Mittwoch, 20. Dezember 2017

Panikattacke

Zu den ganz großen Lügen der Menschheit gehört, dass "nichts passiert", wenn man eine Panikattacke bekommt. Es würde sich nur so anfühlen, als bräche die Welt entzwei. Die würde sich aber munter weiterdrehen.

Ha! Für die, die gerade keine Attacke haben ganz gewiss. Für den, der mit all dem überflüssigen Adrenalin nicht mehr zurechtkommt, katapultiert sie ihn direkt ins gesellschaftliche Aus und lässt ihn glauben (schlimmstenfalls hoffen), dass sein letztes Stündlein geschlagen hat.

Ich musste einen Vortrag halten, der eine ganze Stunde dauern sollte, vor 120 Leuten. Da habe ich immer Angst, aber in den letzten Jahren ist es mir unfallfrei gelungen. Nicht, dass das was helfen würde, denn nach dem Vortrag ist vor dem Vortrag. 

Der Saal füllt sich, die Geräuschkulisse wächst, der Gang zum Mikro fühlt sich an wie der Weg zum Schaffott. Ich lächle aufmunternd in den Saal und meine Mitmoderatorin an, der ich seit drei Tagen auf den Senkel gehe mit meiner Angst vor diesem Moment. Sie hat mich keine Sekunde ernst genommen; dachte, ich übertreibe, so schlimm wird's schon nicht sein.

Ich schaue auf den Rechner vor mir, bediene die Maus, die die Power Point Präsentation in Gang bringt und nach den ersten fünf Sätzen wird mir klar, dass ich das jetzt 60 lange Minuten durchstehen muss und eine Welle panischer Angst überflutet mich. 

Mir wird schwarz vor Augen, ich bekomme kaum Luft, der worst case nimmt seinen Lauf und mit letzter Kraft sage ich "Oh, mir ist ein bissel blümerant, übernimmst du bitte?" obwohl ich weiß, dass man das niemals sagen darf. 

Ich gebe ihr das Mikro und habe Müh und Not, nicht umzukippen. Meine Impulskontrolle hat einen beschissen schweren Job, denn ich will nichts anderes, als raus, raus, raus. Ihrem besorgen Blick entnehme ich, dass sie mich nun doch ernst nimmt.

Meine Kollegin macht einen sehr guten Job, mit einer Arschlochsruhe spricht sie, langsam, deutlich, all ihre gedanklichen Wendungen bringt sie druckreif zu Gehör, ich könnte ihr stundenlang zuhören, aber das geht natürlich nicht, denn leider ist sie mein side kick und nicht umgekehrt. Ich bin dem Tode näher als dem Leben.

Als ich mich halbwegs gesammelt habe, übernehme ich wieder und gleich darauf derselbe Schlamassel - und so geht das die ganze Stunde weiter. Wir moderieren im Wechsel, was mir immer wieder die Möglichkeit gibt, meine Schnappatmung in ruhigere Fahrwasser zu bringen. 

Einzig Fragen aus dem Publikum reißen mich aus meiner Agonie, da kann ich in erstaunlich zusammenhängenden Sätzen reden. Sobald ich mich wieder meinem Redemanuskript zuwende, überwältigt mich erneut Panik.

Heißt es nicht immer, man muss durch die Panik durch und dann wird es besser? Und dann würde man merken, dass nichts passiert ist? Schmarrn. Nix wurde besser, ich bleibe angespannt wie ein Flitzebogen, dem sehr schwindelig ist. Es passiert also eine Menge und nix davon kann ich gebrauchen.

Im Fluchtmodus stehe ich die Stunde durch und ernte hinterher Lob. Sehr authentisch sei ich gewesen (wohl wahr), und so lustig, ganz warmherzig sei ich rübergekommen, richtig symphatisch. Hä? Ich nehme an, man würde mir auch nicht ins Gesicht sagen, dass das eine katastrophale Vorstellung war, also lügen die sich einen Wolf. Was ich trotzdem freundlich finde. 

Einzig meine Mitmoderatorin findet deutliche Worte. "Du atmest falsch. Ich such dir mal einen Kurs raus."


Kommentare:

  1. Vor 120 Leuten stehen ? Respekt... ich denke, da würde ich auch ziemlich Bammel und ordentlich Adrenalin in der Blutbahn haben.

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    1. Wenn's dabei bliebe, ginge es ja noch...

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  2. Auch Respekt von mir - würde glattweg umkippen vor lauter Aufregung!
    Katharina

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    1. Wie ich es geschafft habe, nicht umzukippen, bleibt mir ein Rätsel ;)

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  3. Die Kollegin hat vollkommen recht. Manchmal ersticken die Vortragenden gleichsam. Und Sauerstoffmangel ist nicht gut für die Konzentration.
    Hach, was bin ich stolz auf Dich!

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    1. Liebes Pantoufle, es war so schreeeeeeeeeecklich. Hätte ich mal nur vorher mit dir gesprochen ;)

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  4. Kann es sein, dass Du trotz der Panik einen sehr kompetenten Eindruck gemacht hast und die Leute gar nicht lügen?
    Es gibt nämlich Leute, die sind innerlich komplett hysterisch, in der Außenwirkung aber immer noch ein bisschen lässig.
    Ich könnte mir sowas bei Dir vorstellen...

