Meine beste Freundin schrieb mir Donnerstag, dass ihr Mann als freiwilliger Rot-Kreuz-Helfer von Maine nach Orlando fliegt, und obwohl kaum eine Woche vergeht, in der ich mir nicht wünsche, dass sie eines Tages vielleicht doch wieder zurück nach Berlin zieht, bin ich strikt dagegen, dass sie frühverwitwet in Tegel landet.
Ich rief sie gleich an und trötete ins Telefon "Waaaaaas macht er? Und warum hast Du's nicht verhindert?" Aber so darf man ihr nicht kommen. So tickt sie nicht. Von Druck hält sie nichts (ich auch nicht, aber in dem Fall hätte ich wohl eine Ausnahme gemacht).
Amerikaner, erklärt sie mir, sind aufgrund eines fehlenden Sozialstaats, wie wir ihn kennen kannten, seit jeher "Jetzt-helfe-ich-mir-und-dir-selbst"-Geschöpfe. Er war in den letzten Tagen nur noch damit beschäftigt, wie er helfen könne; traf eine Entscheidung, reichte 14 Tage Urlaub ein, kaufte auf eigene Kosten ein Ticket und flog Freitag früh los (Ich würde mich nicht wundern, wenn ihm sein Boss für den Fall, dass er es nicht schafft, in 14 Tagen zurückzukommen, das Gehalt kürzt für die ausgefallenen Tage. Plus Abmahnung für unentschuldigtes Fehlen).
Ich schrieb ihm rasch eine sms, dass ich hoffe, dass er heil zurückkommt, ihn für gleichermaßen verrückt und mutig halte und dann noch etwas pathetisches, das mir sonst im Traum nicht über die Lippen kommt, wie ich
ihm erklärte, nämlich "God bless you". Seine Antwort war gewohnt humorig: "I
am so impressed I could inspire you to invoke God!"
Zuvor bekam er einen eintägigen Kurs, was zu tun sei, wenn man mit drei(!) anderen freiwilligen Helfern eine Grundschule als Auffangbecken für 150 Menschen betreut. Man dürfe zum Beispiel nicht sagen "Sie sind traurig, dass Sie ihr Haus verloren haben? Schauen Sie, Bob hat seinen Sohn verloren." Der Mensch will immer bechwichtigen, sagte die Psychologin, aber das sei kontraproduktiv. (By the way, dafür hätte ich keinen Kurs gebraucht, aber das tut jetzt nichts zur Sache).
Er ist nun den ganzen Tag beschäftigt mit schleppen und beschwichtigen, nachdem zunächst mal eine andere Schule gesucht wurde, denn die eigentlich dafür vorgesehene hatte viel zu große Fenster und war nicht aus Stein gebaut. Man suchte hektisch ein Gebäude, das ein Fundament aus Beton hat, alles andere fliegt einem ja gleich um die Ohren. Man fand auch eins und richtete sich dort ein. Es seien zwar ungeheuer viel Lebensmittel und Wasser vorhanden, aber in Relation zu 150 Menschen verbraucht sich das wahrscheinlich schneller als gedacht.
Inzwischen - erzählte er seiner Frau heute Nacht - bereue er in jeder ruhigen Minute (von denen es nicht allzuviele gibt), dass er sich auf diesen Höllentrip begeben hat. Die Stimmung in dem Shelter sei gedrückt, latent aggressiv und unruhig.
Der Kontakt ist unterdessen abgebrochen, jetzt heißt es abwarten.
Ich bin mitten in der Weihnachtsplanung. Vor einigen Jahren habe ich die perfekte Strategie gegen Dezember-Depressionen gefunden: ich verplane frühzeitig jedes Wochenende, verreise direkt nach Weihnachten bis über Silvester und komme so nicht auf trübe Gedanken, außer, dass wir immer Ferienhäuser buchen, in denen ich nicht rauchen darf, aber das nehme ich billigend in Kauf.
