Donnerstag, 23. April 2015

Lost in Space

Kürzlich habe ich mir ja ein Auto gekauft und das muss natürlich umgemeldet werden. Hat jemand in letzter Zeit mal versucht, ein Auto umzumelden? Ist nicht mehr so, dass man in die Jüterboger Straße fährt,  eine Wartenummer zieht, seinen Picknickkorb auspackt und die drei Bücher neben sich legt, für die man jetzt die einmalige Gelegenheit bekommt, sie in einem Rutsch durchzulesen.

Nee, der Senat will nicht mehr, dass man sich über Gebühr den Hintern platt sitzt. Deshalb muss man sich online einen Termin holen. Der frühestmögliche war heute, drei Wochen nach Autokauf. Clever, wie ich bin, such ich im Internet nach Zulassungsdiensten. Rufe den ersten an, niemand geht dran. Den zweiten, keiner zuhause. Einen dritten erreiche ich, 19,90 € stand marktschreierisch auf seiner Seite. Im Gespräch ergaben sich Nebenkosten, flugs wollte er 45 € für seine Dienste. 90 Mark? Nicht mit mir.

Selbst ist die Frau und so komme ich mit allen Unterlagen präpariert dort an. Sofort bricht eine Major Depression aus. Was für ein trostloser Ort. Hier muss dringend mal ein Feng Shui Experte ans Werk. Überall warten frustrierte Menschen, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Sie stehen in den Gängen, sitzen in überfüllten Warteräumen und ich versuche herauszufinden, wo ich hin muss. Mir erscheinen die Wegweiser unübersichtlich und schwer verständlich.

Als ich meinen Warteraum gefunden habe, sehe ich auf meinem Zettel nach, welche Vorgangsnummer ich habe. 43881. Die Anzeigetafel zeigt in einer Tour neue Nummern an. 133478. 888762. 7743. 9776123. Es ertönt alle fünf Sekunden ein Gong, damit man auch ja zur Tafel hochblickt und seine Nummer nicht verpasst. Von all dem Zahlenwust werde ich gaga und muss immer wieder auf meinen Zettel gucken, dann gongt es schon wieder - ich kann nicht mal eine sms in Ruhe lesen, so konzentriert muss ich bei der Sache bleiben. 


Wenn die nun schon für jeden Tag Termine im 10 Minuten Rhythmus vergeben, weshalb dann nicht in numerischer Reihenfolge? Man zieht die 67 und sieht an der Tafel die 24 und schon weiß man, dass man eine ganze Weile weiter an seinem Roman schreiben kann. IKEA kann das doch auch.

227654 pling
2299987 pling
234 pling
86551 pling
105567 pling

Ganz klar, die wollen, dass ich durchdrehe. Kein Mensch bleibt geistig auf der Höhe, wenn er eine Stunde lang zugeplingt wird und unentwegt die Anzeigetafel anstarren muss. Mittlerweile weiß ich meine Nummer auswendig und halte mich für eine Schachweltmeisterin. Eine Spätberufene zwar, aber manche Talente müssen eben erst wachgekitzelt werden. Zufallsdiagnose.

Um mich herum vor allem Russen und Tschetschenen. Aufmerksam und freundlich geben sie mir ungefragt Ratschläge; entweder halten sie mich für schwachsinnig oder sie haben einen unausrottbaren Beschützerinstinkt für Frauen. Oder beides. Ich bin ihnen sehr dankbar, vor allem, weil sie immer im passenden Moment die richtige Antwort auf meine ungestellte Frage geben. Eine Kunst ist das. Wo lernen die das?

Eine hochschwangere Frau flippt ein bißchen aus und brüllt in den Saal, weshalb sie sich eigentlich einen Termin holen muss, wenn sie dann noch in diesem versifften Verhau entbinden muss. 

Endlich wird meine Nummer aufgerufen, ich spring auf und seh erst jetzt, dass neben 43881 noch eine 38 steht. Platz 38. Heilige Scheiße, wo finde ich denn Platz 38? So schnell ich aufgestanden bin, so abrupt bleibe ich wieder stehen. Aber der hilfsbereite, ältere Herr aus dem Nordkausasus sagt "Chommen Sie, Chommen Sie, ich bringä Sie." Dann hetzt er mit mir durch das Gebäude und führt mich zu Platz 38. Ohne ihn... herrje. 

Wenn ich später mal in Rente bin und mich langweile, werde ich ehrenamtlich in der Jüterboger Straße tätig. Da werde ich echt gebraucht. Senior Admissions Officer. Einen Hebammenkurs werde ich auch noch machen, falls Niederkünfte anstehen.

Kommentare:

  1. Russischer (Kaukasischer, Ukrainischer, Sibirischer...) Akzent! *.* <3 <3 <3

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  2. Das Gute an der Zulassungsstelle Jüterborgerstraße ist allerdings, dass es dort wegen des Andrangs eine hohe Fluktuation bzgl. parkender Autos gibt. So finde ich zumindest tagsüber immer einen zur Wohnung fußläufig gelegenen Stellplatz. Die Jüterborger sorgt dafür, dass man als Autobesitzer im Bergmannkiez noch eine gewisse Lebensqualität genießt und nicht stundenlang auf Parkplatzsuche den kaffeetrinkenden Touristen zugucken muss, die deutlich länger die Caféstühle blockieren als die ummeldewilligen Verkehrsteilnehmer ...

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