Montag, 4. Dezember 2017

Straßenkampf

Ich stehe in der zweiten Reihe, ich will den Parkplatz auf der gegenüberliegenden Seite. Kann nicht rüber, wegen dichtem Verkehr, ein Bus reiht sich an den anderen. Als endlich frei ist, fahre ich in die Parkbucht, sehe aber aus den Augenwinkeln, dass ein Auto rückwärts fahrend ebenfalls in die Parkbucht fahren möchte. Ich bin schneller, hab aber ein bissel schlechtes Gewissen, denn ich habe keine Ahnung, wie lange der Wagen schon, versteckt hinter den Bussen, dort gestanden hat.

Kaum ziehe ich den Schlüssel klopft es auch schon energisch an meiner Beifahrertür.

Eine junge Frau, ca. 25, brüllt auch schon los, ich steige aus und bin eigentlich nicht abgeneigt, ihr den Parkplatz zu überlassen, denn ich schließe nicht aus, dass sie schon länger gestanden hat als ich. 

Was sie mir dann auch gleich ins Gesicht brüllt. Ich bleibe freundlich und erkläre beschwichtigend, dass ich sie nicht gesehen habe und gerade als ich sagen will, dass ich ihr den Parkplatz lasse, unterbricht sie mich im zackigen Ton "Na, dann raus jetzt, aber schnell!", dreht sich um und geht zurück zu ihrem Wagen.

Ich seh ihr verblüfft hinterher und denke "So nicht, meine Gute". Ich nehme meine Tasche aus dem Auto, schließe ab und stell mich an die Straße, um sie zu überqueren. Sie steigt wie von der Tarantel gestochen wieder aus, rennt auf mich zu und brüllt "Du haust jetzt sofort ab, aber ganz schnell." 

"Ich glaube eher nicht", antworte ich und mache mich darauf gefasst, dass sie mich mit einer Rechts-Links-Kombination niederstreckt, denn sie fasst mich am Arm und schreit wie von Sinnen los, dass ich mich zu verpissen habe, ich blöde Drecksau und verfickte Hure.

Ich mache mich los und geh ein paar Schritte weiter, inzwischen steigt ihr Begleiter aus, ein großer bärtiger Typ, leider kein Hipster. 

"So, du widerliches Nuttenschwein, du willst also deine Scheißkarre hier unbeaufsichtigt stehen lassen? Das würde ich dir nicht raten, du erlebst dein blaues Wunder, ich warne dich!" schallt es hinter mir her. 

Ich seh mich schon mit einer Kugel im Rücken mitten auf der Straße zusammenbrechen, aber ich habe nun mal den ehernen Grundsatz, dass ich so nicht mit mir sprechen lasse. 

Als ich zwei Stunden später zurück komme, ist mein Auto unversehrt und als ich den Wagen starte, explodiert auch keine Autobombe unter mir. Was mich aber nicht weiter verwundert hätte.

Kommentare:

  1. …nicht mehr als den Umständen nach unvermeidbar behindern oder belästigen… Lerne lächelnd im Beisein der Besitzer den Rückspiegel abzutreten.
    Gut: Als Motorradfahrer hab ich da leicht lachen! Langsam auf die Ampel zurollen, den Sünder auf der linken Seite und in Höhe des Hinterrades den Fuß heben. Einfach weiterrollen. Sollte der ehemalige Besitzer der Spiegels… aber erstens wird er nicht! Die Menschheit ist feige. Zweitens wird er sich auch nicht das Nummernschild merken. Die Menschheit ist blöde wie ein Osterlamm. Nein! SIE wird sich nach IHM umdrehen und leise, wenn auch artikuliert sagen:
    »Ich glaube, der hat Dir eben den Spiegel abgetreten!«
    »Echt jetzt?«
    »Ich glaube ja! Lass uns mal an der nächsten Ecke halten und genau nachsehen.«