Jedenfalls verließ ich heute das Büro und wunderte mich sehr, dass es novembrig stürmte, was mich leider vorzeitig zum Handeln zwingt. Seit Monaten geht mein rechter Scheibenwischer nicht mehr, was aber nix weiter macht, denn der wischt außerhalb meines Blickfelds. Der linke ist völlig ausreichend, man muss sich halt nur ein sehr kleines Auto kaufen. Kein Drama. Aber wegen der frühmorgendlichen Schneeluft muss ich in die Werkstatt. Außerdem verliert der rechte Vorderreifen Luft, einmal pro Woche muss ich aufpumpen. Ich bin froh, dass ich endlich kapiert habe, wie diese Luftpumpen an der Tanke funktioneren. Vielleicht biete ich Volkshochschulkurse an.
Der Sommer war ja nix. Wann immer es warm war, war es auch schwül. Nicht auszuhalten. Jeden Morgen studierte ich das Biowetter und jeden Tag wurden massive Kreislaufprobleme prognostiziert. Das waren leider keine Fake News.
Man konnte auch nicht im Garten sitzen, wegen der Mörder-Mücken; jeder Stich wurde kochendheiß und tat tagelang weh. Dazu kam, dass der Hausbesitzer davon absah, den Rasen zu mähen. Bis auf das eine Mal, als alles schon hüfthoch stand. Eine schöne Zeit für Borreliose.
Es macht mir fast nix aus, dass der Herbst vor der Tür steht. Man muss auch loslassen können. Gibt auch nix, was ich vermissen könnte. Die Regengüsse immerhin verschaffen uns eine grüne Hölle, wie sie sonst nur im Frühling blüht. Saftig grüner Rasen, nix verbrannt, alles wuchert, als sei Düngemittel im Regen (was es eventuell auch ist).
Während ich das schreibe, stürmt es draußen wie im tiefsten Winter. Es hört gar nicht mehr auf. Es gab sogar schon Abende, an denen ich in Decken eingehüllt auf dem Sofa lag. Mit einem guten Buch. Im August. Daran werden wir uns wohl zu gewöhnen haben.
Fünf Frauen in der Homebase. Raucherkneipe. Nix zu essen, außer Wiener Würstchen oder Knacker. Es ist schon zu kalt, um draußen zu sitzen. Außerdem bin ich erkältet, mir kriecht was in die Glieder.
"Gibt ein wunderbares Hausmittel. Sensationelle Wirkung. Schäl dir eine Knoblauchzehe und schieb sie dir in den Po. Die Erkältung biste sofort los."
Soweit kommt's noch.
Wir sitzen nahe an der Toilette und uns fällt auf, dass zwei Typen im 10-Minuten-Takt aufs Klo gehen. Fragen uns, was ist da los? Blasenentzündung? Koks? Irgendwann sprechen wir einen der beiden an, "Wir machen uns Sorgen, braucht ihr Hilfe, eine Krankenschwester sitzt am Tisch, sie kann euch wiederbeleben." Interessiert bleibt er stehen. "Nee, wir saufen seit 4 Uhr, das Zeug muss ja wieder raus. Was spielt'n ihr da?" Er geht gar nicht wieder weg und verwickelt uns in Fachgespräche.
Dann kommt der nächste an unseren Tisch, das Faktotum der Kneipe. Er ist immer da, sitzt still an der Bar und betrinkt sich, Ein Mysterium, der Mann, denn er sieht richtig gut aus. Akkurater Haarschnitt, Brille, schlank, ca. 45 Jahre. Nicht so wie die anderen grudegrauen Stammgäste mit den sieben Zeichen der Hautalterung. Er schwankt leicht. "Ihr seit bessaubernd, wenn ichass sagen darf. Ich bin etwas betrunken. Aber ich darf sagen, dass ihr euch sehr gut situiert habt." Was auch immer er meinte, wir werden es nicht erfahren. Er schwankt noch eine Weile an unserem Tisch und schaut aufmerksam auf uns herunter. "Ich empfehle mich.", dann torkelt er zum Klo. Ein wohlerzogener Mann.
