwischen den Bäumen lang und ich murmele "Bis einer heult", denn lange kann es nicht dauern, bis einer mit Karacho vor den Baum knallt. Aber trotz des Irrsinnstempos passiert nix.

Ungemütlich wird mein Leihhund nur, wenn er sich um Ball oder Stock kloppt. Da merke ich, was in ihm steckt. Ein explosives Raubtier, mit dem nicht zu spaßen ist. Die meisten Hundebesitzer bleiben gelassen, "Ach, das machen die untereinander aus", ich hingegen seh das Blut schon fließen. "Ohne ist der nicht", bekomme ich zu hören, aber eher mit anerkennenden Unterton. Nun ja.

Später begegnet mir ein Radfahrer mit zwei riesigen Hunden, viel größer als mein Massaker-Hund. Der eine springt sofort auf mich zu und seitdem ich selber temporäre Hundebegleiterin bin, glaube ich dem Satz "Der will nur spielen" ohne weiteres. Man erkennt das auch sofort, aber dieses Riesenviech will nicht spielen, sondern bepuschelt werden. Er geht mir fast bis zum Bauchnabel und schmeißt mich beinah um, sobald ich aufhöre, ihn zu streicheln. Im Grunde der Trump unter den Hunden.

Das hätte ewig so weitergehen können, aber dagegen hat natürlich mein Bluthund Einwände und fast wird er so ungemütlich, als sei ich ein Ball oder Stock, zumindest etwas oder jemand, an den niemand anderes Hand anzulegen hat. 

Der wird mich immer beschützen und deshalb findet man mich auch mitten in der Nacht auf der Straße halbstündige Spaziergänge machen, wann immer ich ihn mir nach dem DoKo ausleihe. Da wäre ich früher nicht mal in meinen Alpträumen drauf gekommen. 

Wie still das Nachts ist. Kein Pieps ist zu hören. Der Hund läuft mal vor, mal hinter mir, ich lasse ihn ausgiebig "Zeitung lesen" (von Glumm geklaut) und hänge meinen eigenen Gedanken nach.


Kommentare:

  1. Unser Riesenbaby - you know him, starrte mich gestern auch verzückt an. Bis ich realisierte, dass er die ganze Zeit das entliehene Robben-Kirschkern-Kissen anvisierte um es mir in einem unbedachten Moment entreißen zu können. Aber dank seines Dackelblickes und seines hinreißenden Gefiepes bei Nichtbeachtung, kann ich ihm eh nicht böse sein...

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    1. Nun frage ich mich, was das Riesenbaby mit einem Kirschkernkissen möchte. Ein Fetisch?

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    2. Es möchte es zerfetzen. Er zerfetzt leider nahezu alles an "Spielzeug", nur ausgewählte Gummibälle bleiben verschont - die Materialanforderungen sind sehr hoch, lach. Wenn er schmusen würde, hätte er es bekommen, bestimmt

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    3. Hätte ich auch gleich drauf kommen können. Was für eine Frage eigentlich. ;))

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