    Und dann rufen sie den ADAC. Als wenn sie jemals beim Fahren den Rückspiegel verwendet hätten.
    Für Deine Parkrutsche – es klingt so, als würde Dir das öfter passieren – empfehle ich das passende Gepäck mitzunehmen. So etwas wie einen Guitarrenkoffer, nur viel schmaler und mit einem Loch vorne drin. Kennst Du die Abschlußszene aus Terentinos »Desperado«? Oder einen Baseballschläger. Ganz weit vorne einen rostigen Nagel durchschlagen und 7 cm dahinter eine Rote Schleife umbinden. Die Leute werden ganz fasziniert auf die Schleife starren!
    Das Sammelsorium, was Du von Deiner Rückbank kramst, läßt sich beliebig erweitern. Nippelklammern, Peitschen, Fesseln – man kann da eine ziemliche Show daraus machen! Oder, wenn Dir das zuviel Gewese ist: Eine Karton, wo ein einsamer Aufkleber klebt »Nervengas! Nicht Schütteln!!«

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  2. Das hört sich alles sehr innovativ an, du Kapitän der Straße.
    Ich persönlich hätte lieber den schwarzen Hund dabei gehabt.

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    1. Schwarze Hunde sind gaaanz weit vorne! Sorg einfach dafür, daß er auch beim Wort »Rückspiegel« irgendwie reagiert. Knurren ist gut oder zähnefletschen. Und er sollte irgendwie hungrig aussehen.
      Weniger Kapitän. Eher Legionär.

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    2. Mich hätte wirklich sehr interessiert, wie er reagiert in so einer Situation.
      Er kann mordsgefährlich klingen...

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  3. Der Straßenkampf hier verkorkst einen ein wenig - zumindest geht es mir so. Das ist mir im Alltag gar nicht so bewusst, weil man es halt nicht anders kennt. Als ich im Sommer allerdings in irgendeinem kleinen Ostseekaff auf wirklich herzliches Verkaufspersonal traf, habe ich zwei Tage ernsthaft mit einem Umzug geliebäugelt.^^

    Und ich überlege, ob ich dich für deinen Mut loben oder rüffeln soll. Der Junior hat für weitaus weniger einen Tritt ins Gesicht bekommen.

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    1. Mutig war das nicht, ich werde nur ganz ruhig, wenn vor mir jemand freidreht. Schiss hatte ich trotzdem, die ist schon sehr ausgetickt.

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  4. Vielleicht sollten wir ein paar der derzeit überall "im Netz" grassierenden "Seid liebevoll zueinander, es ist bald Weihnachten"-Posts vervielfältigen und die auf Berlins Straßen verteilen? Oder sie im Fall der nächsten Pöbelattacke aus der Tasche ziehen? Würde vorher aber noch an meinen Qualitäten als Sprinterin arbeiten wollen. Sicherheitshalber.^^

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    1. Oder einfach antworten "Ich liebe dich auch sehr"

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  5. Ein subversiver Trick hilft fast immer "spontan-heilend": "Ich ruf gleich meine Kollegen und dann haben wir alle Spaß", und zücke schon das Handy... (ich kenne nicht einen Polizisten! ;-) Bei "Spontangefährdungen" (bin bemüht-rücksichtsvolle Radfahrerin) hilft auch das imitierte Handyfoto-Knippsen...-zumindest wirkt es manchmal verwirrend und man bremst sofort ab.

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    1. Wenn du während des Radfahrens fotografierst, bist du dann nicht vor allem eine spontane Gefährdung für dich selbst?
      Ersten Tipp finde ich gar nicht schlecht, führt aber auch nicht zur Deeskalation. Schätze ich jedenfalls.

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    2. NIEMALS im rollenden Straßenverkehr mit Handy am Steuer/ Lenker! Toternst! Denn ich darf die Leutchen im Glücksfall wieder zusammenfrickeln.
      Es ging ja um die (zunehmend?) überbordende Aggression, für die auch friedlicher, deeskalierender Humor (um das Klischee der dämlichen, allrasenden Radfahrer, denen auch ich manchmal gern ein Stöckchen in die Speichen werfen würde, bewusst zu entkräften) wirkungslos ist und einem zuweilen leider nur ein knurrendes "Vorsicht" bleibt. Es gibt aber auch noch "funkelnde Sternstunden des verglimmenden Menschenverstandes": ich war doch sehr beunruhigt, als neben mir an der Ampel ein Autofahrer die Scheibe runterließ und ich eine Säureattacke befürchtete und er mich um Entschuldigung bat! Mir war sein Fahrverhalten gar nicht aufgefallen (als schwächerer VK-Teilnehmer muss man ja immer rundum vorausschauend mitdenken). Wir haben dann beide sehr gelacht...

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    3. Herrlicher Kommentar! Sehr gelacht ;)

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