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    1. Sagen wir mal so: kann sein. Aber die Leute in der ersten Reihe haben meinen Farbwechsel von kalkweiß zu hochrot genau gesehen.

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  5. Liebe Annika. Ich hab vor 1 Jahr auf deinen Rat gehört und mir professionelle Hilfe gesucht, als sich bei mir erste Panikattacken zeigten. Ich versuche es seither mit Autogenem Training, angeleitet von einem kleinen langhaarigen Psychotherapeuten, der weiß, was er will, nämlich Geld verdienen. Ist okay soweit, aber ob es nun besser wird mit meiner Panik oder nicht, ich weiß es noch nicht, ich habe seither nicht wieder vor Publikum lesen müssen, meine persönliche Power Point Präsentation. AT ist der Versuch, sich vor so einem Ereignis wenigstens so weit runterzufahren, dass man nicht direkt alles vehement vor die Wand fährt, frei nach dem Motto: wusste ichs doch! Wie scheiße ich bin! Nein, sind wir natürlich nicht. Im Gegenteil. Du hast es überlebt. Du bist gut. Das nächste Mal wird's wieder scheiße. Na und. Auch das überlebst du. Schon mal AT versucht?

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    1. Lieber Andreas, ich glaube AT nützt bei mir nix. Ich brauche Drogen, die mich ausknocken; vor denen ich aber mindestens soviel Angst habe wie vorm Reden halten. Danke dennoch für den Tipp UND für deine freundlichen Worte; ich werd's versuchen.
      Und wenn du jemals wieder öffentlich liest, komme ich angereist und halte dir das Händchen :-)

      "Das nächste Mal wird's wieder scheiße. Na und. Auch das überlebst du." Mein Lieblingssatz :-)

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  6. Einfach mal auf Profis hören!

    https://www.youtube.com/watch?v=ILRcYEWSmCQ

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    1. Herrlich! Tränen gelacht ;)

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    2. https://www.youtube.com/watch?v=IyuRKqY_Pm8

      Noch besser, vor allem inhaltlich :-)

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  7. Irgendein Künstler (Springsteen, glaube ich) wurde mal gefragt, ob er vor einem Auftritt an Lampenfieber leiden würde. Antwort: Er hätte jedes Mal Herzrasen, würde extrem schwitzen und sich "irgendwie komisch" fühlen, aber Lampenfieber hätte er nicht.^^

    Das hat mich extrem deprimiert. Ich dachte, irgendwann wird das mal besser... Zum Glück musste ich noch nie vor derart vielen Menschen reden. Es ist nicht meins. Fürs Rampenlicht bin ich nicht gemacht. In Stresssituationen gilt aber auch bei mir: Innerlich bin ich ein Wrack und kurz vorm Kollabieren und hinterher heißt es: Komisch, das hat man dir nicht angemerkt. Hm.

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    1. Ach weißt du, im Grunde bin ich eine Rampensau. Aber nur im kleinen Kreis.
      Aber es geht mir leider nicht wie Bruce Springsteen, der, wenn er endlich auf der Bühen steht, dann befreit vom Lampenfieber ist - bei mir wird's immer schlimmer. Das habe ich schon bei Chorkonzerten so erlebt, ich bin jedesmal gestorben und zwar genau solange, wie das Konzert gedauert hat.

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  8. Einen schönen guten Abend die Herrschaften,

    öh, schon 1:44 Uhr - na, macht ja nix - für mich halt noch Abend.
    Und außerdem muß ich unbedingt daruf hinweisen, dass ich nix dafür kann. Also, dass ich hier gelandet bin. Alles Hr. Mim seine Schuld ...

    Nun zum Thema: Also, icke ooch, wa oder besser: mee to: Icke ocj Rampensau. Nur komischerweise ist es bei mir umgekehrt, werte Frau Annika - sie sind doch hier die Protagonistin, gell. Vor 2000 Menschen reden , klar, macht spass, warum nicht vor 20 000 oder gleich noch ne null dran .....

    Und dann zuhuase: 3 Tage nix los, der elende private Büro- u. anderes-Kamp ist angesagt. ich: kein Bock und dann passiert es: Panikatacken. Aber vom feinsten. neuerdings mit Hang zum hyperventlilieren ...

    Furchtsam, grausam das ganze nur ... bin jetzt beim Doctore deshalb.

    Also, werte Dame: Wenn Ihnen dies lieber ist. Wahrscheinlich nicht. Nur so, als kleiner Trost an Sie, wie es halt anderen so ergehen kann.
    Ach hätte ich doch morgen wieder Termin; mit schön vielen Zuschauern - ja, das wäre was.

    Ihr ergebenster
    Dr. Pappenstiel

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    1. Ja, da möchte ich nicht tauschen... Vor noch mehr Menschen möchte ich nie zu reden gezwungen sein. Horror. Aber Ihre Variante ist auch kein Spaß. Ich hoffe, der Doktor kann Ihnen helfen. Alles Gute!

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