Zwei Männer kommen rein und setzen sich an den Nebentisch. Sie sehen komisch aus, merkwürdige Gesichter, zwei ganz arme Schweine. Der eine holt sein altes Nokia raus und checkt was auch immer man auf einem Nokia checken kann. Ich erinnere mich nicht mehr. Als ich in die Waschräume muss, folgt mir eine meiner Freundinnen und flüstert ganz aufgeregt, dass der eine ein Psychopath sei, der immer brüllend die Straßen auf und ab läuft und er würde sie so anstieren, sie habe Angst. "Aber der Hund ist dabei, dir kann nix passieren."
Nach Mitternacht kommt eine Gruppe von 20 jungen Leuten rein. Wir schätzen, Schüler auf Klassenfahrt und rätseln, ob die Kneipe in irgendeinem Touristenführer empfohlen wird. Und wenn ja, weshalb. Sie sind entzückend, wie so viele junge Leute heutzutage, da wächst so eine ganz angenehme Generation heran, mit der es eine Freude ist zu sprechen. Sie werden auf den Hund aufmerksam; er wird von der Leine gelassen und trottet zu der Gruppe hin. Sie streicheln ihn und preisen seine Schönheit.
"Woher kommt ihr?" will ich wissen. Sie gucken verwundert. "Na, aus Berlin."
"Ach, wir dachten, ihr seit auf Klassenfahrt." Sie lachen, nein, Studienfreunde, "Klassenfahrt, ihr seit ja süß!" Wir freuen uns, dass wir süß sind (und bessaubernd und situiert), das hört man auch nicht mehr alle Tage. Schon gar nicht von durchtrainierten 25 jährigen, die aussehen wie 19.
Später geh ich mit dem Hund Gassi, als ich zurückkomme, steht eine der Schülerinnen Studentinnen draußen und raucht. "Kannst auch drinnen rauchen, das weißt du?" "Schon, aber die anderen rauchen doch nicht." Ist das nicht eine entzückende Generation? Die Kneipe voller Qualm und sie geht raus, um ihre Freunde nicht zu belästigen.
Gut gelaunt fahre ich nach Hause und schau noch mal im Handy auf die Nachrichten. Da wird mir schlecht. Lese von einer Spinne, die sich hier etabliert, 10 cm groß, blitzschnell und beißen tut sie auch, ein angriffslustiges Biest. Sie versucht derzeit in die Wohnungen zu kommen auf der Suche nach einem paarungswilligen Pendant und wird schon erschreckend oft inhäusig gesichtet. Es ist 2 Uhr morgens und ich spüre, sie sind da. Die Fotos machen mich fertig und ich schließe sofort alle Fenster.
Ich hab zwar Mückengaze vor den Fenstern, aber an manchen Stellen ist das Material schon verschlissen. Noch heute früh neue Mückengaze gekauft und alles winterfest gemacht. Die Balkontür mauere ich zu. Vielleicht auch die Fenster. Am besten noch ein Moskitonetz über's Bett. Und in der Küche auch. Sie kommen allerdings auch durch die Wasserrohre auf der Suche nach einem Weibchen. Ich werde alles mit Bauschaum versiegeln. Alles!
Am liebsten wäre mir jetzt schon nach einem Jahresrückblick. Ich hatte genug 2017.
Es begann ziemlich blöde, dann kam auch schon die Todesgrippe im Januar, gleich gefolgt von Rücken und von da an ging's bergab. Alles harmonisch ummantelt vom Tschäinsch Manadschmänt, das mir den ohnehin nur noch rudimentär vorhandenen Glauben von der angeblichen Vernunftbegabtheit der Menschheit, insbesondere der vorgesetzten Menschheit, nahm.
Alles um mich herum trennt sich oder verliert sich in Affairen mit unpassenden Liebesobjekten, Tränen fließen literweise und neulich bin ich auch noch versehentlich auf den Hund getreten. Anstatt mich zu beißen, umwinselte er mich unterwürfig, was mir ein bisschen das Herz brach. Sogar das Pferd der Dezemberaffaire, die sich unterdessen in eine schmerzhafte Pfingstaffaire verwickelt hat, musste ins Krankenhaus mit einer Kolik und das ist bei Pferden was ganz Blödes.
