Mittwoch, 22. April 2015

Gute Gäste, schlechte Gäste

Die Organisation von Veranstaltungen ist mein täglich Brot und am Ende steht der Job als Grüß-Augustine, der Applaus der patenten Tippse. Dort kann sie in 20 Minuten mehr Wertschätzung erfahren als im Jahresdurchschnitt von Cheffe; der zugegebenermaßen in diesem Segment leicht zu toppen ist. Sehr leicht. Im Schlaf, praktisch. Ein Gast im Wachkoma würde ihn locker an die Wand spielen.

Manche Gäste werden sehr zutraulich und verwechseln professionelle Höflichkeit mit tiefer Freundschaft. Absagen werden langatmig und ausführlich gerechtfertigt, obwohl mir ein einfaches "Ich komme nicht" ausreicht. Was interessieren mich Gründe? Manche sind so von ihrer Wichtigkeit überzeugt, dass sie ernsthaft schreiben "Sie haben sich sicher gewundert, dass ich nicht erschienen bin." Nein, habe ich nicht, ich weiß nicht mal, wer Sie sind. Es hat Sie niemand vermisst und ich am wenigsten.

Es gibt sehr nette Gäste, mit denen ich gerne plaudere und dann gibt es unerträgliche Schleimabsonderer, die mich distanzlos fragen "Und sonst, alles okay? Ostern, schön gewesen?" Ob bei mir alles okay ist und wie ich Ostern verbracht habe, geht Sie einen feuchten Dreck an. Und hören sie auf, mir zuzuzwinkern, als würde uns irgendwas verbinden, Sie hirnverbrannter Trottel.

Manchmal, sehr selten, gibt es ganz tolle Gäste. Die schreiben schon hinreißend (und mich kann man ja schwachschreiben). "Ich steh ja sehr ungern früh auf, aber ich werde es versuchen. Am liebsten wäre mir - und ich wage es kaum zu schreiben - Sie würden mich wecken." Weil das die lustigste Antwort ist, die ich je erhalten habe, antworte ich, dass ihm geholfen wird, welche Telefonnummer ich denn nehmen soll? Er findet das "sehr cool" und schickt mir umgehend eine Nummer und "Ich freu mich schon".

Nun ist so ein Mailwechsel mittags im Büro eine ganz andere Sache, als morgens in der heimischen Küche, allein mit dem Telefon. Soll ich, oder hält er mich dann für komplett übergeschnappt? Nicht, dass ich was verwechsle. Denke, ach, was solls, rufe an und er freut sich wirklich. Strange. Ein ganz kurzes Telefonat, 20 Sekunden, professionelle Wunscherfüllung, ich halte mich für definitiv übergeschnappt und will mich selber einweisen. 

Ich kenn den Mann nicht, noch nie gesehen, keine Ahnung also, ob da ein schwiemeliger Versicherungsvertreter oder ein fünfundzwanzigjähriges, gelecktes Jüngelchen um die Ecke kommt. Ich steh am Empfang und dann kommt er und ich weiß sofort, dass er es ist und könnte schreien: Er hat lange Haare, steh ich doch so drauf, zum Zopf gebunden, steh ich auch drauf, gut geschnittene, leicht verlebte Gesichtszüge, ist underdressed, jedenfalls für unsere Verhältnisse, steh ich auch drauf. Er passt überhaupt nicht in den Rahmen, wirkt wie ein Fremdkörper, find ich alles gut. 

Er segelt auf uns zu, weiß nicht, welche von uns die ist, die ihn angerufen hat, lässt sich bei einer Kollegin registrieren und ich halte schön den Mund und muss grinsen. 

Nach der Veranstaltung schaut er sich suchend um, kommt auf mich zu und fragt, ob ich diejenige bin. Und dann flutscht es nur so. Mit manchen geht das ganz einfach und mit ihm ist es hochgradig vergnüglich. Nach 10 Minuten sag ich, dass ich weiter muss und er bedauert das angemessen "Das war's doch jetzt nicht, wir sehen uns doch hoffentlich wieder?" - "Wenn Gott will." 

Ein wirklich guter Gast.

Kommentare:

  1. Nun, Nummern habt ihr ja schon mal getauscht. Und ihr erkanntet euch, ohne mehr Information, als die Stimme sehr kurz gehört zu haben. Mein romantisches Herz fängt da direkt an zu klopfen.. :)

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  2. Ich werd verrückt!! Da kriegte ich doch beim Lesen DEINER Geschichte glatt hüpfende Schmetterlinge im Magen. Also Co-Schmetterlinge quasi... Falls das nix wird: ich hätte da auch noch einen leicht verlebten pferdeschwänzigen Niedersachsen für dich,falls Interesse besteht. ;)

    Liebste Grüße, windkraft

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  3. Da lege ich mal den Mantel des Schweigens drüber :)

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