Ich könnte noch eine ganze Weile so weiterschreiben, aber ich will jetzt mit der guten Nachricht schließen.
First of all: es wird keine weiteren Bürogeschichten geben, und wenn doch, dann nur retrospektiv. Das ist gar nichts Schlimmes, denn ich habe ein Angebot bekommen, das ich nicht ablehnen konnte. Eine win-win-Situation. Hauptberuflich Sozialromantikerin, Herrin über meine Zeit und niemand ist mir weisungsbefugt. Es gibt auch Nachteile, wie immer, aber die werden von den Vorteilen aufgewogen.
In mir ist Erleichterung und Ruhe und mein Glück im Unglück kann ich kaum fassen. Ich weiß nur eins, ich hab's verdient.
Wann immer wir uns bei dem blutjungen, flirrendem Geschöpf in der 1 Zimmer Hinterhaus Wohnung (37 Stock ohne Fahrstuhl) in Kreuzberg treffen, fühlt sich der Rest verjüngt, weil in solch winzigen Räucherbutzen mit den alten Nachttischlampen von Omma Gertrude als einzige trübe, aber warme Lichtquelle sofort Erinnerungen an den eigenen Aufschlag in Berlin wecken, damals im Krieg.
Was uns alle begeistert ist die Musik und das Gerät aus dem die Musik kommt. Ein unscheinbares Brikett und Spotify lassen uns unentwegt wippen beim DoKo spielen und als neulich gegen Mitternacht eine von uns Geburtstag hatte, tanzten wir sogar (Du meine Güte, kam ich mir vielleicht blöd vor - Happy Birthday von Stevie Wonder - was ist nur aus meinem Leben geworden?). Der Hund hatte keine Kraft mitzumachen, da er schon eine Vorstufe von Lungenkrebs hat, ein unschuldiges Opfer unser anhaltenden DoKo-Manie.
Zur großen Freude des Geburtstagskindes bekam es auch so ein Musik-Brikett.
Und dann musste ich sowas natürlich auch haben. Völlig übermüdet von der Reinfeierei und der tags darauf folgenden richtigen Feierei im Klunkerkranich setzte ich mich am Sonntag vor den Rechner und recherchierte. Ich platzte vor Stolz, fand ich doch ein fabrikneues, originalverpacktes Dings für die Hälfte des Preises, den wir zuvor für die Jubilarin investiert hatten.
Ich vergewisserte mich extra bei dem Händler per Mail, ob es sich wirklich um ein neues Gerät handelt und ich nannte natürlich auch den kompletten Namen des Gerätes, in der Betreffzeile und im Anschreiben. Er antwortete, ja, alles neu und OVP.
Dann bestellte ich gleich zwei, weil eine andere auch eins haben wollte. Und weil ich halt immer mitdenke.
Heute kam die Nachricht, dass das Dings schon unterwegs ist, da war die Freude groß, anbei die Rechnung. Auf der stand dann plötzlich "Cube" und nicht "Brick" - das ist die quasi die Größeangabe. Ich hatte also das kleine Winzding bestellt, das bestimmt nicht den Sound haben wird, den das größere Exemplar entwickelt.
Ich dachte, verdammich, bin ich jetzt schon so blöd, dass mir beim bestellen auf dem Foto nicht aufgefallen ist, dass es nur ein kleiner Würfel ist? Ich hatte es mir ja in allen Farben angesehen, so blöd kann eigentlich niemand sein. Ja, ich bin mir sogar ganz sicher, dass ich kognitiv willens und in der Lage bin, den Unterschied zu erkennen, auch wenn ich ziemlich müde bin.
Ich ging gleich auf die Händlerseite, aber da war nun gar nichts mehr von dem Dings zu sehen. Alles ausverkauft. Kein Wunder. Bei dem tollen Angebot. Am Arsch die Räuber. Mann, da will ich einmal 2.0 sein!
Naja, Widerrufsrecht; sobald die Winzdinger ankommen, werden sie gleich wieder zurückgeschickt und ich straps dann persönlich ins Geschäft und betaste das Dings ausführlich, bevor ich zur Kasse gehe.